Interviewvorstellung #37: Käptn Peng bei Deutschlandradio Corso

Hat sie das noch nie jemand gefragt?

Na das fängt ja gut an. Anja Buchmann wandelt auf recht dünnem Eis, aber das sehr souverän und gekonnt. Dünn ist das Eis deshalb, weil sie Robert Gwisdek aka Käptn Peng im Interview bei Corso nach der Bedeutung seiner Texte fragt. Und es gehört schon ein wenig Mut oder guter Glauben dazu, danach zu fragen, wer oder was das Peng ist.


Solche Interpretationsfragen sind ja die am häufigsten gestellten. Für die Interviewenden sind sie bequem, weil sie die Bringschuld der Antwort an die Interviewten abgeben. Für diese sind sie genau deshalb in der Regel oft eher unangenehm. Entsprechend überrascht reagiert Anja Buchmann auch auf Robert Gwisdeks Zögern:

„Hat Sie das noch niemand gefragt?“

Es gehört ebenfalls Selbstbewusstsein dazu, Zeilen wie „Das Peng gebar sich selbst im Dichterdarm des Wörterwals“ wort-wörtlich zu verstehen und ernst zu nehmen und nach der Bedeutung zu fragen. Aber es lohnt sich in diesem Fall. Denn wer die Tentakel von Delphi samt dem Käptn kennt, weiß, dass da eventuell auch mehr dahinter steckt als reine Wortspielerei und Reimerei. Deswegen erklärt Robert Gwisdek auch den Gedanken hinter der Kunstfigur Peng. Es zeigt sich, dass er sie also nicht gedankenlos und aus Albernheit erfunden hat. Es zeigt sich aber auch, dass er offenbar noch nicht so oft in die Verlegenheit gekommen ist, die Gedanken zu formulieren. Deswegen folgt nach der zögerlich hervorgebrachten Formulierung auch die Erkenntnis: „Eine gute Frage“. Es fängt also tatsächlich gut an.
Anja Buchmann macht auf diesem Level erst einmal weiter und fragt diverse Textzeilen ab. Beeindruckend ist, dass sie passend zu den vorigen Erklärung von Robert Gwisdek die nächste Textzeile zitieren kann.

Es wird einigermaßen deutlich, dass Robert Gwisdek mitunter nach den richtigen Erklärungen für die Texte suchen muss. Formulierungen wie die folgende kommen dann nicht ganz so routiniert:

Deshalb ist die einzig logische, Aber trotzdem nicht ganz so selbstverständlich Frage:

„Verstehen Sie eigentlich Ihre Texte immer vollständig?“

Das ist eine Spitzen-Frage – sie liegt auf der Hand, ist erfrischend provozierend, aber alles andere als beleidigend. Sie ergibt sich logisch aus dem vorangegangenen Gespräch.
Das Bezeichnende an dem Gespräch ist, dass die sehr straighte, direkte Herangehensweise von Anja Buchmann funktioniert. Mit fast kindlicher Unschuld hinterfragt sie die abgedrehten Zeilen des Käptn Peng in dem unerschütterlichen Glauben, dass da ein Sinn dahinterstecken muss. Dabei muss sie fast notgedrungen eingestehen, dass sie ihn noch nicht für alle Texte gefunden hat. Sie formuliert es positiv so, dass sie immer wieder an einzelnen Phrasen hängen bleibt, auch wenn sie sich sonst eher vom Groove mitreißen lässt. Die Betonung liegt hier auf der Interviewerin. Sie lässt ihre Hörerfahrungen einfließen und formuliert daraus die Fragen.
Auf dieser persönlichen Ebene verstehen sich beide sehr gut und scheinen einen ähnlich philosophischen Blick auf die Welt und die Gesellschaft zu haben. Deshalb können sie an die Aussagen des Gegenübers zur Undeutlichkeit des Universums und den Wundern der Natur anknüpfen. Deutlich werden die Grenzen dieser Frageebene, wenn es um konkretere, nicht philosophische Dinge geht, wie Rechtsradikalismus. Das Thema ergibt sich aus der Frage, ob sich Robert Gwisdek sich nicht zumindest in Ansätzen als politischen Künstler sieht. Hier bleibt das Gespräch ein wenig in Gemeinplätzen stecken. Natürlich kann man nicht widersprechen, wenn er erklärt, dass er nichts damit anfangen kann, wenn Leute ihm erklären, dass sie wieder auf ihr Land stolz sein wollen. Natürlich ist die Zeile „Deutschland lieben…“ eine Spitze gegen besorgte Personen. Darüber hinaus geht die Diskussion leider nicht. Natürlich wäre Robert Gwisdeks Haltung zu aktuellen Ereignissen interessant. Natürlich würde man gerne wissen, wo er die Verantwortung und Aufgabe eines Künstlers sieht. Das fragt Anja Buchmann allerdings nicht. Das Gespräch bleibt auf einer sehr persönlichen Ebene, die sehr geprägt ist, von den Gedanken und Interpretationen der Interviewerin.
Das Dilemma bei dieser Herangehensweise ist, dass man sich als Interviewerin häufig mit Zweifeln plagt, ob diese Interpretation nicht zu abgedroschen ist oder vielleicht auch falsch. Man entblöst sich, wenn man so zeigt, was man in dem Lied sieht. Das Dilemma zeigt sich in der Frage. „Hat Sie das noch niemand gefragt?“


 

 

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