Kitty Solaris – Musik der Gegensätze

Interview mit Kitty Solaris

 

Jazz und Pop, Singer-Songwriting und Disco gehen bei Kitty Solaris sehr gut zusammen. Die Berlinerin hat Anfang des Jahres ihr fünftes Album veröffentlicht und präsentiert es in Leipzig in gemütlicher Label-Lounge-Atmosphäre. Nach dem Konzert setzen wir uns noch bei einem Glas Wein zusammen und sprechen über das Album. Hier eine Collage.

 

Der Titel des Albums gibt fast schon das Thema des Albums vor: Silent Disco. Das ist ein ganz schöner Gegensatz. Gegensatz wäre auch ein passendes Thema für dieses Gespräch.

Auf jeden Fall. Es ist ein sehr zwei geteiltes Album.

 

Das Album-Cover

Das fängt beim Cover an: Es ist schwarz-weiß, das Bild wirkt einerseits, als wollte Kitty Solaris sich hinter dem Hut verstecken…

Coverbild Kitty Solaris mit Hut vor dem Gesicht

 

 

 

 

 

 

und andererseits wirkt es verspielt.

Kitty Solaris Cover

 

 

 

 

 

 

 

Man könnte auch an gegensätzliche Metaphern denken: „Den Hut ziehen“ oder „Den Hut aufhaben“. 

Das Cover-Foto gab es sogar schon. Meine Fotografin hatte schon einmal ein ähnliches Foto gemacht. Wahrscheinlich ist sie dann davon beeinflusst worden. Denn eigentlich war es Zufall, dass ich den Hut mit dabei hatte. Zum Schluss passt das aber sehr schön zusammen.

Bist Du denn jemand, die Dinge schwarz-weiß sieht?

Ja…. nein… Eigentlich nicht. Ich sehe Dinge sowohl als auch. Es gibt kein Schwarz ohne Weiß und kein Weiß ohne Schwarz. Die Dinge sind also eine Kombination, die notwendig ist, weil sie zusammengehören.

 

Die Texte

In den Texten ist das natürlich am deutlichsten zu sehen: Da gibt es sehr melancholische Momente, in denen es darum geht, jemanden zu verlieren oder zu vermissen. Und dann gibt es sehr kraftvolle Momente mit viel Energie wie bei den Zeilen: „I think I am on fire“ oder „I think it’s time for a great big, riot“. 

Booklet Songtext

Na ich denke, das bedingt sich eben. Es geht darum, dass man ganz viel Kreativität daraus schöpfen kann, wenn man etwas nicht bekommt, wenn Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Kreativität ist ja immer auch eine Kompensation von etwas, was nicht da ist. Deswegen empfinde ich negative Dinge, die ich in den Songs verarbeite, auch nicht als so tragisch.

 

 

 

Trotz der melancholischen Zeilen ist die Musik in den Liedern sehr tanzbar. Wie bei Silent Disco und der Zeile „you dance alone“. Denn alleine tanzen ist ja das Traurigste, was man machen kann… 

 

Die Musik

Das ist ein Gegensatz, den ich sehr mag.

Die Gegensätze ergeben aber immer am Ende ein Ganzes und passen deswegen so gut zusammen. Zum Beispiel eben bei Silent Disco. Da haben wir bewusst den Disco-Beat darunter gelegt…

… der aber vermutlich noch ein wenig schneller gespielt werden müsste, wenn das Lied tatsächlich in der Disco käme…

Die Idee war, mit diesem Modern-Talking-mäßigen Rhythmus das Lied wieder etwas ironisch zu brechen. Am Ende könnte man es aber sogar als Ballade spielen und es würde funktionieren. Das ist bei vielen meiner Lieder so, weil ich sie immer noch alleine mit Gitarre schreibe. Ich finde es aber auch interessant, sie danach zu produzieren und Electro-Pop hineinzubringen. Ich mag das Tanzbare und Arbeit bei der Produktion.

Electro-Pop ist für Silent Disco eine ziemlich allgemeine Beschreibung. Da ist der Disco-Beat, da ist klassisches Songwriting, jazzige Bläserbegleitung… da kann man viele Einflüsse und Stile finden

 

Die kommen auch von den Menschen, die mit ins Studio gekommen sind. Ich mag es, mit verschiedenen Leuten zusammen zu arbeiten. Damir Bacikin kam dazu und die Trompete eingespielt. Simon Goff hat uns Violinen-Arrangements aufgenommen und zurückgeschickt. Steffen Schlosser, mit dem ja schon lange zusammenarbeite, hat Beats und Schlagzeug über die ersten Aufnahme gespielt.

Wenn so viele Leute beteiligt sind, passiert noch eine ganze Menge mit den Songs, nachdem Kitty Solaris sie alleine aufgenommen hat… mitunter überraschen die Ergebnisse die Sängerin selbst.

Gerade bei Silent Disco. Da haben wir ganz schön rumgebastelt. Meine Gitarre wurde dabei komplett rausgenommen. Aber ich mag das Ergebnis. Das Lied ist genau auf den Punkt. Und ich freue mich, dass es auch im Radio so erfolgreich war.
Oder bei Ecstasy… Da hat unser Produzent eben diese afrikanischen Beats mit reingemischt. Das gibt natürlich einen ganz neuen Touch.

Dieser Touch macht die Musik tanzbar und fügt sie rund und harmonisch mit den Texten zusammen. Kitty Solaris ist die Freude an ihren Liedern anzumerken, wenn sie über einzelne Zeilen spricht, die sie sehr mag. Deswegen hier noch die schönsten Sätze aus Silent Disco:

  • Everybody is a stranger somewhere
  • I like you closer when you go
  • I don’t know what to do with my desire
  • Our minds are matching – only for tonight
  • Someday someone will break your heart like you broke mine

 

Tipp zum Sonntag

Zeichnen ist das neue Fotografieren

Für jeden Trend gibt es irgendwann eine Gegenbewegung. In diesem Fall ist der Trend das übermäßige Fotografieren und Filmen, also die permanente, schnelle Verfügbarkeit von Bildern. Der Gegentrend heißt in diesem Fall Isa Lange bzw. Zeichnen. Isa Lange zeichnet unter den Pseudonym Stadtmaulwurf aus den Nachrichten ab. Es sind Symbolbilder, ikonographische Bilder, die sie subjektiv auswählt und durch das Zeichnen zu mehr als einem Schnappschuss macht. Der Wunsch ist natürlich, den Moment und die Nachricht länger festzuhalten als für 15 Minuten Tagesschau, dem Publikum die Gelegenheit zu geben, ein zweites und drittes Mal hinzuschauen.

Isa Lange speist die Bilder dann wieder in den Medienfluss ein. Das ist ein Kontrast, der ihr sehr bewusst ist, aber nur so funktioniert das Konzept: Wenn diese “langsamen” Bilder den “schnellen” gegenübergestellt werden und nicht einfach in der Galerie hängen.

Ich bin über einen Beitrag auf Deutschlandradio auf den Stadtmaulwurf aufmerksam geworden und war begeistert. Nicht nur, weil die Bilder beeindruckend sind, sondern weil Isa Lange in dem Beitrag das Konzept in dem einen Satz auf dem Punkt bringt, den ich nicht gefunden habe:

Mit einer Zeichnung kann ich die Zeit verlangsamen.

Das ist genau der Grund, warum ich auch gerne Bilder aus Dokumentationen zeichne: um sie festzuhalten und den Menschen noch einmal ins Gesicht schauen zu können.

Ein wunderbares Konzept beeindruckend umgesetzt von Isa Lange und eine schöne Gelegenheit, an dieser Stelle dieses Mal keinen musikalischen Tipp oder Interviewtipp vorzustellen, sondern einen malerischen.


 

 

 

Interviewvorstellung #28: Serdar Somuncu bei Katrin Bauerfeind assistiert

Herausgefordert!

Ein klassisches Interviewformat ist Bauerfeind assistiert… mit Sicherheit nicht. Dass Katrin Bauerfeind zwischen Kaffee holen und Besorgungen machen immer noch Zeit für interessante Gespräche findet, reicht als Grund wohl nicht aus, hier eine Folge vorzustellen. In der Folge mit Serdar Somuncu wird das Gespräch aber einem konventionellen Interview gegenüber gestellt. Und das ist dann sehr wohl ein guter Grund für die Vorstellung und die Überlegungen zur Rollenverteilung im Interview.

Die arme Interviewerin in der Folge bekommt den Serdar Somuncu zu spüren, von dem Katrin Bauerfeind sagt, dass sie vor ihm Angst hat. Er lässt die Moderatorin für sich die Antworten geben, was aber auch schon fast nichts mehr macht, weil die Interviewerin über mehr als zwei Fragen ohnehin nicht hinauskommt. Da hat Serdar nämlich schon komplett abgeschaltet und sich mit Katrin Bauerfeind zum tuscheligen Zwiegespräch zurückgezogen.
Die Interviewerin versucht trotzdem weiterhin tapfer, ihren Plan durchzuziehen und ein Interview mit der traditionellen Rollenverteilung zu führen. Im direkten Vergleich mit der deutlich interessanteren Rolle, die Katrin Bauerfeind als Assistentin einnimmt, muss sie damit aber leider scheitern. Die Rollenverteilung zwischen Interviewerin und Gast spielt hier eine so große Rolle, weil sie die Erwartungen bestimmt, mit denen Serdar Somuncu an das Gespräch herangeht. Von der konventionellen Interviewerin hat er nicht viel zu erwarten. Schon tausend Mal hat er seine Kunst erklärt und über seine Programme gesprochen. Auch das Setting verspricht keine Überraschung oder gar Dynamik: das obligatorische Aufnahmegerät liegt auf dem Tisch. Vermutlich war der Zeitrahmen mit ca. 30 Minuten und das Thema mit dem aktuellen Buch festgelegt.
Deutlich mehr Spaß verspricht da das Konzept von Katrin Bauerfeind: nicht nur, dass sie ihn begleitet und deutlich mehr Zeit ihm verbringt. Sie taucht auch nicht explizit als Interviewerin auf, sondern als Assistentin. Natürlich ist klar, dass der Tag dokumentiert und Raum für interviewähnliche Gespräche lassen soll, die Assistentinnenrolle also ein Fake ist. Trotzdem macht so ein Rollenspiel das Gespräch erst einmal interessanter und den Gast offener. Es signalisiert ihm: Wir machen mal etwas Neues und nicht Schema F.

Im Interview ist normalerweise klar, was vom Gast erwartet wird: Er muss Fragen beantworten, sich und evtl. seine Institution repräsentieren. Das bietet Raum für Standardformulierungen und ein vorgefertigtes Image, weil der Gast sich vorher überlegen kann, welche Themen und Äußerungen er unterbringen möchte.
Vor allem ein Gast wie Serdar Somuncu, der gerne den kompromisslosen Provokateur gibt, muss durch Überraschungen herausgefordert werden. Wenn er mit Standardsituationen konfrontiert wird, kann er die Erwartungen, die an ihn gestellt werden natürlich leicht bewusst missachten. Entsprechend ist die wunderbarste Szene der Folge, die, in der Katrin Bauerfeind in Serdar Somuncus Namen an den Gästelisterschnorrer textet: “Ja Du Spacken, natürlich ist die Frage unverschämt”. Da scheint Serdar tatsächlich zu schlucken und Katrin Bauerfeind hat einfach mal zurückgeschossen. Damit ist sie interessanterweise aus ihrer Rolle der Assistentin ausgebrochen. Damit hat sie den Überraschungseffekt, der die Gäste auf positive Weise herausfordert.
Es lohnt sich also, einmal bewusst einen andere Rolle im Interview einzunehmen, als die der konventionellen Interviewerin. Noch mehr lohnt es sich aber, den Rollenerwartungen auch einmal zu widersprechen.


 

  • Die Folge Bauerfeind assistiert… Serda Somuncu auf zdf,de
  • Die Homepage von Katrin Bauerfeind
  • Die Homepage von Serdar Somuncu

Frau Hengst rettet die Welt

La Hengst im Frauenkultur e.V. Leipzig

Das aktuelle, das sechste Album von Bernadette LaHengst “Save the world with this melody” ist ein herzhaftes NEIN! NEIN zu Egoismus. NEIN zu Ungleichheit. NEIN zu Diskriminierung. NEIN zu Sexismus…  LaHengst-typisch kann der Fuß gleichzeitig aufstampfen und wippen. Live ist das ein besonderes Fest.

Am Freitag, 13. Mai ist sie im Frauenkultur e.V. in Leipzig
Windscheidstraße 51, 04277 Leipzig


 

 

Tipp zum Sonntag

Solaris Empire Strikes Back

Dieser Tipp wird ein kleiner Label-Rundumschlag: Solaris Empire beschert mir einen Frühling zwischen Synthie-Singer-Songwriting, Indiefolk und Blues-Punk: Kitty Solaris, Pollyanna und Black Eyed Dog haben ihre aktuellen Alben in den letzten Wochen auf Solaris Empire veröffentlicht. Die drei Alben haben mich in kurzer Zeit überrannt.
Kirsten Hahn (Kitty Solaris) hat das Label aufgebaut und sie legt sich beim Signing ganz offensichtlich nicht auf einen Stil oder eine Musikrichtung fest. Die Mischung der Bands im Labelkatalog ist einzigartig: hochvirtuoses Singer-Songwriting (My Sister Grenadine), düster-elektronischer New Wave (Sofia Härdig)…

Am 5.6. ist Kitty Solaris zusammen mit Doctorella in Leipzig in der NATO. In der Labellounge stellen sich die selbstgeführten Label beider Bands vor: eben Solaris Empire und Bohemian Strawberry.

Black Eyed Dog veröffentlichen am 02. Mai das Video zur Single “Heather” ihres vierten Albums “Kill me twice”.