Interviewvorstellung #29: Björn Kern in der Galore

Thema vs. Fragestrategie

Ich mache jetzt mal einen Fehler, den aber sehr gut und berechtigt. Ich sage: Ich stelle (schon wieder) ein Interview aus der Galore vor, zu einem Thema, das eigentlich auch schon einmal vorkam: dem Nichtstun. So viel Wiederholung birgt natürlich die Gefahr, dass das niemand lesen möchte. Da mich das Thema Nichtstun nun aber einmal sehr anspricht, gehe ich das Risiko gerne ein.

Ich lese also das Interview mit Björn Kern in der Galore und natürlich fällt mir gleich Tom Hodgkinson ein, mit dem Johannes Niederhauser  über Müßiggang gesprochen hat. Das Gespräch mit Björn Kern ist aber ein anderes. Während Tom Hodgkinson als Experte und Auskenner auf dem Gebiet spricht und damit auch sein Magazin vorstellt, spricht Björn Kern aus einer sehr persönlichen Perspektive. Er spricht auch nicht nur über das Nichtstun, sondern über Reduzierung des Drucks und Konzentration auf das Wesentliche. Ich bin sofort in dem Gespräch drin. Das liegt weniger an Fragestrategien, sondern eben an diesem Thema bzw. dem Themenkomplex. Björn Kern sagt kluge Sachen wie

Die Zeit, in der das aktuell brandheiße Neugerät zum Altgerät von morgen altert, das man auf keinen Fall mehr haben darf, ist genau die Zeit, die man entspannt unterm Birnbaum auf der Bank sitzen kann.

Das ist eine Philosophie, die sich jeder Mensch aneignen kann und ohne Schmerzen zu mehr Gelassenheit kommt. Deswegen ist der Gedanke auch spannender als die spätere Frage danach, ob er ALLE vor- und nachgelagerten Kosten eines Produktes in die Konsumbilanz eingerechnet sehen möchte. Natürlich ist das Bewusstsein, was ein Produkt eigentlich kosten müsste, enorm wichtig. Es ändert aber nichts an der Einstellung, dass ich es haben möchte. Deswegen fesselt mich der Gedanke, dass das Lossagen von dem Haben-Wollen der erste Schritt ist. Dieser Gedanke scheint immer wieder im Gespräch mit Björn Kern durch. Und damit bleibe ich am Thema des Interviews hängen. Es geht nicht um die Interviewführung, sondern um die Gedanken, die Björn Kern einbringt. Deswegen sind die einfachsten Fragen auch die mit den besten Antworten:

Wie finanzieren Sie das Nichtstun?

Also alles weglassen?

Sie haben kein Smartphone?

Oliver Uschmann und Sylvia Witt haben sich als Interviewende vor dem Gespräch viele Gedanken gemach, zu Konsum, Politik und Kapitalismus. Immer wieder versuchen sie, diese Ebene in das Gespräch zu bringen. Aber genau dann geht das Persönliche in Björn Kerns Antworten verloren und er wird wider Willen zum Experten für Wirtschaft, Energie und Politik.

Umso mehr blitzt als Kontrast zu diesen eher abstrakten Themen die Einstellung des Autors durch, wenn er wieder von seinen privaten Erlebnissen erzählt. Daraus ziehe ich viel Inspiration für mein eigenes Nichtstun, was das Gespräch für mich höchst spannend macht. Natürlich ist das eine sehr subjektive Lesart. Es zeigt aber auch: das Thema eines Interviews ist ebenso entscheidend für das Gespräch wie die konkrete Umsetzung.


 

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