Natural Born Rockstar.

Norman Blake von Teenage Fanclub im BackstageraumInterview mit Norman Blake (Teenage Fanclub)

Es ist, was nicht sein darf: Ich bin mächtig aufgeregt. Denn hier bin ich nicht nur Journalistin sondern auch Fan. Da hilft nur eins: aus der Not eine Tugend machen und über eben dieses Fansein sprechen. Nicht nur das nimmt mir die Nervosität. Auch dank Norman Blake, Sänger von Teenage Fanclub, normalisiert sich mein Puls wieder. Er wirkt nämlich noch aufgeregter als ich. Er kommt gerade vom Soundcheck und sucht erst mal nach einer Steckdose, um seinen Laptop aufzuladen. Um es mir so angenehm wie möglich zu machen, sucht er noch den ruhigsten Ort backstage. Nach zehn Minuten landen wir doch im Bandraum am großen Gemeinschaftstisch mit Buffet.

Als wir dann sitzen, habe ich nicht mehr den Sänger von Teenage Fanclub vor mir, der Band, die wohl jedem von uns schon das Herz gebrochen hat, weil wir sie mit so vielen Fans teilen müssen. Mir gegenüber sitzt Norman Blake, ein sehr freundlicher und ganz natürlicher Mann mit so unglaublichen Freunden wie Radiohead oder Sonic Youth.

Was war die berührendste und beeindruckendste Fanreaktion, die ihr bekommen habt?

Jemand hat Raymond [McGinley, Guitarist bei Teenage Fanclub] erzählt, dass er eines unserer Stücke auf der Beerdigung seiner Großmutter gespielt hat. Das war ziemlich bewegend. Das Lied hieß Broken, eines unserer Stücke, und er erzählte Raymond, dass seine Großmutter dieses Stück besonders mochte, als sie starb. Das war schon merkwürdig, aber auch bewegend. Manchmal erzählen uns Leute aber auch, dass sie unsere Musik bei ihrer Hochzeit spielen. Das ist toll, dass Leute unsere Musik dafür nutzen.

Ist diese Anerkennung auch ein Grund für Dich, Musik zu machen?

Ja, sicher. Ich glaube, jeder Musiker hat dieses Verlangen danach, sich sein Ego streicheln zu lassen. Das ist sicher ein Teil davon. Ich meine, es macht aber auch viel Spaß, vor Publikum zu spielen. Es ist für Dich selbst persönlich sehr befriedigend. Aber natürlich ist es auch schön, wenn die anderen Leute das zu schätzen zu wissen.

Viele Leute sagen, dass ihr sie über Jahre hinweg begleitet habt. Ihr seid also so etwas wie der Soundtrack zu ihrem Leben…

Ja, für manche Leute mögen wir so etwas wie der Soundtrack zu ihrem Leben sein. Die Leute kommen immer zu unseren Konzerten. Gestern erst haben wir ein Mädchen getroffen. Vor 15 Jahren haben wir sie in St. Gallen kennen gelernt. Und es war unglaublich, sie gestern dann in Hamburg wieder zu treffen.

Hast Du eine Ahnung, warum gerade Teenage Fanclub so eine Band ist, die Menschen über Jahre hinweg begleitet?

Hmm, vielleicht liegt es daran, dass die Leute etwas mit dem verbinden können, über das wir schreiben. Wir selbst können uns auf unsere Erfahrung stützen. Wir sind einfach nur normale Menschen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sich unsere Musik über die Jahre hinweg nicht drastisch verändert hat. Sie hat sich langsam entwickelt. Und vielleicht haben die Leute diese Veränderungen nach und nach mit vollzogen.

Da ich lieber noch darüber sprechen möchte, warum und wieso Teenage Fanclub der Soundtrack zu unserem Leben sind, packe ich mein Geschenk aus: eine CD von Angelika Express mit der Single Teenage Fanclub Girl. Das ist nicht platt, sondern passt einfach zum Thema. Fansein.
Mit dem Namen Angelika Express kann Norman erst einmal nichts anfangen. Aber das Lied kennt er und aufgeregt erzählt er mir, dass er den Sänger Robert Drakogiannakis schon getroffen hat. Er sei sehr schüchtern gewesen.
Ich übersetze Norman den Text und von ‘Geschichten aus der Kindheit in der DDR und dem ganzen Pech in der Beziehung’ kommen wir wieder auf den Soundtrack zurück.

Mir gefällt die Idee, dass sich Menschen stark mit der Band identifizieren. Auch wenn ich glaube, dass das nur einen kleinen Teil unseres Lebens ausmacht, der Musikgeschmack. Er ist nur ein Teil unserer Persönlichkeit. Mir gefällt die Idee, dass, wenn ich jemanden treffe, er die gleiche Person trifft, die er vorher auf der Bühne gesehen hat. Es ist schwierig, einen Bühnencharakter zu mögen. Da ist zu viel Laufsteg dabei. So wie Du uns auf der Bühne siehst, so sind wir auch vor der Bühne.

Den Eindruck muss man von Euch haben, dass ihr sehr bodenständig und normal seid. Spiegelt sich das auch in Euren Liedtexten wider?

Ja, da findet sich ein Teil unserer Lebenserfahrungen. Ich glaube, so versuchen wir zu beschreiben, wie wir über Dinge denken; Liebe oder Vergänglichkeit. Worüber eben die meisten nachdenken.

Liebe ist ein wichtiges Thema in Euren Liedern und um solche Texte zu schreiben, mußt Du verliebt sein. Aber Du kannst Dich doch nicht jedes Mal verlieben, wenn Du ein Lied schreibst. Wie machst Du das also?

Liebe ist doch für uns alle ganz wichtig. Jeder möchte geliebt werden und lieben.
Aber ich glaube auch nicht, dass wir nur Lieder über Verliebt-Sein schreiben. Wir schreiben auch über Vergänglichkeit, zum Beispiel. Ein Liebeslied ist einfach zu schreiben. Man muss sich eine Person vorstellen, die man liebt und Musik für sie machen.

Manchmal identifizieren sich Fans doch vielleicht auch zu sehr mit Euch. Ist das nicht erschreckend?

Nein. Es ist eher beruhigend. Es zeigt, dass wir ganz normale Menschen sind.

Aber ihr müsst auch Fan Obsession erlebt haben. Zumindest, als ihr mit Nirvana getourt seid. Wie habt ihr das erlebt?

Es war interessant zu sehen. Zu sehen, wie die Leute auf Nirvana reagiert haben. Das war wirklich abgehoben. Die waren ein Phänomen. Kurt Cobain war ein sehr charismatischer Sänger. Es war unglaublich dabei zu sein und zu sehen, wie exzessiv die Fans waren. Ich glaube aber nicht, dass wir solche Fans haben. Menschen mögen Musik aus verschiedenen Gründen. Vielleicht haben einige Nirvana gemocht, weil sie laut und aggressiv waren. Andere vielleicht wegen der Texte. Das ist bei uns genauso, glaube ich. Wir machen natürlich keine aggressive Musik. Aber die Leute mögen uns aus verschiedenen Gründen. Einige mögen vielleicht unsere Melodien andere identifizieren sich mit den Texten. Das ist so. Aber wir haben keine besessenen Fans, denke ich. Vielleicht ein oder zwei.

So etwas wie Stalking kennt ihr aber nicht?

Nein, das nicht. Einige Leute kommen aber zu sehr vielen Konzerten und manchmal beunruhigt uns das. Eigentlich ist es aber ok. Vielleicht sind es Leute, die verunsichert sind oder einsam und deshalb ihrer Band näher kommen möchten.

Bist Du selbst auch noch Fan?

Ja, sicher. Ich schaue mir immer noch gerne Konzerte von Bands an. Als ich jünger war, habe The Clash sehr gemocht. Ich kann mich immer noch für Musik begeistern. Ich mochte das letzte Album von Smog. Es ist großartig. Ich konnte mich damals mit The Clash identifizieren. Sie waren arbeitslos und ich war es auch. Und ich konnte mich mit den Texten identifizieren. Sie waren sehr politisch.

Und heute? Hat sich das Fan-Sein über die Jahre hinweg verändert, wo Du jetzt selbst ein Star bist?

Ich bin immer noch ein Fan. Aber das ist für mich nicht mehr alles so geheimnisvoll. Wenn Du Musik machst, dann weißt Du, was ein Soundcheck ist und all das andere. Dieses Geheimnis darum ist weg. Wenn Du ein Fan bist, gehst Du zum Konzert und siehst das alles passieren und Du weißt nicht, was da alles dahinter steckt. Das kann verloren gehen, wenn Du selbst Musik machst. Aber eigentlich ist es großartig. Du triffst tolle Menschen, Musiker, die Du magst. Weißt Du, wir haben Bill Callahan getroffen von Smog, als wir in Skandinavien getourt haben.

Ein Fan zu sein, bedeutet aber auch, zu dem Star aufzusehen, ihn auf ein Podest zu stellen. Hat sich das bei Dir geändert?

Es mag sich dahingehend geändert haben, dass ich ein bisschen neidisch werde, wenn jemand ein gutes Album gemacht hat. Ich wünsche mir dann, dass ich so was geschrieben hätte. Man hört Musik ein bisschen anders und denkt mehr über die Gesamtkonstruktion nach. Man sieht, wie sie zusammengesetzt ist.
Wie hatten das Glück so viele interessante großartige Menschen zu treffen, die wir verehren. Wir haben Little Richard in Los Angelas getroffen. Erstaunlich. Und wir waren Fans von Sonic Youth und jetzt kennen wir sie ganz gut. Sie sind gute Freunde von uns. Wir haben mit Radiohead auf ihrer Tour zu OK Computer gespielt. Das war aufregend.

Warum genau?

Wir hatten eine gute Zeit. Sie sind wirklich sehr nett und wir hatten Spaß. Sie haben sehr hingebungsvolle Fans. Es war schön, das zu sehen.

Aber nicht, weil ihr solche Fans von Radiohead gewesen wärt und sie unbedingt treffen wolltet.

Nein, ich kann nicht sagen, dass wir unbedingt die Jungs von Radiohead treffen wollten. Sie haben uns gefragt, ob wir mit ihnen auf Tour gehen wollen.

Und so was lehnt man natürlich nicht ab. Ich habe gelesen, dass Du David Beckham ganz gerne magst. Stimmt das?

Ja, ich mag ihn. Er scheint ein feiner Kerl zu sein. Ein Freund hat ihn mal getroffen und er hat das gesagt. Ich habe ihn noch nicht getroffen aber ich mag Fußball sehr gerne.

Spielt er überhaupt noch Fußball? Bei der ganzen Werbung, die er macht?

Ja, stimmt. Aber weißt Du, ich wünsche ihm alles Gute. Ich glaube als Fußballer hat man nur eine sehr kurze Karriere. Wenn er da jetzt Geld macht und dann ausgesorgt hat, das ist nur fair. Ich verstehe es, wenn jemand viel Geld angeboten bekommt, damit man sein Musikstück verwenden kann. Ich verstehe, warum manche Leute das machen. Ich habe aber selbst noch nie Werbung gemacht.

Du verurteilst David Beckham also nicht?

Nein. Natürlich nicht.
Dabei haben Teenage Fanclub eine zeitlang der englischen Boulevardzeitung The Sun jegliche Interviews verwehrt, weil sie Rupert Murdoch gehört und sie den nicht unterstützen wollten.

Wie haben noch festgestellt, dass niemand wirklich Musik zum Leben braucht. Dass sie aber das Leben um einiges schöner machen kann. Und ich bin immer noch der Meinung, dass sie manchmal das Leben auch retten kann.

Das Interview wurde zuerst bei Justmag.net veröffentlicht.

Dort findet sich auch die englische Version.

 

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