Marta Collica – Inverno

Marta Collica – Inverno


Cover Inverno Portrait Marta Collica
Es gehört immer ein wenig Mut dazu, allzu offensiv vom Wetter und der Witterung zu sprechen oder singen. Es könnte belanglos werden. Die italienische Sängerin Marta Collica hat nun ein neues Solo-Album veröffentlicht. Es heißt ‘Inverno’, Winter.
Mit belanglos hat das aber nichts zu tun, sondern eher mit dem Alltäglichen, dem, was unausweichlich und immer zum Leben gehört. Denn die Sängerin erzählt in wunderbar, warmen Popsongs auf Englisch und Italienisch von den Erlebnissen und Erfahrungen, die sie in den vergangenen Jahren gemacht hat. Aber auch von Sorgen und Unsicherheit, die sie umtreibt. Sie persönlich. Und damit tritt sie einen Schritt zurück näher an sich heran. Zurück von der John Parish Band und den gemeinsamen Projekten, die sie mit dem australischen Musiker Hugo Race bestritten hat: Sepiatone und True Spirit. In denen ist Marta Collica als Mitglied natürlich ein Teil des Ganzen. In ‘Inverno’ steht sie nun wieder selbst im Mittelpunkt. Zum dritten Mal nach der Veröffentlichungen ‘Pretty and unsafe’ ‘und ‘About anything’.
Wenn der Winter so schön wird, wie das Album, dann blicke ich optimistisch auf das Ende des Sommers.

Das Album wird am 1. September 2017 veröffentlicht.


Verloren im Rock. 

Papir – V

Cover Papir V rot blau grünes MusterManche mögen von Musik als Mittel der Kommunikation schwadronieren. Bei Papir könnte tatsächlich etwas dran sein. Papir sind ein Trio aus Kopenhagen. Sie brauchen keine Worte in ihrer Musik, aber dafür Raum und Zeit. In zweimal drei Liedern füllen sie ein ganzes Album – ihr Debüt-Album. V heißt es. V wie der Buchstabe oder V wie die römische 5? Entscheiden Sie selbst. Und die Ambivalenz ist sicher gewollt. Die Musik jedenfalls entzieht sich gekonnt allen Interpretationen. Weder klassischer Postrock, noch von Ambient beeinflusster Psych-Pop ist sie. Für das eine ist sie zu fließend und entspannt, für das andere zu gitarrenlastig und Riff-basiert. Diese Uneindeutigkeit macht das Album so spannend. Die Konzentration auf die Musik und der Verzicht auf den Gesang ermöglichen es, die verschiedenen Genre, die Papir tangieren, zu ergründen. Das zumindest gilt für die HörerInnen. Für die Musiker gilt eher: komplettes Verlieren in das Spiel, Versinken in Riffs und Soli. V ist somit ein durchaus introvertiertes Album, aber auch eines der Interessantes neuen Signings von Stickman Records. Das Label empfiehlt sich wieder einmal als Kenner für zwar nicht eingängige, aber experimentierfreudige und technisch ausgefeilte (instrumentale) Musik.
Die Veröffentlichung war am 18. August 2017.


The Turnaround

The Turnaround with Jesse Thorn

Jesse Thorn ist Radiomoderator und hat die Podcastproduktionsfirma Maximum Fun gegründet. Sie ist bekannt für Diskussionsrunden wie Dave Hill’s Podcast Incident oder Baby Geniuses. Am anderen Ende des Programmes stehen Jackass-Formate und Blödel-Sendungen wie Can I Pet Your Dog oder The Imposters – ein wenig wie Circus Halligalli zum Hören. Jesse Thorn ist aber ein durchaus seriöser Medienjournalist und seine erste Sendung auf Maximum Fun, The Sound Of Young America, lag irgendwo zwischen diesen Programm-Extremen: ein Talkformat mit Sketch- und Comedyeinlagen. Mittlerweile heißt die Sendung The Bull’s Eye und konzentriert sich auf den Talk-Teil, also Interviews. Allein die Gäste sind und bleiben komisch und kommen aus dem Comedy-Bereich.

Logo The Turnaround roter PfeilEine etwas anderes Konzept hat Jesse Thorn mit seiner neuesten Podcast-Sendung entwickelt. Sie heißt zwar The Turnaround, könnte aber auch überschrieben werden mit Interviews über Interviews. Jesse Thorn lädt sich Interviewerinnen zum Gespräch ein und spricht mit ihnen über ihre Arbeit. Im Gegensatz zu den Interviews, die ich über Interviews führe, steht bei The Turnaround das Erzählen im Vordergrund. Es geht weniger um technische, manchmal auch trockene Details wie Fragetechniken oder Analyse des Interviews. Stattdessen erzählt er und lässt erzählen. Die Interviews sind eher offene Gespräche. Vorgegeben sind sie thematisch vor allem durch den Gast. Er ist eingeladen, weil er beruflich mit Talk, Gesprächen oder Interviews zu tun hat. In diese Rolle begibt sich der Gast in das Gespräch mit Jesse Thorn und  erzählt. Es gibt kein Interviewziel, das zum Beispiel vorgibt: Am Ende sollen wir erfahren, wie wir den Gast zum Reden bringen oder wie wir uns auf ein Gespräch vorbereiten. Es geht nicht darum, vom Gast zum Beispiel zu erfragen, wie wir mit extremen Interviewsituationen umgehen sollten. Es geht eher darum zu erfahren, wie der Gast damit umgegangen ist. Wertungsfrei, vielleicht nicht immer einwandfrei aber auf jeden Fall erhellend und nie belehrend.
Zweimal pro Woche gibt es eine neue Folge, jede eine Stunde oder länger. Die Show gibt es seit Juni 2017.


Robots do cry

Almost Charlie – A different kind of here

„Robot“ funktioniert auf viele Weisen. Es ist die erste Videoveröffentlichung zum aktuellen Album von Almost Charlie „A different kind of here“. „Robot“ funktioniert, weil Almost Charlie ein ungewöhnliches Gespann sind. Der Berliner Singer/Songwriter Dirk Homuth meldet sich 2003 auf eine Anzeige des US-amerikanischen Lyriker Charlie Mason. Seitdem arbeiten sie als Almost Charlie zusammen, ohne sich je getroffen zu haben, und „A different kind of here” ist ihr viertes Album.

(c) Markus Altmann
(C) Markus Altmann
(C) Jasmin Baumann
(C) Jasmin Baumann

 

 

 

 

 

 

 

„Robot“ funktioniert, weil es die Lyrik, das Erzählen von Geschichten und den zurückgenommenen Folkpop der Bandmitglieder verbindet. Der gleichbleibend melancholische Gesang erzählt vom mechanischen Herzschlag unserer technischen Helfer. Durch deren Kreisläufe fließt Strom wie bei uns das Blut. In ihrer Kunststoffhülle lässt sich ein Gesicht erkennen. Und „and robot’s all we are“… ist dann als Technik-kritisch oder-verliebt zu lesen?
Weder noch. Denn hier kommt eine weitere Weise dazu, auf die „Robot“ funktioniert: das Video. Es macht das Lied zu einer Geschichte, die jeden ans menschliche oder mechanische Herz zu legen ist.

Video gezeichnetes HochzeitspaarIn hinreißenden Zeichnungen blättert das Video durch das Fotoalbum eines gemischten Paares: Humanoid und Roboter. Hochzeit, Urlaube, Strand, Liebe. Und immer wieder die resignierte Feststellung „and robot’s all you are“ und doch geht es mit der Liebe. Erst einmal. Für eine Weile…
Dieses bezaubernde filmisch-musikalische Stück ist das Herzstück von „A different kind of here“ und ein Wegweiser zu den restlichen 11 Liedern, die ebenso liebevoll erzählte Fragmente des Lebens enthalten. Das Album ist am 17.6.2017 via Words on music erschienen.


 

Soybomb – Plastic Festival

Soybomb

Cover Soybomb Hund im HinterhofWer hats erfunden? Die Schweizer… Na gut, das wäre dann vielleicht ein wenig viel der Ehre. Das Gitarrenpop-Genre haben die drei Zürcher Soybomb nicht (neu) erfunden. Auch nicht den Postrock, den Garage-Rock oder den Synthpop nicht. Aber auf ihrer Debüt-EP Plastic Festival fügen sie alle zu einem sehr spannenden Mix zusammen. Wo “Part of me is you” noch ein wenig zu sehr nach jungenhaft-kitschigen Liebeslied klingt, schreit “Plastic Festival”: “Hier nimm mich als Sommer-Festival-Hit für die Dancefloor-Kids”. Der Song hat einem Refrain, für den Mando Diao oder The Kills killen würden: Garagen-Rock-Riffs zum Claim eines jeden Sommers -


“These are the most valuable days of our lives”. 
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