Interviewvorstellung #22: Tom Hodgkinson in der Galore #2

Eine Frage der Einstellung

Ich muss heute noch einmal auf das Interview vom vorvergangenem Mal zurückkommen. Es ging um Tom Hodgkinson und wie er zum Experten für Müßiggang avanciert ist. Es ging um Expertenfragen.

Sie erweckten gerade bei dem Thema den Eindruck, dass man offenbar mit allem irgendwie zum Experten werden kann.

lemons

Müßiggang – um Himmels Willen, da wird ein liebgewonnenes Hobby zur Wissenschaft hochgejazzt. Da könnte ich auch eine Zitrone als Gute-Laune-Elexir verkaufen, weil sauer ja so lustig macht. Das stieß mir ehrlich gesagt zunächst ein wenig unangenehm auf.

 

Zumal die Antworten sehr nach Allgemeinplatz rochen:

  •  manche Menschen brauchen die Sicherheit eines festen Arbeitsplatzes
  •  die Freizeit gehört aber nur einem selbst und der Kreativität
  •  Kreativität hält sich nicht an Termine und lässt sich nicht in Zeitpläne pressen.

Nun habe ich das Interview noch einmal gelesen mit diesem Satz aus der ersten Vorstellung im Hinterkopf:

Das Interview beschäftigt sich in erster Linie mit der Person des Gastes und erst danach mit dem Sachthema, d. h. die Fragen sollen einen Einblick in die Sichtweise des Gastes ermöglichen.

Ich musste feststellen, dass das Interview diese Funktion ganz hervorragend erfüllt. Es bringt die Einstellung des Gastes sogar so gut rüber, dass ich das Interview nur daran gemessen habe. Dabei entscheidet doch die Leserin, was für sie ein Allgemeinplatz ist. Es ist doch gut möglich, dass die feste Arbeitsstelle und ein Leben von einer Aufgabe zur nächsten ganz unverrückbar zu ihrem Leben gehört. So unverrückbar, wie das Sinnieren über Themen und Texte zu meinem Leben.

Ich sehe diese Überschneidungen in Tom Hodgkinsons und meiner Einstellung zur Arbeit und lese daher seine Antworten als Allgemeinplätze – Fluch der Überidentifizierung mit dem Interviewgast. Die ist aber vor allem deshalb möglich, weil der Interviewer Johannes Niederhauser stereotype Einstellungen zum Arbeitsleben vorgibt, anhand denen Tom Hodgkinson deutlich machen kann, wie sich seine Einstellung davon unterscheidet:

  • Was schreckt Sie so sehr an einem Büro
  • Was ist mit dem Einkommensverlust, den viele Menschen fürchten, wenn sie bei der Arbeit kürzer treten
  • Heute wird einem schon als Berufseinsteiger ein endloser Wettbewerb prophezeit

Gleichzeitig spricht Johannes Niederhauser aber auch Gegenargumente an, ohne dabei explizit Gegenposition zu beziehen. Er zitiert sie oder bezieht Hodgkinson als Experten ein:

  • Was würden Sie Leuten empfehlen, die vielleicht zu viele Verpflichtungen haben und daher ihren Job nicht einfach so kündigen können?
  • Das Versprechen an junge, gut ausgebildete Menschen ist ja auch ein existenzielles: Finde Dich selbst. Passt das überhaupt zum Gedanken des Konkurrenzkampfes?

Der Interviewer schafft damit eine sehr offene und unvoreingenommene Atmosphäre ohne Be- oder gar Verurteilung, in der Tom Hodgkinson seine Einstellung frei darstellen kann. So frei und direkt, dass ich aufgrund der Parallelen zu meiner eigenen denke: Ja klar, ist doch selbstverständlich.


Das Interview auf Galore.de

Tom Hodgkinson auf wikipedia.org

Das Magazin The Idler

Ein Interview mit Tom Hodgkinson auf Motherjones.com

 

 

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