„Coldplay-Vergleiche sind auch egal.“

Interview mit Belasco

Warum die Musikindustrie keine gute Branche ist.

Belasco hatten es nicht immBelasco auf der Bühneer leicht. Wenn man die Biographie liest, möchte man meinen, die Band müsste darüber den Glauben an die Musik(industrie) verloren haben. Da ist zu lesen, dass sie sechs Jahre darauf warten mussten, ihr Debütalbum in England zu veröffentlichen und währenddessen der Chef ihrer damaligen Plattenfirma starb. Wenn ich sie nicht schon einmal live gesehen hätte, würde ich jetzt drei verbitterte Männer erwarten, die in sich zurück gezogenen Blues machen und den Bass zur Seite gelegt haben. Zwar fehlt tatsächlich der Bassist Duff Battye, weil er noch irgendwo im Club unterwegs ist, dafür aber sitzen mir Sänger Tim Brownlow und Schlagzeuger Bill Cartledge mit umso freundlicherem Grinsen gegenüber. Die gerade leer gegessenen Teller noch neben sich und das volle Bier auch. Irgendwie müssen sie sich ihren Glauben bewahrt haben. Idealismus?

Würdet Ihr Euch als idealistisch bezeichnen? Wenn man bedenkt, dass Ihr sechs Jahre darauf gewartet habt, ein Album in Großbritannien zu veröffentlichen?

2001 haben wir ein Minialbum in Großbritannien herausgebracht. Dann kam erst mal nichts mehr. Es gab Probleme. Und dann kam der Erfolg in Deutschland. Wir lieben Musik. Es ist harte Arbeit macht aber auch Spaß. Es gab einige Singles in Großbritannien und wir hatten einen Plattenvertrag. Dann wurden wir rausgekickt. Das passiert in Großbritannien aber auch im übrigen Europa.

Dann sprechen wir also erst einmal über die Musikindustrie, bevor ich noch einmal auf den Idealismus zu sprechen komme.

Das lag nicht an Euch oder an mangelndem Erfolg. Das war eine Sache der Plattenfirma. Aber Ihr könnt das besser selbst erzählen.

Wir möchten uns nicht beschweren. Wir hatten Pech in Großbritannien. Der Chef unseres ersten Labels, bei dem wir vor fünf Jahren waren, ist leider gestorben. Da fing es an. Wir mussten ein anderes Label finden. Und das Beste, was wir machen konnten, war, aus England weg zu gehen. Es gibt viele gute Bands in London. Aber sie hängen in London rum und wenn sie innerhalb eines Jahres keinen Plattenvertrag bekommen, lösen sie sich auf und fangen etwas Neues an. Und wenn sie dann immer noch keinen Plattenvertrag bekommen, lösen sie sich wieder auf und nehmen eine Arbeit an. Diese Bands hängen in London rum und versuchen, die Plattenfirmen zu beeindrucken. Und wir waren auch eine dieser Bands. 2000 waren wir da auch gefangen. Wir spielten immer wieder in den gleichen miesen Läden und hofften auf einen Plattenvertrag. Reine Zeitverschwendung.
Das war aber notwendig. Wir mussten in anderen Ländern touren und auf Festivals spielen. Dann kam nämlich die englische Musikindustrie und wurde auf uns aufmerksam. Das war so 2003 und 2004. Wir wurden für sie interessant. So sehr, dass wir sogar dachten: Oh, das läuft ziemlich gut für uns. Wir bekamen einen kleinen Plattenvertrag bei Universal, der aber bald wieder Vergangenheit war. Dann standen wir ohne alles da. Und das hinterlässt dann einen schlechten Nachgeschmack. Deshalb wollen wir jetzt nicht mehr den Plattenfirmen hinterher rennen. Wir wollen uns nicht beschweren aber die Musikindustrie ist keine gute Branche. Sie ist nicht nett.

Belasco bekamen einen Plattenvertrag bei dem Label Supermusic in Deutschland. Sie gingen also nach Deutschland, um zu touren und ihr erstes Album aufzunehmen. Deshalb waren sie hier erfolgreicher als in Großbritannien.

Lasst uns doch noch ein bisschen bei der Musikindustrie bleiben. Kann man die Mechanismen der Musikindustrie steuern, anstatt selbst von der Musikindustrie gesteuert zu werden? Oder hat das einfach etwas mit Glück zu tun, ob man einen Plattenvertrag bekommt?

Zunächst einmal musst du eine gute Band sein, um da rein zu kommen. Gleichzeitig aber, und das passiert vor allem in England immer wieder, ist ein Label an einer Band interessiert und die Band tourt dann und plötzlich sind da zehn oder zwanzig Vertreter von Plattenfirmen bei den Konzerten. Es erscheint wie ein Wunder. Aber eigentlich nehmen sie sich einfach eine Band und sagen: Das ist es jetzt. Und sie scheinen keine eigene Meinung zu haben. Und da kommt dann das Glück ins Spiel. Ich kritisiere die Plattenfirmen nicht dafür, dass sie uns nicht unter Vertrag genommen haben. Aber ich glaube, dass die meisten nicht selbst denken können. Sie wollen kein Risiko eingehen. Sie möchten ein fertiges Produkt und so wenig wie möglich mit der Band zu tun haben. Sie möchten eine Band, die schon fertig ist. Sie möchten sicher sein, dass du 500.000 Platten verkaufst.

Habt Ihr selbst an das Risiko gedacht, als ihr den Plattenvertrag in Deutschland angenommen habt und aus England weggegangen seid?

Finanziell schon. Aber musikalisch gesehen gab es kein Risiko. Wir hatten Angebote und es erschien interessant, hierher zu kommen und aufzunehmen. Also kamen wir für einen Monat her, in dem wir natürlich nichts verdient haben. Aber das gehört wohl zu einer Band. Bevor Du anfangen kannst, Alben zu verkaufen, musst Du erst mal welche aufnehmen.

Wovon habt ihr also gelebt?

Wir haben gearbeitet, bevor wir hergekommen sind. Es waren miese Jobs. Maler und solche Sachen, um Geld zu verdienen. Dann haben wir geprobt und sind nach Deutschland gekommen. Das war kein Risiko musikalisch gesehen. Das einzige Risiko, das wir eingegangen sind, war das Risiko, unsere Jobs aufzugeben.

Mit der Erfahrung, die Ihr heute habt: Hättet Ihr damals etwas anders gemacht?

Wahrscheinlich hätten wir uns schon viel früher besseres Equipment kaufen sollen. Ja. Und dann gab es eine Zeit, als wir gerade Fifteen Seconds veröffentlicht hatten. Da kamen viele Majorlabels. Wir erzählten ihnen, dass wir für ein Album probten. Und das hätten wir sein lassen sollen.

Wie würdet Ihr Eure damaligen Gefühle beschreiben? Ihr habt Euch für den Plattenvertrag in Deutschland entschieden, weil das Album in England in veröffentlicht wurde.

Wir suchten nach etwas anderem. Wir hatten das Gefühl, eine dieser unzähligen Londoner Bands zu werden. Es gibt in London tolle Bands, aber sie kommen nie aus London raus. Und das haben wir gespürt. Als Band möchtest du bestimmte Dinge erreichen: in einem anderen Land spielen, auf einem Festival spielen. Und wir hatten die Möglichkeit, aus London rauszukommen. Weg von den Clubs, die wir hassten. Wir wollten etwas anderes und das hat uns angetrieben.

Es gab für Euch keine andere Möglichkeit, etwas zu ändern und vielleicht die Mechanismen der Musikindustrie zu nutzen und nicht umgekehrt?

Du musst Dich zunächst einmal um Dich kümmern. Und du darfst nur das machen, was du auch machen möchtest. Wir hatten das eine Zeit lang vergessen und haben versucht, es allen recht zu machen. Und das hat nie funktioniert. Man kann es nicht allen recht machen. Und deshalb musst du erst einmal schauen, was du selbst wirklich möchtest.

Kamt Ihr an einen Punkt, an dem Ihr andere dafür verantwortlich gemacht habt, dass Eure Platte nicht erschienen ist?

Nein, eigentlich nicht. Die Leute kommen und gehen. Sie sind Teil einer Art Team, das sehr kurzlebig ist: Promoter… eben flüchtige Beteiligte. Wenn man frustriert ist, ist es leicht, andere dafür verantwortlich zu machen. Aber wir sprechen niemandem die Schuld zu. Jeder hat sein Bestes gegeben. Und wenn nicht, dann verabschiedet man sich von ihm.

Was haltet Ihr dann von den Medien und ihren immer gleichen Vergleichen mit Muse, Placebo oder Coldplay? Das muss auch sehr frustrierend sein.

Das müssen sie wohl machen. Sie müssen uns in einen Kontext setzen mit Hilfe von bekannten Namen. Das müssen alle machen.

Aber was habt Ihr denn mit Bands wie Echo And The Bunnyman, Placebo oder REM gemeinsam außer den Produzenten?

Genau. Nur den Produzenten. Aber es ist ein Titel, dem man verliehen bekommt. Ich habe noch nie ein Album von Echo And The Bunnyman gehört. Ich kann es also gar nicht einmal sagen.

Und dabei lachen sie, weil sie genau wissen, wie schwer das für uns zu glauben ist. Und weil sie wissen, dass wir denken werden, das sei nur Koketterie.

Stimmt es, dass der Chef von US-Mercury Euch gesagt hat, Ihr könntet in den USA so berühmt werden wie Coldplay?

Und da lachen sie gleich noch mehr. Zum Glück nicht über mich sondern über jenen Chef.

Ja. Aber das war der Chef von Warner. Der kam und sagte, wir könnten Megastars werden. Diese Jungs sind wirklich lustig. Die sehen sich selber als die größten Stars. Die fangen an, von sich zu erzählen: Das habe ich mit Muse gemacht. Soll ich Euch eine Geschichte darüber erzählen, wie ich mit Muse gearbeitet habe? Und wir denken dann so: buuurrg.

Als ich noch versuche, Tim und Bill zu einem gepflegten Diss von Coldplay zu bewegen, komme ich gar nicht weiter.

Heute möchte man ja fast gar nicht mehr mit Coldplay verglichen werden.

Nein. Nichts gegen Coldplay. Sie sind wirklich großartig. Sie sind jetzt eben Megastars. Sie sind jetzt die neuen Radiohead, wenn es um Vergleiche geht. Wir haben befreundete Bands, die überhaupt nicht wie Coldplay klingen — Folkbands, Countrybands — und trotzdem in den Kritiken mit ihnen verglichen werden. Da haben sich die Kritiker die CD nicht einmal angehört. Das ist dann ein bisschen frustrierend.

Und vor allem auch ignorant.

Es kommt auch auf die Zeitung an. Wenn es eine große ist, auch wenn sie dich verreißt, ist es okay. Normalerweise schreiben diese Zeitungen gut. Aber manchmal gerät man an eine kleine Studentenzeitung und wird da runtergemacht. Das ist dumm. Es ist immer schön, wenn man eine Besprechung bekommt. Und wenn es eine schlechte ist oder du mit Coldplay verglichen wirst, ist es auch egal.

Muss man so eine Ist-Mir-Doch-Egal-Haltung aufbauen, um in der Musikindustrie zu überleben?

Das ist schwer. Du weißt, dass du gut bist. Und irgendwann fängst du auch an, dir um die Plattenverkäufe Gedanken zu machen.

Ihr habt ja gerade erst ein Album herausgebracht — Something Between Us. Eine Art Best Of-Album.

Das Album war eigentlich für England, Frankreich und Holland bestimmt. Ursprünglich war es für England gedacht. Aber wir haben uns dann entschlossen, es auch in Deutschland zu veröffentlichen. Einige der Lieder sind schon auf früheren Alben. Wir sind keine so große Band und wir haben noch nicht so viele Alben veröffentlicht. Aber es sind einige neue Lieder auf dem Album, die hoffentlich im Radio gespielt werden.

Und Ihr arbeitet schon am nächsten Album?

Ja. Es ist fertig. Es sind nur noch organisatorische Dinge zu klären: Wer es aufnimmt zum Beispiel. Wir müssen noch einige organisatorische Dinge klären. Die Songs sind aber fertig.

Noch viel Organisatorisches also. Seid Ihr damit jetzt besonders vorsichtig nach den Erfahrungen mit dem jetzigen Album?

Auf jeden Fall…

Inwieweit?

Wir sind viel vorsichtiger. Viel mehr können wir dazu noch nicht sagen. Das ist eine heikle Angelegenheit. Lass es uns dabei belassen.

Ihr sucht jetzt die Leute vorsichtiger aus, mit denen Ihr zusammen arbeitet?

Ja. Genau das.

Ob Belasco für das nächste Album die Plattenfirma wechseln, können sie gar nicht sagen. Deswegen möchte ich sie auch nicht weiter quälen.

Habt Ihr ein bisschen Angst vor dem nächsten Album?

Nein. Davon sind wir weit entfernt. Wir möchten nur sicher gehen, dass alles klappt.

Aber Ihr habt nie den Glauben an die Musik verloren?

Tim: Man kann den Glauben schnell verlieren. Aber wir hatten eine Pause, in der wir nachgedacht haben und dann kamen wir wieder und haben wieder getourt und das Gefühl war wieder da.
Bill: Ich habe den Glauben in die Musik anderer Leute verloren. Ich fand es eine zeitlang schwer, Radio zu hören. Da kamen Bands, bei denen es so gut lief und dann hast du vielleicht gedacht: warum klappt das bei uns nicht.

Und das war es dann auch zum Thema Idealismus. Zu mehr kommen wir nicht, denn Belasco müssen zum Soundcheck. Deswegen können wir nur kurz über das FutureForest-Projekt sprechen, an dem Belasco beteiligt sind. Das ist ein Projekt, das auf den Klimawandel aufmerksam macht und Maßnahmen dagegen ergreift. So werden in einem Gebiet bei Leipzig Bäume gepflanzt und ein Teil wird der Belasco-Forest.

Das Interview wurde zuerst bei Justmag.net veröffentlicht.

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