Tied to the Nineties – Interview im SZ-Magazin

Tied to the Nineties
oder so ähnlich sangen Travis mal. Unter diesem Motto gibt es ein sehr schönes Interview im SZ-Magazin. Stefan Niggemeier und Patrick Bauer haben es geführt. Die Gesprächspartner sind Jörg Grabosch und Marcus Wolter von Endemol bzw. Brainpool und eine große Portion Wortgefecht.

Hier geht’s zum Interview.

Präsentation auf scribd.com

Im Oktober ist der Reader zu der Vorlesungsreihe “Einführung in die Fachtextlinguistik” im Verlag Frank und Timme erschienen. Das ist die Präsentation zu meinem Vortrag zu Interview als eine der wesentlichen Fachtextsorten.

Auf scribd.com ist jetzt die Präsentation zu dem Vortrag und dem Artikel zu finden.

 

Kessler ist.. und alternative Interviewformate

kessler ist

Kessler ist…

Das ist ein Interview und man merkt es gar nicht. Mittlerweile gibt es fast mehr Promi-Doku-Shows als Promis. Das inzwischen wieder eingestampfte Kuttner plus Zwei, Bauerfeind assistiert, Anke hat Zeit… Und jetzt Kessler ist…, ein neues Format auf ZDF Neo. Das heißt, so neu eben nicht, denn wie bei den anderen drei geht es darum, die wahre Persönlichkeit des Promi-Gastes freizulegen, den Promi als Person greifbar zu machen. Als Mittel dient das einfühlsame oder originelle oder auch herausfordernde Gespräch. Immer angereichert mit fernsehtauglichen Elementen wie kochen, Show-Acts oder Kostümierung (wie jetzt bei Kessler ist…).
Ich finde das super. Ich habe nichts dagegen, nach verborgenen facettenreich von Menschen zu graben. Ich habe auch nichts dagegen, mich auf Menschen i. Gespräch einzulassen.
Solche Formate – auch mit Show, Spiel und Spaß – gibt es schon lange und sehr lange mit: Zimmer frei, Inas Nacht, TV Noir.
Sie sind erstens eine Gratwanderung (wer Eierlaufen macht, kann sich nicht gleichzeitig substanziell unterhalten). Und zweitens zwingen sie uns, den Begriff des Interviews zu hinterfragen. Ist das noch Interview oder Kindergeburtstag oder Therapeutengespräch?

Das Interview ist meiner Meinung nach nur das reine Gespräch. Alle Show drumherum bildet nur die mehr oder weniger guten Voraussetzungen.
Deswegen wird auch nach wie vor das beste Sendungskonzept und die beste Promi-Eisbrecher-Strategie nichts nutzen, wenn die Interviewerin nicht funktioniert.

Kessler ist… läuft heute Abend in der ersten Sendung auf ZDF Neo. Auf dradio Corso hat er ein wenig über das Fragenstellen sinniert:

Hier der Link


 

Michael Kesslers offizielle Homepage

TV Noir offizielle Homepage
Bauerfeind assistiert bei 3Sat
Kuttner plus Zwei beim  ZDF
Anke hat Zeit bei 3Sat
Zimmer frei beim WDR
Inas Nacht beim NDR

Interviewanalyse: Trümmer

Gute Themen – böse Themen

testspiel.de

Testspiel.de

Die Band Trümmer hat sich ihr Standard-Thema für Interviews praktischerweise gleich selbst gebastelt. Nicht der Bandname, nicht der Albumtitel (was auch bei der Namensgleichheit blöd wäre). Nein es ist die Gentrifizierung. Zynikerinnen könnten meinen, dass dem Sänger Paul Pötsch passend zur Albumveröffentlichung der Rauswurf aus seiner Wohnung auf Sankt Pauli droht. Ist natürlich kein selbstzerstörerisches Marketingding, aber ein todsicheres Thema für den Einstieg in ein Interview.

Im Interview auf Testspiel.de funktioniert es jedenfalls als beeindruckender Selbstläufer. Paul erzählt sofort und die nächste Frage befeuert den Redestrom noch mehr:

“Was kann und sollte man denn eurer Meinung nach gegen die Gentrifizierung zum Beispiel hier im Stadtteil St. Pauli machen?”

Die Antworten kommen schnell, konkret und souverän. Sie zeigen, dass die Band sich (notgedrungen) mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt hat.
Wenn man als Interviewerin weiß, dass einer Band ein Thema besonders am Herzen liegt (das im besten Fall auch noch nicht so ausgelutscht ist), dann ist das ein dankbares Thema.
Es hat sogar das Potential, ein ganzes Interview zu füllen und neue Einblicke zu geben. Dann nämlich, wenn man nachfragt, wie die Künstler zusammen gearbeitet haben, um ihren Kreativraum zu schützen. Genug Aktionen zum Erhalt der Esso-Häuser und des Molotow gab es ja. Interessant wäre sicher gewesen, wie die KünstlerInnen sich hier ausgetauscht haben, was diskutiert wurde…

Der Interviewer Marc Ehrich verfolgt aber eine etwas andere Fragestrategie: Er lässt die Band ihre Ansichten darlegen und fragt sie nach ihrer Meinung, d.h. er überlässt der Band die Auseinandersetzung mit und die Deutung des Themas. Seine Erfahrungen, Gedanken und Anschauung spielen da keine große Rolle. Das ist übrigens eine Herangehensweise, die häufig in Interviews zu finden ist.

Die wird auch beim nächsten Themengebiet deutlich: dem aktuellen Album und der Frage

“Was bedeutet das Ai Weiwei Zitat „If you want to fight the system you have to fight yourself“ in “1000. Kippe” für euch? Ist das auch so ein bisschen das Motto des Albums?”

Da wird ja ganz direkt nach der Deutung gefragt. Es ist immer schön, wenn Interviewer sich da selbst schon Gedanken gemacht haben, was mit der nachgeschobenem Frage zum Motto des Albums versucht wird.

Das Thema Gentrifizierung am Anfang war ganz hervorragend gewählt. Was aber passiert, wenn die Themenwahl nicht ganz so glückt, zeigt die Frage nach der Hamburger Schule und die ablehnenden Reaktionen. Was aber auch nicht überraschend ist, da eigentlich alle Bands eher allergisch auf dieses Etikett reagieren. Fragen zur Hamburger Schule stellt man am besten, ohne die Hamburger Schule zu erwähnen. Einen interessanteren Dreh bekommt das Thema aber mit dem Bezug auf den Testspiel.de Artikel und die Einschätzung, dass Trümmer eine Lücke in der Hamburger Schule füllen. Da kann die Band über ihre Position in der deutschsprachigen Musiklandschaft nachdenken. Auch hier wäre sicher noch Raum für Diskussionen gewesen, z.B. nämlich, wie sehr sich Erfolg am Reißbrett vorzeichnen lässt, wenn es doch angeblich so einen Hype um deutschsprachige Rockmusik a la Nerven, Schnipo Schranke oder Messer gibt.

Nun, auf jeden Fall ist Marc Ehrich ein schönes und interessantes Interview gelungen. Interessant auch, weil er viele Themen elegant untergebracht und verbunden hat. Gerade deshalb möchte ich am Schluss die Zwischenüberschriften hervorheben, die das ganze optisch gut strukturieren – die werden erstaunlich selten eingesetzt und sind dabei doch so sinnvoll.


 

Das Interview zum Nachlesen auf Testspiel.de

Trümmer auf Facebook
Trümmer auf der Seite des Labels Euphorie

Interviewanalyse: The War On Drugs

Kaffeetisch

Der typische Arbeitsplatz einer planenden Interviewerin. Emiliano, CC by, nc, sa

Das Interview möchte ich hier nicht deshalb vorstellen, weil es besonders gut wäre. Ist es zwar, aber das ist nicht der Grund. Ich möchte es vorstellen, weil es zeigt, was es heißt, eine Idee für ein Interviewkonzept zu haben.
Daniel Waldhuber interviewt Adam Granduciel von The War On Drugs für eclat-mag.de. Der Anfang ist zunächst etwas zäh, Geplänkel über die Tour und wie es Adam in Europa gefällt. Das Geplänkel wir durch bestätigendes Wieder-Aufnehmen von Adam Granduciels Aussagen aufrecht gehalten, z.B. mit

“Oh, das ist interessant. Also ist es schön, wieder auf Tour zu sein – besonders in Europa.”

Interessant wird dann aber der Einstieg in Daniel Waldhubers Konzept. Er möchte den Sänger zur Entstehung eines bestimmten Liedes auf Lost in The Dream befragen.
Er ahnt nämlich, dass er ohne einen bestimmten Aufhänger die selben Fragen zum Album stellen wird wie etliche Interviewerinnen vorher. Also das Lied In Reverse. Zunächst erhält man dadurch minutiöse Einblicke in Adam Granduciels Arbeitsweise, z.B. dass er nur ein grobes Songgerüst hat, wenn er ins Studio geht und sich Feinheiten erst im Aufnahmeprozess entwickeln, manchmal auch zufällig. Man erfährt das, obwohl Daniel Waldhuber auch in dieser Passage bestätigend bereits Gesagtes aufgreift, etwa:

“Stimmt, man kann die Gitarre ganz leise im Hintergrund schon hören”.

Oder einfach

“Interessant”.

Er bewirkt mit dem erfrischend originellen Aufhänger des Interviews – sich einem konkreten Song zu widmen – dass Adam Granduciel engagiert erzählt, gewissermaßen wie von selbst und ohne, dass eine Motivation notwendig wäre. Eine Rolle spielt dabei sicher, dass der Aufhänger sehr eng gesteckt und konkret ist. Dadurch hat er sofort einen Anknüpfungspunkt, zu dem er etwas sagen kann.
Eine nette Idee für den Einstieg macht aber noch kein Interviewkonzept oder gar ein gutes Interview. Damit so ein Interviewkonzept aufgeht, braucht es trotzdem Recherche. Ohne die hätte Daniel Waldhuber wahrscheinlich keine Frage zu Destroyer gestellt, weil er nicht gewusst hätte, dass The War On Drugs mit ihnen getourt und befreundet sind.
Und noch etwas ist wichtig -außer der Recherche bloßer Fakten: die Auseinandersetzung mit den Interviewten und dem Werk. Erst dadurch kommt der eigene Blick auf das Thema in das Interview, was dann ein wirkliches Gespräch ermöglicht. Daniel Waldhuber hätte wahrscheinlich die Formulierung “ein Album, das größer ist als es selbst” einfach abgenickt, ohne darauf näher einzugehen, wenn er sich nicht vorher Gedanken gemacht hätte, was das für ihn bedeutet. So aber wird daraus ein interessantes Gespräch über die Bedeutung von Musik.
Im besten Fall möchten die Interviewten dann auch über die vereinbarte Zeit hinaus sprechen, wie in diesem hier. Und im Idealfall kann der Interviewer dann noch mitreden, auch wenn er keine Fragen mehr notiert hat. Für eine Diskussion im Freundeskreis notiert er sich ja auch keine Fragen vorab. Deswegen ist es schade, dass Daniel Waldhuber am Ende derjenige ist, der das Interview beendet und so der Eindruck entsteht, er hätte weniger zu Musik im allgemeinen zu sagen als Adam Granduciel.


Das Interview ist auf eclat-mag.de zu lesen.

The War On Drugs official homepage
The War On Drugs auf Laut.de
The War On Drugs auf allmusic.com