Interviewvorstellung #27: Stefanie Lohaus bei jetzt.de

Klappe!

Manchmal muss eine Interviewerin einfach die Klappe halten können. Das zeigt sehr schön das Interview mit Stefanie Lohaus im jetzt-Magazin. Ich hatte das Interview hier schon einmal erwähnt und empfohlen. Die Interviewerin Nadja Schlüter hält sich mit ihrer eigenen Sicht und Meinung zurück und lässt sich stattdessen den #ausnahmslos aus Sicht der Initiatorinnen von ihnen selbst erklären.

In den ersten Januarwochen hatten alle eine Meinung zu den Übergriffen an Silvester in Köln und anderen Städten. Es gab reflexhafte Forderungen nach Ausweisung der Täter. Etliche Bürgerwehren zum Schutz der (deutschen) Frauen wurden gegründet. Gleichzeitig wurde davor gewarnt, in rassistischen Aktionismus zu verfallen.

In der emotionalen Debatte schwang aber trotz der Vehemenz eine deutliche Unsicherheit mit, nämlich die Frage: Soll ich für Flüchtlinge sein oder für Frauenrechte?

Weil das so eine emotionale Debatte ist, wollen wir vermutlich auch eine klare Haltung und kein Aber.

Im Interview gibt es dafür zwei Möglichkeiten:

1. die Interviewerin vertritt konsequent eine Meinung und zwar möglichst die entgegengesetzte des Gastes. So “zwingt” sie diese dazu, sich zu einer eigenen Meinung zu bekennen. Die Interviewerin kann dabei auch gerne den advocatus diaboli spielen. Sie muss die dargestellte Meinung also noch nicht einmal zwingend vertreten und kann ein wenig provozieren.

2. die Interviewerin macht genau das Gegenteil von 1 und hält sich mit einer Meinung zurück. Nadja Schlüter entscheidet sich bei diesem Interview genau dafür und findet zwei Mittel, um diese Strategie umzusetzen:

1. Sie verzichtet nicht auf Gegenargumente, aber sie versüßt sie mit Konjunktiv und unpersönlichen Formulierungen wie “man” und Passiv.

Könnte es sein, dass es dadurch langfristig einen positiven Effekt gibt, also die Anzeigebereitschaft in Zukunft generell höher ist?

 

Darf man dabei nicht über die Herkunft der Täter sprechen?

An den beiden Fragen zeigt sich aber auch das zweite Mittel von Nadja Schlüter

2. Sie stellt (halb)geschlossene Fragen.

Ihr kritisiert, dass sexuelle Gewalt jetzt thematisiert wird, weil es vor allem um „Ausländer“ geht. Aber war es nicht eher das Ausmaß der Gewalt, das dafür gesorgt hat, dass das Thema groß wurde?

 

Läuft es irgendwo schon besser als in Deutschland?

Was normalerweise als stilistisch fragwürdig gebrandmarkt wird, “zwingt” hier den Gast zu klaren Aussagen. Stefanie Lohaus bekommt so die Gelegenheit, sehr strukturiert und mit Fakten ihren Standpunkt (bzw. den der Unterzeichnerinnen) darzulegen.

Und wer jetzt sagt, das wäre unkritisch und böte dem Gast die Plattform zur Profilierung, der sei gesagt: ja, das stimmt. Aber genau um die Darstellung der Meinung geht es in diesem Interview. Wenn das klar wird, darf sich die Interviewerin trauen, dem Gast die Bühne zu überlassen. Dann kann so ein Interview auch komplexe Themen verständlich auf den Punkt bringen und damit helfen, Diskussion nachzuvollziehen und zu ordnen.

Ist natürlich Quatsch. Leute, die Frauenrechte nutzen, um Flüchtlinge zu diskriminieren, sind nicht nur rassistisch, sondern auch sexistisch. Sie schützen keines der beiden Menschenrechte.


 

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