„Ich hasse Moden.“

Inerview mit Neil Hannon (The Divine Conedy)

Neil Hannon (The Divine Comedy) sitzt auf dem Sofa

 

Ein Dandy ist lässig und redet nicht drüber. Er streitet mit charmantem Lächeln ab, smart und charmant zu sein und gewinnt so ohne Umschweife Dein Herz. Er ist nicht wie Kid Rock, der erst jedem erklären muss, dass er cool ist. Neil Hannon (The Divine Comedy) ist wahrscheinlich lässig, auf jeden Fall weiß er aber, wie er Dein Herz gewinnt: Er ist freundlich, macht hin und wieder einen Scherz und ist bescheiden, ohne sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Ich möchte von ihm wissen, wie er das macht: Er ist heute schon von München nach Dresden gefahren, kommt gerade vom Soundcheck und muss nach dem Interview sofort wieder hin, das Internet ist ausgefallen und er ist trotzdem ganz entspannt.

Bei der Verleihung der New Musical Express Awards 1998 hast Du gesagt: „Hier sind alle zu cool, um auf der Bühne mal Danke zu sagen und selbst das Publikum ist zu cool, um zu klatschen, wenn jemand einen Preis bekommt“. Was wäre denn eine angemessene und coole Reaktion gewesen?

Neil denkt kurz nach und lacht dann.
Habe ich eigentlich einen Preis bekommen? Das ist schon so lange her.

Bei der Verleihung 1998 nicht.

Hmm. Ich erinnere mich. Ich glaube, es wäre nett, Dankeschön zu sagen. Das Problem ist ja, dass es langweilig wird, immer die gleichen Menschen, denen gedankt wird. Deswegen reden die Indies lieber gar nicht.
Ich bekomme morgen einen Preis. Das ist für mich der erste Preis des Jahrzehnts.

Das ist ja auch noch jung. Wie wirst Du den Preis annehmen?

Ich werde wahrscheinlich vielen Leuten danken. Es ist schön, dass ich ihn morgen bekomme. Wir sind ja keine coole, junge, aufstrebende Band mehr.

Was bedeutet denn cool für Dich in diesem Zusammenhang?

Dieses britisches Ding: auf das neue, angesagte konzentriert. Wenn Du zu lange da bist, werden sie Dir manchmal ein bisschen überdrüssig.

Ist es denn cool zu schauen, wie viele Lieder Du im vergangenen Jahr angesammelt hast und ob sie für ein Album reichen und das Album dann innerhalb von zwei Wochen aufzunehmen? So, wie Ihr es mit Victory for the Comic Muse gemacht habt?

Das ist sehr cool. Es war aber eher Zufall. Ich meine, ich schreibe viel, wenn ich zuhause bin, und ich habe speziell für verschiedene Projekte geschrieben.

Schreibst Du die Lieder mit links?

Nein, gar nicht. Es ist nur Teil dessen, was ich tue. Ich glaube, es ist weder besonders leicht oder schwer. Du tust es einfach. Erst dann entscheidest du, ob es gut ist. Vergangenes Jahr hatte ich viel zu tun und war nicht zuhause, aber irgendwann wollte ich dann wieder schreiben und ein weiteres Album machen, mit allem, was dazu gehört: Promotion, Tour.

Hattest Du je das Gefühl, jetzt wird es wirklich Arbeit und ich muss mich anstrengen?

Es gibt nur einen Teil der Arbeit, der wirklich Arbeit ist und das ist… das hier. Neil macht eine Handbewegung zum Mikrofon, aber sein Lachen sagt: ist schon okay. Frag ruhig weiter.
Es ist das Promoten, egal ob Radio-, Fernseh- oder Pressinterviews.

Sorry.

Nein. Ist schon okay. Du erkennst, dass du das tun musst. So schwer ist das nicht. Es ist eben nicht das, was du machen möchtest. Wenn ich live auftrete, dann ist das genau das, was ich machen möchte. Gleiches gilt fürs Schreiben und Aufnehmen. Niemand sagt dir aber, wie du richtig Interviews gibst. Da bekommst du nur unsinnige Ratschläge. Wir haben einmal ein Medienseminar gemacht, nur so zum Spaß. Sie haben dir da gezeigt, wie du lügen musst, wie du immer wieder dieselben Dinge sagst. Das kam mir falsch vor. Also mache ich es jetzt wieder wie früher und verwende all die falschen Techniken.

Warum gibst Du dann überhaupt Interviews?

Ich möchte, dass die Leute wissen, dass ich ein neues Album draußen habe. Da muss Neil selbst über seine verschmitzte Dreistigkeit lachen.
Ich trete auf und möchte, dass die Leute zu meinen Shows kommen.

Du möchtest also schon Erfolg?

Nein. Der Erfolg hält alles nur am Laufen. Das ist eine Abfindung. Du kannst nicht Platten aufnehmen und sie dann nicht bewerben. Du möchtest, dass die Leute deine Platten hören. Deswegen machst du das. Ich lüge in Interviews nicht, aber die sind mehr wie Arbeit als alles andere. Ich könnte es auch sein lassen, aber es gibt ja dieses Sprichwort: sich ins eigene Fleisch schneiden. Ich kann etwas tun, am Ende wird es aber nur mir selber schaden.

Warst Du nie gezwungen, Dinge zu tun oder musstest Kompromisse eingehen?

Natürlich musste ich Kompromisse eingehen. Ich musste bestimmte Fernsehshows machen, ziemlich lächerliche. Jetzt kann Neil aber darüber lachen und tut es auch.
So kommst du aber ins Fernsehen. Ich habe nichts gegen Kompromisse. Ich hatte nie ein Problem mit dem Wort Kompromiss. Viele Leute empfinden es als ein schlimmes Wort. Wenn du aber nie Kompromisse eingehst, beschwörst du Konflikte herauf. Ich bin absolut für Kompromisse.

Ich habe immer das Bild eines smarten, coolen Mannes vor mir, oder auch eines Dandys, wenn Du es so nennen willst…

Oh nein. Das habe ich befürchtet.

Warum magst Du das nicht?

Das klingt so, als würde ich mit Spazierstock und Zylinder herumlaufen. Ich habe aber auch eine Familie und Freunde wie jeder andere. Nein, ich bin bestimmt kein Dandy.

Ich habe bei Dandy eher daran gedacht, dass das jemand ist, der sich nichts vorschreiben lässt und tut, was er möchte. Geht es also nicht darum, immer das zu tun, was man möchte, sondern, wie man mit Kompromissen umgeht?

Ja. Ich hasse es zum Beispiel, mich mit anderen Menschen zu streiten. Außerdem gibt es niemanden, der einfach nur das tun kann, was er möchte.

Du bist bekannt dafür, Kunst zu lieben: Literatur, Musik. Eher aber die klassischen als neuere Sachen, oder?

Ja, das muss ich zugeben. Ein großer Teil der Bücher, die ich lese, sind aus der Zeit von 1900 bis 1950. Ich lese ab und zu auch neuere Bücher, aber die haben nicht so viel Klasse.

Bei den Musikern, mit denen Du zusammenarbeitest, sieht man das auch: Ben Folds, Ute Lempert, Charlotte Gainsbourg, die sind keine neuen Künstler.

Ich würde auch mit neuen, aufstrebenden Künstlern zusammenarbeiten, wenn die neuen, aufstrebenden Künstler besser wären. Selbst, wenn Neil einem solchen Seitenhieb austeilt, wirkt er noch charmant und lacht.

Was hat denn Robbie Williams, dass Du mit ihm auf Tour gegangen bist?

Zu seinen Shows kommen viele Leute.

Also wieder Promotion?

Du musst eben Kompromisse eingehen. Neil scheint es zu lieben, mir das zurückzugeben und lacht wieder.
Wir hatten viel Spaß auf der Tour. Es war außerdem ein guter Zeitpunkt. Wir hatten gerade unsere Single National Express herausgebracht. Wir konnten sie vor achttausend Leuten jede Nacht spielen. Das war großartig. Das ist unser größter Hit in England. Es ist Schicksal, in den Charts zu sein.

Was muss ein Musiker denn haben, damit Du mit ihm zusammen arbeitest?

Ich suche nicht nach Leuten, mit denen ich zusammen arbeiten kann. Ich habe eigentlich noch nie jemanden gefragt, ob er mit mir zusammen arbeiten möchte. Ich bekomme Anfragen. Das ist fantastisch, dass die Leute zu mir kommen und möchten, dass ich ihre Musik mische und mit ihnen zusammen arbeite.

Das ist eine angenehme Position: Die Leute kommen zu Dir und fragen Dich, ob Du nicht mit ihnen zusammen arbeiten möchtest. Wie bist Du in diese Position gekommen?

Durch harte Arbeit. Ich habe viele Alben geschrieben und die Leute mögen meine Musik. Durch Touren. Ich habe mich nie durch andere Bands abschrecken lassen. Es ist ja sehr einfach, sich zu sagen, dass sich ohnehin niemand für einen und nur für die anderen interessiert.

Hast Du es denn wirklich als harte Arbeit empfunden? Du hast ja gesagt, dass es an sich nicht schwierig ist, die Lieder zu schreiben.

Du musst konzentriert arbeiten. Du kannst nicht einfach irgendeinen Mist schreiben und hoffen, damit durchzukommen. Du musst dich schon anstrengen. Glücklicherweise arbeite ich gerne hart. Ich kann nicht sagen, dass es ein harter Job ist. Es macht Spaß, das zu tun. Da habe ich großes Glück. Ich liebe es, Lieder zu schreiben, ich liebe es aufzunehmen, ich liebe es, zu touren. Das heißt aber nicht, dass es keine Arbeit wäre. Es ist nur so, dass ich zufälligerweise meine Arbeit liebe.

Hast Du einen Tipp, wie man das erreichen kann?

Nein. Ich kann niemanden Ratschläge geben. Bei jedem ist das ja unterschiedlich. Es ist aber ganz einfach, sich das Leben zu versüßen: höre einfach Divine Comedy.

Es ist aber auch wichtig, sich von niemanden etwas vorschreiben zu lassen und Sachen immer auf seine eigene Art zu tun.

Auf jeden Fall. Das ist wichtig. Wenn du Musik machst, ist ein großer Druck da, dass sie zu einer Mode passt. Mode existiert aber nur den Köpfen der Menschen. Ich hasse Moden. Für mich war es ein Glück, dass die Musik, die ich machen wollte, 1996 perfekt in die Zeit passte. Das hat mich eine Weile zum Popstar gemacht. Ich habe das nicht mit einem Ziel gemacht. Ich habe immer nur die Musik gemacht, die ich wollte. Ich glaube, niemand würde von mir wollen, dass ich mit dem Strom schwimme.

Haben Dich Deine Eltern so erzogen?

Ich glaube schon. Das liegt nahe. Meine Eltern haben mich wohl das meiste von dem gelehrt, was ich weiß. Der Rest kam von Top Of The Pops. In der Schule lernst Du das jedenfalls nicht.

Stimmt es, dass Du als Kind mit einem Hammer auf das Klavier bei Deinen Eltern eingeschlagen hast?

Ja, woher weißt Du das?

Ich habe Deine Eltern angerufen und die haben es erzählt.

Hehe. Ich glaube, ich war drei Jahre. Ich sollte an das Klavier herangeführt werden, aber ich hatte unglücklicherweise einen Hammer in der Hand. Es ist ein Beckstein und steht immer noch bei meinen Eltern. Meine Eltern haben mich aber nicht zum Klavierspielen gezwungen. Sie fragten mich irgendwann, ob ich Klavierunterricht habe wollte und so habe ich bis dreizehn Unterricht bekommen. Ich fand das dann aber langweilig.

Warum?

Naja, Leute, die mir sagen, was ich zu tun habe. Ich habe darauf nie gut reagiert.

Auch in der Schule?

Ja. Zumindest die letzten Jahre. Zwei Tage vor meiner Abschlussprüfung ging ich zu einem Konzert von Aerogramme. Ich sah sie und dachte: Das will ich auch machen. In der Englischprüfung schrieb ich dann einen langen Aufsatz darüber, warum wir keine Aufsätze schreiben sollten. Ich bin dann durchgefallen.

Und heute Abend stehst Du vor ein paar hundert Leuten auf der Bühne und feierst das neue Album von Divine Comedy. Wer ist also der Sieger?

Tatsächlich steht Neil beim Konzert nicht da wie jemand, der sich wegen eines (absichtlich) versauten Aufsatzes einen Kopf machen müsste. Das tobende Publikum gibt ihm jedenfalls recht.

Das Interview wurde zuerst bei Justmag.net veröffentlicht.

 

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