Interviewvorstellung #24: Jan Böhmermann bei Jakob Augstein

Antworten wie Punchlines

Jetzt kommt mir der omnipräsente Herr Böhmermann selbst hier noch in die Quere. Eigentlich wollte ich hier diesen Monat ein anderes Interview vorstellen. Eines, in dem mit dem Gestus eines Fans interviewt wird. Jetzt ist mir aber dieses hier zwischen Jan Böhmermann und Jakob Augstein im Freitag über den Weg gelaufen. Und das ist interessant, weil es nicht nur aktuell, sondern auch spannend ist, diese zwei Medientypen zusammen zu sehen. Beide reden gleichermaßen und man fragt sich, wer hier eigentlich wen interviewt.

Es geht auch gar nicht darum, dass Jan Böhmermann Charlotte Roche gegen Olli Schulz ausgetauscht hat. Es geht vielmehr um… Um was eigentlich? Also eigentlich um alles. Um Journalismus, die deutschen Medien, den Stinkefinger von Varoufakis und die GEZ… Warum so viele Themen? Es ist doch klar, dass dann jedes nur angeschnitten werden kann. Am Anfang versucht Augstein noch, Jan Böhmermann mit dessen eigenem Ton zu begegnen – Ironisch, überspitzt und ein wenig flapsig:

J.A.: “Sie haben als Reporter bei einer Zeitung angefangen, die hieß Die Norddeutsche.

 

J.B.: “Ja, jetzt lachen Sie doch nicht!”

 

J.A.: “Klingt nicht wie eine Zeitung …”

 

J.B.: “Und das sagt jemand, der Anteile an einem Magazin hat, das wie ein Möbelstück klingt?”

 

J.A.: “Die Norddeutsche klingt, als wäre es eine Tante von Ihnen …”

Das liest sich niedlich bis witzig. Unterhaltsam macht es das Interview allemal. Die Grenzen dessen, was diese Flapsigkeit für den Informationsgehalt der Antworten tun kann, zeigen sich aber gleich darauf mit den Fragen, in den es um U- und E-Journalismus geht:

J.A.: “Sie sind also im Unterhaltungssegment tätig?

 

J.B.: “Ich bin U-Typ, genau. Und ich habe auch keine Ambitionen, im ernsthaften Bereich jemandem seinen Job wegzunehmen. Auch weil das einfach extrem schlecht bezahlt ist. Bei U kriegt man mehr, da steht man dann aber auch unter größerem Druck.”

 

J.A.: “Meinen Sie, wir im E-Bereich arbeiten überhaupt nicht richtig?”

 

J.B.: “Nein, aber bei U ist es härter. Einmal in die falsche Kamera das Horst-Wessel-Lied gesungen – und man ist weg vom Fenster.”

Jan Böhmermann gibt selbst auf die letzte Frage eine durchaus ernst gemeinte Antwort und macht das Angebot zur weitergehenden Diskussion. Das merkt auch Jakob Augstein und hebt das Interview auf eine faktische Ebene:

“Sie machen eine Trennung zwischen U und E, die Quatsch ist …”

Und obwohl Jan Böhmermann wieder Ansatzpunkte für weitere Fragen bietet (Wirtschaftlichkeit der Internetauftritte von Printmedien, Hierarchien in Medienunternehmen, Arbeitsbedingungen von Journalistinnen), strauchelt Augstein ein wenig und braucht eine Weile, um auf die sachliche Schiene zu finden. Er bietet zunächst allgemeine Fragen an und wechselt zwischendurch wieder zu Ironie:

 

J.A.: “Die deutschen Medien! Wie finden Sie die denn so?”

 

J.B.: “Je nach Publikum. Bei Ihnen sage ich: „Ja, Fernseher hab ich lange nicht mehr angemacht. Ich informiere mich viel im Internet, und ich lese gerne die Zeit.“ Das heißt: Ich lasse sie mir in den Briefkasten stecken, damit die Nachbarn sie sehen. So einen grundsätzlichen Medien-Pessimismus hab ich ehrlicherweise gar nicht.”

 

J.A.: “Sie sind eher der seichte Typ? (Schweigen) Das war jetzt Ironie!”

 

J.B.: “Wenn ich eins gelernt habe: Ironie funktioniert nicht. Nicht im Radio, nicht im Fernsehen. Und übrigens auch nicht beim Sex.”

 

J.A.: “Zurück zu den Medien …”

Warum das so prägend ist für das Gespräch? Weil es bis dahin nur bedingt eines ist. Das wird es erst, als Augstein zum Thema Youtuber kommt und dabei mit ernsthaftem Interesse bleibt. Das gibt Böhmermann nämlich die Gelegenheit, mehr als nur eine Punchline zu einem Thema abzugeben und zeigt die tiefergehenden Überlegungen, die ihr vorausgingen.

Wie man diesen Ansatz konsequent durchziehen kann im Interview, zeigt die Galore im aktuellen Heft, mit Jan Böhmermann auf dem Titel.

Da kreist die erste Hälfte des Interviews um die Frage, ob Jan Böhmermann sich wirklich nicht als Satiriker sieht. Und warum nicht. Und als was er sich stattdessen sieht. So sehr das auch nach Sich-im-Kreise-drehen klingt, also langweilig… Dieses Festhalten an einem Thema und das mit besonderem Interesse ist die effektivste Strategie, einen medienerfahrenen und wortgewandten Gast wie Böhmermann zu interviewen. Denn der Mann hat ja etwas zu sagen und will ja diskutieren. Aber dafür darf man ihn nicht auf das Flapsige reduzieren.

Er bearbeitet aktuelle Phänomene, Ereignisse und Themen ironisch, witzig oder einfach unterhaltsam. Umso ernsthafter muss man die Themen dann im Interview mit ihm diskutieren. Wir sind ja sehr schnell dabei, Jan Böhmermann zu unterstellen, er hätte sich bei seinen Sendungen etwas gedacht. Um herauszufinden, ob das stimmt und wenn ja, was er sich denn gedacht hat, muss die Interviewerin möglichst tief auf ein Thema eingehen und nicht nach einer Schlagzeilen tauglichen Punchline das Thema wechseln. Dass Jan Böhmermann diese Sätze zuverlässig liefern kann, wissen wir. Die weitaus spannendere Frage ist ja aber, was an Inhalt übrig bleibt, wenn man das Knallige rausnimmt. Und das zeigt er, wann immer man ihm die Gelegenheit zum sachlichen Gespräch gibt: Er ist kein Messias der öffentlich-rechtlichen Medien, sondern einfach ein relativ normaler, vernünftig nachdenkender Mensch, der lediglich über ein wenig mehr Wortwitz verfügt, als der Durchschnitt.


 

 

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Sie erweckten gerade bei dem Thema den Eindruck, dass man offenbar mit allem irgendwie zum Experten werden kann.

lemons

Müßiggang – um Himmels Willen, da wird ein liebgewonnenes Hobby zur Wissenschaft hochgejazzt. Da könnte ich auch eine Zitrone als Gute-Laune-Elexir verkaufen, weil sauer ja so lustig macht. Das stieß mir ehrlich gesagt zunächst ein wenig unangenehm auf.

 

Zumal die Antworten sehr nach Allgemeinplatz rochen:

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