Bauchgefühl ist definitiv entscheidend

Dingoes Ate My Baby

Dingoes Ate My Baby sind eine Band, die mehr macht als Musik. Sie sind so etwas wie ein Gesamtkunstwerk – voller popkultureller Referenzen, allen voran natürlich „Buffy – im Bann der Dämonen“, für die Live-Shows komponiert das Leipziger Quartett auch Lichtshow und -installationen. Diesen Freitag, am 5. Januar, zeigen sie das im Horns Erben. Das möchte ich zum Anlass nehmen, um Euch die Band im Interview vorzustellen:
Was ist Euch lieber als Referenz: Der Bandname stammt aus „A Cry In The Dark“ oder aus der Seinfeld-Folge „The Stranded“? Wer passt besser zu Euch Meryl Streep oder Elaine Benes, und warum?

Weder noch. Er stammt ursprünglich aus Buffy – Im Bann der Dämonen – Die Frage ist daher wohl eher: Angel oder Spike?
…oder Sarah Michelle Gellar!
Die Musik mit energiegeladenen Soli, oder Jamsessions, in denen sich Schlagzeug und Geige gegenseitig hochschaukeln, haben so gar nichts Kompositorisches. Trügt der Eindruck oder entstehen die Stücke tatsächlich aus Jamsession heraus?

Jamsessions sind tatsächlich ein wichtiger Motor für unser Songwriting. Doch darin erschöpft es sich nicht. 
Meist bringt einer von uns eine Idee mit in die Probe, an der gearbeitet wird. An diesem Punkt wird sehr viel gejammt und improvisiert. Oft verändern wir auch noch Kompositionen, nachdem wir sie bereits ein paar Mal live gespielt haben.
 Dabei sind es natürlich nicht nur Geige und Schlagzeug, die sich „hochschaukeln“, auch wenn es bei den beiden wahrscheinlich am offensichtlichsten ist. Jeder von uns  versucht, dem anderen spielerisch möglichst viel Raum zu geben. Darüber hinaus bauen wir als Gruppe live eine bestimmte Energie auf, aus der für den Einzelnen stetig neue Impulse im Spiel entstehen. Deswegen ist das Aufeinanderhören für uns so wichtig. Es ist aber auch richtig, dass wir in unserer derzeitigen Entwicklung immer mehr Abstand von klassischen Songstrukturen suchen. Damit geht auch die stärkere Fokussierung auf instrumentale Passagen einher.
 Wir versuchen im Prozess des Spielens und Schreibens und Schreibens und Spielens immer wieder, herauszufinden, wozu eine
 Form, also zum Beispiel eine Songstruktur eigentlich da ist – Trägt sie gerade das, was wir aussagen wollen oder zwängt sie unseren Ausdruck in ein Korsett? Das heißt für uns, viel herum zu probieren, immer erstmal alles möglich sein zu lassen. Wir sprechen miteinander auch viel über das, was wir tun. Das, was wir an Musik, Licht und installativer Kunst ringsherum tun, sehen wir als einen beständigen Prozess: Ein Song, ein Stück oder ein Lichtobjekt ist nie wirklich fertig, egal ob es eine feste Songstruktur hat oder ein 10minütiger Instrumentaltrack ist: Wir überprüfen für uns immer wieder, was die Bewegung oder der Kerngedanke im Stück ist und feilen eigentlich stetig daran herum. Aufnahmen der Songs sind daher möglicherweise immer nur Momentaufnahmen.
 Das ist auch die Idee mit dem neuen Album: Wir haben einige Stücke so weit fertig, dass wir sie nach draußen geben wollen. Deswegen sollen sie bald auf eine Platte. Spannend ist dabei, dass wir in die neue Musik erheblich mehr Überlegungen gesteckt haben. Die erste Platte ist eher einfach so passiert. Deswegen suchen wir gerade auch nach Partnern wie Labels usw. für das nächste Album: Beim ersten Album haben wir alles selbst gemacht: Aufnahmen, Produktion, Organisation, Layout, Druck usw. Diesen Prozess wollen wir diesmal zumindest in Teilen aus der Hand geben, um uns noch mehr auf die Musik selbst konzentrieren zu können.
Dazu passen mitunter auch die Texte, die auf recht straighte und ungeschönte Art Gefühle in einfache Sätze fassen: „Behind closed curtains your room and your life will always stay the same / The sun will never shine in and you know exactly who’s to blame“, „Gimme Shelter / I ain’t got no place to stay“, „Sometimes you want get lost, sometimes you don’t know who to trust“. Entstehen die Texte auch spontan?

Leider nein. Die Texte entstehen tatsächlich separat von der Musik. Erst spät im Songwriting wird beides zusammen gefügt. Die Zitate, die du ausgesucht hast, entstammen Songs (Devil’s End, Road Song, Shelter), in denen hauptsächlich der Ausbruch aus dem Alltag, Fernweh und der Blick in den Spiegel thematisiert werden.
Andere Texte befassen sich mit philosophischen oder politischen Themen und sind dementsprechend weniger straight, sondern stärker metaphorisch gefärbt. Zum Beispiel “Atlantis”, “The 5 Eyes” oder eines unserer neuesten Stücke “Gaia”. 
Auf dem ersten Album beschrieb die Mehrzahl der Texte persönliche Eindrücke und Erfahrungen. Das hat sich mit den neuen Songs in Richtung des Politisch-Philosophischen verschoben. Die Art des Textens hat sich auch stark gewandelt: Wir erzählen weniger Geschichten als zuvor. Die Texte sind auf der einen Seite deutlich inhaltlicher, auf der anderen Seite geht es auch hier darum, Worte und deren Klang stärker als Gestaltungsmittel zu nutzen. Der Text und seine Melodie sind noch mehr Bestandteil des Gesamteindrucks der neuen Songs: Auf dem ersten Album diente die Musik öfter dazu, den gesungenen Text zu begleiten. In einigen der neuen Stücke holen wir Text und Gesang mehr auf die Augenhöhe der Instrumente. Deswegen haben wir eben auch angefangen,
klassische Songstrukturen aufzubrechen.
Ist Bauchgefühl eine entscheidende Kraft für Eure Kreativität?


Bauchgefühl ist definitiv entscheidend. Am Anfang steht immer ein Impuls aus der Gruppe oder einer einzelnen Person von uns – Diese Impulse kommen zumeist aus dem Bauch. Im Laufe des Songwritings holen wir das dann aus dem Bauch auf die Kopfebene, um daran bewusst arbeiten zu können. Im Konzert spielen wir die so geformten Sachen dann wieder ganz aus dem Bauch.
Sind externe Einflüsse wie eben die Vorgaben des Drehbuches zu Buffy oder der Rahmen bei Veranstaltungen wie die Nacht der Kunst wichtige Impulse für die Kreativität? Oder begreift Ihr so etwas eher als Gelegenheit, Euch zu präsentieren?


Der Bezug zu Buffy ist dann doch eher oberflächlich: Es gibt dort diese fiktive Band als Easteregg, die immer wieder in Clubs spielt.
Wir bedienen uns hin und wieder bei Buffy und bauen kleine Anleihen in unterschiedlicher Form in Konzerten, Merch usw. ein.
Ansonsten lassen wir uns wenig extern aktiv beeinflussen. Wir arbeiten gern mit Veranstaltungsorten und -formaten, doch dort schaffen wir uns eher unseren Raum. Hauptimpuls unserer Kreativität ist unser Zusammenspiel an sich - Sowohl im eigentlichen musikalisch-künstlerischen Sinne, als auch in den flankierenden Prozessen und den persönlichen Beziehungen untereinander. Das klingt jetzt recht abgedroschen, doch wir haben einen sehr spielerischen Zugang: Generell probieren wir einfach immer erstmal aus, ohne davor schon zu bewerten. Das öffnet uns den Raum, viel zu experimentieren und zu viert alle Ideen, die wir so haben, zumindest im Gespräch auszutesten. Erst danach filtern wir, was wir weiter verfolgen wollen, nach außen geben wollen oder was nicht.
Wir sind in diesen Prozessen immer wieder vom anderen überrascht. Wir haben alle schon in vielen anderen Bands und Projekten gearbeitet und haben dementsprechend einen sehr unterschiedlichen Zugang zu Musik und Kunst. Aber seit der ersten Probe ist eine Empathie oder auch Symbiose in unserem Zusammenspiel entstanden, das in der Form keiner von uns vorher erlebt hat.
Es ist schön, zu sehen, dass wir einfach gut zusammen zu passen scheinen. Das setzt immer wieder immens viel Energie frei.
Leipzig ist oder zumindest war ja eher für eine Szene für elektronische Musik oder Gothic bekannt. War das (zu Beginn) problematisch für Euch als eher folk-lastige Band? Habt Ihr das Gefühl, dass sich vor allem in den vergangene Jahren verstärkt auch in Leipzig eine Folk-Szene entwickelt mit zum Bsp. Bands wie Jody Cooper oder My Sister Grenadine?

Es ist spannend, zu fragen, ob sich momentan so etwas wie eine Folkszene in Leipzig entwickelt. Vielmehr als von einer bestimmten Kulturszene wäre momentan eher von freundschaftlichen Beziehungen unter verschiedenen Künstlern aus Leipzig und darüber hinaus zu sprechen. Mit Leuten, wie bspw. Arik Dov, umgeben wir uns auch einfach gern. Es ist sehr verbindend, andere Menschen zu treffen, die mit einem ähnlichen Maß an Leidenschaft und Liebe an ähnlichen Dingen arbeiten, wie man selbst. Möglicherweise entsteht genau daraus gerade eine derartige Szene in Leipzig. Mit dem Straßenmusiker On Stage Festival in Leipzig, das im Juni 2016 erstmalig stattfand, wurde vielleicht ein weiterer Grundstein für eine solche Entwicklung gelegt.
Was jedoch richtig ist: Als Musiker für akustische, handgemachte Musik hat man es in Leipzig mitunter schon schwerer als vor allem die Kolleg*innen der elektronischen Szene. Harte Auflagen vom Ordnungsamt für Musikkneipen und kulturelle Orte wie bspw. das Horns Erben, sowie geringe oder nicht vorhandene finanzielle Möglichkeiten (das eint uns dann jedoch wahrscheinlich wieder alle) machen es Musikern und Kulturschaffenden nicht leichter.

Und zum Vorab-Reinhören: Dingoes Ate My Baby auf bandcamp:


 

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