Intervieworstellung #15: Jarvis Cocker vs Iggy Pop

Künstler = Interviewer = Künstler?

 

Freitag und Giardian
Jarvis Cocker trifft Iggy Pop, um über Musik zu sprechen. Die Übersetzung des Interviews aus dem Guardian ist im Freitag erschienen.

Jarvis Cocker trifft Iggy Pop, um über Musik zu sprechen… Klingt nach Spannung. Klingt danach, als hätten sich zwei Leute etwas zu erzählen. Is nicht so. Einer erzählt, der andere hört zu. Wer wer ist? Richtig geraten: Iggy spricht, Jarvis nutzt Atempausen für neue Stichworte.
Es ist damit eines der wenigen Interviews zwischen Künstlern, die irgendwie schiefgegangen sind. Normalerweise werden zwei Künstlerinnen oder Künstler zum Gespräch zusammengesetzt, damit es ein Gespräch unter Gleichberechtigten wird.

Prototyp dieses Konzepts ist natürlich Andy Warhol’s Interview-Magazin. ‘Durch die Nacht’ auf ARTE macht es und Spex (Wahlverwandtschaften) und Intro seit einer Weile auch.
Es macht etwas mit den Gesprächspartnerinnen, wenn sie unter sich sprechen. Nämlich genau zwei Dinge:
1. Es schafft Vertrauen.
Beide wissen, wovon sie reden. Beide sind Künstlerinnen. Beide haben vielleicht ähnliche Dinge erlebt, ähnliche Arbeitsweisen, ähnliche Motivationen… Oder aber das Gegenteil: Sie gehen ganz unterschiedlich an die Kunst heran. Dann entsteht eine Reibung, die den Austausch spannend macht. In jedem Fall haben beide das gleiche “Fachgebiet”.Sie wissen, wie ein Musikstück aufgebaut ist oder wie ein Film geschnitten wird…

Was auch immer die Kunstrichtung ist, die Gesprächspartnerinnen können sich über ihr Handwerk austauschen. Dieser Austausch ist immer gegenseitig. Beide sind an der Arbeit der anderen interessiert.

Das ist beim Interview mit einer Journalistin nicht so. Denn ihr Handwerk spielt in der Regel im Gespräch keine Rolle. Sie lässt sich erklären und beschreiben, tritt also irgendwie als Laie auf. Und dann doch wieder nicht… Womit wir bei Punkt zwei sind.

2. Die Journalistin hat den Masterplan fürs Gespräch
Sie ist diejenige, die weiß, welche Informationen das Interview bringen soll. Damit lenkt sie die Gesprächspartnerinnen auch und soll eingreifen, wenn sie zu sehr abschweifen.
Im Zweifelsfall sollen sie sich als dem Interviewziel der Journalistin unterordnen. Wo im Alltagsgespräch beide Gesprächspartnerinnen den Verlauf gemeinsam aushandeln, gibt im Interview die Interviewerin die Richtung vor.
Sitzen sich nun zwei Künstlerinnen gegenüber, ist die Gleichberechtigung der Rollen aus dem Alltagsgespräch wieder hergestellt.
Und bei Jarvis Cocker und Iggy Pop? Da haben wir die gleiche Rollenverteilung wie im klassischen Interview: Jarvis tritt als Interviewer auf. Gleich die zweite Frage zeigt es:

Ich wollte mit dir über eines deiner Alben sprechen. Auf „Preliminaries“ hast du einen Song mit Michel Houellebecq geschrieben, nicht wahr?

Jarvis hat einen Plan für das Gespräch und er hat sich vorbereitet, noch einmal Auftritte von Iggy Pop angeschaut… Er ist gut informierter Fan. Er ist damit ein sehr guter Interviewer, denn er schafft es auch, diese Begeisterung zu vermitteln. Das wird deutlich, als er Iggy Pop auf die John Peel Lecture anspricht:

Das letzte Mal sind wir uns bei deiner „John Peel Lecture“ begegnet, die mich sehr beeindruckt hat. Wie war das für dich? War es die erste Rede, die du gehalten hast?

Und Iggy? Er bleibt in seiner Rolle als interviewter Künstler und erzählt von sich. Er erzählt viel, aber das tut er auch bei jedem anderen Interviewer, der ihm interessiert entgegenkommt. Der wesentliche Punkt für das Interview ist das Wissen um die Person und das Werk von Iggy Pop, das Jarvis Cocker mitbringt. Das wissen, das aber jeder gute Interviewer mitbringen sollte.
Missglückt ist das Interview also nur in einer Hinsicht: Es ist kein Austausch zweier Künstler geworden, sondern ein Interview zwischen Künstler und interessierten, gut vorbereitetem Fan-Interviewer.


 

 

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