Interviewvorstellung: Trümmer

Gute Themen – böse Themen

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Die Band Trümmer hat sich ihr Standard-Thema für Interviews praktischerweise gleich selbst gebastelt. Nicht der Bandname, nicht der Albumtitel (was auch bei der Namensgleichheit blöd wäre). Nein es ist die Gentrifizierung. Zynikerinnen könnten meinen, dass dem Sänger Paul Pötsch passend zur Albumveröffentlichung der Rauswurf aus seiner Wohnung auf Sankt Pauli droht. Ist natürlich kein selbstzerstörerisches Marketingding, aber ein todsicheres Thema für den Einstieg in ein Interview.

Im Interview auf Testspiel.de funktioniert es jedenfalls als beeindruckender Selbstläufer. Paul erzählt sofort und die nächste Frage befeuert den Redestrom noch mehr:

“Was kann und sollte man denn eurer Meinung nach gegen die Gentrifizierung zum Beispiel hier im Stadtteil St. Pauli machen?”

Die Antworten kommen schnell, konkret und souverän. Sie zeigen, dass die Band sich (notgedrungen) mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt hat.
Wenn man als Interviewerin weiß, dass einer Band ein Thema besonders am Herzen liegt (das im besten Fall auch noch nicht so ausgelutscht ist), dann ist das ein dankbares Thema.
Es hat sogar das Potential, ein ganzes Interview zu füllen und neue Einblicke zu geben. Dann nämlich, wenn man nachfragt, wie die Künstler zusammen gearbeitet haben, um ihren Kreativraum zu schützen. Genug Aktionen zum Erhalt der Esso-Häuser und des Molotow gab es ja. Interessant wäre sicher gewesen, wie die KünstlerInnen sich hier ausgetauscht haben, was diskutiert wurde…

Der Interviewer Marc Ehrich verfolgt aber eine etwas andere Fragestrategie: Er lässt die Band ihre Ansichten darlegen und fragt sie nach ihrer Meinung, d.h. er überlässt der Band die Auseinandersetzung mit und die Deutung des Themas. Seine Erfahrungen, Gedanken und Anschauung spielen da keine große Rolle. Das ist übrigens eine Herangehensweise, die häufig in Interviews zu finden ist.

Die wird auch beim nächsten Themengebiet deutlich: dem aktuellen Album und der Frage

“Was bedeutet das Ai Weiwei Zitat „If you want to fight the system you have to fight yourself“ in “1000. Kippe” für euch? Ist das auch so ein bisschen das Motto des Albums?”

Da wird ja ganz direkt nach der Deutung gefragt. Es ist immer schön, wenn Interviewer sich da selbst schon Gedanken gemacht haben, was mit der nachgeschobenem Frage zum Motto des Albums versucht wird.

Das Thema Gentrifizierung am Anfang war ganz hervorragend gewählt. Was aber passiert, wenn die Themenwahl nicht ganz so glückt, zeigt die Frage nach der Hamburger Schule und die ablehnenden Reaktionen. Was aber auch nicht überraschend ist, da eigentlich alle Bands eher allergisch auf dieses Etikett reagieren. Fragen zur Hamburger Schule stellt man am besten, ohne die Hamburger Schule zu erwähnen. Einen interessanteren Dreh bekommt das Thema aber mit dem Bezug auf den Testspiel.de Artikel und die Einschätzung, dass Trümmer eine Lücke in der Hamburger Schule füllen. Da kann die Band über ihre Position in der deutschsprachigen Musiklandschaft nachdenken. Auch hier wäre sicher noch Raum für Diskussionen gewesen, z.B. nämlich, wie sehr sich Erfolg am Reißbrett vorzeichnen lässt, wenn es doch angeblich so einen Hype um deutschsprachige Rockmusik a la Nerven, Schnipo Schranke oder Messer gibt.

Nun, auf jeden Fall ist Marc Ehrich ein schönes und interessantes Interview gelungen. Interessant auch, weil er viele Themen elegant untergebracht und verbunden hat. Gerade deshalb möchte ich am Schluss die Zwischenüberschriften hervorheben, die das ganze optisch gut strukturieren – die werden erstaunlich selten eingesetzt und sind dabei doch so sinnvoll.


 

Das Interview zum Nachlesen auf Testspiel.de

Trümmer auf Facebook
Trümmer auf der Seite des Labels Euphorie

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