Interviewvorstellung #25: Jochen Distelmeyer auf laut.de

Einfach mal Fan sein.

In der vorletzten Interviewvorstellung hatte ich das Thema gestreift, dass Interviewerinnen auch Fans des Gastes sein können. Es ging um die Youtuberin Bibi, die genau in die Zielgruppe der interviewten schnukeligen Preset-Hitmaschine One Direction passt. Dabei ist die Frage sogar eine ganz essentielle: Wie viel Fan darf in der Interviewerin stecken?

Das Fantum ist die schönste Basis für den Musikjournalismus. Sowohl die Befragungen von Inga Beißwänger als auch André Doehring zeigen, dass die meisten Musikjournalistinnen als Fans begonnen haben. Die Begeisterung für die Musik und die Bands hat sie zum Schreiben gebracht. Das mag zu Aufregung führen. Stereotypisch zeigt sich das so, wie Jasmin Lütz im Interview mit Jochen Distelmeyer für laut.de so charmant beschreibt:

Mir wurde ja erst 24 Stunden vor dem Interview bewusst, Scheiße, ich treffe Jochen Distelmeyer. Was fragt man den Poppoeten der Liebe? Ich bin kein Blumfeld-Fan der ersten Stunde, aber spätestens seit “Neuer Morgen” ist für mich Jochen Distelmeyer der beste deutsche Lebenshymnen-Schreiber.

Die Aufregung wird für sie leider zur Falle. Der Blumfeld-Sänger antwortet anfangs sehr einsilbig, wenn auch um Freundlichkeit bemüht. Er will die Interviewerin nicht auflaufen lassen, aber die Distanz ist einfach sehr groß, weil Jasmin Lütz als Fan nervös ist. Dadurch entsteht eine nicht-gleichberechtigte Rollenverteilung: auf der einen Seite der Star, auf der anderen der kleine Fan. Da ist ein Gespräch auf gleicher Augenhöhe natürlich kaum möglich. Das braucht es aber, weil die Interviewerin ja vorgibt, worüber gesprochen wird und das Gespräch lenkt.

Jasmin Lütz macht in der Transkription dann aber das Beste, was sie machen kann, nämlich die Aufregung zur Tugend. Immer wieder stellt sie das Ungleichgewicht in der Rollenverteilung sehr selbstkritisch in Frage. Indem sie den Mut aufbringt, die Nervosität immer wieder zu zeigen, beschreibt sie unwahrscheinlich charmant die Interviewsituation und portraitiert ganz nebenbei Jochen Distelmeyer als liebenswürdigen aber auch zurückhaltenden Menschen. Damit sie bestätigt das, was Dirk von Lowtzow in Interviews über Interviews festgestellt hat:

Oft hat man das Gefühl, die Leute sind sehr aufgeregt und nervös oder haben Hemmungen und sind noch nicht so erfahren. Das finden wir auch gar nicht tragisch. Aber da muss man die dann auch manchmal beruhigen. Da hat man mitunter auch so eine leicht therapeutische Funktion.

Deshalb sollen bitte alle, die selbst Musikjournalismus machen wollen und mit Bands sprechen möchten, aber Angst davor haben, dieses Interview lesen. Denn es zeigt ganz eindrücklich, dass das nicht wehtut und sich immer lohnt.

Es zeigt aber auch, dass es nur funktioniert, wenn die Interviewerin eben kein Fan von dem Gast ist und sich nicht vorbereitet hat. Denn Fan sein, heißt, sich auseinandergesetzt und informiert zu haben. Jasmin Lützt hat bestimmt nächtelang die Threads im Rolling-Stone-Forum gelesen, wie sie in der Frage sagt. Und Jochen Distelmeyer wäre bestimmt nicht so freundlich gewesen, wenn er diese Begeisterung nicht gespürt hätte.

Auch wenn man sich als Interviewerin in eine recht unsouveräne Rolle bringt, wenn man als bewundernder Fan dem Gast gegenüber sitzt, lässt sich die Nervosität trotzdem zum Vorteil des Gesprächs nutzen, wie Jasmin Lütz zeigt.

In der nächsten Folge wird es übrigens noch einmal um den interviewenden Fan gehen. Als Fan bringt man ja etwas ganz Essentielles für das Interview mit: Begeisterung und ganz viele (Insider)Informationen. Johnny Haeusler ist einer, der das ganz hervorragend zu nutzen versteht.


 

 

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