Interviewvorstellung #20: Tom Hodgkinson in der Galore

Experten Fragen

Manchmal würde ich mir wünschen, Interviewgäste würden deswegen eingeladen, weil sie vom Thema keine Ahnung haben. Aber das geht natürlich nicht. Für irgend etwas sind die Gäste bekannt und darin sind sie dann auch groß. Dieses Expertentum führt dazu, dass InterviewerInnen Fragen stellen wie ein wissbegieriger Laie dem Fachmensch, sie stellen Expertenfragen.

Elizabeth Lee und Brown, Rachel
Waren Expertinnen: Hazen, Elizabeth Lee und Brown, Rachel, Smithsonian Institute

Wie das aussieht, möchte ich an einem Interview aus der Galore zeigen. Johannes Niederhausen interviewt Tom Hodgkinson, der Experte im Müßiggang ist. Ich bin das unbedingt auch, aber Tom Hodgkinson scheint die Lehre vom gepflegten Zurücklehnen auf ein neues akademisches Level gehoben zu haben – ganz entspannt natürlich.

Fragen wie die folgenden suggerieren, dass Hodgkinson die Lösungen für essentielle Probleme unserer Gesellschaft hat:

“Was würden Sie Leuten empfehlen, die vielleicht zu viele Verpflichtungen haben und daher ihren Job nicht einfach kündigen können?”

Wie kann man Müßiggang gewinnbringend in seinen Alltag einbringen?

Überall wird ein hobbesianischer Sozialdarwinismus gepredigt, an den auch Menschen ohne Teilhabe glauben. Was läuft da falsch?

Mehr noch: Die Frage

Beschweren sich die Menschen zu Recht darüber, dass sich ihr Alltag beschleunigt?

weist Hodgkinson eine Meinungshoheit über die Befindlichkeit der gesamten Gesellschaft zu.

Und mit

Wie findet man abseits der gesellschaftlichen Karrierenorm den Weg zu einem erfüllten Leben?

wird es fast schon philosophisch.

Sicher, die Fragen sind im Sinne der Dramaturgie so zugespitzt und niemand würde Tom Hodgkinson auf eine gesellschaftsverbessernde Wirkung seiner Antworten festnageln wollen. Schon klar.

Genauso klar wie die Tatsache, dass es vor allem darum geht, Ansichten abzufragen. Eventuell können die Antworten noch als Einschätzungen und Theorien verstanden werden, und jedem steht frei, sie zu widerlegen.

Trotzdem ist es erfrischend, wenn der Interviewer leise Einwände formuliert und eine Gegenposition vertritt. Zum Beispiel mit den Fragen:

Aber es kann doch nicht jeder sein eigenes kleines Unternehmen gründen.

oder

Trotz Seuchen?

In der Regel offenbart der Gast am Meisten, wenn er mit einer Gegenposition konfrontiert wird: Dann zeigt sich, ob er sich verunsichern lässt und seine Argumentation muss sich im direkten Vergleich mit der Gegenposition messen. Ansonsten kann es gut passieren, dass der Gast die Gelegenheit nutzt, sich als Experte darzustellen und dabei sein Anliegen besonders positiv darstellt, verschont von jeglichen einwendenden Nachfragen. Gerade im Kontext von Politik und Wirtschaft ist das natürlich höchst unangebracht.

Auch wenn natürlich nicht jede Expertenfrage den bösen Beigeschmack von Werbung haben muss, empfiehlt es sich, deutlicher zu machen, um was es bei diesen Fragen in Interviews wie diesem geht: Das Interview beschäftigt sich in erster Linie mit der Person des Gastes und erst danach mit dem Sachthema, d. h. die Fragen sollen einen Einblick in die Sichtweise des Gastes ermöglichen, in dem sie ihn zu einer Einschätzung veranlassen. Dabei geht es eben nicht um eine objektive, unverrückbare Wahrheit.

Entsprechend sollten die Fragen auch nicht unbedingt so gestellt werden, als würden sie diesen Anspruch verfolgen. Eine Formulierung wie

Was würden Sie Leuten empfehlen, die vielleicht zu viele Verpflichtungen haben und daher ihren Job nicht einfach kündigen können?…

kann da schon helfen. Sie nimmt das Subjektive der Antwort schon vorweg, ganz anders als wenn der Interviewer formuliert hätte:

Was sollen Leute machen, die zu viele Verpflichtungen haben.

Der Interviewer Johannes Niederhauser zeigt das Subjektive schön an der Dramaturgie des Interviews: Die ersten Fragen gelten dem persönlichen Hintergrund von Tom Hodgkinson und auch die letzte Frage greift zur Abrundung wieder das persönliche Umfeld auf. Dazwischen liegen einige Expertenfragen, unterbrochen von den Nachfragen


Das Interview auf Galore.de

Tom Hodgkinson auf wikipedia.org

Das Magazin The Idler

Ein Interview mit Tom Hodgkinson auf Motherjones.com

 

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