Interviewvorstellung #33: Laurie Penny im Neon Magazin

No means No – Gegenargumente galore

Lasst uns heute mal PR im Interview machen. Im Neon-Magazin gab es ein Interview mit Laurie Penny. Die Autorin ist ja eine hervorragende und sehr engagierte Rednerin mit sehr klaren und starken Aussagen. Was ließe sich also besser nutzen als ein Interview, um ihr die Gelegenheit zu geben, diese Aussagen an das Publikum zu bringen. 

Das ist überhaupt nicht ketzerisch gemeint, sondern freut mich im Falle von Laurie Penny einfach. Im Übrigen ist das Interview, das Meredith Haaf für Neon 8/2015 geführt hat, ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich Gast und Interviewerin in Good-Cop-Bad-Cop-Manier die Bälle zuspielen. 

Gleich die erste Frage konfrontiert Laurie Penny mit Kritik am Feminismus:

Laurie, kann es sein, dass Feministinnen zu viel Zeit damit verbringen, sich auf Twitter mit anderen Feministinnen zu streiten? Das wirft man ihnen in Deutschland gerne vor.”

Provozierend ist das für die bekennende Feministin aber gar nicht. Im Gegenteil Laurie Penny nimmt den Kritikpunkt dankbar auf, um ihn abzuschmettern und zu widerlegen. Das ist eine sehr effektive Gesprächsstrategie: denn nichts lässt einen besser und überzeugender dastehen, als eine Argumentation, die man nach (scheinbarem) Angriff gewonnen hat. Diese Strategie ziehen beide Gesprächspartnerinnen eine ganze Weile durch. 

Meredith Haaf konfrontiert Laurie Penny nacheinander mit einer ganzen Reihe von beliebten Gegenargumenten zum Feminismus:

“In deinem Buch »Unsagbare Dinge« forderst du eine Meuterei der Frauen, Queers und all derjenigen, die unter den Gender- und Machtstrukturen leiden. Was ist denn mit den anderen, den Männern und Hetero-Frauen, haben die nichts zu schaffen mit gesellschaftlichem Fortschritt?”

“Werden Männer im Kapitalismus nicht ebenfalls unterdrückt als Arbeitstiere?”

Der Trick wäre normalerweise, die Antworten, die die Kritik widerlegen, einfach stehen zu lassen und zum nächsten Gegenargument zu wechseln. So würde der Eindruck entstehen, dass jegliche Kritik haltlos ist. So einfach macht es sich Meredith Haaf aber gar nicht. Sie knüpft an die Antworten an und formuliert daraus sogar neue Gegenargumente: 

“[...] Der Feminismus will ja auch nicht alle Männer ausrotten. Wir wollen nur, dass sie nicht die Einzigen sind, deren Stimme zählt.”

Werden Männer im Kapitalismus nicht ebenfalls unterdrückt als Arbeitstiere?”

“[...] Wir reden endlich darüber, wie ungerecht der Wohlstand global verteilt wird. Wir stellen den Kapitalismus infrage.”

Aber wird bei Kapitalismuskritik nicht einfach wahnsinnig viel geredet und wenig getan?”

Aufgrund der (bewusst) gegensätzlichen Positionen entsteht ein sehr spannendes Gespräch, das letztendlich aber eine Lanze für Laurie Pennys feministische Haltung bricht. Das ist zwar sicher auch der Interviewerin zuzurechnen, die die Gegenposition mit recht allgemeinen Argumenten einnimmt, die sie als geschlossene Fragen formuliert, die Laurie Penny klar mit Ja aber viel häufiger noch mit Nein beantworten kann. Die Spannung des Gesprächs ist aber auch ein großer Verdienst von Laurie Pennys Rhetorik. Sie weiß die Plattform zu nutzen, die die Interviewerin ihr bietet. 

Aber es geht eben in dem Interview nicht nur um Feminismus als Sachthema, sondern auch um persönliche Ansichten. Der Ton der Fragen ändert sich, nachdem Meredith Haaf die Kritikpunkte angebracht hat. Die hatte sie in der unpersönlichen dritten Person formuliert. Nun fragt sie nach dem “Du”

 Würdest du jemandem, der die Welt verändern will, raten, in eine Partei einzutreten? “

“Hast du jemals selbst in Erwägung gezogen, in eine Partei einzutreten?”

“Verlierst du nicht manchmal die Hoffnung?”

Das ist nicht nur ein Wechsel in der Beziehung zwischen Interviewerin und Gast, sondern auch im Rollenverhältnis von beiden. Gerade die letzten beiden Fragen haben eine persönliche Note und zeigen, dass Laurie Penny nicht mehr nur Expertin zu einem Sachthema ist. Sie ist jetzt eine Person, die eigene Entscheidungen trifft und eben Hoffnungen hat. Das ist ein schöner Kontrast zur Sachlichkeit, die das Interview im ersten Teil prägt, und ein schöner Abschluss für ein schönes Interview, das am Ende doch gar nicht so sehr PR ist, als vielmehr eine gut umgesetzte Darstellung eines Standpunktes in einer immer notwendigen Diskussion.


 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>