Interviewvorstellung #18: Miss Platnum auf Wetteristimmer.de

Frisch (Aus)Gepresst – Der Interviewgast

Der Interviewgast ist eine Zitrone… denn er will ausgequetscht werden. Zumindest kann man bei manchen Interviews den Eindruck bekommen, dass der Interviewer das denkt. Wie das aussieht und ob das gutgeht, möchte ich mal an einem Interview aus dem Wetter – Magazin für Musik und Text – zeigen. Es ist ein Interview mit Miss Platnum.
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Zunächst geht es um die musikalische Arbeit von Miss Platnum und das aktuelle Album Glück und Benzin. Entsprechend ist die Gesprächshaltung des Interviewers Sascha Ehlert auf das Du, auf die Gesprächspartnerin ausgerichtet. Das zeigt sich in erster Linie daran, dass seine Fragen genau das sind, nämlich Fragen. In der ersten Hälfte des Interviews taucht nicht eine weiterführende, ergänzende Bemerkung auf. Stattdessen sind es solche oder ähnliche Fragen:

“Gibt es denn irgendwelche Songwriter-Regeln, die du tatsächlich verfolgst?”

 

“Hattest du damals schon das Ziel, Popmusik zu machen?”

“Dein Studienplatz für Romanistik, der war auch in Berlin, oder?

 

Bist du eigentlich mal irgendwann für länger aus der Stadt herausgekommen?”

 

Sie haben nicht nur das Du in der Formulierung, sondern fragen auch persönliche Dinge wie Vergangenheit oder Vorlieben ab.
Nun könnte jemand sagen: Naja, aber es ist ja die Aufgabe des Interviewers, Fragen zu stellen. Klar unbedingt. Aber wer solche Fragen stellt, muss sich bewusst sein, dass er dem Interviewgast einiges abverlangt. Informationen nämlich. Wer von seiner Vergangenheit, seinem Privatleben oder seinem Arbeitsprozess erzählt, gibt Einiges von sich preis. Natürlich wissen die Gäste, dass sie dafür beim Interview sind. Und trotzdem ist es eine Art Geschenk, das sie mit den Einblicken machen.
Und der Interviewer, was gibt er? In dem Fall nicht viel mehr als eine Öffentlichkeit. Er selbst bleibt ja im Hintergrund. Er offenbart sich kaum. Über ihn erfährt das Publikum (fast) nichts.
Das steht übrigens im bemerkenswerten Gegensatz zu der Einleitung grade dieses Interviews. Da wird der Interviewer zunächst ziemlich sichtbar – mit Hund und Taxifahrt. Allerdings sind das wiederum Informationen, die für das Interview, naja sagen wir mal zweitrangig sind und vor allem über den Interviewer nicht viel aussagen, außer dass er auch irgendwie m Text vorkommen will, aber nicht mit eigenen Gedanken und inhaltlichen Beiträgen.
Autsch, das klingt ganz schön hart. Darf es auch, denn die zweite Hälfte des Interviews zeigt ja, wie es läuft, wenn der Interviewer sich auch ein wenig einbringt.
Allerdings ist da das Thema auch ein ganz anderes: Über die die Gegensätze in Miss Platnums Liedern sind die beiden inzwischen auf die Gegensätze von Frauen und Männern und von da aufs Flirtverhalten gekommen. Vielleicht fühlt sich Sascha Ehlert in dem Thema heimischer und sicherer, auf jeden Fall wechselt er jetzt häufiger von der Frageform zur Satzform und bringt eigene Gedanken und Beobachtungen an.

“Ich würde mich da ja selbst auch gar nicht raus nehmen, aber wenn ich so überlege, bekommt das mit dem Flirten in meinem Freundeskreis tatsächlich kaum jemand ohne Alkohol auf die Reihe. Glaubst du, deutsche Männer sind irgendwie verklemmt?”

 

“Alice Schwarzer würde nun aufjaulen. Sie würde vielleicht sagen: Das ist sie wieder, die schwache Frau, die unbedingt erobert werden will.”

 

“Zumindest kann auch ich, wenn ich tatsächlich ehrlich zu mir selbst bin, ein Urteil darüber fällen, ob ein Mann irgendwie attraktiv wirkt oder nicht.”

 

“Unsere Branche, die Musik-Industrie, wirkt trotzdem häufig noch ziemlich Ego-getrieben, findest du nicht? Diese Welt ist zwar sehr tolerant, aber viele klassische Alphatiere gibt es in ihr trotzdem noch.”

Daraus entwickelt sich nun viel eher ein Gespräch aus Rede und Gegenrede als das am Anfang des Interviews der Fall war. Es ist aber mit Sicherheit die empfehlenswertere Herangehensweise. Die Dynamik, die sich daraus ergibt, ist weit spannender (auch und vor allem für das Publikum) als ein reines Frage-Antwort-Spiel. Und die Interviewgäste sind auch dankbar, wenn sie nicht als Zitrone herhalten müssen. Sie reden gerne brauchen dafür aber den Input. Bei den Interviews über Interviews habe ich immer wieder gehört, dass die Bands Interviews vor allem dann schätzen, wenn sie sie zum nachdenken bringen. Um dafür die richtigen Fragen zu stellen (oder Bemerkungen zu machen) muss der Interviewer sich aber erst einmal selbst Gedanken gemacht haben. Ansonsten fragt er nur und die (gedankliche) Arbeit machen die Gäste.


 

 

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