Für mehr Differenzierung in der Beschreibung der Interviewgäste

Mut zur Nische.

Für mehr Differenzierung in der Beschreibung der Interviewgäste

Mit wem kann man eigentlich so Interviews führen? Mit Bands, mit Musikern und Musikerinnen, mit Schauspielern und Schauspielerinnen, mit Künstlern und Künstlerinnen….

Diagramm Interviewgäste

Als ich letztens Interviews analysiert habe für zwei Artikel (einen für die GfPM, den anderen für einen Band zur Fachtextforschung), habe ich versucht, die Gruppe der Interviewgäste möglichst vergleichbar und homogen zu gestalten. Dabei ist mir mal wieder aufgefallen: Gar nicht so einfach mit der Einheitlichkeit. Klar, Musiker und Musikerinnen sind eine ganz besondere Spezies und die Interviews mit denen sind anders als die mit Gästen aus der Politik oder Wirtschaft. Das zeigt Hallers Unterteilung in Interviews mit Experten, Politikern… und Künstlern. Lassen wir mal beiseite, dass nicht alle Kunstschaffenden “bizarre Persönlichkeiten” sind, wie er das schreibt.

Deswegen gibt es ja auch Literatur explizit zum Musikjournalismus (z.B. von Jochen Bonz, Peter Overbeck). Allerdings bleiben Jochen Bonz und Peter Overbeck da immer noch sehr allgemein und differenzieren im Musikjournalismus maximal zwischen Techno, linker Popmusik und Pop-Feuilleton bzw. zwischen Jazz und Neuer Musik und widmen sich explizit diesen ganz besonderem Nischenjournalismus. Dabei gibt es doch noch Rock, Punk, Hardcore, Dance, HipHop, Singer/Songwriterin, Volksmusik, Klassik, Barock, Weltmusik…

Oder will mir jemand sagen, das ein Interview mit Chilly Gonzales sich genau so führen lässt wie mit Henry Rollins?

Eine Differenzierung der Interviewgäste, die in der Literatur beschrieben werden, muss also her. Musiker und Musikerinnen sind eine ganz besondere Spezies aber auch hier sind die Interviews mit einem Gast aus der einen Szene anders als die mit dem aus der anderen.

Wo die Unterschiede liegen?

  •  Je spezifischer die Szene ist, desto spezifischer sind auch ihre Codes. Ich muss als Interviewerin nicht die Hose tiefer hängen lassen, nur weil ich ein Interview mit einer Rapperin führe. Das ist lächerlich. Hilfreich ist hingegen, wenn ich die Szene kenne, die relevanten Akteurinnen, die Musik, sozialen Hintergründe…
  • Die Codes zeigen sich ja auch in der Sprache und den fachlichen Konzepten, die für die Szene relevant sind: Was der Rapperin ihr Loop, ist der Geigerin ihr Transponieren.

Thomas Venker schreibt nun sogar spezifisch über das Schreiben über Pop. Und damit kommt er wohl dem am nächsten, was notwendig ist. Er berichtet aus der Perspektive seiner Arbeit bei der Intro, ohne groß auf die Feuilletons oder die Musik zu schielen, die in seinem Heft nicht vorkommt. Die lässt sich weniger, aber auch, am Genre festmachen – Jazz, Neue Musik, Klassik, Gothic ist nicht grad das Trademark des Magazins, aber ansonsten fast alles von Techno. Punk, Metal, Pop… Besser lässt sich die Musik vielleicht über das Publikum bestimmen: Indie, nicht Mainstream, mal von gelegentlichen Beiträgen zu Arcade Fire, Daft Punk… abgesehen… Ach das ist doch Mist und funktioniert auch nicht.

Oder will mir jemand sagen, das ein Interview mit Arcade Fire sich genau so führen lässt wie mit Schnipo Schranke?

Eine weitere Differenzierung der Interviewgäste, die in der Literatur beschrieben werden, muss also her. Musiker und Musikerinnen sind eine ganz besondere Spezies aber auch hier sind die Interviews mit massentauglichen, internationalen Stars anders als die mit unbekannteren, vielleicht nationalen Bands.

Wo die Unterschiede liegen?

  • Stars geben evtl. Pressekonferenzen bzw. werden vom Management beaufsichtigt. Die Interviewzeit ist strikt reguliert.
  • Evtl. führt man das Interview zusammen mit anderen Journalistinnen.
  • Bestimmte Fragen werden zurückgewiesen.
  • Das Interview dient i.d.R. der Werbung (fürs Album oder ein Anliegen der Band)
  • Unter diesem Promotionaspekt werden auch Anfragen für Themen abseits des aktuellen Werks geprüft.
  • Die Bands sind sehr medienerfahren und geübt darin, ihr Anliegen und das, was sie sagen wollen, auch unterzubringen.

 

  • Unbekanntere Bands kommunizieren eher auf gleicher Augenhöhe
  • z.B. geben sie selten Zeit, Ort und Bedingungen für das Interview vor, sondern suchen nach der besten Möglichkeit für sich und die Journalistin.
  • Die Länge des Interviews lässt sich verhandeln.
  • Sie sind empfänglich für interessante Interviewvorschläge, auch wenn das Interview nicht für die ganz große Bühne ist.
  • Sie sind empfänglicher für einen ehrlichen, kritischen Austausch, für eine Diskussion mit der Interviewerin.

Am Ende bleibt es dabei, dass es für Interviewvorbereitung unerlässlich ist, sich anzuschauen, wen interviewe ich zu welchem Thema für welches Publikum und welches Medium.

Nun mag diese bisher eher grobe Differenzierung der Interviewgäste an den Konzepten der Bücher liegen: Haller richtet sich an Journalistinnen aller Bereiche, die in irgendeiner Weise mit Interviews und Befragungen zu tun haben. Allein das füllt schon über 300 Seiten. Bonz und Overbeck hingegen haben Sammelbände veröffentlicht, dh. es wurden Artikel “namhafter Autoren” zusammengefasst, die einen Querschnitt des Musikjournalismus zeigen. Übrigens auch einen guten, respektive realistischen Querschnitt, was die Geschlechterverteilung im Musikjournalismus angeht: fünf der 29 AutorInnen von beiden Büchern sind weiblich, 24 sind männlich.

Ich habe hier nur zwei Kategorien gezeigt, nach denen sich Gruppen von Interviewgästen differenzierter beschreiben lassen können: Bekanntheit und Szenenzugehörigkeit. Mit Sicherheit gibt es noch mehr Kriterien.

Ich bin immer gespannt auf Eure Vorschläge und Gedanken. Wenn Euch noch weitere Kategorien einfallen, her damit.


 

Die Bücher:

Jochen Bonz – Popjournalismus
Michael Haller: Das Interview
Peter Overbeck – Musikjournalismus

 

 

 

Interviewvorstellung #17: Sabine Minninger auf kaput-mag.com

Ach, ich wollte hier eigentlich schon länger mal ein Interview aus dem Kaput-Mag vorstellen. Das Magazin wurde vor einigen Monaten von Linus Volkmann und Thomas Venker gegründet, der eine oder die andere kennt die beiden vielleicht noch von der Intro. Das Kaput-Mag trägt zwar den Untertitel Magazin für Insolvenz & Pop, ist aber auch Heimat vieler wirklich guter und engagierter Interviews. Eines ist das mit Sabine Minninger, Referentin für Klimapolitik bei Brot für die Welt.

 

Kaput-mag
Engagiertes Interview?
Auf jeden Fall. Das zeigt schon die Länge des Interviews. Während sich die Musikmagazine mit durchschnittlich 16 Fragen begnügt sind es hier 55. Weiterlesen

Intervieworstellung #16: Chris Köver auf femtastics.com

Das Interview als Frage.

das Logo von femtastics.com

Seit dem 11. Mai gibt es fentastics.com. In diesen kurzen zwei Wochen hat sich das online-Magazin mit den Interviews, in denen unterschiedlichste Frauen mit ihrem Berufen und Visionen vorgestellt werden, in mein Herz gegroovt.

Grund genug, das Magazin anhand eines Interviews vorzustellen.

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Love A über Promotion

 

Portraitzeichnung Jörkk

Jörkk Mechenbier, Love A

Gerade ist Jagd und Hund mit Single, Video und Tour erschienen. Es ist das dritte Album von Love A. Eben waren sie noch Vorband von Turbostaat, jetzt spielen sie als Hauptact in 600-er Clubs. Grund genug, um mal mit Love A über Promotion und Marketing zu klönen.

 

 

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