Neujahrskonzert im Horns Erben

Dingoes ate my Baby und Ali Thon

Vor fast genau einem Jahr haben wir das neue Jahr mit dem Leipziger Quartett (wenn man den Kassettenspieler nicht mitzählt) Dingoes ate my Baby begrüßt – Im Horns Erben. Am 5.1. wars. 2019 wird der Neujahrsempfang am 4.1. stattfinden. 2018, 2019… und dreimal ist eine Tradition, d. h. da kündigt sich etwas an.
Zu erwarten ist wieder ein Konzert zwischen abgefahrener Lichtshow und intimen Akustik-Gig. Bekannt sind Dingoes ate my Baby ja für ihr audio-visuelles Gesamtkonzept. Eventuell werden die Vier aber auch zeigen, was sie musikalisch fürs neue Jahr geplant haben.
Auf jeden Fall akustisch wird es bei Alia Thon, die als Folk-Singer-Songwriterin das Jahr zusammen mit den Dingoes begrüßt. Die Leipzigerin hat 2017 ihr Debüt veröffentlich. Reduziert auf die Energie von Gitarre und Gesang erzählt sie introvertierte Geschichten von Gefühlen und Beziehungen.

Interview über Interviews mit: Honig

Interviews müssen nicht übel sein, sie können auch Spaß machen. Es ist aber definitiv kein Hobby von mir.

Wer sich gleich in die Nesseln setzen will, kann beim Interview mit Stefan Honig ja mal nach Biene Maja fragen. Unlustig. Spannender ist da, dass sich der Düsseldorfer in den vergangenen acht Jahren sehr kontinuierlich einen Platz im Indie-Pop erarbeitet hat. Vier Alben hat der Liedermacher zunächst solo und mittlerweile als Band veröffentlicht. Am Namen Honig hat sich dabei nichts geändert. Den Erfolg angestoßen hat sicher der Auftritt beim Haldern Openair 2012 zum zweiten Album „Empty Orchestra“. Damit hat er den einen Teil des Indie-Publikums in der Tasche. Den anderen Teil kriegt er mit dem dritten Album „It’s not a humming bird, it’s your father’s ghost“ und durch die Touren mit anderen Singer-Songwritern aka Tour of Tours.

2018 nun spielen Honig an einem wunderschönen September-Abend in Leipzig anlässlich der Veröffentlichung des vierten Albums „The last thing the world needs“. Zum Glück gibt es im Venue, dem Werk 2, einen Biergarten. Wir setzen uns also für das Interview raus. Stephan Honig hat mit seinem entzündeten Hals zu kämpfen, was für ein Gespräch nicht förderlich ist, aber er hält durch und spricht sogar ausführlich.

Interview am 18.09.2018, Leipzig Werk Zwei

Das Interview habe ich über Deine Promo-Agentur ausgemacht. Hast Du jetzt gewusst, was Dich erwartet?

Nicht speziell. Es wurde an mich rangetragen. Wenn wir auf Tour sind, gibt es immer einen Plan, wann Interviews sind und dann mache ich die.

Hinterfragst Du das auch manchmal? Möchtest Du vorher wissen, was oder wer da kommt?

Nee. Meistens sind die Interviews ja gleich. Es ist selten, dass das aus der Rolle fällt mit einem ganz anderen Konzept wie bei Dir jetzt. Ich weiß schon meistens, was da passiert und welche Fragen da kommen. 


Oha, Enthusiasmus klingt anders…

Ach, das hat damit nichts zu tun. Aber ich muss mich nicht auf die Interviews vorbereiten oder einstellen. Es kann durchaus mal enthusiastisch sein, wenn die Leute nett sind und sich ein gutes Gespräch entwickelt. Es kann aber auch ermüdend sein. Dann nämlich, wenn nichts passiert und nur Ja-Nein-Fragen abgearbeitet werden. 

Die Sinnfrage im Interview 1

Natürlich habe ich Interesse, aber die Fragen gehen ja über mich… Ich kenne die Antworten und wüsste nicht, wo da mein Interesse noch sein sollte.


Was ist dann ein Grund für Dich, Interviews zu geben?

Naja, wir sind ja auf Tour und wollen ein Album promoten. Das ist der Sinn.

Also tatsächlich erst einmal Werbung

Fällt Dir etwas ein, was noch ein Grund sein könnte?

Hmm… Interesse?

Also, natürlich habe ich Interesse, aber die Fragen gehen ja über mich… Ich kenne die Antworten und wüsste nicht, wo da mein Interesse noch sein sollte.

Manchmal sind die Reaktionen aber auch, dass Bands sich freuen und feststellen, dass sie sich erst während des Interviews über etwas Bestimmtes Gedanken gemacht haben und entsprechend etwas mitnehmen.

Ja na klar. Das meinte ich auch mit „dass sich ein Gespräch gut entwickelt“. Das passiert aber viel zu selten und ist eher eine positive Überraschung. Ich habe auch kein großes Bedürfnis zur Selbstdarstellung oder rede besonders gerne über uns. Wenn natürlich jemand nett über uns berichten möchte, habe ich selbstverständlich ein Interesse daran, dass das an die Öffentlichkeit oder das Publikum oder die Kundschaft kommt. Es ist aber zu oft dasselbe, als dass ich mit allzu großen Erwartungen an ein Interview herangehe. Und dann kommt dazu, dass man häufig hinterher das Interview liest und nicht das Gefühl hat, richtig verstanden worden zu sein. Da werden Sätze nur halb zitiert und man denkt sich: „Na, so war das jetzt aber nicht gemeint“.

Zitate in Interviews

Live-Interviews mag ich gerne. Gerade heraus quatschen. Da fühle ich mich am wohlsten.

Merkst Du das schon während des Interviews, dass es sich nicht gut anfühlt, oder erst bei der Veröffentlichung? 

Nee, bei der Veröffentlichung. Meistens sind das Interviews, bei denen nicht aufgenommen wird, sondern sich die Leute Notizen machen. Dann werden Sachen vielleicht nicht komplett inhaltlich verfälscht, aber mir als wörtliche Rede in den Mund gelegt, wie ich sie nie sagen würde. 

Wie stehst Du dann zur Autorisierung? 

Ob ich das dann freigebe? Naja, wenn es nicht so wild ist, mache ich da keinen Aufstand. Aber wenn ich mich total misrepräsentiert fühle, sage ich schon etwas. Wenn ich denn die Gelegenheit habe. 

Und die hast Du nicht immer?

Hin und wieder schon, aber es ist nicht die Regel, dass ich die Interviews noch einmal vorher lese.

Würdest Du Dir das wünschen? 

Also… (Überlegt) Wenn jemand beim Gespräch nur Notizen macht und daraus das Interview schreibt, würde ich das schon gerne vorher noch einmal lesen. 
Meistens ist dafür aber auch gar nicht die Zeit. Gerade auf Touren passiert das zwischen Tür und Angel und dann ist man schon wieder in der nächsten Stadt. Da vergisst man das.  

Das klingt, als wären Interviews eher so ein notwendiges Übel, das man halt nebenbei mit macht. 

Es muss nicht übel sein, es kann auch Spaß machen. Es ist aber definitiv kein Hobby von mir.

Wenn es um das falsch zitieren geht, betrifft das ja in erster Linie verschriftlichte Interviews. Wie empfindest Du denn live gesendete Interviews?

Oh, die mag ich gerne. Gerade heraus quatschen. Da fühle ich mich am wohlsten. Da kann ich mich so präsentieren, wie ich präsentiert werden möchte. 

Hast Du da schon mal bereut, etwas gesagt zu haben?

Nö. Und wenn ich wirklich mal irgendwelchen Quatsch erzähle, kann ich das ja direkt wieder korrigieren.

Merkst Du das denn direkt in der Situation oder erst, wenn es zu spät ist, und das Mikro aus?

Also, das kommt ja generell gar nicht so oft vor und wenn, dann sag ich das direkt in der Situation. Ich schaue oder höre mir die Interviews ja hinterher auch gar nicht an. Da würde es mir also sowieso nicht auffallen. 

Wenn Du schon so schön festgestellt hast, dass die Interviews häufig gleich ablaufen, wie würdest Du denn den Ablauf beschreiben?

Was heißt Ablauf. Es sind eben häufig die gleichen Fragen. Das Thema ist halt nicht so breit. Es geht es um Albumtitel, Cover und dann kommen meist die Punkte, die in den ersten Presseinfos standen: dass ich Kindergärtner war, dass ich für die Musik den Job geschmissen habe und dass ich früher Heavy Metal gemacht habe. 
Das sind eben die langweiligen Interviews, bei denen immer das gleiche kommt. Spannend wird es, wenn jemand nicht dauernd auf den Zettel schaut und man ein bisschen ins Reden kommt.

Wie würdest Du das denn machen, wenn Du selbst ein Interview mit einer Band führen würdest?

Schon genau so: Ich würde keine Fragen stellen, die nur an der Oberfläche kratzen, keine Fragen, die sich einfach mit Ja oder Nein beantworten lassen und dann fertig sein. 
Aber ich habe auch noch nie eine Band interviewt.

Die Sinnfrage im Interview 2

Die Hintergründe machen manchmal auch die Musik kaputt, finde ich. Es ist auf jeden Fall kein Bonus-Wissen. Wenn mich Musik richtig berührt, mag ich es viel mehr , wenn sie einfach für sich steht und nicht mit Gesichtern und Geschichten gefüllt wird.

Würdest Du es gerne machen?

(lacht) Da sehe ich mich nicht. Ich interessiere mich für Musik, aber ich muss nicht unbedingt wissen, was die Bands darüber hinaus denken. Die Musik reicht mir völlig aus. Ich lese auch nie Interviews von Bands, die ich gerne mag. Das hat mich nie so interessiert.

Auch nicht, als es die Informationen zu den Bands noch nicht so verfügbar im Internet gab und man für bestimmte Hintergründe auf die Interviews angewiesen war?

Naja, ich hatte schon Musikzeitschriften abonniert. Da ging es mir aber eben eher um Neuigkeiten: Wer bringt wann ein neues Album raus oder wer geht wann auf Tour. Seit man diese Informationen ganz leicht übers Internet bekommt, kaufe ich mir kaum noch Zeitschriften.
Die Hintergründe machen manchmal auch die Musik kaputt, finde ich. Es ist auf jeden Fall kein Bonus-Wissen. Wenn mich Musik richtig berührt, mag ich es viel mehr , wenn sie einfach für sich steht und nicht mit Gesichtern und Geschichten gefüllt wird. 

Es gibt ja nicht nur Interviews, die sich mit Bandmitgliedern als Personen befassen. Findest Du es legitim oder eine Verantwortung von Kunstschaffenden, sich auch zu anderen Themen als ihrer Kunst zu äußern? 

Ich will ihnen nicht die Legitimität absprechen. Gar nicht. Aber ich denke, dass sie das nicht unbedingt machen müssen, vor allem, wenn sie nicht voll durchinformiert sind. Dann ist es weise, das auf der Bühne eher neutraler zu gestalten als Halbwahrheiten zu verbreiten. 
Das merke ich auch bei mir: Ich fühle mich nicht dazu berufen, von der Bühne aus den politischen Aufklärer zu geben. Es ist sicher auch fraglich, wie sinnvoll das wäre: Man kann ja in der Regel nur Zwei-Satz-Statements abgeben und das wird dem, was man sagen will, nie gerecht. Außerdem kommen die Leute, die uns hören und die das erreicht, doch aus einer ähnlichen Blase wie wir und wissen das ohnehin.

Dann halten wir also fest, dass Dir Interviews inhaltlich in der Regel nicht so viel geben. Oder nur in Ausnahmefällen, was dann aber auch am Interviewer liegt. Da gibt es ja ganz unterschiedliche Typen: einmal so kumpelhafte Typen, dann eher professionell-distanzierte Interviewer aber auch Interviewer, die Freunde der Band sind und für ein Magazin arbeiten, für das sie dann ein Interview machen. 

Ja, es gibt natürlich schon verschiedene Typen von Interviews: Ganz schlimm finde ich die Interviews, bei denen sich der Interviewer nicht vorbereitet hat und nicht weiß, worüber er sprechen soll. Bei denen entsteht dann kein interessanter Gesprächsfluss, und der Interviewer spult seine Fragen einfach ab, am besten solche wie „Warum singst Du auf Englisch?“. So eine Frage führt ja nie irgendwo hin. Dann gibt es noch die Interviews, die zwar sehr professionell und seriös sind, aber unterkühlt bleiben. Da wird gesiezt, die Fragen sind gut, aber das ist auch nichts, wo ich sage: „Wow, cool. Das war super“.Und dann gibt es die Interviews, bei denen einem jemand entspannt gegenüber sitzt und man auf gleicher Augenhöhe miteinander spricht. Wenn sich da aus einer Frage ein ganzes Gespräch entwickelt, ist das toll. 

Auf das Mediun kommt es an

Wobei ich schon auch die Frage nach dem Albumtitel verstehe. Den stellt man in den Raum und dann ist das eben eine legitime Frage. Wenn es aber viel tiefer geht, ist es vielleicht auch nicht nötig, das zu erklären.

Setzt das voraus, dass die Interviewer Fans sind? 

Gar nicht. Die können sich auch kritisch mit der Musik auseinandersetzen. Wenn das respektvoll passiert, habe ich da gar nichts dagegen. Das sind dann häufig sogar die interessanteren Fragen. 

Sind Dir noch Interviews in Erinnerung, bei denen das so geklappt hat?

Ach klar. Das passiert schon immer wieder. Bei Fritz FM war ich schon ein paar Mal und jetzt für die Tour auch. Das war wieder sehr gut. Auch die Geschichte bei Radio Eins. Oder heute bei Detektor FM. Da merkt man, dass die das mit einer Leidenschaft machen. 

Da kommen dann auch nicht so Fragen danach, warum Du auf Englisch singst. Aber kommt das häufiger vor, dass Du Deine eigene Kunst selbst erklären musst? Ist das ein gängiger Ansatz?

(Lang gedehnt) Jaaa. Das kommt schon vor und das sind auch die Fragen, die ich nicht so gerne mag. Wobei ich schon auch die Frage nach dem Albumtitel verstehe. Den stellt man in den Raum und dann ist das eben eine legitime Frage. Wenn es aber viel tiefer geht, ist es vielleicht auch nicht nötig, das zu erklären. Wir machen eben die Musik, die wir machen.

Hast Du schon mal Interviews abgelehnt oder was müsste passieren, damit Du ablehnst?

(Ohne nachzudenken) Na wenn mich ein Nazi-Magazin interviewen will, würde ich ablehnen. … Oder die Bild-Zeitung. 

Warum die?

Weil das für mich ganz schrecklicher Journalismus ist und ich in dieser Zeitung nicht erwähnt werden möchte. Ich will da einfach nicht stattfinden. In meiner Welt existiert die gar nicht, weil ich diesen ganzen Boulevard und das Dramatisieren überhaupt nicht mag. Ich würde auch nie zu irgendwelchen RTL-Sendungen gehen.
(Lacht) Aber die fragen mich ja auch nicht. Deswegen ist alles gut.

Und für so etwas wie das Deutsche-Bahn-Magazin… könntest Du Dir das vorstellen? 

Naja, das ist schon auch ein schlimmes Blatt. Aber wenn man da zum Beispiel eine Werbegeschichte hat, könnte mich die Promoagentur vielleicht dazu überreden, weil es ja recht harmlos ist. Meine Promoagentur hatte wohl sogar gefragt, ob wir etwas mit dem Kölner Express machen sollen. Das habe ich aber gleich abgelehnt und gesagt, dass sie die gar nicht fragen müssen. 

Den Express kennt man ja noch und kann ihn meiden. Aber bei anderen Anfragen, muss man vielleicht erst einmal schauen, was das für ein Medium ist.

Das ist eigentlich recht überschaubar. Bei so einer Tour steuern wir ja auch Medien an, bei denen wir schon öfters waren. Da gibt es eher weniger Überraschungen. 

Wieviele Interviews gibst Du denn auf so einer Tour?

Naja, wenn die Tour so zwei oder drei Wochen dauert, ist das vielleicht jeden zweiten Tag ein Interview. Mal sind es drei an einem Tag, dann mal wieder keines und so verteilt sich das gut. 

Und nach Detektor FM war das hier heute wohl das zweite. Ich danke Dir, dass Du das trotz Deiner geschundenen Stimme gemacht hast. Ich hoffe, Du kannst sie vor dem Konzert noch ein wenig pflegen. Gute Besserung.

Honig im Netz

Radiosender

Discographie

Treehouse (2007)

Empty Ochestra (2012)

It’s not a hummingbird, it’s your father’s ghost (2014)

The last thing the world needs (2018)

The Beauty of Gemina

The Beauty of Gemina – Flying with the owl

3.10.2018 – Peterskirche Leipzig

Albumcover handschriftlich geschrieberr Text

 

 

 

„I see the shades of summer and the colours are all bright. Lightning thunder, natural wonder“

Die Zeile soll gleich zu Beginn stehen, damit gleich klar ist: „Flying with the owl“ ist ein Herbst-Album. Auf seinem achten Studioalbum setzt Michael Sele aka. The Beauty of Gemina wieder die eher bedrückenderen Themen musikalisch um: Memento Mori, Zweifel und Blues… Letzteres nur sehr sporadisch mit Anleihen am entsprechenden Musikgenre. Da ist es eher Songwriter-Pop, angereichert mit Streicher-Arrangements und Blue-Notes. Dafür hat er sich mit drei Musikern an Cello (Raphael Zweifel), Bass (Philipp Küng) und Schlagzeug (Mac Vinzens) und einer Musikerin an der Violine (Eva Wey) zusammengefunden. Sie begleiten Textzeilen wie

„It’s getting cold behind the sun. The dark comes in. It’s a suicide day and the sun is shining.“
„The world is burning in my dream. The exploding fire is here again.“

Solche Texte muten natürlich sehr lyrisch-mystisch an, erinnern ein wenig an romantische Gedichte. Sowohl wegen der Wortwahl, die sich auf Natur und Vergänglichkeit fokussiert (auch Wörter wie „Firewood“ sind zu hören) aber auch, weil sie sehr reim- und rhythmusorientiert arrangiert ist.
Eine Live-Präsentation des Albums in einer Kirche ist da durchaus passend. Und die gibt es am 3.10. in der Peterskirche.


Jessica Einaudi – „Black and Gold“

Jessica Einaudi – „Black and Gold“

21.09.2018, K7/ Indigo / Solaris Empire

Album Cover Portrait con Jessica Einaudi

 

 

 

„Nothing else matters… I just wanna see the sunlight“.

Die Schönheit des Momentes ist ihre Stärke, wenn Jessica Einaudi diese Zeile mit sanfter Sehnsucht singt.
Wie Skizzen mit dem Versprechen, dass da noch mehr kommen kann, oder dass man sie beim Hören doch bitte mit den eigenen Gedanken vervollständigen möge, kommen die zehn Lieder auf „Gold and Black“ daher. Nicht, weil sie unfertig wären, sondern intim und auf das Wesentliche reduziert. Zu einsamer Klavierbegleitung und einfachen Casio-Beats sing Jessica Einaudi mit dunkler Stimme und manchmal extra langgezogen. Und was sie singt, sind keine Geschichten, sondern Szenen:

„I do remember fading into your darkness“

Stellen Sie sich bitte vor, Sie würden alleine im Abend-dunklen Zimmer mit ein paar Klavierakkorden sitzen und gedankenverloren vor sich hin summen, was vom Tage übrig blieb. Viele Zeilen würden so oder so ähnlich beginnen: „I feel like I could…“, „I remember when you…“, „I just wanna…“, ruhig und ohne künstliches Drama gesungen.

„Black and gold“ ist Jessica Einaudis zweites Album, nach ihrem Debüt „Melt“ aus dem Jahr 2014.


Interview über Interviews mit: Zimt

>>Zimt<<

„Ich finde es blöd, wenn man so gar keine Herzlichkeit zeigt.“

Zimt ist entweder das subversivste Pop-Gewürz oder die Band, die für immer nach Weihnachten schmeckt. Im August 2017 haben die Drei Augsburger ihr Debütalbum „Glückstiraden“ bei Tapete Records veröffentlicht. Den Kontakt stellte – ganz selbstlos – ihr bisheriger Labelchef und Freund Ronny Pinkau von Kleine Untergrund Schallplatten her. Einfach, weil er fand, dass der Schritt der Band guttun würde. In Leipzig spreche ich mit Janina Kölbl, Isabella Theil und Ralf Déteste über die Interviewerfahrungen, die sie mit der Veröffentlichung der Platte gemacht haben.

Die drei Bandmitglieder Backstage
Noch besser Leben mit Zimt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Interview am 26.06.2018, Leipzig Nochbesserleben

Kurz nach 20:00 bin ich im Noch besser leben, der Kneipe, in der Zimt heute spielen. 21:00 soll es losgehen. 20:15 ist das Interview angesetzt und jetzt sind die Drei aus Augsburg noch beim Soundcheck. Sie sind erst vorhin aus Prag gekommen. Als wir 15 Minuten später zusammen sitzen, ist Isabella noch unterwegs und organisiert das Abendbrot. Journalistisch ist die erste Frage jetzt nicht clever, menschlich aber unbedingt notwendig.

Habt Ihr jetzt überhaupt noch Lust auf das Interview?

Ralf: Ja klar. Das ist ja normaler Tour-Alltag.

Ihr habt also schon geahnt oder gewusst, dass der Zeitplan sehr eng ist. Warum habt Ihr denn trotzdem zugesagt, das Interview zu machen? 


Janina: Na, weil es interessant klang. Es soll ja ein Interview über Interviews sein. Das ist mal was Anderes und nicht wie die normalen Interviews.

Wie sind denn die normalen Interviews?


J: Das ist meistens erst einmal die allgemeine Vorstellung der Band. Dann die Rechtfertigung: Was macht Ihr für Musik? Wer sind Eure Vorbilder…
R: …Bandname erklären.
J: Ja genau, der Bandname.

Und mit welchen Erwartungen seid Ihr in dieses Interview gegangen? 


R: Ach mit gar nicht so besonderen. Vielleicht, dass Du interessante Geschichten erzählst.

Na erzählen sollt eigentlich IHR ja. Ich kitzele das raus. Und mit dem Bandnamen habt Ihr ein schönes Stichwort gegeben… Wie geht Ihr denn damit um, wenn Ihr immer das Gleiche gefragt werdet?


J: Entspannt. Wir erzählen dann auch immer mal ein bisschen unterschiedliche Geschichten… Wobei gerade beim Bandnamen habe ich dann schon eine Standardantwort, wenn wir halt zum vierten oder fünften Mal gefragt werden, warum wir Zimt heißen. Aber ich find das gar nicht so gut mit der Routine.
R: …oder auch bei der Kennenlern-Geschichte. Da denkt man manchmal gar nicht mehr so drüber nach und wenn man das ein paar Mal erzählt, glaubt man sich das selbst.

Referenzen und Vergleiche

Also wir nehmen prinzipiell natürlich jedes Interview ernst.

Bei Referenzen und Vorbildern habe ich mitunter das Gefühl, dass das der Fall ist. Ich glaube Euch natürlich, dass Ihr Velvet Underground mögt, wie es häufiger zu lesen war, aber das verselbstständigt sich auch, oder? 


J: Ja schon. Da wird vor allem im Musikjournalismus vielleicht etwas hineininterpretiert und wir denken uns dann: Ja, aber das könnte schon sein. Auf manche Bands, mit denen wir jetzt in Verbindung gebracht werden, sind wir selbst noch gar nicht gekommen.

Ist es aber manchmal auch spannend, im Interview auf Sachen hingewiesen zu werden, auf die Ihr selbst noch nicht gekommen seid?

J: Ach klar. Bei den Referenzen zum Beispiel kam auch einmal Cocteau Twins
R: … Da wollte der Interviewer darauf hinaus, ob wir die älteren Referenzen überhaupt alle kennen. Wir sind ja eigentlich ein anderer Jahrgang. Und da habe ich dann auch Cocteau Twins genannt.
J: Das wurde dann auch tatsächlich öfters aufgegriffen und hat sich etwas verselbstständigt.

Macht es das für Euch interessanter, wenn Ihr dann auch mal neue Geschichten erzählt? 


R: Naja, es ist manchmal eher eine Frage, was besser ankommt. Gerade, wenn es um das Thema Frauenband geht. Da passt es gut, wenn wir erzählen, dass sich Janina und Isabella beim FemmeJam kennengelernt haben, einer Veranstaltung, bei der sich nur Frauen zum Musikmachen treffen. Es stimmt zwar, dass sie sich da getroffen haben, aber es macht die Antwort für den Interviewer eben auch schmackhafter, weil klar ist, das ist ne Frauenband.
J: Wir erfinden ja auch nicht immer irgendwelche Geschichten… Nur mit dem Tocotronic-Konzert haben wir ein bisschen Quatsch erzählt. Aber das lag am Interview, das haben wir nicht ganz so ernst genommen…

Ach echt? Warum das nicht? Was sind denn Voraussetzungen dafür, dass Ihr etwas lascher an ein Interview geht?


R: (lacht) Also wir nehmen prinzipiell natürlich jedes Interview ernst. Aber da wollte der Interviewer wohl auf das Post-Hamburger-Schule-Ding raus und da hat sich das mit Tocotronic einfach angeboten. Es sollte auch ein bisschen witzig sein.
J: Es lag auch daran, dass das Interview ein Freund von uns gemacht hat. Das war ja fürs Kaput-Mag und wir kennen den persönlich. Wir nehmen sonst natürlich jedes Interview ernst. Aber hier war es etwas witziger und wir kennen eben das Konzept des Magazins.

Ist das eine legitime Art, an ein Interview heranzugehen: witzig und in erster Linie unterhaltsam? 


R: Also ich lese die Interviews im Kaput Mag immer gerne. Die Leute sind einfach so und da hast Du dann absatzweise kurze, knappe und witzige Antworten.

Von KaputMag bis Deutschlandfunk

Beim Stadtmagazin kennt man die Leute. Augsburg ist ja nicht so groß…

Könnt Ihr Euch noch an das erste Interview erinnern, das Ihr gegeben habt?


R: Das erste Interview haben wir, glaube ich, für den Zündfunk auf Bayern2 gegeben. Das ist eher der alternativere Sender in Bayern. Der Moderator hat uns aber auch sehr schnell Fragen nach Vorbildern gestellt…
J: …Aber ich glaube, unser erstes Interview war bei einem anderen Radiosender… Das war Deutschlandfunk Kultur.

Wow, da hätte ich eher erwartet, dass es erst einmal Augsburger Fanzines und Magazine waren. Da gibt es ja auch einige…


J: Na, das war eher gleichzeitig. Die Augsburger Magazine kamen dann schon auch. Aber das erste Interview war schon Deutschlandfunk. Weil wir gleich so viele Rezensionen bekommen hatten, kamen die so schnell. Und dann auch die TAZ, wo wir schon gedacht haben: Wow, aufregend.

Fandet Ihr diesen Einstieg gleich mit Deutschlandfunk gut oder eher nicht?


J: Doch schon. Es war natürlich aufregend und wir waren happy darüber. Man hätte es aber einfach nicht erwartet.

Habt Ihr dabei auch Unterschiede zwischen zum Beispiel Zündfunk und einem Stadtmagazin festgestellt?


R: Auf jeden Fall. Beim Stadtmagazin kennt man die Leute. Augsburg ist ja nicht so groß…
J: Deutschlandfunk ist da einfach hochwertiger. Die beschäftigen sich professionell damit und man merkt, die haben recherchiert. Beim Stadtmagazin kommen schon mal Standardfragen.

Beim Deutschlandfunk kam aber auch die Frage nach dem Namen…


R: (lacht) Ja, er wollte das bestätigt wissen. Stimmt.

Die Rolle der Interviewenden

Eine gewisse Distanz ist schon ganz gut, weil man da auch Sachen sagen kann, die der Interviewer nicht weiß und man das Gespräch so interessanter gestalten kann.

Aber trotzdem erstaunlich, dass Ihr diese Erfahrung gemacht habt. Gerade, wenn Ihr die Interviewer kennt. Empfindet Ihr das denn als angenehm, wenn Ihr Euch kennt, oder tut eher eine gewisse Distanz zum Interviewer gut?


R: So eine Distanz ist schon ganz gut, weil man da auch Sachen sagen kann, die er nicht weiß und man das Gespräch so interessanter gestalten kann. Der Interviewer, der einen kennt, weiß vielleicht, dass man drei Jahre lang an der Produktion gearbeitet hat und sagt dann: So, jetzt habt ihr es endlich geschafft. Der Interviewer beim Deutschlandfunk hingegen kriegt das Album zugeschickt, hört es erst einmal unvoreingenommen an und stellt dann seine Fragen.

Das widerspricht aber ein bisschen der Klage der Journalisten, dass Zimt als Bandname ungooglebar ist. Denn das ist ja schon bezeichnend für so einen Komfortjournalismus, bei dem man sich ein Interview aus den ersten Suchergebnissen zusammenbasteln kann.


R: Ja stimmt. (überlegt)

J: (etwas zögerlich) Also man findet uns ja schon. Man muss halt etwas hinzufügen: Band, Indiepop, Augsburg…

Eine intensivere, hintergründigere Recherche heißt aber auch, dass vielleicht Fragen gestellt werden, auf die Ihr nicht vorbereitet seid. Wäre Euch das lieber?


R: Auf jeden Fall. Das finde ich viel cooler, weil man da viel  ehrlicher antworten kann. Man ist nicht so befangen und muss nicht überlegen, was man beim letzten Mal geantwortet hat, und denkt, man müsste wieder auf die selbe Schiene gehen.

Mögt Ihr es dann generell überhaupt, Interviews zu geben?


R: Total gerne.

Was ist das Gute dran? 


R: …dass man immer wieder neue Sachen erzählen kann.
J: Und Du zum Beispiel nimmst Dir Zeit. Beim Deutschlandfunk hat man da schon mal auch nur fünf Minuten für ein Interview. Da geht es dann eben Frage-Antwort-Frage-Antwort. Jedes Interview ist anders.

In dem Moment kommt auch Isabella mit dem Essen dazu. Wir rutschen zusammen.


Isabella beim Konzert

 

 

 

Das Interview als Image-Werkzeug

Schlimm wäre es, wenn man seine Texte dekonstruiert.

Wir haben vorhin schon darüber gesprochen, dass die Interviewfragen mitunter aus den ersten zehn Ergebnissen der Suchmaschine gebastelt werden und sich wiederholen. Kann man das als Band nicht nutzen und über zum Beispiel Pressetexte gezielt ein paar Themen forcieren?


R: Ja, aber das machen ganz viele. Dann hast Du eben zum Beispiel bei bekannten Bands wie Wanda ein Markenzeichen „Austro-Pop“.

Welche Rolle spielen denn dann Interviews für Eure Arbeit als Band? 


R: (überlegt) Hm. Schwierig. Da kann man mit dem Image spielen. Wenn eine Band auf der Bühne so bad-ass-mäßig ist, merkt man im Interview häufig, dass sie eigentlich gar nicht so ist. Da sind die vielleicht total freundlich und nahbar.
I: (etwas zögerlich) Jaaa. Aber gerade bei kurzen Interviews ist es ja auch schwierig, sich authentisch darzustellen. Das hat auch etwas mit Schlagfertigkeit zu tun. Es muss einem bei der Frage ja auch genau das einfallen, was man sagen will.
 Man macht sich ja ständig Gedanken, ob man das Richtige sagt und will nicht das Falsche sagen.

Was wäre denn das Falsche oder Richtige?


R: Schlimm wäre es, wenn man seine Texte dekonstruiert zum Beispiel, also im Interview eine andere Aussage hat als in den Texten. Das will keiner…
J: …da muss man aufpassen, was man sagt. Man will ja auch richtig rüberkommen.

Zitate und Halbwahrheiten

Wir haben weniger bereut, was wir gesagt haben, sondern eher, wie es vom Interviewer dargestellt wurde.

Dafür kann man das Interview aber auch autorisieren lassen. Ist es Euch denn schon mal passiert, dass Ihr bereut habt, etwas gesagt zu haben? 


I: Weniger bereut, was wir gesagt haben, sondern eher, wie es vom Interviewer dargestellt wurde. Da hat er Sachen entweder falsch verstanden oder falsch dargestellt.
R: Als Interviewer hat man da eine so unwahrscheinliche Gewalt drüber, wie man das zusammenschreibt.

Und die Autorisierung ist da keine Hilfe für Euch?


R: Ehrlich gesagt haben wir kaum Interviews noch einmal vorgespielt oder zu lesen bekommen. Eigentlich nur beim Kaput-Mag, wenn ichs mir richtig überlege.

Beim Hörfunk ist es tatsächlich auch schwierig. Aber welche falschen Zitate sind Euch denn da in Erinnerung, mit denen Ihr nicht so glücklich wart?


I: Keine bösartigen Sachen, aber zum Beispiel wurden Sachen, die Janina gesagt hat, mir zugeschrieben. Man weiß halt, das stimmt einfach nicht. Der Interviewer hatte aber auch kein Aufnahmegerät dabei, sondern hat mitgeschrieben. Sonst wäre das vielleicht auch nicht passiert.
R: Ich finde es blöd, wenn man so gar keine Herzlichkeit zeigt. Du kannst als Band nicht sagen, dass Du das Interview gerne geben möchtest und dann total arrogant und einsilbig antworten. Das ist nicht authentisch.
I: Es ist aber auch schwierig, authentisch zu sein, weil der Interviewer ja das Thema bestimmt. Dann ist es vielleicht eines, das Dir gar nicht so wichtig ist und ein anderes konntest Du gar nicht unterbringen, weil es die Fragen gar nicht zugelassen haben.

Welche Rolle spielt dabei denn das Wissen, dass das Gespräch veröffentlicht wird?


J: Also, das macht nicht unbedingt Angst, wenn Du das meinst. Es ist eher Neugierde, weil man sich fragt, was der Interviewer verwendet. Da ist es auch ein Unterschied, ob das Interview live ist oder ein gedruckter Artikel. Beim Live-Interview kann man ja nichts verdrehen.
I: Da ist man aber aufgeregter.

Die Formen des Interviews

Bei einem Gespräch, wie wir es jetzt führen, überlegst Du hinterher immer, ob Du es nicht doch hättest anders formulieren können.

Es scheint also für die Interviewformen jeweils Vor- und Nachteile zu geben. In welcher Situation fühlt Ihr Euch denn am wohlsten?


I: Am entspanntesten war für mich das Interview mit dem Kaput-Mag. Das ging ganz einfach zwanglos hin und her.
J: Das war eben per Mail. Da kann man in Ruhe ausformulieren. Er hat es aber auch gut gemacht und nach den ersten allgemeineren Fragen noch mal Fragen geschickt, als hätten wir ein ganzes Interview gemacht. 
Bei einem Gespräch, wie wir es jetzt führen, überlegst Du hinterher immer, ob Du es nicht doch hättest anders formulieren können. Und beim Radiointerview wird es noch eins zu eins mitgeschnitten…
R: …das finde ich zum Beispiel besser. Das ist aus dem Stegreif und es kommt wies kommt.
I: Ich finde es generell wichtig, dass die Gesprächsatmosphäre gut ist und dass der Interviewer auch von sich was preisgibt. Dann fühle ich mich eher dazu angeregt, etwas von mir zu erzählen.
J: Wenn Du unsere Musik magst und entsprechend positiv an das Interview rangehst, ist das natürlich auch angenehm. Das kann man ja nicht immer voraussetzen.
R: Es ist schon vorgekommen, dass man dann einen Bericht liest, bei dem einfach beschrieben wird, was passiert, aber ohne jede Meinung oder Lob und Kritik.

Mich hatte es ja fast ein wenig gewundert, dass Ihr nicht mehr mit Referenzen zu Augsburger Bands wie Nova International oder Anajo konfrontiert worden seid…


R: …ja, aber das ist ja auch mega lange her.

Stimmt. Stattdessen wurde Eure Musik immer wieder als DIY und rumpelig beschrieben. Das finde ich ja wieder bezeichnend für die gängigen Radioformate. Sicher macht Ihr keinen glatt gebügelten Pop, aber doch so zugänglich, dass ich das schon gerne im Radio gehört hätte.


R: (zögert ein bisschen) Es war tatsächlich so, dass wir für die Promotion überlegt haben, welcher Song jetzt am radiotauglichsten ist. Die Journalisten hören eben unglaublich viel und haben kaum Zeit. Aber es verfälscht natürlich die Kunst, wenn man so herangeht.
J: Es passiert ja auch fast nie, dass man sich als Band vorher zusammensetzt und über diese Interviewthemen redet. Das merkt man dann vielleicht beim Interview: Ach das würde mich jetzt interessieren.

Macht und Spiele

Und am Ende entscheidet der Interviewer auch, was da steht. Das steht dann da aber natürlich auch wirklich fest dokumentiert, vor allem bei gedruckten Interviews.

Ihr könntet solche Gespräche, wie wir das jetzt tun, aber auch Backstage oder mit anderen Bands sogar führen. Wäre das ein Unterschied?


J: Schon. Du leitest ja das Interview und führst uns zu einem Punkt, über den wir uns noch keine Gedanken gemacht haben.
R: Der Interviewer hat mehr Macht.

Naja, Du kannst als Gast aber schon auch einfach das Arschloch geben und einsilbig dasitzen.


R: Aber Du musst trotzdem liefern, irgendetwas. Der Interviewer kann sich ja nicht einfach etwas ausdenken, wenn es kein Gespräch gab. Und am Ende entscheidet er auch, was da steht. Das steht dann da aber natürlich auch wirklich fest dokumentiert, vor allem bei gedruckten Interviews.
I: Aber natürlich kannst Du auch als Band bis zu einem bestimmten Grad reagieren und durch die weiterführenden Fragen kommst Du dann vielleicht auch an den Punkt, an den Du hinwillst.

Welche Rolle spielt das Dokumentarische beim Interview denn heute noch, wenn man durch Timelines und Snapchat gewohnt ist, dass alles gleich wieder verschwindet?


J: An so eine Präsenz in Internet ist man natürlich schon gewohnt und auch, dass viel mitgeschnitten wird.

Aber Ihr legt nicht so viel Wert auf eine Inszenierung in den Medien.


R: Nein, gar nicht. Aber es gibt bei uns auch nicht die absolute Frontfrau. Das ist eher gleichberechtigt. Bei Wir sind Helden zum Beispiel stand Judith Holofernes ganz vorne.
J: Da wird dann eben explizit die Sängerin zum Interview eingeladen. Das ist uns tatsächlich nur einmal passiert. Da wurde nach den Texten gefragt und da bin ich als Sängerin dann eben zuständig.
Fandet Ihr das angemessen? Dreist? …?
J: Ich fand es irritierend.
R: Ich kann es irgendwie nachvollziehen. Es ist aber auch ein bisschen einfach.

Dann kommt ja auch häufig die Frage, was die Texte bedeuten…


J: Das ist ganz schwierig. Das kann und will man ja gar nicht so erklären.
R: Ich finde, das ist aber schon besser geworden, was sicher auch daran liegt, dass es mittlerweile so viele deutschsprachige Bands gibt. Vor 30 Jahren war das noch anders, Fehlfarben zum Beispiel mussten sich ja extrem erklären.

Hm. Wenn es Medien gibt, die fordern können, dass sie mit der Sängerin sprechen, hat das was mit Hierarchie zu tun? Je größer das Medium ist, desto mehr Forderungen können sie stellen und im Gegenzug kann die Band umso mehr fordern, je bekannter sie ist?


J: Ja klar. Da war es die TAZ und dann gab es noch den Fall, da hat ein Fanzine angefragt. In der Mail stand dann: „Ist es möglich, mit ihr zu sprechen“. Dabei sind wir doch jetzt nicht DIE Stars…

Ich finde das aber nett. Das hat ja auch etwas mit Respekt zu tun. Ihr nehmt Euch die Zeit. Und in unserem Fall jetzt eben noch kurz vor dem Auftritt…


J: Ja, aber das geht sich aus. Und es hat Spaß gemacht.


 

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