Die Autorisierung: Vertrauensbildende Maßnahme oder Zensur

 Die Autorisierung: Vertrauensbildende Maßnahme oder Zensur

Drei Beiträge füllte ein nur halb erschienenes Interview auf Planetinterview.de. Halb erschienen deshalb, weil etliche Teile der Autorisierung zum Opfer fielen. Darauf veröffentlichte die Redaktion zusätzlich zum autorisierten Teil des Interviews einen Hinweis auf die umfangreichen Eingriffe, einen offen Brief an den Gesprächspartner und ein Kurzinterview mit Michael Haller zum Thema der Autorisierung.

Dieser Fall hat mich mal wieder über die Autorisierungspraxis im Allgemeinen und meine im Speziellen nachdenken lassen. Zwangsläufig läuft das irgendwie immer aktuelle Thema auf die Frage hinaus: Ab wann verkaufe ich meine journalistische Integrität? Die Interviewpartnerin stellt die Frage natürlich anders: Ab wann drehst Du mir nur das Wort im Munde rum?

Autorisierung bei Interviews über Interviews

Ich bei meinen Interviews über Interviews keine Probleme der Autorisierung. Ich biete sie immer an und schicke die Transkripte zu. Manchmal kommt fast nichts zurück – was ich als positives Zeichen werte. Manchmal kommen ein oder zwei kleinere Änderungswünsche, die ich ohne Bauchschmerzen und Aufwand übernehmen kann. Über die Bauchschmerzen werde ich mir hier Gedanken machen müssen. Ich hatte bisher so wenig, dass ich mich vor einer Weile bei folgender Äußerung ertappt habe:

“Das Interview, das wir hier jetzt führen, ist ja kein investigatives Interview. Und das gesprochene Wort ändert sich im Transkript ja auch. Da finde ich es fair, euch noch einmal drüber lesen zu lassen.”

Da hatte ich tatsächlich erst einmal kurz Bauchschmerzen -allerdings nur kurzzeitig, denn die Äußerung kann ich unter bestimmten Voraussetzungen auch jetzt noch unterschreiben. Die wichtigste Voraussetzung ist die Art von Interview, das ich führe. Es handelt sich um längere Gespräche, die entsprechend in eine lesbare Form gebracht werden müssen. Das heißt nicht, dass ich Fragen umformuliere, umstelle o.ä. Ich halte mich soweit wie möglich an den Wortlaut. Mitunter sollten -auch im Interesse der Interviewpartnerinnen- allzu im Redefluss entgleiste Formulierungen aber eingefangen werden. Bei den Interviews handelt es sich um verschränkte Interviews, die sowohl Sachfragen klären aber auch portraitieren sollen. Es geht also nicht ausschließlich um inhaltliche Richtigkeit, die ich als Journalistin garantieren muss, zumal die Sachfragen weniger Fakten als Einschätzungen sind.

Es geht zudem um eine entspannte Gesprächsatmosphäre. Insbesondere bei Gesprächspartnern, die keine Medienprofis sind, wirkt die Zusicherung, dass das Interview noch einmal gegengelesen werden darf, stark Puls senkend. Die Autorisierung ist hier eine vertrauensfördernde Maßnahme.

Warum ich das so ausführlich schreibe?

Erstens: Weil meine durchweg positiven Erfahrungen mir da recht zu geben scheinen. Auch andere Kolleginnen von Tageszeitungen und passenderweise dem Interviewmagazin Ideal bestätigen das.

Zweitens: Weil die Bewertung einer Autorisierung offenbar auch am Interviewziel bzw. der Interviewart gemessen werden muss

Und drittens: Weil ich meine einzige wirklich problematische Erfahrung mit einer Autorisierung nicht bei einem Interview aus dem Kulturbereich gemacht habe, sondern vor Jahren bei einem Interview mit einer Wissenschaftlerin. Ganz ähnlich wie im Falle von Planetinterview.de.

Gründe für Änderungswünsche

Was war da für die InterviewpartnerIn der Grund für die massiven Eingriffe? Die Angst, falsch ausgelegt zu werden. Eine Angst, etwas inhaltlich Falsches gesagt zu haben, für das sie dann haftbar gemacht werden können. Es ist die Verbindlichkeit des Gedruckten, die abschreckt.

Dieser Grund lässt sich öfters auch bei Sachverständigen finden, immer dann, wenn es um objektiv zu bewertende inhaltliche Korrektheit geht.

Ulrich Hottelet beschreibt das in seinem Blogbeitrag sehr anschaulich mit eigenen Beispielen. Er findet auch einen zweiten Grund für die massiven Änderungswünsche -der eigentlich erwartbarere: Formulierungen werden glattgebügelt bis sie ins PR-Konzept und zum Image passen. Das Ziel der Änderungen: die Interviewpartnerin darf nicht anecken. Das ist kaum ein ein Interview, sondern eben PR.

Bewertung des Interviewzieles

Was bedeutet das für die Bewertung der Autorisierung?

Das, was ich weiter oben schon angedeutet habe: Zunächst ist einmal zu hinterfragen, was mit dem Interview erreicht werden soll. Soll es portraitieren, Sachfragen klären oder beides? Hier wird klar, warum PR-Interviews da nicht drunter fallen. Sie sind Presseerklärungen in O-Ton-Form. Wenn eine Interviewpartnerin ein eigentlich als journalistisches Interview angefragtes Gespräch als PR-Interview verstehen will, merkt es die Interviewerin leider mitunter erst währenddessen oder danach.

Die Handlungsoptionen

Spätestens an dieser Stelle wird immer die Frage gestellt: Wie gehe ich mit den Änderungswünschen um?

Die eine logische Antwort ist: Zunächst hinterfragen, inwieweit das Interviewziel durch die Änderungen betroffen und die Aussage des Interviews verzerrt wird. Das Unbefriedigende an dieser Antwort ist: Sie ist sehr allgemein, vor allem auch subjektiv, und bedeutet: Jedes Interview muss individuell betrachtet werden. Darum wird die Interviewerin bei der Einschätzung von Änderungswünschen nicht umhinkommen.

Dabei muss der Inhalt bewertet werden. Das beste Gesprächsklima -dank vertrauensbildender Maßnahme- ist wertlos, wenn das so vertraulich Gesagte nach der Autorisierung auch vertraulich bleiben muss.

Wer etwas konkretere Hinweise wünscht, insbesondere für den Fall, dass die Bewertung der Änderungswünsche schon Bauchschmerzen ergeben haben, dem seien folgende Beispiele aus der Praxis an die Hand gegeben.

- nicht autorisierte Teile des Interviews werden geschwärzt oder durch Leerstellen ersetzt. Die taz hat das schon mehrfach erfolgreich praktiziert. Das Ausmaß der Eingriffe wird dadurch zumindest quantitativ sichtbar.

- die autorisierte Fassung wird verlöffentlicht,  es wird aber deutlich und explizit darauf hingewiesen, dass es massive Änderungen des Originals gab. Das hatte Planetinterview.de gemacht. Eine interessante Spielart dieser Möglichkeit gab es bei der taz im Februar 2014: sie veröffentlichten das wortgetreue und genauso freigegebene Gespräch mit Christopher Lauer. Er selbst hatte das wortwörtliche Transkript als autorisierte Version an die Redaktion geschickt. Die sprachlich angepasste und nicht freigegebene Version ist zum Vergleich auch auf taz.de zu finden.

- es besteht die Möglichkeit, das Interview nicht in Interviewform zu veröffentlichen, sondern zum Beispiel als Portrait. Allerdings ist auch dabei ein gemeinsames Urheberrecht zu beachten, das beide Gesprächspartner an dem Text haben, wenn die Autorisierung einmal angeboten wurde. Hier noch einmal der Verweis auf das Interview mit Michael Haller bei Planetinterview.de.

- sollte es gar keine Einigung geben, bleibt als letzte -sicher nicht erstrebenswerte- Möglichkeit, das Interview überhaupt nicht zu veröffentlichen.

In jedem Fall empfiehlt sich eine genaue Absprache vor dem Interview. 

Ich bleibe also dabei, dass ich bei der Autorisierung der Interviews über Interviews keine Bauchschmerzen haben musste. Im Gegenteil: ich werde sie weiterhin anbieten und hoffen, dass sich meine positiven Erfahrungen auch in Zukunft bestätigen. Eines habe ich aus den Interviews nämlich auch mitgenommen:

Die Interviewpartner (Bands) sind dankbar (und mitunter überrascht), wenn ich die Autorisierung anbiete. Im Normalfall passiert ihnen das nämlich nur bei großen Zeitungen und Magazinen. Interessant ist, dass die Autorisierung hier noch auf andere Weise als vertrauensbildende Maßnahme wirkt: die Gesprächspartner fühlen sich ernst genommen. Viel zu oft habe ich bei den Interviews Frust darüber herausgehört, dass sich die Künstler falsch verstanden oder wiedergegeben fühlten, auch weil Journalistinnen wenig Interesse ins Interview mitbrachten. Daraus resultiert natürlich eine Abwehrhaltung gegenüber Medien, im noch besseren Fall schlichte Resignation und Desinteresse an Interviews. Das Angebot der Autorisierung war da immer ein willkommenes Zeichen der Ernsthaftigkeit des Interviews.

Ich freue mich an dieser Stelle über weitere Erfahrungsberichte und Meinungen.


 

Links aus dem Beitrag:

Die 3 Beiträge auf Planetinterview.de: Hinweis auf Autorisierung
                                                            Offener Brief
Interview mit Michael Haller
Blogbeitrag von  Ulrich Hottetet
Interview mit Christopher Lauer auf taz.de

Artikel auf peterfrau.de

Beitrag im Medienmagazin Zapp
Autorisierung bei der New York Times

 

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