Interview über Interviews mit: Tim Neuhaus

>Tim Neuhaus<

„Es ist bestimmt für den Leser schön zu sehen, dass der Fragesteller sich mit der Band beschäftigt hat.“

Tim Neuhaus ist Schlagzeuger. Über manche Projekte – Clueso –  redet er mit Respekt, über andere – die Blue Man Group – gar nicht mehr gerne und über eines – seine Band The Cabinet –besonders leidenschaftlich. Die ersten beiden Projekte musste er aber erst durchziehen, bevor er das dritte als Herzenssache umsetzte. Er hat dafür sogar die Drumsticks an Florian Holoubek abgegeben und spielt bei Tim Neuhaus and the Cabinet Gitarre.
Schlagzeuger bleibt er als Tourmusiker für verschiedene Bands wie eben Clueso, Marcus Wiebusch oder The Hundreds.


 

Interview am 14.04.2014, Leipzig Täubchenthal

Am 14. April 2014 ist Tim Neuhaus mit Florian Holoubek für einen Auftritt in Leipzig. Eine schöne Gelegenheit, um mit ihm über Interviews zu sprechen. Da die Stimmung entspannt ist, kann die Gesprächsrunde bald um die zwei Sänger der Vorband erweitert werden. Bitteschön: Zwei Interviews in einem.

Portrait Tim Neuhaus

Das ist ja ein Interview über Interviews und darüber, wie Du als Künstler Fragen bewertest. Deswegen die wesentliche Frage am Anfang: Gibt es eigentlich dumme Fragen im Interview?

Hmm. Gibt es dumme Fragen…? Man kann ja so viel schon über Künstler lesen. Auf Wikipedia zum Beispiel … oder generell im Internet. Da kann man sich ja mit den ersten Informationen schon mal eindecken. Und da Bands, wenn sie neu anfangen, sich ohnehin viel mit sich beschäftigen, lesen sie das auch selbst häufig. Wenn sie danach dann noch immer gefragt werden, kann das schnell sehr anstrengend werden, zum Beispiel Fragen nach dem Kennenlernen oder wer wer ist. Das kann man übers Internet so schnell beantworten. Deswegen finde ich es schön, wenn jemand das im Vorfeld schon gemacht hat und tiefer in das Interview einsteigt.
Jaaaa… Dumm sind solche Fragen vielleicht trotzdem nicht. Die Leute wollen ja wissen, wo man her kommt und was man für Musik macht…

Wenn die Band ihre Musik erklären soll

„Was für Musik man macht, sollte natürlich der Hörer schon selber beurteilen und beurteilen können. Wenn man aber schon im Interview danach gefragt wird, finde ich es doch schön, das Gefühl zu haben, der Fragensteller hat zumindest schon mal in das Album reingehört.“

…Wie würdet Ihr Eure Musik selbst beschreiben…

Ja. Die Frage ist anstrengend. Da ist es schöner zu fragen: Wie unterscheidet sich die musikalische Vision von vor zwei Jahren zu der, die Ihr auf dem neuen Album verwirklicht habt? Oder: Trefft Ihr mit Eurer neuen Platte das Genre oder den Sound, den Ihr Euch vorgestellt habt?

Ok. Virginia Jetzt! haben von einer schönen Variante der Frage „Wie würdet Ihr Eure Musik beschreiben?” erzählt: Sie wurden gefragt: „Was soll auf Amazon bei den Kaufempfehlungen stehen, wenn man Virginia Jetzt! eingibt?” Ist es tatsächlich entscheidend, so eine originelle oder interessantere Formulierung für eigentlich die selbe Frage zu finden?

Finde ich schon. Da lassen sich zum Beispiel direkt zwei Fragen auf einmal beantworten: Wie sehe ich mich selbst als Künstler und wo stehe ich gerade. Damit ist man auch inhaltlich eher an das aktuelle Album gebunden.
Was für Musik man macht, sollte natürlich der Hörer schon selber beurteilen und beurteilen können. Wenn man aber schon im Interview danach gefragt wird, finde ich es doch schön, das Gefühl zu haben, der Fragensteller hat zumindest schon mal in das Album reingehört. Natürlich verstehe ich das Problem: Es gibt so ein Überangebot… Vielleicht hat man schon tausend Mal etwas über die Band gelesen, sich aber nie damit beschäftigt, und dann soll man sie plötzlich interviewen. Trotzdem wäre es schön, wenn der Fragensteller wenigstens sagen könnte: „Ich habe kurz rein gehört und sehe dies und jenes in der Platte. Korrigiert mich, wenn ich da falsch liege”. Das ist besser als einfach zu fragen: „Was macht Ihr für Musik?”. Das wirkt dann immer so, als hätte sich der Interviewer gar nicht damit beschäftigt.

Herrenmagazin haben dazu gesagt: Wenn Du wissen willst, wie die Musik klingt, hör sie und entscheide selbst.
 Du hängst die Messlatte aber nicht sehr hoch, wenn es Dir reicht, dass der Interviewer wenigstens mal in die Platte rein gehört hat…

Passiert oft genug, dass das nicht der Fall ist, glaub mir. Gerade bei Bands, die sich erst im Feld der vielen Indie-Bands etablieren. Da staunst Du, was da auf Festivals für Fragen kommen. Ich rede da ein bisschen als gebranntes Kind.

Das Engagement der Interviewenden

„Es hängt genauso davon ab, ob jemand seinen Job gerne macht. Wenn er das tut, erzählt man auch gerne etwas, egal wie die Frage erst einmal klingt.“

Aber warum macht man ein Interview, wenn man offenbar kein größeres Interesse an dem Künstler hat?

Hmm… Naja, die Frage kannst Du ja den Interviewern stellen.

Na dazu kann ich Dir sagen, dass es mitunter bestimmte Redaktionsvorgaben gibt, z. B. eine bestimmte Band mit in die Ausgabe zu nehmen, weil sie eben gerade Thema ist. Vielleicht gibt es aber noch andere Gründe, warum das so ist?

Warum ist das so? Weiß ich nicht. Vielleicht ist dem Redakteur die unbekannte Band zu unbekannt. Vielleicht will er gar nicht auf dem Konzert sein und wird von der Redaktion hingeschickt, wie Du sagst… Da bin ich jetzt auch ein bisschen böse. Das klingt ja so, als würde ich das bewerten oder verurteilen. Aber tatsächlich habe ich manchmal den Eindruck, dass die Leute da sind, weil sie müssen. Das ist schade, denn als Band freut man sich ja, wenn man ein Interview hat.

Kann man vor dem Interview, also schon bei der Anfrage, feststellen, ob es gut wird?

Nein kann man nicht. Und eine allgemeine Anfrage muss ja auch nicht schlecht sein. Wenn der Interviewer sagt: „Das letzte Album – erzähl mal etwas dazu”, dann erzählt man auch. Es hängt genauso davon ab, ob jemand seinen Job gerne macht. Wenn er das tut, erzählt man auch gerne etwas, egal wie die Frage erst einmal klingt.

Macht es einen Unterschied, für wen das Interview geführt wird?

„Für so eine kleine Ecke mit einem kurzen Steckbrief reicht vielleicht schon das Internet. Für ein Interview ist man aber schon verpflichtet, ein interessanteres Gespräch zu führen, vielleicht auch mal provokante Fragen zu stellen, die vielleicht erst einmal nichts mit der Band zu tun haben.“

Du hast gesagt, dass man sich als Band freut, Interviews zu geben. Kann man dann Rollen für beide Seiten bestimmen und sagen, der Eine möchte etwas vom Anderen und ist ihm deshalb verpflichtet?

Hmm. Interessant. Nein, ich glaube nicht. Im Grunde machen die Interviewer das ja auch nicht für sich, sondern für die Zuschauer oder Leser. Es ist bestimmt für den Leser schön zu sehen, dass der Fragesteller sich mit der Band beschäftigt hat und wird sich umso mehr für die Antwort interessieren. Man ist also dem Leser verpflichtet. Für ein schönes, dynamisches Interview braucht es natürlich feinere Fragen. Es kommt aber auch darauf an, wofür man schreibt: für so eine kleine Ecke mit einem kurzen Steckbrief reicht vielleicht schon das Internet. Für ein Interview ist man aber schon verpflichtet, ein interessanteres Gespräch zu führen, vielleicht auch mal provokante Fragen zu stellen, die vielleicht erst einmal nichts mit der Band zu tun haben.

Macht es einen Unterschied, ob ich von einer kleinen oder größeren Zeitung anfrage und ob ich eine bekanntere oder unbekanntere Band anfrage? Gibt es da unterschiedliche …. Kräfteverhältnisse? 

Nenn mal ein Beispiel.

Naja, wenn ich vom Feuilleton der Zeit eine kleine, lokale Band anfrage, sollte sich die Band freuen. Wenn ich für einen kleinen Blog aber ein Interview mit Jan Delay machen kann, sollte ich mich als Journalistin freuen. 

Ja, solche Kräfteverhältnisse gibt es wahrscheinlich. Man klärt das Interview ja vorher ab und wenn man denkt, dass das stimmt, sagt man entweder ab oder zu. Ich glaube, Clueso macht vielleicht nicht mit jedem ein Interview. Die suchen sich das raus.

Nach welchen Kriterien?

Die großen Bands haben ohnehin einen Promoplan und wissen, wo sie sich während einer Tour aufhalten. Wenn sie dann in einer Stadt sind, ist der Zeitplan so eng, dass sie sich das aussuchen müssen. Dann ist die ARD eben vielleicht wichtiger als die Indiezeitung der Stadt.
Das kostet ja auch Kraft, sich die halbe Stunde Zeit zu nehmen.

Über Erfolg und Medienerfahrung

Auf die Anstrengung kommen wir später noch mal zu sprechen. Ich finde aber interessant, dass Du gleich Clueso ansprichst. Du hattest ja das – nennen wir es mal Glück – dass Du schon Einblick in diese ganze Maschinerie bekommen hast, allerdings mit etwas Distanz. Du hast das schon bei Clueso und sicher auch bei der Blue Man Group mitbekommen, ohne dass Du selbst Interviews geben musstest. Fandest Du das gut? 

Bei Clueso kriege ich das natürlich mit als Schlagzeuger. Und ich liebe das. Ich bin ja schon gerne in einer Band und beobachte das. Das ist mir sogar fast lieber, als Frontmann zu sein. Ich finde es spannend zu sehen, wie sich Dinge verändern, wenn man erfolgreich ist. Wie der Künstler Kunst schafft, wenn er weiß, es hören ihm 10.000 Leute zu.

Was ändert sich denn da?

Da ändert sich wahnsinnig viel. Wo soll ich anfangen? Im öffentlichen Leben ändert sich einiges. Deine Kreativität wird extra gefordert, weil er weiß, dass er für viele Ohren Musik macht. Es gibt ein Business, um das er sich kümmern muss, und die Musik wird mehr und mehr zum Beruf.

Du hast von dem Promoplan gesprochen. Hast Du da für Dich selber, für The Cabinet etwas mitgenommen? Dafür, wie Du mit Medien umgehst?

Ach wir sind so eine kleine Band… Ich genieße es, mit der Musik Leute anzusprechen. Und ich genieße es auch, auf Augenhöhe für ein Interview angesprochen zu werden. Ich habe auch nicht gerne den Stress, mich damit auseinanderzusetzen, ob ich ein Interview für ARD oder Arte mache. Das sind nicht meine Themen und ich genieße das total.

Ist es denn ein Unterschied, ob Du für Arte ein Interview gibst oder eine kleine Indie-Zeitschrift?

Ich war noch nie bei Arte…

…Setzen Sie an dieser Stelle den Namen eines beliebigen auflagenstarken Magazins ein.

Es gab ja einige Interviews fürs Radio, die spontan und über Telefon waren und die durchaus sehr liebevoll ablaufen. Dann gab es eines für die SZ. Das war aber sehr kurz. (Tim überlegt)
Ich denke gerade, meine Interviewkultur ist gar nicht so ausgeprägt… Aber zu den Alben-Releases gab es doch immer einige. Das genieße ich doch. 
Hmm… Ich habe da ehrlich gesagt auch noch nie so darüber nachgedacht, merke ich gerade. Ich überlege, während wir reden….

Das ist der Sinn der Sache.
Oder siehst Du das anders?

Nein. Du stellst halt die Fragen, die noch hinter dem Interview liegen.

Es ist ja quasi ein Meta-Interview. Es ist ja auch spannend zu sehen, wie das funktioniert. Du hast schon die Promo-Interviews zu Alben angesprochen und die Band-Infos, die es im Internet gibt. Es gibt die Presse-Infos. Über diese Sachen kann man gut steuern, was man gefragt wird beziehungsweise wie man dargestellt wird. Hast Du das auch schon festgestellt?

Sicher. Aber bei den mittelgroßen Indie-Bands gibt es so ein großes Angebot, dass sich die Leute nicht so lange damit auseinandersetzen. Es sei denn, sie sind wirklich so unglaublich große Fans, dass sie das einzigartige Interview mit IHREN Helden machen wollen. Ich weiß genau, wenn ich ein Interview mit Käptn Peng und die Tentakel von Delphi machen würde, würde ich mich so dermaßen freuen… Ich glaube, ich würde noch einen Haufen anderer Fragen stellen.

Der Fan als Interviewender

„Mit Käptn Peng würde ich über das Buch reden, ich würde grundsätzliche Fragen stellen. Ich würde meine persönliche Sicht reinbringen und ich würde mir im Vorfeld Fragen überlegen, die inhaltlich ausschlaggebend sind.“

Oha, Käptn Peng… Wie würdest Du Dich denn darauf vorbereiten?

Würde ich mich da vorbereiten? Ich glaube nicht. Ich habe das alles internalisiert. Ich oute mich hier gerade als Fan von Käptn Peng…

Ist ja nicht das Schlechteste und vor allem nicht Guns’n’Roses.

Ja das stimmt. Aber nein, mit Axl Rose möchte ich nicht mehr reden. Mit Käptn Peng würde ich über das Buch reden, ich würde grundsätzliche Fragen stellen. Ich würde meine persönliche Sicht reinbringen und vielleicht in ein Intro schreiben, dass es mich als philosophischen, Krishna-liebenden Menschen interessiert, was ein Käptn Peng zu diesem oder jenen Thema zu sagen hat.
Ich würde mir im Vorfeld Fragen überlegen, die inhaltlich ausschlaggebend sind. Wenn ich die Band interviewe, würde ich natürlich eher Fragen stellen, die die Band betreffen, z.B. ihre Ausstrahlung auf der Bühne. (Stockt und überlegt) Ich würde fragen, wer auf die Idee gekommen ist oder über ihre Zukunftsvision sprechen. Ich würde fragen, ob sie selbst gedacht hätten, dass sie so geschichtsschreibend werden wie sie sind. (Stockt wieder) Ich weiß nicht. Das ist bestimmt kein leichter Job.

Interessanterweise hast Du gleich gesagt, dass Du Dich auf das Interview gar nicht weiter vorbereiten müsstest…

…naja inhaltlich…

….genau. Man sagt ja aber, dass bei Interviews erst einmal die Recherche ganz wichtig ist. Da habe ich aber das Gefühl, dass die mitunter nicht über Laut.de, Wikipedia oder Indiepedia hinausgeht. Das Ergebnis sind dann natürlich so Facts-To-go: Wann wurde die Band gegründet, Wer sind die Mitglieder, Wie viele und welche Alben hat sie herausgebracht…

Genau. Da kannst Du aber auch sehen, wieviel Text auf so einer Seite steht. Vielleicht hat da der Interviewer auch die Verantwortung, die Informationen ein wenig zu sortieren. (Überlegt)

Um einmal bei Käptn Peng zu bleiben: Du hast Dich intensiv mit der Musik auseinander gesetzt und darauf basieren Deine Fragen. Das findest Du in keinem Online-Lexikon. Das heißt ja, dass das Interesse des Interviewers an der Band eine wesentliche Rolle spielt. Siehst Du eine Möglichkeit…

…genau. Die Sache ist ja die: Als Künstler oder als auf der Bühne Stehender hast Du ja ohnehin zu tun mit den Gedanken, die Dich für Dein Ding motivieren und für die Musik ansich. Wenn Du als Interviewer dann auch noch selbst Musiker bist und diese Gedankenwelt dann dadurch teilst, hast Du vielleicht noch mehr Einblick in diese Gedankenwelt. Das kann ich mir zumindest vorstellen. Als Musiker bist Du es gewohnt, Dich auf die Gedankenwelt der anderen Akteure einzustellen. Deswegen wäre sicher interessant, Musiker andere Musiker interviewen zu lassen.

Ah, wie bei Andy Warhol’s Interview? Da interviewen ja Künstler, Promis und eben auch Musiker andere Künstler, Promis und Musiker.

Aja. (Nickt zustimmend)

„Wenn Du als Interviewer dann auch noch selbst Musiker bist und diese Gedankenwelt dann dadurch teilst, hast Du vielleicht noch mehr Einblick in diese Gedankenwelt. Deswegen wäre sicher interessant, Musiker andere Musiker interviewen zu lassen.“

TV Noir und die Comfortzone im Interview

Hast Du das beim Interview mit Tex in TV Noir festgestellt?

Ja, ich glaube, Tex ist jemand, dem es sehr gut gelingt, den Künstler in eine Comfort Zone einzubetten. Er vermittelt das Gefühl zu wissen, womit Künstler es zu tun haben. Er versteht, wie die Platte produziert ist und was sich der Musiker gedacht hat. Er fragt nach dem neuen Album und ob es stimmt, was in dem Presseinfo steht. Damit bezieht er sich auf bestimmte Sachen zum Album. Dann spielt man ja die Lieder und da fragt er dann auch nach Dingen, die anders sind als auf der Platte. Das ist dieses Eingebettet-Sein. Ich glaube, Tex ist auch so natürlich, weil er sich selbst mit so viel Musik umgibt.

Er hat ja auch gesagt, es geht ihm gar nicht um die Interviews sondern genau darum, diese Comfort Zone herzustellen. Dadurch soll der Musiker in die richtige Stimmung kommen und besser spielen. Deswegen auch die Spiele zwischen den Auftritten und Interviews…

….(lacht) Jaja. Da würde ich fast sagen, das schießt manchmal übers Ziel hinaus. Manchmal fühlt sich der Musiker ein bisschen bedroht durch die Spiele. Das hat sich auch schon rumgesprochen, wenn jemand zum Beispiel schon zweimal da war.

Was ja bei Dir gerade war...

….Jaja. Das war auch beschämend. Ich habe da auch immer Angst, die einfachsten Dinge nicht richtig zu verstehen. Eine Frage war ja z.B. nach den letzten Worten in Märchen. Und… Was hab ich denn da gesagt? … Ach ja…. „Die Moral von der Geschichte” und eigentlich heißt es ja „Und wenn sie nicht gestorben sind”. Das sind dann so peinliche Momente, in denen man sich outet.

Vielleicht redet man sich aber auch ein, dass es peinlich ist. Denn eigentlich ist es ja sehr sympathisch. 

Ah. Ok. Aber ich wurde auch schon darauf angesprochen. Zum Beispiel, dass ich den Pumuckl-Song nicht kannte.

Da wurdest Du gedisst? Das tut mir natürlich leid. Vor allem, weil Du Dich mit einer sehr schönen Version rehabilitiert hast.

Danke.

(An dieser Stelle kommt Tim Ludwig – Sänger der Vorband ByeBye – rein und setzt sich für einige wenige Fragen dazu)

Oh, geht es um TV Noir?

Genau. Magst Du Dich zu uns setzen? 

Da höre ich gerne zu.

Also, Tex hat ja den Luxus, sich Bands einzuladen, die er wirklich schätzt. Die Gäste gehen durch seinen Geschmacksfilter. Da hat er natürlich ein ehrliches Interesse an den Gästen. Darf er deswegen auch Fragen zur Hamburger Schule stellen?

Hat er das gemacht?

Ja. Die Frage ging allerdings an Herrenmagazin und er musste sich dann sagen lassen, dass die Frage oft kommt. Er hat sich dann aber sofort darauf eingelassen und den Begriff hinterfragt. 

Ja, ich glaube auch, da hat er sich etwas dabei gedacht. Aber ich erinnere mich, dass sie backstage darüber gesprochen haben. Vielleicht war das auch so eine Aufforderung, darüber zu sprechen. Denn da ist Tex sehr wach und versucht zu unterstützen, wo er kann. Diese differenzierte Sichtweise und Begeisterung merkt man bei ihm auf jeden Fall.

Die Subjektivität in der Frage

„Aus der eigenen Perspektive zu fragen ist nicht unbedingt schlecht. Es kann ja sehr spannend sein, sich mit jemanden zu unterhalten, der schon eine klare Meinung hat.“

Ja, das Gefühl hatte ich auch. Gleichzeitig denke ich dann, es gibt eine Art Interview-Schule, so persönlich an ein Interview heranzugehen. Das erinnert mich an Charlotte Roche zu Fast-Forward-Zeiten. Sie hat immer sehr aus der eigenen Perspektive heraus gefragt.
Aus der eigenen Perspektive zu fragen ist nicht unbedingt schlecht. Es kann ja sehr spannend sein, sich mit jemanden zu unterhalten, der schon eine klare Meinung hat. Ich war jetzt noch nicht bei Charlotte Roche in einer Show und weiß nicht, wie sie da funktioniert. (Überlegt) Da geht es ja auch um etwas Anderes, denke ich. Wenn man z.B. bei Sarah Kuttner in der Show über Musik redet, muss die Energie stimmen. Da wird der Künstler auch noch für etwas Anderes genommen.

Ja. Sarah Kuttner hat mit der Art natürlich immer auch an Charlotte Roche erinnert. Nun gibt es die Shows ja auch schon lange nicht mehr…
Gibt es denn Anfragen, die Du ablehnen würdest? 

Ach sicher, aber da müsste ich erst einmal überlegen… Ein Interview mit der McDonalds-Zeitschrift vielleicht…

Mit Ronald McDonald?  (Ich muss lachen)

Oder mit der Bild…

Über schlechte Interviews und Absagen

Warum?

Ach, da finde ich es gut, abzusagen. Die Geschichte erzähle ich lieber: „Die Bild wollte ein Interview machen und ich hab abgesagt”.

So Judith Holofernes Style….

Genau.

Also eher wegen des Unternehmens oder des Mediums, das da dahinter steht.

Und wegen des Interesses. Warum sollten ausgerechnet die sich dafür interessieren?

Interessanterweise hat Dirk von Lowtzow gesagt, dass das Interview mit dem Deutsche-Bahn-Magazin ganz hervorragend war. Und das ist ja jetzt auch nicht für seriösen Qualitätsjournalismus bekannt. Es scheint also nicht immer so eine große Rolle zu spielen, welches Medium anfragt sondern dass es am Interviewer liegt…

Ja klar, am Ende gibt es ja nur Menschen. Es gibt ja nicht DEN Russen oder DEN Italiener.

Bist Du schon einmal so richtig reingefallen? Dass ein Interview so richtig schlecht war?

Hmm… In Dachau. Das hat sich wirklich schlecht angefühlt. Das war so ungefähr zehn Minuten und der Interviewer wollte unbedingt in der Konzertpause fragen. Und da kamen dann Fragen wie „Wie würdest Du das Konzert beschreiben?”. Es war doch die erste Hälfte und er hat sie gehört… Das war also sehr unpersönlich.
 Man hat ja auch nicht immer tolle Gespräche mit seinen Freunden. Ist also vielleicht auch normal, Pech zu haben. Das nimmt man auch nicht so ernst.

Das Interview ist ein Dialog

„Am Anfang war ich bei Interviews durchaus nervös und habe überlegt, was ich da jetzt antworte. Ich hatte ja zehn Ideen. Es ist nicht ganz einfach, gezielt Inhalte zu bieten und über etwas zu sprechen, an dem man zuvor ein halbes Jahr lang im Studio gearbeitet hat. Da werde ich auch sicherer, wenn ich die Situation ein bisschen kennen gelernt habe.“

Funktioniert die Analogie tatsächlich, zwischen Alltagsgespräch und Interview? 

Naja, ich wusste, dass wir reden würden, aber ich rede jetzt nicht so, weil ich weiß, dass das irgendwo gelesen wird. Das ist für mich ein Gespräch wie jedes andere auch. Wir nehmen uns die Zeit und die halbe Stunde ist kostbar…

…aber es würde nicht anders verlaufen, wenn Du mit Freunden beim Abendessen zusammen sitzen würdest und jemand würde das Thema Interview in den Raum schmeißen…

Vielleicht würden wir mehr Witze machen…

…ach wenn Du einen hast, gerne…

…(lacht) Nein, aber so ein Meta-Interview finde ich ja spannend. Ich habe mir da noch gar keine Gedanken gemacht. Ich habe mir immer viel eher überlegt, wie ich mein Ermm.. und das lange Überlegen wegbekomme. Am Anfang war ich bei Interviews durchaus nervös und habe überlegt, was ich da jetzt antworte. Ich hatte ja zehn Ideen. Es ist nicht ganz einfach, gezielt Inhalte zu bieten und über etwas zu sprechen, an dem man zuvor ein halbes Jahr lang im Studio gearbeitet hat. Da werde ich auch sicherer, wenn ich die Situation ein bisschen kennen gelernt habe. Aber man lernt als Musikschaffender einzuschätzen, worum geht es im Interview und worauf will der Interviewer mit der Frage hinaus.

Interviews mit etablierten und mit neuen Bands

„Je größer die Band, desto aufmerksamer die Interviews. Je etablierter ein Künstler ist, desto weniger kann man es sich ja erlauben, Fragen zu stellen, die unreflektiert sind.“

Das spricht aber dafür, dass sich die Interviews sehr stark wiederholen. Ich könnte es nachvollziehen, dass Du im Interviewprozess für ein Album so eine Routine entwickelst. Wenn Du das aber über mehrere Alben hinweg feststellst, spricht das nicht unbedingt für die Interviews…

Hmm. Ich finde es ja auch spannend zu unterscheiden, ob jemand schon ein alter Hase und lange dabei ist oder ob man als Musiker ganz neu im Geschäft ist. Ich zähle mich zum Beispiel zu denen, die schon recht viel gemacht haben durch das Schlagzeugspielen, auch mit größeren Bands. Da ergeben sich dann natürlich ganz andere Fragen und darauf sollte sich ein Interviewer schon vorbereiten… Wo bewegt sich der Musiker sonst so. Oder wenn ich zum Beispiel den Sänger von The National befrage, dann muss ich mich auch nicht nur auf das aktuelle Album beziehen, sondern kann auch die Entwicklung und die Vision dahinter beleuchten.
Noch eine andere Sache ist es ja, wenn ein Künstler, der eigentlich mit einem Projekt schon recht erfolgreich ist, ein zweites oder sogar ein drittes Projekt startet und das am Anfang noch eher klein ist und erst durchstartet. Darauf sollte sich der Interviewer auch vorbereiten und da wäre es schön, wenn man gefragt würde, wie das ist, mehrere solche Projekte gleichzeitig zu haben.

Aber das ist ja eigentlich ein Mindeststandard, den man erwarten darf – dass sich der Interviewer damit beschäftigt.

Ja eigentlich schon.

Deswegen hatte ich eigentlich gehofft, dass Du aus Deinen Erfahrungen mit Clueso, Konstantin Wecker oder der Blue Man Group etwas für Dich mitgenommen hast. 

Hab ich ja auch. Also bei Konstantin Wecker oder Clueso sind die Interviews natürlich sehr an die Person gebunden. Da geben sich die Interviewer auch Mühe, nicht mit dummen Fragen dazustehen. Ich würde behaupten: je größer die Band, desto aufmerksamer die Interviews. Je etablierter ein Künstler ist, desto weniger kann man es sich ja erlauben, Fragen zu stellen, die unreflektiert sind.
Und Konstantin Wecker bietet ja auch die Möglichkeit, andere Themen abseits der Musik aufzugreifen. Er ist ja ein sehr politischer Mensch, wodurch sich Anknüpfungspunkte ergeben.

Kannst Du Unterschiede feststellen, wo und in welcher Form Interviews geführt werden?

Naja, manchmal ist es neben der Bühne auf Festivals oder mal eben noch 10 Minuten spazieren gegangen und etwas erzählt. Manchmal setzt man sich aber nach dem Konzert noch eine dreiviertel Stunde zusammen und redet. (überlegt) In meiner Größenordnung gibt es aber auch manchmal Situationen, in denen man gar nicht weiß, ob es jetzt tatsächlich um ein Interview geht. Ich habe in einem kleinen Club auch schon ein Interview gegeben, da glaube ich, die Interviewerin wollte das gar nicht und war eigentlich eher daran interessiert, so eine Nähe herzustellen.

Also von Fans interviewt werden. Ist das schlimm?

Nein. Überhaupt nicht. Also die Anfrage sollte natürlich normalerweise über das Label gehen. Aber natürlich kommt es eben vor, dass man im Club direkt angesprochen wird.

„Interviews sind ja auch eine Art der Promotion. Aber wenn Du liebst, was Du tust, dann redest Du ja auch gerne darüber, auch mit Menschen außerhalb der Band. Du machst das als Künstler für Menschen da draußen und dann kommt eine Person und die hat das Privileg, für eine andere Plattform Fragen zu stellen. Damit teilst Du das ja auch. Und das ist ein sehr schönes Gefühl.“

Dabei können Interviews mit Fans ja durchaus auch gut sein – siehe das Beispiel mit Käptn Peng… 
Warum gibst Du denn überhaupt Interviews?

Warum? Hmmm… Ich denke, da kommt Person A und Person B weiß, die stellt Fragen, die hoffentlich von Interesse sind. Und Person B sagt dann Ja oder Nein. Es gibt ja auch Leute, die gar keine Interviews geben, weil sie es grundsätzlich nicht gut finden. Das ist ja eine Haltung.

Aber nicht viele…

…nicht viele, ja. Einige haben es ja nötig. Interviews sind ja auch eine Art der Promotion. Aber wenn Du liebst, was Du tust, dann redest Du ja auch gerne darüber, auch mit Menschen außerhalb der Band. Es ist ja vielleicht auch ein sehr archaisches Gefühl: Du machst das als Künstler für Menschen da draußen und dann kommt eine Person und die hat das Privileg, für eine andere Plattform Fragen zu stellen. Damit teilst Du das ja auch. Und das ist ein sehr schönes Gefühl.

Ist das schmeichelhaft?

Hmm. Mittlerweile ist es eher Routine, aber es kann sich zu etwas sehr Schmeichelhaftem entwickeln – zu einem sehr schönen Gespräch nämlich. Es gehört natürlich ein bisschen zu dem ganzen Bandgeschäft dazu. Man geht auf Tour und da hat man so viele andere Sachen vorzubereiten, die eben nicht schmeichelhaft sind und auf die man nicht immer Lust hat. Über die Band zu reden gehört einfach irgendwie zu der ganzen Sache dazu…

Oliver Haas von der Vorband Bye Bye kommt in den Raum, um sich eine Cola zu holen.

Oliver: Wie geht’s?

Tim N.: Besetzen wir eigentlich den Raum?

Oliver: Kein Problem, das Büffet ist ja draußen.

Tim N.: Ha, stimmt.

Er entschuldigt sich kurz, wird aber sofort durch Tim Ludwig, dem zweiten Mann von Bye Bye ersetzt, der gerade wieder hereinkommt. Sie wollen wissen, für wen das Interview ist, was ich natürlich gerne erkläre und über die Serie Interviews über Interviews spreche.
Die Leipziger haben vergangenes Jahr Ihr Debütalbum „Du weiß wieso“ veröffentlicht und können von ersten Interviewerfahrungen erzählen.

Oliver: Ich kann zum Beispiel gar nicht damit umgehen, wenn der Interviewer irgendwie so affektiert ist. Das haben wir schon bei Radiointerviews erlebt.

Tim L.: …deswegen habe ich jetzt gerade so auf das Mikrofon geschaut, ob das mitläuft. Weil ich die Situation kenne, wenn der Ton wichtig ist… Aber der scheint bei Dir ja nicht wichtig zu sein.

Radiointerviews

Nein, ich transkribiere das und es erscheint als e-Book.

Tim L.: Ah. Ok. Wir waren aber auch schon live bei Fritz, oder wenn das Interview vorproduziert ist, das ist immer eine besondere Situation.

Ist das dann überhaupt noch ein Interview? Wenn Du zwischen 2 Liedern mal eine Frage beantworten kannst und Dir der Moderator noch nicht einmal in die Augen schaut, weil er das rote Licht im Blick hat?

Tim L.: Ja, das geht ja nicht um eine Essenz. Das ist eigentlich ganz oberflächlich.

Oliver: Genau, da geht es dann eher darum, welche oberflächliche Smalltalk-Frage man mal noch stellen kann. Wir haben jetzt noch 25 Sekunden…

Tim L.: …für uns geht es darum, noch eine Information unterzubringen, in kürzester Zeit.

Sinn und Zweck von Interviews

Seht Ihr Interviews für Euch als Werbeplattform?

Oliver: Naja, momentan freuen wir uns schon über Interviewanfragen mit dem Hintergedanken, dass sie für uns Öffentlichkeit bedeuten. Aber Werbeplattform? … Nein, ich freue mich über die Situation, weil ich da selber noch einmal reflektieren kann. Auch Dinge, die ich mich selbst noch gar nicht so gefragt habe.

Da sind Interviews dann doch auch ein Gewinn?

Oliver: Wenn sie die nötige Tiefe erreichen und über Fragen hinausgehen wie: „Warum heißt Ihr wie ihr heißt?”…

Tim L.: Wobei es auch manchmal gut war, dass die Frage gestellt wurde, weil wir erschlagen waren von der Antwortfülle, die man hätte geben können. Oder wenn jemand fragt: „Warum machst Du Musik?”, dann weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll.

Oliver: Das ist mir für ein Interview aber auch zu unspezifisch.

Tim L.: Ja, es ist auch unspezifisch. Aber es hat vielleicht dazu angeregt, sich ein paar Antworten zurecht zu legen oder das zu strukturieren.

Oliver: Also ich finde, als wir Interviews gegeben haben… Naja so oft hatten wir noch nicht die Gelegenheit….

Aber Sputnik, Fritz… Das sind größere Sender…

Oliver: Für uns war das auch immer aufregend und wir haben es als Möglichkeit gesehen, Interviews zu üben.

Das klingt so, als würde man da schon eine Routine entwickeln….

Tim L.: Ich glaube, die braucht man auch, um in so einer Stresssituation… Das ist ja erst einmal eine Stresssituation. Wenn ich mir vorstelle, dass mich als Normalbürger einer von RTL auf der Straße anspricht, dann ist das erst einmal Stress. Also in mir löst es Stress aus, wenn mir jemand eine Frage stellt und ich soll ad hoc darauf antworten.

Was ist ein Interview eigentlich?

„Also für mich sind Interviews eben auch stressfrei. Wir setzen uns mit einem Kaffee hin und kratzen auch nicht nur an der Oberfläche. In der Umgangssprache ist Interview natürlich alles andere auch.“

Also so Umfragen… Sind das noch Interviews?

Oliver: Nein. Also für mich sind Interviews eben auch stressfrei. Wir setzen uns mit einem Kaffee hin und kratzen auch nicht nur an der Oberfläche. In der Umgangssprache ist Interview natürlich alles andere auch.

Tim L.: Ich verbinde Interview immer mit Mikrofon. Ich werde etwas gefragt, antworte und es wird auf viele unbekannte Menschen übertragen. Natürlich möchte man dann auch eine gute Figur abgeben. Mit der Routine macht man sich dann aber auch davon frei.

Dann seid Ihr ja vielleicht sogar dankbar, wenn sich Fragen wiederholen?

Oliver: Hm. Naja. Vielleicht am Anfang für einen Moment, um reinzukommen. Aber die Frage ist ja, wen erreicht das Interview und wer ist der Adressat. Wenn man da ein sehr großes Publikum erreicht, dann überlegt man sich schon, welche Claims man rausschickt und wie man sich als Produkt präsentiert. Aber das ist sicher nicht die Art von Interview, die Du schätzt.

Es gibt beides: die sehr routinierten Interviewpartner, die genau wissen, was sie sagen wollen und wie sie es unterbringen und die sehr sympathischen Interviewpartner, die authentisch antworten und die Fragen ernst nehmen.

Oliver: Man lernt leider aber oft, noch das unterzubringen, was man selber noch sagen will, auch bei einer Frage, die in eine ganz andere Richtung geht. Man sieht das in der Interviewkultur, in Talkshows.

Da sind wohl auch die Definitionen von Interview fließend. Wir hatten vorhin ja schon die Straßenumfragen. Ein anderes Beispiel sind Rubriken wie „5 Fragen an…”. Ist das noch ein Interview.

(An der Stelle kommt Tim wieder rein)

Tim N.: Na, da kann man ja auch per Email antworten. Das ist auch sehr edel, das zu unterscheiden: Spreche ich den direkt an oder schicke ich es per Email. Dann kann der Künstler selbst entscheiden. Oder ob sich das Management verpflichtet fühlt, zu antworten. Ist schwierig. Und würde man wahrscheinlich auch kein Interview nennen.

Es kann sich eben bei 5 Fragen schwer ein Dialog entwickeln.

Tim N.: Ist ja auch nicht gewünscht.

Oliver: Nein, da soll es schnell und knapp sein… Komm, ein Wort. Wir brauchen nur ein Wort. Bitte nicht so viel reden.

Über die Interviewsituation

Was sind denn dann die angenehmsten Interviewsituationen? Live beim Radio offenbar nicht….

Oliver: Hm, hatten wir schon mal angenehme Interviewsituationen? Ach, beim Kreuzer. Da haben wir uns anderthalb Stunde unterhalten und ich habe nach 10 Minuten gemerkt, dass ich richtig gelöst bin. Das war schön.

Tim N.: Nach dem Konzert. Das ist auf jeden Fall schöner als vor dem Konzert.
 Weil man da auch noch einmal gelöster ist. Das ist wie ein Bier trinken. Man ist näher an dem Kunstgeschehen. Die Fragen gehen dann mehr ins Herz.

Die Chance hätten wir gehabt…

Tim N.: Ja, aber ich habe auch gewusst, dass ich da verplant bin. Da habe ich einfach zu viele Freunde in Leipzig. Und hast ja gesagt, dass es eine Stunde dauert…

Oliver: Ach Mist Freunde… Ich dachte, Du schläfst bei uns….

Na gut. Wir machen es nun vor dem Konzert. Ist das anstrengend?

Tim N.: Nein. Eigentlich nicht. Mir geht nur gerade die Zeit ein wenig weg. Es ist das erste Konzert der Tour, da sind noch einige Sachen zu organisieren und wir haben uns beim Soundcheck nicht so wohl gefühlt. Ich gehe die Setlist noch einmal durch…. Deswegen bin ich tatsächlich nicht mehr 100-prozentig da.

Das ist auch kein Problem. Ich habe nur noch ein paar Fragen, die ich gerne zum Vergleich auch bei den anderen Interviews stelle. Die können wir als Abschluss nehmen. In welcher Situation gibst Du denn gerne Interviews?

Tim N.: Also eine Stunde ist zu lang.

Auch wenn sich ein interessantes Gespräch entwickelt?

Tim N.: Nein, dann natürlich nicht. Dann ist es ein schönes Gespräch. Aber im Vorfeld ist eine Stunde eine lange Zeit. Am Tag eines Konzertes nimmt das dann viel Raum ein. Es kann ja auch sein, dass man in der Stadt einen Freund oder eine gute Freundin hat…

Tim L.: Ja, es kann ja sein, dass man in jeder Stadt eine Freundin hat…

Über verschiedene Interviewarten

Ohja. Dann also eher eine halbe Stunde, da aber das Risiko einkalkulieren, dass man das Interview abbrechen muss?

Tim N.: Haha. Naja, das sind auch nicht zu verallgemeinernde Thesen. Es kann durchaus sein, dass wir jetzt noch eine halbe Stunde gut reden können. Ich sage das auch nicht als Wink mit dem Zaunpfahl.

Ist recht. Auf jeden Fall ist das persönliche Gespräch aber angenehmer?

Tim N.: Jaaaa. Ich finde Email auch ganz schön. Da kann man dann darüber nachdenken. Ich wusste da aber auch, wo es hingeht und das ist ein großer Unterschied.

Aber dann gehen die Fragen hin und her?

Tim N.: Nein, auf keinen Fall schriftlich hin und her.

Aber dann hast Du auch wieder keinen Dialog.

Tim N.: Aber da musst Du mal sagen: Wo kommt das Interview her?

Fragen und Antworten spielt in der Definition natürlich eine wesentliche Rolle. Aber vom Wort her kommt es aus dem Französischen: entrevue. Man trifft sich. Wie auch bei Rendezvous.

Oliver: Und Entrecote. Ach ne, das ist das Fleisch.

Und damit muss die Definition des Interviews neu geschrieben werden. 
Habt vielen Dank, dass Ihr Euch die Zeit genommen habt.


Links:

Discographie:

2011 The Cabinet
the cabinet

 

 

 

2013 Yindi 2.0 (Re-Release)
yindi

 

 

 

2013 Now
now

 

 

 

2013 One Of A Thousand Ways
one of thousand ways

 

 

 

Dazu kommen Kollaborationen mit:

Kat Frankie: Video zu „As Life Found You“
Video zu „Easy Or Not“, dafür waren beide für den Video-Award nominiert
Sansa: Lump Sump (Bon Iver Cover) auf der Single: Easy Or Not
An Horse: Split EP

Empfehlungen:

Balcony TV: Tm Neuhaus spielt über den Dächern von Hamburg. Große Bühnen werden überschätzt. Akustikkonzerte auf kleinen Balkonen hoffentlich geschätzt.
Tour of Tours: Kleine Bühnen werden überschätz – Große Bühnen können auch sehr intim sein, wenn man sie mit Freunden teilt. Mit den Freunden Ian Fisher, Stephan Honig, Town of Saints und Jonas David macht Tim Neuhaus deshalb ganz offiziell das, was er ohnehin mit ihnen machen würde, weils so schön ist: Musik. Zu zehn spielten sie Anfang 2015 einige Konzerte und nannten das ganze nicht zu Unrecht Tour of Tours. Für die, die nicht da waren, gibt es einen Mitschnitt.
Inas Nacht + TV Noir: Mit Ina Müller trinkt und singt er in der Studio-Bar, mit Tex Drieschner trinkt und singt er im Heimathafen.

Bauchgefühl ist definitiv entscheidend

Dingoes Ate My Baby

Dingoes Ate My Baby sind eine Band, die mehr macht als Musik. Sie sind so etwas wie ein Gesamtkunstwerk – voller popkultureller Referenzen, allen voran natürlich „Buffy – im Bann der Dämonen“, für die Live-Shows komponiert das Leipziger Quartett auch Lichtshow und -installationen. Diesen Freitag, am 5. Januar, zeigen sie das im Horns Erben. Das möchte ich zum Anlass nehmen, um Euch die Band im Interview vorzustellen:
Was ist Euch lieber als Referenz: Der Bandname stammt aus „A Cry In The Dark“ oder aus der Seinfeld-Folge „The Stranded“? Wer passt besser zu Euch Meryl Streep oder Elaine Benes, und warum?

Weder noch. Er stammt ursprünglich aus Buffy – Im Bann der Dämonen – Die Frage ist daher wohl eher: Angel oder Spike?
…oder Sarah Michelle Gellar!
Die Musik mit energiegeladenen Soli, oder Jamsessions, in denen sich Schlagzeug und Geige gegenseitig hochschaukeln, haben so gar nichts Kompositorisches. Trügt der Eindruck oder entstehen die Stücke tatsächlich aus Jamsession heraus?

Jamsessions sind tatsächlich ein wichtiger Motor für unser Songwriting. Doch darin erschöpft es sich nicht. 
Meist bringt einer von uns eine Idee mit in die Probe, an der gearbeitet wird. An diesem Punkt wird sehr viel gejammt und improvisiert. Oft verändern wir auch noch Kompositionen, nachdem wir sie bereits ein paar Mal live gespielt haben.
 Dabei sind es natürlich nicht nur Geige und Schlagzeug, die sich „hochschaukeln“, auch wenn es bei den beiden wahrscheinlich am offensichtlichsten ist. Jeder von uns  versucht, dem anderen spielerisch möglichst viel Raum zu geben. Darüber hinaus bauen wir als Gruppe live eine bestimmte Energie auf, aus der für den Einzelnen stetig neue Impulse im Spiel entstehen. Deswegen ist das Aufeinanderhören für uns so wichtig. Es ist aber auch richtig, dass wir in unserer derzeitigen Entwicklung immer mehr Abstand von klassischen Songstrukturen suchen. Damit geht auch die stärkere Fokussierung auf instrumentale Passagen einher.
 Wir versuchen im Prozess des Spielens und Schreibens und Schreibens und Spielens immer wieder, herauszufinden, wozu eine
 Form, also zum Beispiel eine Songstruktur eigentlich da ist – Trägt sie gerade das, was wir aussagen wollen oder zwängt sie unseren Ausdruck in ein Korsett? Das heißt für uns, viel herum zu probieren, immer erstmal alles möglich sein zu lassen. Wir sprechen miteinander auch viel über das, was wir tun. Das, was wir an Musik, Licht und installativer Kunst ringsherum tun, sehen wir als einen beständigen Prozess: Ein Song, ein Stück oder ein Lichtobjekt ist nie wirklich fertig, egal ob es eine feste Songstruktur hat oder ein 10minütiger Instrumentaltrack ist: Wir überprüfen für uns immer wieder, was die Bewegung oder der Kerngedanke im Stück ist und feilen eigentlich stetig daran herum. Aufnahmen der Songs sind daher möglicherweise immer nur Momentaufnahmen.
 Das ist auch die Idee mit dem neuen Album: Wir haben einige Stücke so weit fertig, dass wir sie nach draußen geben wollen. Deswegen sollen sie bald auf eine Platte. Spannend ist dabei, dass wir in die neue Musik erheblich mehr Überlegungen gesteckt haben. Die erste Platte ist eher einfach so passiert. Deswegen suchen wir gerade auch nach Partnern wie Labels usw. für das nächste Album: Beim ersten Album haben wir alles selbst gemacht: Aufnahmen, Produktion, Organisation, Layout, Druck usw. Diesen Prozess wollen wir diesmal zumindest in Teilen aus der Hand geben, um uns noch mehr auf die Musik selbst konzentrieren zu können.
Dazu passen mitunter auch die Texte, die auf recht straighte und ungeschönte Art Gefühle in einfache Sätze fassen: „Behind closed curtains your room and your life will always stay the same / The sun will never shine in and you know exactly who’s to blame“, „Gimme Shelter / I ain’t got no place to stay“, „Sometimes you want get lost, sometimes you don’t know who to trust“. Entstehen die Texte auch spontan?

Leider nein. Die Texte entstehen tatsächlich separat von der Musik. Erst spät im Songwriting wird beides zusammen gefügt. Die Zitate, die du ausgesucht hast, entstammen Songs (Devil’s End, Road Song, Shelter), in denen hauptsächlich der Ausbruch aus dem Alltag, Fernweh und der Blick in den Spiegel thematisiert werden.
Andere Texte befassen sich mit philosophischen oder politischen Themen und sind dementsprechend weniger straight, sondern stärker metaphorisch gefärbt. Zum Beispiel “Atlantis”, “The 5 Eyes” oder eines unserer neuesten Stücke “Gaia”. 
Auf dem ersten Album beschrieb die Mehrzahl der Texte persönliche Eindrücke und Erfahrungen. Das hat sich mit den neuen Songs in Richtung des Politisch-Philosophischen verschoben. Die Art des Textens hat sich auch stark gewandelt: Wir erzählen weniger Geschichten als zuvor. Die Texte sind auf der einen Seite deutlich inhaltlicher, auf der anderen Seite geht es auch hier darum, Worte und deren Klang stärker als Gestaltungsmittel zu nutzen. Der Text und seine Melodie sind noch mehr Bestandteil des Gesamteindrucks der neuen Songs: Auf dem ersten Album diente die Musik öfter dazu, den gesungenen Text zu begleiten. In einigen der neuen Stücke holen wir Text und Gesang mehr auf die Augenhöhe der Instrumente. Deswegen haben wir eben auch angefangen,
klassische Songstrukturen aufzubrechen.
Ist Bauchgefühl eine entscheidende Kraft für Eure Kreativität?


Bauchgefühl ist definitiv entscheidend. Am Anfang steht immer ein Impuls aus der Gruppe oder einer einzelnen Person von uns – Diese Impulse kommen zumeist aus dem Bauch. Im Laufe des Songwritings holen wir das dann aus dem Bauch auf die Kopfebene, um daran bewusst arbeiten zu können. Im Konzert spielen wir die so geformten Sachen dann wieder ganz aus dem Bauch.
Sind externe Einflüsse wie eben die Vorgaben des Drehbuches zu Buffy oder der Rahmen bei Veranstaltungen wie die Nacht der Kunst wichtige Impulse für die Kreativität? Oder begreift Ihr so etwas eher als Gelegenheit, Euch zu präsentieren?


Der Bezug zu Buffy ist dann doch eher oberflächlich: Es gibt dort diese fiktive Band als Easteregg, die immer wieder in Clubs spielt.
Wir bedienen uns hin und wieder bei Buffy und bauen kleine Anleihen in unterschiedlicher Form in Konzerten, Merch usw. ein.
Ansonsten lassen wir uns wenig extern aktiv beeinflussen. Wir arbeiten gern mit Veranstaltungsorten und -formaten, doch dort schaffen wir uns eher unseren Raum. Hauptimpuls unserer Kreativität ist unser Zusammenspiel an sich - Sowohl im eigentlichen musikalisch-künstlerischen Sinne, als auch in den flankierenden Prozessen und den persönlichen Beziehungen untereinander. Das klingt jetzt recht abgedroschen, doch wir haben einen sehr spielerischen Zugang: Generell probieren wir einfach immer erstmal aus, ohne davor schon zu bewerten. Das öffnet uns den Raum, viel zu experimentieren und zu viert alle Ideen, die wir so haben, zumindest im Gespräch auszutesten. Erst danach filtern wir, was wir weiter verfolgen wollen, nach außen geben wollen oder was nicht.
Wir sind in diesen Prozessen immer wieder vom anderen überrascht. Wir haben alle schon in vielen anderen Bands und Projekten gearbeitet und haben dementsprechend einen sehr unterschiedlichen Zugang zu Musik und Kunst. Aber seit der ersten Probe ist eine Empathie oder auch Symbiose in unserem Zusammenspiel entstanden, das in der Form keiner von uns vorher erlebt hat.
Es ist schön, zu sehen, dass wir einfach gut zusammen zu passen scheinen. Das setzt immer wieder immens viel Energie frei.
Leipzig ist oder zumindest war ja eher für eine Szene für elektronische Musik oder Gothic bekannt. War das (zu Beginn) problematisch für Euch als eher folk-lastige Band? Habt Ihr das Gefühl, dass sich vor allem in den vergangene Jahren verstärkt auch in Leipzig eine Folk-Szene entwickelt mit zum Bsp. Bands wie Jody Cooper oder My Sister Grenadine?

Es ist spannend, zu fragen, ob sich momentan so etwas wie eine Folkszene in Leipzig entwickelt. Vielmehr als von einer bestimmten Kulturszene wäre momentan eher von freundschaftlichen Beziehungen unter verschiedenen Künstlern aus Leipzig und darüber hinaus zu sprechen. Mit Leuten, wie bspw. Arik Dov, umgeben wir uns auch einfach gern. Es ist sehr verbindend, andere Menschen zu treffen, die mit einem ähnlichen Maß an Leidenschaft und Liebe an ähnlichen Dingen arbeiten, wie man selbst. Möglicherweise entsteht genau daraus gerade eine derartige Szene in Leipzig. Mit dem Straßenmusiker On Stage Festival in Leipzig, das im Juni 2016 erstmalig stattfand, wurde vielleicht ein weiterer Grundstein für eine solche Entwicklung gelegt.
Was jedoch richtig ist: Als Musiker für akustische, handgemachte Musik hat man es in Leipzig mitunter schon schwerer als vor allem die Kolleg*innen der elektronischen Szene. Harte Auflagen vom Ordnungsamt für Musikkneipen und kulturelle Orte wie bspw. das Horns Erben, sowie geringe oder nicht vorhandene finanzielle Möglichkeiten (das eint uns dann jedoch wahrscheinlich wieder alle) machen es Musikern und Kulturschaffenden nicht leichter.

Und zum Vorab-Reinhören: Dingoes Ate My Baby auf bandcamp:


 

Interview über Interviews mit: Jens Friebe

>Jens Friebe<

Jens Friebe ist Musikjournalist, Texter und Musiker. Spätestens seit 2004 und seinem Debüt Vorher Nachher Bilder taucht er immer wieder in verschiedenen Pop-Türchen auf. Er freundet sich mit Alfred Hilsberg an, schreibt für die intro und die Spex. Er landet letztendlich in Berlin und bei Staatsakt. 
Über diesen Weg sammelt er weitere Freundschaften mit Christiane Rösinger, Kerstin und Sandra Grether, Linus Volkmann. Aus denen ergeben sich verschiedene Projekte und Kollaborationen. Unter anderem als Keyboarder bei Maximilian Hecker oder eine Tour für das Goetheinstitut.

Interview am 25.11.2014, Berlin Südblock

Zeichnung Jens Friebe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist ja ein Interview über Interviews. Und Du führst ja auch öfters Interviews. Auf welcher Seite des Mikros gefällt es Dir denn besser – auf der jetzt oder auf der des Interviewers?

Ich habe eigentlich beides immer relativ ungern gemacht, und bin auch allgemein nie ein großer Fan von Interviews gewesen. Vor Allem, da es fast unmöglich ist, so etwas wie eine natürliche Gesprächssituation herzustellen, da immer ein hierarchisches Gefälle besteht: es geht nur um einen der beiden Gesprächspartner. Der eine ist also interessant und der andere nicht.
Gleichzeitig hat der Interviewer eine Machtposition, weil er relativ anonym bleibt und entscheidet, welche Fragen er stellt.  Als Interviewter sitzt man zwar irgendwie am längeren Hebel, da man ja nicht jede blöde Frage beantworten muss, trotzdem sind die Reaktionsmöglichkeiten begrenzt: entweder man wirkt unfreundlich, wenn man bestimme Antworten verweigert, oder man gibt eine blöde Antwort.

Ich glaube aber schon, dass Du es als Interviewter in der Hand hast, das Thema mit zu bestimmen. Gerade bei sehr oberflächlich gestellten Fragen…

Es gibt natürlich ganz professionelle Strategien, wie etwa die von Blixa Bargeld, der mal sagte, er schert sich in Interviews gar nicht um die Fragen, sondern hat immer seine 10 feststehenden Antworten. Das fände ich aber dann auch wieder schade. Dazu habe ich doch ein zu idealistisches Bild von einem guten Interview. Ich will mich ja trotz allem offen halten für Sachen, über die ich vorher noch nicht unbedingt nachgedacht habe. Was ich allerdings gar nicht kann, sind so Fantasy-Schlagfertigkeitsfragen wie: „Was sind so drei Dinge, die Du auf eine einsame Insel mitnehmen würdest?“, „Wen würdest Du gerne mal kennen lernen?“, „Was ist das Peinlichste, was dir je passiert ist?“

Das sind ja eher Fragenkataloge.

Genau. Und das ist bei mir wirklich eine spezielle Unverträglichkeit. Es ist nicht nur, dass ich keine Lust habe, darauf zu antworten. Es ist eher wie ein physisches Symptom, eine Gehirnlähmung. Ich kann dann einfach beim besten willen nichts sagen.

Was würde das denn aber auch über Dich sagen, wenn Du antworten würdest: Queen Victoria oder so?

Ich weiß nicht. Aber ich will nicht ausschließen, dass es interviewtalentierte Künstler gibt, die bei solchen Fragen zu Höchstformen auflaufen und total originelle Sachen sagen. Ich gehör nur leider nicht dazu.

Und was hältst du von Moritz von Uslars Fragenkatalogen? Seine „100 Fragen“?

Naja, dessen Fragen waren ja immerhin auf de jeweiligen Befragten abgestimmt, nicht standardisiert. Allerdings immer mit dem Willen, zu provozieren und das Gegenüber aus der Fassung zu bringen. Das hat mir nur Spaß gemacht zu lesen bei arroganten Stars oder Politprofis. Bei Leuten, die ich mochte und von denen ich wirklich was wissen wollte, war mir das immer zu grob.
Für mich ist das Ideal eher jemand wie Alexander Kluge. Dem wird ja oft vorgeworfen, dass er zu viel über sich erzählt. Aber von mir kriegt man am meisten heraus, wenn man auch etwas über sich preis gibt. Wenn man sich Gedanken gemacht hat und keine konstruierten Fragen stellt. Mitunter haben die Interviewer so eine Haltung: Es geht ja jetzt nicht um mich sondern um den Interviewpartner. Das ist eine Bescheidenheit, die mich eher verunsichert.
Da ich selber Journalist bin, kommt natürlich auch oft die Frage: „Was würdest Du Dich denn fragen?“ Das ist aber eine Selbstanwendung, die natürlich auch nicht funktioniert.

Das wirkt, als hätte sich der Journalist nicht vorbereitet und das ist ja auch respektlos.

Ja.

Fandest Du es gut, wie Charlotte Roche das gemacht hat? Die hatte glaube ich immer so einen Ansatz…

Ja. Ich fand Charlotte Roche immer ganz gut. Da gibt es einige gute Interviews. Ich bin aber nie von ihr interviewt worden. Ich fand immer, dass sie wirklich sehr gut  war mit Superstars. Da hatte sie so eine Frechheit, die aber auch nicht so bohrend war, eine gute Art von Respektlosigkeit. Nicht Arschkriecher-freundlich, sondern freundlich.
Bei deutschen Acts wie z.B. der Hamburger Schule fand ich eher, dass es nicht so funktioniert hat. Vielleicht hatte sie vor denen paradoxerweise mehr Ehrfurcht. Oder sie war umgekehrt zu nah dran.

Kennst du das Problem auch, wenn du deutsche Musiker interviewst, dass es da eine Befangenheit gibt?

Nein, eher im Gegenteil, für mich ist es ganz angenehm, wenn die Sprachbarriere wegfällt. .  Zwei der entspanntesten Interviews, die ich je geführt habe, waren mit Andreas Dorau und Sven Regener. Das sind Leute, die reden einfach drauf los und erklären ihre Sachen, mit so einer demystifizierenden Punkhaltung. Das ist wirklich sehr erfrischend und ungewöhnlich.  Es ist wirklich erstaunlich, mit wie wenigen Bands man zum Beispiel über ihre Texte sprechen kann. Meist heißt es : „Da soll sich jeder selbst was bei denken, wir wollen da gar nicht zu viel vorgeben“, oder sogar: „Wir wissen selbst nicht, was die Lieder bedeuten“. Ich dagegen rede gerne über den Sinn meiner Lieder, werde aber selten danach gefragt.

Einen allgemeingültigen Rat kannst Du aber auch nicht geben, ob man die Bands nach ihren Liedern fragen sollte oder eben nicht?

Nee.

Dann musst Du das richtige Gespür mitbringen, ob sie das jetzt wollen oder nicht. Immerhin wollen sie ja ein Interview geben.

Ja. Das stimmt. Ich habe aber immer das Problem, dass ich nicht weiß, worüber ich mit den Bands reden soll, wenn sie eben nicht über ihre Songs reden wollen. Das ist fair enough , aber mich interessieren meistens diese Geschichten nicht, warum man mit welchem Produzenten aufgenommen hat. Und ich habe auch keine Lust, so Privatfragen zu stellen: Wie seid Ihr denn so drauf?

Es ist halt keine private Situation.

Das stimmt, aber es gibt ja durchaus Journalisten, die eher an einer Art „Homestory“ interessiert sind, über die Lebensumstände und Freizeitgestaltung. Mein Interesse bei einem Interwiew mit einer Band ist aber eben gemeinsam über ihre Musik zu sprechen.
Da fehlt mir dann vielleicht  die richtige Technik, wenn sie nicht darüber sprechen wollen.

Glaube ich nicht. Ich glaube, es ist schon auch eine Frage der Band, worüber man sprechen kann. Es gibt ja einige, die sich explizit zu musikfremden, zu politischen Themen äußern – Churches, Morrissey….

Aber Morrissey ist für mich wiklich das Paradebeispiel für einen unerträglichen Inteviewpartner. Ich habe ein interview von Russel Brand mit ihm gesehen. Russel Brand war wirklich süß und sehr bemüht. Aber er konnte es Morrissey einfach nicht recht machen. Als Brand in einer Frage sagte „you are a vegetarian“, sagte er: „I am not a vegetarian. I just don’t eat meat“. Und als eine Frage losging mit: „When you perform live“, kam gleich: „I don’t perform.“ – „So, what do you do?“ – „I appear life“.

Aber ehrlich. Ist so etwas gerechtfertigt? Ist das sinnvoll?

Also ich finde solche Allüren schrecklich. Als Journalist, weiß ich, wie nervig es ist, wenn alle Zuschreibungen abgewiesen werden: Das will man nicht gewesen sein, und das auch nicht – Am besten schreibst Du gar nichts!

Dann sollten sie vielleicht kein Interview geben?

Das finde ich auch.

Ich frage mich bei Morrissey dann immer, ob das eine Kunstfigur ist. Bei Kinski ja definitiv…

Bei Kinski war das keine Kunstfigur. Das war schon authentisch, glaube ich. Daran, dass er im echten Leben ein wahnsinniger Choleriker war, besteht kein Zweifel. In Interviews kam vielleicht hinzu, dass ihm nicht richtig was so Schlaues eingefallen ist, wie er es gern gehabt hätte, und das hat er dann über Aggressionen gelöst. Das war aber schon ziemlich glaubwürdig sein Wesen. Der stand unter Strom. Das war auch die Hauptattraktion an ihm.

Wenn Du das aber als Kunstfigur durchziehst, wäre das schon ok. Es wäre sicher eine Sonderform des Interviews, aber interessant.

Ja aber zu welchem Zweck konstruiert man eine Kunstfigur? Wenn man so etwas macht, kreiert man sich doch etwas, das man hinterher gerne sieht und mag, oder?
Ich glaube, die Leute haben einfach schon so viel Mist über sich gelesen, das ich diesen Verweigerungsimpuls irgendwie auch verstehen kann. Jede Fremdbeschreibung, die man zulässt, birgt ja die Gefahr, dass das als Attribut an dir hängenbleibt.
Bei mir ist es der “Pop-Dandy“. Neulich wollte ich mal Zitate raussuchen für meine neue Promo und ich habe fast nichts gefunden ohne „Pop-Dandy“. Das wollte ich denen dann natürlich nicht wieder zu fressen geben.

Pressetexte sind ohnehin noch eine ganz eigene Sache…
Da hast Du ja die Chance, selbst zu bestimmen, worüber geschrieben wird, weil Du zu 99 Prozent sagen kannst, dass da Sachen übernommen werden.

Das ist aber auch ein Problem, dass das dann alle abschreiben. Denn auch wenn du bestimmen kannst, was überall steht: Alles nervt, wenn es überall steht. Ich nehme noch mal das Beispiel mit dem Popdandy. Wenn das ein mal in einem Text steht, finde ich das ja gar nicht schlimm. Aber wenn es dann zu so einem festen Beinamen wird, nervt es. Und wenn man im Interview dann gefragt wird: „Bist du wirklich der Pop-Dandy?“ Was soll man dazu sagen.

Und genau da würde ich mir wünschen, dass Du aufstehst und sagst: Ich habe darauf keinen Bock. Ich geh. Bist du – und viele andere Bands auch – zu geduldig, aus Angst, als arrogant dargestellt zu werden?

Ja, vielleicht gibt es diese Angst. Vielleicht verstehe ich aber auch die andere Seite zu gut. Es gibt halt einen ewigen Interessenkonflikt. Die Journalisten wollen die Künstler auf eine griffige Formel festnageln, die Künstler wollen sich nicht festnageln lassen. Bei manchen Musikern hat mich das auch schon genervt, diese Art sich jeder konkreten Aussage zu entziehen, vor allem dann, wenn sie in Texten mit politischen Statements kokettieren, und, danach befragt, es dann aber nicht gewesen sein wollen. Nach dem Motto, alles nicht so ernst gemeint, soll sich jeder selbst was dazu denken. Die Relevanz hat man sich aber vorher trotzdem übers Politische abgeholt.
Ein anderer Grund nicht bei jeder blöden Frage abzuhauen, ist aber auch, dass man von der Gesprächssituation im Interview nicht darauf schließen kann, wie das verwertet wird. Ich habe schon Gespräche gehabt, wo ich dachte: Oh Mann, der Typ will mich fertig machen, und dann war der Text erstaunlich ok. Und ich hatte hervorragende Gespräche, die sich dann nachher verschriftlicht ganz grauenvoll lasen.

Aber dann kannst Du ja autorisieren.

Das mache ich dann auch manchmal. Aber es ist auch wahnsinnig viel Arbeit, alles umzuschreiben, und es wird nicht immer akzeptiert.

Nun ist die Autorisierung gerade ein aktuelles Thema und die Frage, wer die Rechte an den Aufnahmen hat, wird mit Helmut Kohl verhandelt. Hattest Du selbst schon mal Probleme?

Nein. Nicht mit O-Tönen. Eher mit der Gesamtdarstellung im Interview. Bei der ersten Platte gab es eine Homestory und dem Interviewer sind einfach keine Fragen eingefallen. Er wusste einfach nicht, was er mich fragen sollte. Ich habe noch versucht, ihm zu helfen. Er war untröstlich und hat sich für das schlechte Interview entschuldigt. Der Text würde dann aber auf jeden Fall gut werden, meinte er noch. In seinem Text beschrieb er dann auf einmal mich als einen so normalen, durchschnittlichen Typen mit dem eben kein Gespräch zustande gekommen sei, weil ich eben so langweilig wäre.

Ich finde es sowieso komisch „sich Fragen einfallen zu lassen”. Man geht doch zu einem Interview, weil man Fragen hat.

Ja. Das gab es einmal in Würzburg. Da kam der Interviewer zu mir und sagte: „Komm, erzähl mal“. Aber so funktioniert das nicht. Man muss mich schon etwas fragen.

Das war aber nicht Radio, oder? Da hat man ja meistens nur ein paar Sekunden Zeit und es ist klar, dass Du ein bestimmtes Statement abgeben…

Nein, das war nicht Radio. Und der Typ hat gesagt: „Ja aber Roman Fischer hat das gemacht und einfach etwas erzählt“. Und ich: „Ja, aber Roman Fischer ist auch noch jung und denkt, er müsste jeden Scheiß mitmachen und wird dann berühmt“. Ich weiß, dass man nicht berühmt wird, nur weil man jeden Scheiß mitmacht.
Aber ja: Radio ist noch einmal etwas Anderes. Und Fernsehen ist noch die Verschärfung davon. Da wird das Interview geführt, aber die Fragen sind nicht zu hören sondern nur die Antworten. So aus dem Zusammenhang gerissen wissen die Zuschauenden dann eben nicht, dass Du unter Umständen auf eine doofe Frage geantwortet hast.

Es geht auch weg von dem Gesprächscharakter, den ein Interview haben soll. So hast Du Frage hier, Antwort dort, Frage… wie bei einem Ping-Pong-Spiel. Bei einem normalen Gespräch ist das ja nie so. Es gab aber mal das Interviewkonzept “Vorsicht Ü-Wagen”. Da sind die Interviewer hingegangen und haben sich bewusst nicht vorbereitet, um die Zuschauer genau da abzuholen.

Naja, Das ist dann halt wie wenn man jemanden trifft, den man gar nicht kennt. Für ein Publikum, das einen gar nicht kennt. Halt für Einsteiger.

Da erschöpft sich aber bestimmt der Gesprächsstoff ziemlich schnell.

Tja, das geht bestimmt am besten, wenn man gerade seine erste Platte herausgebracht hat. Das ist dann ein wenig wie beim Familientreffen, wenn Du erzählen musst, was Du machst.

Für so Konzept kann man das natürlich machen, um den Künstler vorzustellen. Genauso könnte man das aber in einen Info-Text packen. Sinnvoller ist es sicher, ein Thema zu haben, bei dem man noch mehr erfährt. Aber da frage ich mich, was ein Interview leisten kann. Soll es eine Person portraitieren? Soll es die Position einer Person darstellen? Soll es das Werk einer Person darstellen?

Meiner Meinung nach sind Interviews nur dann wirklich interessant wenn Künstler neu sind,  oder wenn sie extrem agitatorisch sind und ein klares Thematisches Anliegen haben oder eine wilde Geschichte. Das alles sind keine Grundvoraussetzungen für einen guten Künstler. Nur wenn eine gute Band zum Beispiel ihr fünftes Album machen und ich dann wieder diese Interviews lese mit Fragen wie „Was habt ihr dieses mal anders gemacht?“, dann denke ich mir, das ist doch eigentlich nur Faulheit, dass in Interviewform zu machen. Ist ja auch wahnsinnig bequem. Ich habe Fragen und Antworten, und die schreibe ich dann auf bis das Blatt voll ist. Man brauch sich nicht um die Struktur zu kümmern und man muss sich überhaupt keine eigenen Gedanken machen zur Musik. Grade das wäre aber eventuell das Interessante. Die Leute weinen ja immer der guten alten Zeit des Qualitätsmusikjournalismus hinterher, sprich: Spex, Diederichsen. Aber Diedrich Diederichsen hat nie Interviews gemacht.

Ist jetzt aber auch nicht der typische Musikjournalist, jedenfalls heute. Da ist er eher Forscher.

Ja, aber früher eben schon. Und die besten Texte in der Spex waren eben meiner Meinung nach eben keine Interviews.

Aber das meinte ich auch mit der Frage, ob es sich Bands leisten können, im Interview angefressen zu sein oder ob sie das Interview geben, obwohl sie keine Lust haben, weil es eben Promo ist.

Die Verschärfung der Krise in der Musikindustrie hat schon zu einer größeren Unterwerfungsbereitschaft geführt. Und es ist der ganze Achtziger-Jahre-Verve der Unverschämtheit und Anti-Haltung vollständig in HipHop aufgegangen und überall anders verschwunden.
Das sieht man daran, dass selbst ich als schwieriger Interviewpartner gelte.

Vielleicht, weil Du die Fragen ernst nimmst und das Ping-Pong-Spiel nicht mitmachen würdest. Es ist ja auch Quatsch zu sagen: Du bist ein schwieriger Interviewpartner. Es ist doch verdammt noch mal die Aufgabe des Interviewers, gute Fragen zu stellen.

Naja, es gibt schon wirklich schwierige Interviewpartner, wo man dann wirklich nichts machen kann.  Wir hatten ja schon Kinski und Morrissey, John Cale ist ja auch berühmt dafür. Aber es ist sicher auch immer eine Frage der Tagesform. Man gibt Interviews ja meistens schon nicht zu den Tageszeiten, zu denen man sonst mit Leuten spricht.  Man redet ja meistens eher abends besoffen offenherzig mit Fremden, und nicht mittags.

Aber das kann man ja planen.

Ja. man könnte natürlich sagen: Ich treffe mich ausschließlich abends…
Was aber, von praktischen Problemen mal abgesehen, widerum dagegen spricht : Wenn das Gespräch so eine ganz große Lockerheit erreicht , hat man am Ende zwar vielleicht ein super Gespräch geführt, aber wahnsinnig wenige zitierfähige Sätze. Es geht dann womöglich ganz von der Person weg auf entlegene Themen, die dann total kleinteilig besprochen werden. Vielleicht also doch nicht die Kneipe.  Ich würde aber trotzdem als Interviewer immer versuchen, eine natürliche Gesprächssituation herzustellen, bei der man vergisst, dass man ein Interview führt.

Und dann kommt es auch darauf an, was man erreichen will. Für eine Interviewserie oder einen ganzen Interviewband kann das ja ok sein. Es gibt ja auch einige Serien mit Politikern….

Interviews mit Politikern sind noch einmal eine ganz andere Sache.

Ach, das ist interessant. Wieso?

Naja. Weil Politiker im Auftrag des Volkes Entscheidungen treffen. Weil jedes Interview Teil davon ist, sich seine Legitimation als Volksvertreter zu holen. Deswegen sind unangenehme, kritische Fragen bei Politikern durchaus berechtigt, weil mit ihrem Beruf einher geht, sich pausenlos vor der Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen. Das Volk hat sozusagen das Recht, Rapport zu fordern. Und bei Musikern ist das anders. Jemand, der sich nicht für mich interessieren will, der muss sich nicht für mich interessieren. Ich muss es nicht jedem recht machen. Ein Politiker ja tendenziell schon. Es gibt also  keinen Grund, mir bohrende Fragen zu stellen.

Ich scheue mich aber davor zu sagen, dass man von Musikern keine Rechenschaft einfordern kann, ihnen keine kritischen Fragen stellen sollte. Bei bestimmten Themen ist das doch sicher möglich. Bei der Frage, ob sie ein Vorbild sind zum Beispiel… Ob sie sich an irgendeiner Stelle verkaufen. Oder ob sie zu einem Thema eine bestimmte Haltung haben.

Ja, schon. Ich weiß, was Du meinst. Und wenn einen wirklich etwas stört an irgendwelchen speziellen Aussagen oder einer Ästhetik, kann man auch kritische Fragen stellen. Aber es gibt Interviewer, die Künstler grundsätzlich so interviewen wie Politiker, mit dieser latent aggressiven schnippischen Grundhaltung, um einen aus der Reserve zu locken. Das finde ich falsch.
Künstlerische Entscheidungen sind einfach auch ein viel abstrakterer und feinerer Stoff, als politische Entscheidungen. Es ist überhaupt schwer darüber zu sprechen. Kunst ist eben eine eigene Sprache, und nicht alles ist übersetzbar.

Aber ist es nicht dennoch möglich, Fragen zu stellen? Was ist das für ein Werk? Wie setzt es sich zusammen? Und warum? Bezieht es sich auf andere Werke?…

Solche ästhetischen Fragen bleiben aber meistens stehen bei: „Wie schreibst Du überhaupt Songs“, „Was fällt Dir als erstes ein, der Text oder die Melodie“? Das ist natürlich die allergröbste Oberfläche des Prozesses. Interviews über Einzelheiten künstlerischer Entscheidungen in einzelnen Songs fände ich natürlich interessant. Aber erstens ist das natürlich nerdig und zweitens können viele Interviewer das gar nicht leisten.

Weil sie keine Musiker sind?

Ja, Wahrscheinlich. Vielleicht könnten auch  sich reindenken, aber auf dem Niveau habe ich das selten erlebt, dass Leute versucht haben, mit mir zu sprechen. Und wenn sie’s gemacht haben, ist es meist nicht im Interview gelandet. Vielleicht glauben sie, es wird dann zu speziell. Und sie haben vermutlich Recht. Ich habe mal für die Intro eine Kolumne geschrieben, in der ich Songs so hermeneutisch analysiert habe, auch die Harmonien und so weiter. Da bin ich aber schnell wieder von abgerückt, weil ich gesehen habe, dass das einfach nicht mehr allgemein verständlich ist.

Das geht ja schon fast in so eine Haltung: Es gibt die BILD, weil das das ist, was die Leute lesen wollen.

Naja, nicht so ganz. Man kann auch von einem Leser, der kein denkfauler Depp ist, nicht verlangen, das er irgendwas damit anfangen kann, wenn ich schreibe: E moduliert von D zu D Moll. Das müsste dann idealerweise gleichzeitig vorgeführt bzw. vorgespielt werden.

Hast Du denn einen Vorteil als Musikjournalist dadurch, dass Du Musiker bist?

Naja, nur solange ich den Anspruch habe, es als solcher zu schreiben, was dann aber eben leicht unlesbar wird. Für das, was Leute normalerweise an Musikjournalismus lesen wollen, ist es also kein besonderer Vorteil.

Du kannst es aber eher durchschauen und das ist ja auch wichtig für Journalismus… Hast Du eigentlich auch Musikjournalismus studiert? An einer Stelle habe ich das mal gelesen.

Nein, Musikwissenschaft. Gibt’s Musikjournalismus überhaupt als Studienfach? Ich bin aber auch generell dagegen, Journalismus zu studieren.

Also in Paderborn gibt’s Musikjournalismus. Wieso bist Du denn dagegen?

Ich glaube, die Leute sollten das studieren, was sie thematisch interessiert. Darüber schreibt man dann auch gut. Und ich finde nichts erfrischender als einen guten Text in einer Zeitung, der eben nicht den typischen Journalisten-Stil hat. Jemanden beizubringen so zu schreiben, wie es sich z.B. in der Zeit anhören muss, finde ich unsinnig.

Nachdenken kann man einem halt nicht beibringen.
Was mir immer wieder auffällt ist, dass sich bestimmte Antworten verselbstständigen, wenn Du sie mehrmals gibst. Hast Du auch das Gefühl, dass sie dann sozusagen wahr werden und Deine eigene Wahrnehmung beeinflussen.

Naja, das ist eine gewisse Bequemlichkeit. Wenn man zweimal etwas geantwortet hat und man war damit so zufrieden, gibt einem das eine Sicherheit. Beim ersten Interview ist man erst einmal etwas aufgeregt: Was für Fragen kommen wohl? Fällt mir dazu etwas ein? Es gibt Fragen wie: „Was hast Du Dir bei dem Cover gedacht“? Da denkt man beim ersten Mal drüber nach und vielleicht beim zweiten Mal wieder. Aber irgendwann hast Du dann Deine Antwort. Die ist bewährt und dann musst Du Dich nicht mehr anstrengen.
Es gibt aber natürlich noch eine andere Art der Verselbstständigung, die sehr tückisch ist… Bei Karl Lagerfeld zum Beispiel, dem werden oft Fragen gestellt, die auf Antworten basieren, die er schon einmal gegeben hat und er antwortet dann noch einmal dasselbe, was aber ohnehin schon in der Frage gesagt wurde…

Also zum Beispiel: „Stimmt es, dass Du das und das magst“?

Ja genau. Da bleibt dann so ein ganz kleiner Pool an Fragen, die ihm gestellt werden.

Dabei hat er selbst gute Interviews geführt.

Echt, wo denn?

Zum Beispiel für Andy Warhol’s Interview. Da hat er mit ein paar Models gesprochen…
Aber was mir bei Dir immer wieder aufgefallen ist: da kam oft die Frage, welche Bands Dich beeinflusst haben und die Antwort war immer Die Goldenen Zitronen, Die Ärzte und Foyer des Arts. Ich könnte mir vorstellen, dass sich das ein wenig verselbstständigt hat.

Ja, das ist ein typisches Beispiel. Da wurde ich irgendwann mal explizit nach deutschen Bands gefragt, die mich beeinflusst haben, als ich angefangen habe, Songs zu schreiben. Als ich angefangen habe Songs zu schreiben, da war ich übrigens vierzehn. Und die Antwort auf diese sehr spezielle Frage stand dann auf Wikipedia, und jetzt steht eben für alle Zeiten fest, dass mein größter Einfluss die Ärzte sind.

Hast Du als Künstler eigentlich eine besondere Empathie oder Beobachtungsgabe, die Dir beim Interviewen hilft. Du hast in einem Interview mal eine schöne Geschichte erzählt, bei der ich das gedacht habe: Du hast Waltz With Bashir im Kino gesehen und Plätze für Freunde frei gehalten, die aber nicht gekommen sind. Hinterher hat Dich deshalb dann eine Frau angeraunzt. Du hast erzählt, dass Dein Gedanke dabei war, wie diese Frau den ganzen Film darüber nachgedacht hat, was sie Dir sagt. Und das bei einem Film wie Waltz With Bashir.
Das fand ich eine schöne Beobachtung, die ich auch nicht jedem zutrauen würde.

Ich glaube, Einfühlungsvermögen ist keinesfalls ein Privileg von Künstlern. Es gibt sogar die Gefahrbei Künstlern, dass sie ihre ganze Empathie in ihrer Kunst abreagieren, und im Alltag gefühlskalte Arschlöcher sind.

Aber für ein Interview ist es doch auch wichtig, sich in die Gesprächspartner hineinversetzen zu können und vielleicht auch zu antizipieren, was die als nächstes sagen werden….

In der Hinsicht war ich wahrscheinlich nie der beste Interviewer. Manchmal war ich regelrecht erstaunt, wie wenig exklusiv das war, was ich rausbekam. Bei Rufus Wainwright zum Beispiel. Da dachte ich, dass ich durch meine große Bewunderung für ihn auch einen speziellen Draht habe. Letztendlich stand in meinem Interview dann aber doch das Gleiche wie überall. Fandom führt nicht unbedingt dazu, dass man andere Fragen oder den besseren Zugriff hat. Ein Gegenbeispiel war ein Interview mit dem Cake-Sänger John McCrea. Mit ihm hatte ich ein sehr intimes und tiefschürfendes Interview, obwohl ich mich vorher gar nicht so irrsinnig für ihn interessiert hatte.

Ist halt auch die Frage, was ein Interview leisten kann. Es bleibt erst mal ein Interview und eine sterile Interviewsituation. Da sprichst Du anders als mit Freunden abends in der Kneipe.

Ja, deswegen liegt es mir als Interviewter mehr, wenn ich Publikum habe… wenn man zum Beispiel auf einem Podium sitzt. Das ist schon wieder eine gewisse Show und da kann ich dann spielerisch mit umgehen.  Oder eben völlig steril und kontrolliert, ein Online-Interview, wo ich alles so schreiben kann, wie ich will. Alles dazwischen ist schwierig.

Und was ist mit Telefoninterviews?

Hm… Das macht für mich keinen Unterschied. Ich habe nichts gegen Telefoninterviews, viele Leute hassen das ja. Der Hauptunterschied ist für mich der zwischen geschnitten und live. Bei live kann man sich leichter um Kopf und Kragen reden, im Schnitt können die Aussagen entstellt und aus dem Zusammenhang gerissen werden, und man steht erst recht blöd da. Beim Print gibt’s ja dann noch das Problem der Verschriftlichung, und die Frage, ob da sehr stark eingegriffen wird oder alles mehr oder weniger eins zu eins transkribiert.

Wie gehst Du denn da ran?

Ich verschriftliche sehr hart. Spätestens seit meinem Sven Regener Interview bei dem mein Aufnahmegerät nicht funktioniert hat. Dadurch musste ich aus dem Gedächtnis schreiben und Sven Regener musste es auch noch autorisieren. Er hat aber nur eine Sache geändert. Das ging so schnell und gut, dass ich seitdem die Aufnahme nur noch nutze , um überprüfen zu können, dass ich nicht etwas ganz Wichtiges vergessen habe. Aber das Gedächtnis ist ein sehr guter Lektor.
Für mich ist eigentlich am wichtigsten, dass ein unterhaltsamer und gut geschriebener Text dabei herauskommt. Wenn die Künstler nicht gut formulieren, muss ich es halt für sie machen.

Tja, Unterhaltung ist ja auch eine Funktion, die ein Interview erfüllen kann.

Das ist halt eine Gratwanderung. Entweder man lässt jedes Äh drin und jeden unlogischen Sprung oder man macht einen richtig guten Text.

Am Nachbartisch wartet schon der nächste Gesprächspartner auf Jens Friebe.
(Jens spricht kurz mit ihm und holt sich noch einen Tee.)

Ich habe mir gerade überlegt, wie ich dieses Interview verschriftliche. Es wird wohl ein Zwischending werden. Ich versuche, möglichst wörtlich zu verschriftlichen, aber die Ähs und Schachtelsätze zu glätten. Du bekommst es aber ja auch zur Autorisierung.

Ah, sehr gut. Dann schickst Du es mir.

Mache ich. Hab vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast und viel Spaß jetzt noch.


Links:

Bands, in denen Jens Friebe spielt oder spielte:

  • Parka: Indierockband, mit der er in Köln seine ersten Auftritte hatte.
  • Bum Khun Cha Youth: Uli Nachtigall, Linus Volkmann und Jens Friebe benennen sich nach dem südkoreanischen Fußballer Cha Bum-kun und gründen ihre Band zunächst nur für einen Auftritt. Sie spielen am diametral entgegen gesetzten Ende vom Kölner Karneval. Cha Bum-kun ist der erste koreanische Fußballer in der Bundesliga. Er spielte bei Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen. Zu Beginn ist auch Felix Scharlau mit in der Band, heute ist er als Autor und Redakteur des kaput-Magazins eher solo unterwegs.
  • Britta: Die Post-Lassie-Singers-Band um Christiane Rösinger, Britta Neander, Flittchen Records und das Fischbüro, eine Kneipe mit regelmäßiger Showeinlage.
  • Doctorella: Die Electro-Chanson-Band um die Pop-Zwillinge Kerstin und Sandra Grether. In der aktuellen Bestezung sind noch die beiden Zwillinge Fabrizio und Flavio Steinbach sowie Sascha Rohrberg dabei.

Discographie:
2004 Vorher Nachher Bilder

Cover Vorher-Nachher-Bilder

 

 

 

 
2005 Vorher Nachher Bilder Rmx

Cover Remix

 

 

 

 

2005 IN HYPNOSE

Cover Hypnose

 

 

 

 

2007 DAS MIT DEM AUTO IST EGAL, HAUPTSACHE DIR IST NICHTS PASSIERT

Cover Das ist mit dem AUto ist egal

 

 

 

 

2010 ABÄNDERN

cover abändern

 

 

 

 

2014 NACKTE ANGST, ZIEH DICH AN, WIR GEHEN AUS

Cover nackte Angst

 

 

 

 

Dazu kommen

Cliquenedition #2
Von eben dem diametral entgegen gesetztem Ende des Karnevals aus veröffentlicht Jens Friebe auf Nummer 2 der Cliquenedition – auf der einen Seite mit der Bum Khun Cha Youth, auf der anderen Seite „(I’m not born for) plot driven porn vom Album „Nackte Angst“

52 Wochenenden
Geschichten vom und übers Durchmachen Das Buch ist aus einer Kolumne in der TAZ entstanden.

Cover 52 Wochenenden

 

 

 

 

Empfehlungen:

Vampire Weekend

Eat Ghosts und TransCentury Festival – Vampire Weekend in Leipzig

Zwei Konzerte gibt es dieses Wochenende, auf die ich an dieser Stelle hinweisen will und ans Herz legen möchte. Entscheidet selbst, bei welchem Ihr Euer Wochenende verbringen wollt.
Foto mit der BandIn der Moritzbastei spielen Eat Ghosts mit Wucan. Eat Ghosts ist ein Quartett aus Potsdam. Die Band schafft es, schon im ersten Satz ihrer Homepage Dream Theater zu erwähnen und mich trotzdem nicht zu verlieren. Die erste Single ihres Debütalbums An Tie Go heißt „Fancy free“ und ist mitreissender, druckvoller Indie-Pop. Schade, dass sie zu spät erschienen ist, um ein Sommerhit zu werden. Catchy genug ist das Lied allemal, vor allem mit dem viertstimmigen acapella Gesang zu Beginn.

TranscenturyDie Konkurrenzveranstaltung läuft im UT Connewitz: Das unbedingt empfehlenswerte TransCentury Festival. Drei Abende, an denen gemischt wird, was schon längst mal hätte zusammengeführt werden sollen:
 Die vereinbaren Punkansätze von Thurston Moore und Olimpia Splendid. Die unwiderstehlichen Stimmen von Jane Weaver und Fun Fare. Und darüber schweben John Maus Kompositionen. Das Festival findet das zweite Mal statt und ähnlich wie beim Klanggut Festival gibt es auch beim Trans Century Videoinstallationen und Visual Arts mit dem Leipziger Kollektiv Wisp.

 


Kopfhörergeschichten

Kopfhörergeschichten

Vor einer Weile habe ich angefangen, Menschen unter die Kopfhörer zu lauschen. Wenn ich sie unter Kopfhörern im Zug, auf der Straße oder auf der Bank gesehen habe, habe ich gefragt, was sie denn da hören.
Moritz erzählte mir, dass bei ihm gerade Korn läuft. Er habe die früher immer gerne gehört.
Laura, die ich in Berlin erwischt habe, hatte zwar Kopfhörer auf, wollte aber nur jemanden anrufen. Nun, das wird wohl öfter vorkommen.
Dafür ist Gisela in Köln vom Soundtrack zum Musical von Die Schöne und das Biest gefangen. Sie hat es vor kurzen im Theater gesehen.
Max habe ich in Leipzig getroffen, er hört Eisbrecher.
Lotte lief mir in Bremen über den Weg. Bei ihr lief “Oma Lise” von Bushido.
Sie war so nett und hat für ein Foto posiert.

001_Bremen_Lotte Bushido