La Tourette – The Great Mickey Mouse Swindle

La Tourette – The Great Mickey Mouse Swindle

Bandfoto LaTouretteMickey Mouse ist eine Lüge. Sie verkörpert Moral, das Gute und Anständige. Alles, was verdorben und niederträchtig ist, ist nicht in ihr. Das ist in den Panzerknackern. Diese Polarität ist fern jeder Realität. Die Realität hat verschwommene Grenzen. Die Realität hat La Tourette. Hier treffen HipHop-Beats auf düster-kräftigen Gesang. Rumba-Rhythmen auf menschliche Abgründe.
Diese Vielfalt und auch Widersprüche sind die Stärke von La Tourette, sowohl textlich als auch im Klavierspiel von Tonia Reeh. Zusammen mit Rudi Fischerlehner am Schlagzeug lassen sie sich von afrikanisch-tribaler Musik, von Jazz und HipHop inspirieren, überführen die Einflüsse in Rock und heraus kommt das sehr gute Album The Great Mickey Mouse Swindle. Es ist diese Woche auf Solaris Empire erschienen.


Konzert-Tipp: My Sister Grenadine und Der Empfindliche Hund

My sister loves to folk

Wer hat gesagt, dass im Alltag keine Poesie liegt? Gurken schneiden, Haare kämmen, Koffer packen… unter dem Vergrößerungsglas des kindlichen und liebevoll-unschuldigen Blickes von My Sister Grenadine ist das ach so bezaubernd. Das Duo von Frieda Gawenda und Vincenz Kokot hat die schönsten Folk-Melodien und ein oder zwei neue Lieder eingepackt und startet nach Jahren wieder zu einer Tour. Das Wohnzimmer heute heißt Horns Erben.

Horns Erben: Arndstraße 33
20:00
Tickets: 10,00/8,00€


 

Sunshine Reverberation

Sunshine Reverberation / s/t

Forside Sunshine LP GUL

Sunshine Reverberation sind ein Quartett aus Tromso, im nördlichsten Norden Norwegens. Mit kühler, distanzierter Musik a la Legends, Radio Dep hat das aktuelle, selbstbetitelte Album aber gar nichts zu tun. Im Gegenteil, die Blues infizierten Riffs erinnern eher an heiße Nächte in Bluesrock-Bars in den 1960ern. Der Sound ist ebenso dicht und klingt nach Schweiß, der von der Decke tropft. Lediglich der Gesang ist lässig und zurückgelehnt. Diese Mischung macht das Album zu einem sehr spannenden Debütalbum. Diese Woche, am 21.4.2017 ist es erschienen.


Interviewempfehlungen

Spreeblick auf die Gesellschaft

Ein ganz wunderbarer Zufall: Die letzten beiden Interviewvorstellungen waren zu Interviews mit Antilopen Gang und Sookee. Und als ich vergangene Woche bei Fluxfm/Spreeblick die letzten Sendungen durchhöre, hatte Johnny Haeussler genau diese beiden zu Gast.
Ich will Euch deshalb diese Gespräche ans Herz legen.

Interview mit Antilopen Gang auf Fluxfm/Spreeblick
Interview mit Sookee auf Fluxfm/Spreeblick

Und es gibt noch mehr Sookee: Auf rap.de gibt es ein Interview, das ganz hervorragend zeigt, wie konzeptionell und bewusst der künstlerische Blick von Sookee ist. Es geht in 99% des Gesprächs um gesellschaftliche Zusammenhänge und Entwicklungen. Es ist toll, wenn in einem Interview die Kunst des Gastes so zum gesellschaftlichen Thema wird. Einige RezensentInnen mögen das als zu verkopft kritisiert haben, aber bei Sookee wird das Label Soziologievorlesung wieder positiv besetzt. Ich freue mich darauf, für die neue Ausgabe des Kreuzer Leipzig mit ihr zu sprechen und diese Themen weiterführen zu können.

Interviewvorstellung #36: Sookee bei Freitag.de

Bitte erklären Sie.

freitag logo

Aus gegebenem Anlass will ich heute ein Interview mit Sookee vorstellen. Die Berliner Rapperin hat gerade ein neues Album veröffentlicht und die Gelegenheit habe ich genutzt, um mich einmal durch die verfügbaren Artikel und Interviews zu wühlen. Eines davon hat Jan Rebuschat vor einigen Jahren für den Freitag geführt. Seine Ansprechhaltung steht exemplarisch für viele Interviews und lässt sich überschreiben mit: „Lieber Gast, erkläre mir bitte einmal…“.
Was bedeutet das? Der Interviewer formuliert tatsächlich fast ausschließlich Fragen (anstelle von Aussagesätzen oder Kommentaren), gerne auch W-Fragen. Zum Beispiel:

„Welche aktuellen Rapper finden Sie diesbezüglich besonders problematisch?“
„Weshalb haben kontroverse Rapper (wie z. B. Bushido und Haftbefehl) solchen Mainstream-Erfolg?“

An diesen Beispielen wird deutlich, welche Wirkung die Fragen haben. Sie fragen gezielt nach der Meinung und den Ansichten des Gastes. Sie lassen den Gast erklären und blenden dabei die Ansichten des Interviewers aus. Selbst in den Fällen, in denen Jan Rebuschat seine recherchierten Informationen oder weiterführende Gedanken in die Frage einbaut, steht am Ende eine Frage an die Rapperin, d. h. sie kommen vor allem in Form von Plattformfragen (M. Haller) vor und werden der Frage vorangestellt. Zum Beispiel:

„Zwar hat Rap schon seit Jahren den Mainstream erobert, doch in den Medien wird meist über die negativen Aspekte berichtet. Stichworte: Gewalt, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus. Welche sind Ihrer Meinung nach die größten Probleme des aktuellen deutschen Rap?“

“Marcus Staiger kritisierte kürzlich, dass er auf einer Zeckenrapgala war und dort ca. 99 % Deutsche und nur ca. 1 % Menschen mit Migrationshintergrund gewesen seien. Er führte dies auf einen gewissen Snobismus der deutschen Linken gegenüber der Arbeiterklasse zurück. Was sagen Sie dazu?”

Damit bleibt der Austausch recht einseitig. Das Interview ist dann keine Diskussion auf gleicher Augenhöhe, sondern eher eine Art Expertinnengespräch, bei dem die Rollen ungleich verteilt sind. Es zwingt den Gast dazu, sich auf Meinungen und Einschätzungen festzulegen, an denen er sich eventuell messen lassen muss. Unter Umständen kann das Druck aufbauen, wenn der Eindruck entsteht, der Gast würde „ausgequetscht“.
Das passiert hier bei Sookee allerdings nicht. Im Gegenteil, die Rapperin ist ja sehr meinungsstark und freut sich über die Gelegenheit, sich äußern zu dürfen. Dabei spricht Jan Rebuschat durchaus interessante Argumente und Aspekte an, z. B. die Kritik von Marcus Steiger an der Kultur der Rap-Szene. Wenn der Interviewer diese Bemerkungen in eigene Erfahrungen und Interpretation eingebaut hätte, hätte sich sicher eine sehr interessante Diskussion von zwei KennerInnen der Szene ergeben. So aber gibt er die Zitate mit der Bitte um einen Kommentar an Sookee zurück und vergibt sich die Chance für die Diskussion ein wenig.
Bei einem so wortstarken Gast wie Sookee entsteht aber auch so ein sehr interessantes und informatives Gespräch.