Interviewvorstellung #34: Gero von Boehm bei DAS

DAS sind Stichpunkte

DAS

Also eigentlich würde ich DAS, die Talk-Sendung im Vorabend des ndr nicht als klassisches Interview bezeichnen. Es sind Gespräche. Maximal sind die 30 Minuten Plauderei Beispiele für portraitierende Interviews zur Person: Einspieler und Spielchen schaffen eine entspannte Atmosphäre und das Ziel ist, den Gast vorzustellen und möglichst nahe zu zeigen. Das ist eine eher unterhaltsame Spielart des Interviews, deren Mehrwert stark davon abhängt, wie sehr man sich für den Gast interessant. Damit ist es das Gegenteil eines rein sachbezogenen Interviews, bei dem Fachleute zu einem Sachthema gefragt werden.

Im Falle des Journalisten Gero von Boehm ist das Interview aber sehr interessant, weil hier das Thema seine Art der Interviewführung ist.

Er beginnt gleich mit einer schönen Metapher:

„Man muss (beim Interviewen) weit gehen. Weit gehen heißt bei mir, ich mache Türchen auf (…) und dann können sie durchgehen oder auch nicht. Ich zwinge niemanden durchzugehen.“

Die Konzentration auf das Thema „Interview“ als Gero von Boehms Fachbereich ist die einzige richtige Weise, das Gespräch zu führen. Gero von Boehm ist ein zurückhaltender und leiser Mann, der nicht so gerne über sich selbst spricht oder sich darstellt. Das wird deutlich, als die Sprache auf seine Eltern und deren Zeit im Dritten Reich in Breslau kommt. Da antwortet er eher allgemein und verhalten. Über seine Leidenschaften – das Gespräch und Reisen – redet er aber gerne. Da braucht es auch nicht viel: eine Frage zu den Anfänger seiner Karriere, eine Bemerkung zu den beeindruckenden Persönlichkeiten, die er bereits getroffen hat, und schon erzählt er. Dabei helfen aber auch Bettina Tietjens sehr schmeichelnde Bemerkungen, Fragen sind es gar nicht immer. Sie hebt hervor, wie jung Gero von Boehm bei seinem ersten Interview (mit Martin Walser) war und wieviele Stars er auf seine besondere Art schon interviewt hat.

Was normalerweise so gar nicht schick ist, hat bei solchen portraitierenden Interviews zur Person häufig den Effekt, dass der Gast erzählt. Und mit etwas Glück und einem eloquenten Gast ist das dann interessant. So erfahren wir ganz nebenbei, dass Gero von Boehm bei einem Interview auch schon einmal eingenickt ist. Er nutzt das Beispiel, um die allererste Grundregel des Interviewens zu verdeutlichen: Langweile Dein Gegenüber nicht mit Deinen Fragen oder Äußerungen.

So sind die eigentlich vorbereiteten Fragen gar nicht die spannenden:

„Haben Sie Vorbilder?“

oder

„Wie bildet man die ganze Geschichte Europas ab? Wie gehen Sie da vor?“

Sie sind sehr allgemein und Bettina Tietjen hat vermutlich nicht erwarten können, dass Gero von Boehm sich daraus einen Aspekt herauszieht, über den er dann so erzählt.

Deswegen ist das Gespräch aber nicht von Fragen geprägt, sondern von Stichpunkten, die die Moderatorin dem Gast zuwirft, sei es in Form von Themen, die Gero von Boehm schon bearbeitet hat oder von Personen, die er interviewt hat. Die Fragen, die sie mitunter daraus formuliert, sind eher beliebig, aber Gero von Boehm greift sie dankbar auf. Und so zeigen sich in den Aspekten, die er aus den eher allgemeinen Fragen zieht, seine Persönlichkeit und seine Interessen. Die Kontrolle über das Gespräch hat aber entsprechend der Gast, wenn die Interviewerin auf die Antworten nicht weiter eingeht. Der Gast bestimmt, was und wieviel er sagt. Bei sehr medienerfahrenen Gästen ist es dann natürlich nicht weit her mit dem privaten Portrait.

Bei einem Gast, der viel erlebt hat und ein guter Erzähler ist, lohnt sich diese Art der Stichpunkt-Fragen aber durchaus.


 

Sofia Härdig CD-Tipp

Sofia Härdig- “And the street light leads to the sea”

Seit mittlerweile vier Alben liefert die Schwedin Sofia Härdig Industrial-Rock , elektronisch angehaucht und mit ihrer einzigartigen kräftigen Stimme. Mit dieser kompromisslosen Mischung steht sie in einer Reihe mit PJ Harvey oder Sonic Youth.  Ihr dunkler, fordernder Gesang gibt den Liedern eine düstere oder wahlweise auch sexy Stimmung. Sexy Electronica, wie sie es gerne selbst bezeichnet. Heute erscheint Ihr viertes Soloalbum „And the street light leads to the sea“ auf  Solaris Empire.


 

Tipp zum Sonntag

Brother Grimm im Black Label Pub

Keine Angst vor Nachnamen

Brother Grimm

Wenn einer Grimm heißt, ist der gedankliche Weg zum Bösen Wolf nicht allzu weit. Dennis Grimm ist aber weder böse, noch ein Wolf, sondern vielmehr ein Bluemusiker. Schweren, langsamen Blues macht er als Brother Grimm. Und ja, die Texte erzählen auch nicht unbedingt vom Happily Ever After und der großen Liebe, sondern eher von unruhigen, sorgengeplagten Nächten. Wie es sich für Blues eben gehört.

Es ist der erste Solo-Album des Berliner Sängers. Am Dienstag, 17.1., ist er mit seinen schweren, erdigen Riffs im Black Label Pub, in der Wolfgang-Heinze-Strasse 38.


 

 

Konzertankündigung Laura

Aura auf dem Sofa und der Bühne

Hier und heute kommt einmal ein Konzerttipp aus und für Leipzig.
Laura Hempel trägt die Aura nicht nur schon im Namen, sondern bringt sie auch auf die Bühne. Irgendwo zwischen Artistik, Musical, Performance und Konzert wird sie sich bewegen, wenn sie heute auf der Bühne im Theater der Jungen Welt steht.

Eine gute Gelegenheit, Euch Laura vorzustellen.

Portrait Laura

 

 

 

 

 

Du spielst viele Instrumente. Du bist Performance-Künstlerin und singst. Gibt Dir das die Möglichkeit, selbst über die Stücke zu bestimmen, unabhängig von Anderen zu sein, und wie wichtig ist Dir diese Kontrolle?

Akrobatik Seil

“Bei allem, was ich mache, geht es mir eigentlich nicht so sehr um Kontrolle, sondern um Qualität, Kreativität, Originalität und darum, dass ich selbst, aber auch das Publikum maximal Spaß haben. Natürlich muss man das, was man auf der Bühne tut, in irgendeiner Form ‘beherrschen’, aber ehrlich gesagt fühle ich mich bei allem, was ich tue, immer wieder am Anfang. Jeder Auftritt ist wieder neu. Immer suche ich mir wieder eine Aufgabe, an der ich feilen will.

Viel wichtiger als Kontrolle ist am Anfang auch das ‘Fließenlassen’ und herauszufinden, was einem liegt und wirklich steht, worin man gut ist, wo man als Projektionsfläche dient und wo nicht so.”

Diese Vielseitigkeit ist Lauras Markenzeichen. Es würde ihr wohl nicht gerecht werden, sie “nur” als Singer/Songwriterin zu bezeichnen.

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“Grundsätzlich war ich schon immer wissensdurstig in alle Richtungen. Ich wäre gern eine Vampirin, denn dann hätte ich Zeit für alle Musikintrumente, Sprachen, Theaterstücke, Enzyklopädien, Museen, Filme, Bücher, Youtubevideos dieser Welt. Am Ende muss ich mich für das wichtigste entscheiden, ausprobieren, aussortieren und reflektieren, wofür es auf der Bühne reicht und wofür nicht. So habe ich in verschiedenen Projekten ganz bestimmte Funktionen. Mal autarke Sängerin am Klavier, mal Moderatorin für Porsche und dann wieder für die eigene Veranstaltung ‘Bei Hempels aufm Sofa’, mal Comédienne für den WDR, die Helene Fischer, Adele und Lana del Rey verarscht, mal Tänzerin im Video einer befreundeten Songwriterin und dann wieder selbst als Songwriterin und Frontfrau meiner eigenen Musik.”

Auf der Bühne steht sie heute mit ihrem Soloprojekt Laura. Das Album, das sie unter diesem Namen veröffentlich hat, heißt “Weiter”.

Weiter albumcover

 

 

 

 

 

 

 

Die Musik selbst ist elektronisch und Beat getragen, der Gesang aber sanft und poppig und bildet so einen Gegensatz zum Rest.

Live ist Laura musikalisch heute im Theater der jungen Welt zu sehen.

Und am 7.12. noch einmal im Horns Erben mit einem ganz anderen Programm: Es heißt Bei Hempels aufm Sofa. Da ist sie Sängerin und Moderatorin. Sie lädt andere KünstlerInnen auf das rote Sofa des Horns zum Gespräch ein und das Mikro ist offen für Auftritte mit eigenen und Coversongs.

Termine:

  • 6.11.2016 70 jähriges Jubiläum im Theater der Jungen Welt mit Musik von LAURA
  • 7.12.2016 20 Uhr, Bei Hempels aufm Sofa

 


 

 

 

 

Buchempfehlungen

Heute habe ich gleich zwei Buchtipps:

1. Play Gender

Hg. v. Fiona Sara Schmidt, Torsten Nagel und Jonas Engelmann

Der Interviewband beschreibt im Gespräch mit MusikerInnen und AktivistInnen wie sich linke, feministische Theorie und Haltung in der Praxis darstellen. Die Interviews ermöglichen dabei eine Reflektion dessen, was die im Band Interviewten geschafft haben, mit ihren Werken oder Projekten. Sie bieten Einblicke in persönliche Erfahrungen der Interviewten und Gedanken zur Auswirkung von linken, feministischen Initiativen.

Das Thema mit Interviews zu bearbeiten, ist ein ganz großes Plus, weil es den direkten und unmittelbaren Austausch mit den AkteurInnen ermöglicht.

Brigitte Theissl hat auf ihrem Blog Denkwerkstatt eine umfangreiche Rezension geschrieben.

2. We were feminists once

Andi Zeisler

Andi Zeisler ist den meisten sicher als Gründerin des Bitch Magazins und als feministische Publizistin bekannt. In We were feminists once arbeitet sie die jüngere Geschichte des Feminismus in der Popkultur auf. Sie beschreibt die Entwicklung ausgehend von Riot Grrrl über die Spice Girls bis zu Beyoncé.

Auch wenn diese geradlinigen Bezüge nicht allzu neu erscheinen, ist das Buch aufgrund des kritischen und bissigen Blicks von Andi Zeisler auf jeden Fall empfehlenswert.

Eine Rezension und ein Gespräch mit Andi Zeisler  gibt es im Corso Magazin auf dradio.
Auf Arte lief eine Dokumentation, die auf ähnliche Weise die Geschichte des Feminismus erzählt und dabei fragt, welche Rolle die rosarote Welt von Mädchen dabei spielt.

Die Bücher habe ich auch in der Literaturliste hier im Blog aufgenommen.