Interview über Interviews mit: Jens Friebe

>Jens Friebe<

Jens Friebe ist Musikjournalist, Texter und Musiker. Spätestens seit 2004 und seinem Debüt Vorher Nachher Bilder taucht er immer wieder in verschiedenen Pop-Türchen auf. Er freundet sich mit Alfred Hilsberg an, schreibt für die intro und die Spex. Er landet letztendlich in Berlin und bei Staatsakt. 
Über diesen Weg sammelt er weitere Freundschaften mit Christiane Rösinger, Kerstin und Sandra Grether, Linus Volkmann. Aus denen ergeben sich verschiedene Projekte und Kollaborationen. Unter anderem als Keyboarder bei Maximilian Hecker oder eine Tour für das Goetheinstitut.

Interview am 25.11.2014, Berlin Südblock

Zeichnung Jens Friebe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist ja ein Interview über Interviews. Und Du führst ja auch öfters Interviews. Auf welcher Seite des Mikros gefällt es Dir denn besser – auf der jetzt oder auf der des Interviewers?

Ich habe eigentlich beides immer relativ ungern gemacht, und bin auch allgemein nie ein großer Fan von Interviews gewesen. Vor Allem, da es fast unmöglich ist, so etwas wie eine natürliche Gesprächssituation herzustellen, da immer ein hierarchisches Gefälle besteht: es geht nur um einen der beiden Gesprächspartner. Der eine ist also interessant und der andere nicht.
Gleichzeitig hat der Interviewer eine Machtposition, weil er relativ anonym bleibt und entscheidet, welche Fragen er stellt.  Als Interviewter sitzt man zwar irgendwie am längeren Hebel, da man ja nicht jede blöde Frage beantworten muss, trotzdem sind die Reaktionsmöglichkeiten begrenzt: entweder man wirkt unfreundlich, wenn man bestimme Antworten verweigert, oder man gibt eine blöde Antwort.

Ich glaube aber schon, dass Du es als Interviewter in der Hand hast, das Thema mit zu bestimmen. Gerade bei sehr oberflächlich gestellten Fragen…

Es gibt natürlich ganz professionelle Strategien, wie etwa die von Blixa Bargeld, der mal sagte, er schert sich in Interviews gar nicht um die Fragen, sondern hat immer seine 10 feststehenden Antworten. Das fände ich aber dann auch wieder schade. Dazu habe ich doch ein zu idealistisches Bild von einem guten Interview. Ich will mich ja trotz allem offen halten für Sachen, über die ich vorher noch nicht unbedingt nachgedacht habe. Was ich allerdings gar nicht kann, sind so Fantasy-Schlagfertigkeitsfragen wie: „Was sind so drei Dinge, die Du auf eine einsame Insel mitnehmen würdest?“, „Wen würdest Du gerne mal kennen lernen?“, „Was ist das Peinlichste, was dir je passiert ist?“

Das sind ja eher Fragenkataloge.

Genau. Und das ist bei mir wirklich eine spezielle Unverträglichkeit. Es ist nicht nur, dass ich keine Lust habe, darauf zu antworten. Es ist eher wie ein physisches Symptom, eine Gehirnlähmung. Ich kann dann einfach beim besten willen nichts sagen.

Was würde das denn aber auch über Dich sagen, wenn Du antworten würdest: Queen Victoria oder so?

Ich weiß nicht. Aber ich will nicht ausschließen, dass es interviewtalentierte Künstler gibt, die bei solchen Fragen zu Höchstformen auflaufen und total originelle Sachen sagen. Ich gehör nur leider nicht dazu.

Und was hältst du von Moritz von Uslars Fragenkatalogen? Seine „100 Fragen“?

Naja, dessen Fragen waren ja immerhin auf de jeweiligen Befragten abgestimmt, nicht standardisiert. Allerdings immer mit dem Willen, zu provozieren und das Gegenüber aus der Fassung zu bringen. Das hat mir nur Spaß gemacht zu lesen bei arroganten Stars oder Politprofis. Bei Leuten, die ich mochte und von denen ich wirklich was wissen wollte, war mir das immer zu grob.
Für mich ist das Ideal eher jemand wie Alexander Kluge. Dem wird ja oft vorgeworfen, dass er zu viel über sich erzählt. Aber von mir kriegt man am meisten heraus, wenn man auch etwas über sich preis gibt. Wenn man sich Gedanken gemacht hat und keine konstruierten Fragen stellt. Mitunter haben die Interviewer so eine Haltung: Es geht ja jetzt nicht um mich sondern um den Interviewpartner. Das ist eine Bescheidenheit, die mich eher verunsichert.
Da ich selber Journalist bin, kommt natürlich auch oft die Frage: „Was würdest Du Dich denn fragen?“ Das ist aber eine Selbstanwendung, die natürlich auch nicht funktioniert.

Das wirkt, als hätte sich der Journalist nicht vorbereitet und das ist ja auch respektlos.

Ja.

Fandest Du es gut, wie Charlotte Roche das gemacht hat? Die hatte glaube ich immer so einen Ansatz…

Ja. Ich fand Charlotte Roche immer ganz gut. Da gibt es einige gute Interviews. Ich bin aber nie von ihr interviewt worden. Ich fand immer, dass sie wirklich sehr gut  war mit Superstars. Da hatte sie so eine Frechheit, die aber auch nicht so bohrend war, eine gute Art von Respektlosigkeit. Nicht Arschkriecher-freundlich, sondern freundlich.
Bei deutschen Acts wie z.B. der Hamburger Schule fand ich eher, dass es nicht so funktioniert hat. Vielleicht hatte sie vor denen paradoxerweise mehr Ehrfurcht. Oder sie war umgekehrt zu nah dran.

Kennst du das Problem auch, wenn du deutsche Musiker interviewst, dass es da eine Befangenheit gibt?

Nein, eher im Gegenteil, für mich ist es ganz angenehm, wenn die Sprachbarriere wegfällt. .  Zwei der entspanntesten Interviews, die ich je geführt habe, waren mit Andreas Dorau und Sven Regener. Das sind Leute, die reden einfach drauf los und erklären ihre Sachen, mit so einer demystifizierenden Punkhaltung. Das ist wirklich sehr erfrischend und ungewöhnlich.  Es ist wirklich erstaunlich, mit wie wenigen Bands man zum Beispiel über ihre Texte sprechen kann. Meist heißt es : „Da soll sich jeder selbst was bei denken, wir wollen da gar nicht zu viel vorgeben“, oder sogar: „Wir wissen selbst nicht, was die Lieder bedeuten“. Ich dagegen rede gerne über den Sinn meiner Lieder, werde aber selten danach gefragt.

Einen allgemeingültigen Rat kannst Du aber auch nicht geben, ob man die Bands nach ihren Liedern fragen sollte oder eben nicht?

Nee.

Dann musst Du das richtige Gespür mitbringen, ob sie das jetzt wollen oder nicht. Immerhin wollen sie ja ein Interview geben.

Ja. Das stimmt. Ich habe aber immer das Problem, dass ich nicht weiß, worüber ich mit den Bands reden soll, wenn sie eben nicht über ihre Songs reden wollen. Das ist fair enough , aber mich interessieren meistens diese Geschichten nicht, warum man mit welchem Produzenten aufgenommen hat. Und ich habe auch keine Lust, so Privatfragen zu stellen: Wie seid Ihr denn so drauf?

Es ist halt keine private Situation.

Das stimmt, aber es gibt ja durchaus Journalisten, die eher an einer Art „Homestory“ interessiert sind, über die Lebensumstände und Freizeitgestaltung. Mein Interesse bei einem Interwiew mit einer Band ist aber eben gemeinsam über ihre Musik zu sprechen.
Da fehlt mir dann vielleicht  die richtige Technik, wenn sie nicht darüber sprechen wollen.

Glaube ich nicht. Ich glaube, es ist schon auch eine Frage der Band, worüber man sprechen kann. Es gibt ja einige, die sich explizit zu musikfremden, zu politischen Themen äußern – Churches, Morrissey….

Aber Morrissey ist für mich wiklich das Paradebeispiel für einen unerträglichen Inteviewpartner. Ich habe ein interview von Russel Brand mit ihm gesehen. Russel Brand war wirklich süß und sehr bemüht. Aber er konnte es Morrissey einfach nicht recht machen. Als Brand in einer Frage sagte „you are a vegetarian“, sagte er: „I am not a vegetarian. I just don’t eat meat“. Und als eine Frage losging mit: „When you perform live“, kam gleich: „I don’t perform.“ – „So, what do you do?“ – „I appear life“.

Aber ehrlich. Ist so etwas gerechtfertigt? Ist das sinnvoll?

Also ich finde solche Allüren schrecklich. Als Journalist, weiß ich, wie nervig es ist, wenn alle Zuschreibungen abgewiesen werden: Das will man nicht gewesen sein, und das auch nicht – Am besten schreibst Du gar nichts!

Dann sollten sie vielleicht kein Interview geben?

Das finde ich auch.

Ich frage mich bei Morrissey dann immer, ob das eine Kunstfigur ist. Bei Kinski ja definitiv…

Bei Kinski war das keine Kunstfigur. Das war schon authentisch, glaube ich. Daran, dass er im echten Leben ein wahnsinniger Choleriker war, besteht kein Zweifel. In Interviews kam vielleicht hinzu, dass ihm nicht richtig was so Schlaues eingefallen ist, wie er es gern gehabt hätte, und das hat er dann über Aggressionen gelöst. Das war aber schon ziemlich glaubwürdig sein Wesen. Der stand unter Strom. Das war auch die Hauptattraktion an ihm.

Wenn Du das aber als Kunstfigur durchziehst, wäre das schon ok. Es wäre sicher eine Sonderform des Interviews, aber interessant.

Ja aber zu welchem Zweck konstruiert man eine Kunstfigur? Wenn man so etwas macht, kreiert man sich doch etwas, das man hinterher gerne sieht und mag, oder?
Ich glaube, die Leute haben einfach schon so viel Mist über sich gelesen, das ich diesen Verweigerungsimpuls irgendwie auch verstehen kann. Jede Fremdbeschreibung, die man zulässt, birgt ja die Gefahr, dass das als Attribut an dir hängenbleibt.
Bei mir ist es der “Pop-Dandy“. Neulich wollte ich mal Zitate raussuchen für meine neue Promo und ich habe fast nichts gefunden ohne „Pop-Dandy“. Das wollte ich denen dann natürlich nicht wieder zu fressen geben.

Pressetexte sind ohnehin noch eine ganz eigene Sache…
Da hast Du ja die Chance, selbst zu bestimmen, worüber geschrieben wird, weil Du zu 99 Prozent sagen kannst, dass da Sachen übernommen werden.

Das ist aber auch ein Problem, dass das dann alle abschreiben. Denn auch wenn du bestimmen kannst, was überall steht: Alles nervt, wenn es überall steht. Ich nehme noch mal das Beispiel mit dem Popdandy. Wenn das ein mal in einem Text steht, finde ich das ja gar nicht schlimm. Aber wenn es dann zu so einem festen Beinamen wird, nervt es. Und wenn man im Interview dann gefragt wird: „Bist du wirklich der Pop-Dandy?“ Was soll man dazu sagen.

Und genau da würde ich mir wünschen, dass Du aufstehst und sagst: Ich habe darauf keinen Bock. Ich geh. Bist du – und viele andere Bands auch – zu geduldig, aus Angst, als arrogant dargestellt zu werden?

Ja, vielleicht gibt es diese Angst. Vielleicht verstehe ich aber auch die andere Seite zu gut. Es gibt halt einen ewigen Interessenkonflikt. Die Journalisten wollen die Künstler auf eine griffige Formel festnageln, die Künstler wollen sich nicht festnageln lassen. Bei manchen Musikern hat mich das auch schon genervt, diese Art sich jeder konkreten Aussage zu entziehen, vor allem dann, wenn sie in Texten mit politischen Statements kokettieren, und, danach befragt, es dann aber nicht gewesen sein wollen. Nach dem Motto, alles nicht so ernst gemeint, soll sich jeder selbst was dazu denken. Die Relevanz hat man sich aber vorher trotzdem übers Politische abgeholt.
Ein anderer Grund nicht bei jeder blöden Frage abzuhauen, ist aber auch, dass man von der Gesprächssituation im Interview nicht darauf schließen kann, wie das verwertet wird. Ich habe schon Gespräche gehabt, wo ich dachte: Oh Mann, der Typ will mich fertig machen, und dann war der Text erstaunlich ok. Und ich hatte hervorragende Gespräche, die sich dann nachher verschriftlicht ganz grauenvoll lasen.

Aber dann kannst Du ja autorisieren.

Das mache ich dann auch manchmal. Aber es ist auch wahnsinnig viel Arbeit, alles umzuschreiben, und es wird nicht immer akzeptiert.

Nun ist die Autorisierung gerade ein aktuelles Thema und die Frage, wer die Rechte an den Aufnahmen hat, wird mit Helmut Kohl verhandelt. Hattest Du selbst schon mal Probleme?

Nein. Nicht mit O-Tönen. Eher mit der Gesamtdarstellung im Interview. Bei der ersten Platte gab es eine Homestory und dem Interviewer sind einfach keine Fragen eingefallen. Er wusste einfach nicht, was er mich fragen sollte. Ich habe noch versucht, ihm zu helfen. Er war untröstlich und hat sich für das schlechte Interview entschuldigt. Der Text würde dann aber auf jeden Fall gut werden, meinte er noch. In seinem Text beschrieb er dann auf einmal mich als einen so normalen, durchschnittlichen Typen mit dem eben kein Gespräch zustande gekommen sei, weil ich eben so langweilig wäre.

Ich finde es sowieso komisch „sich Fragen einfallen zu lassen”. Man geht doch zu einem Interview, weil man Fragen hat.

Ja. Das gab es einmal in Würzburg. Da kam der Interviewer zu mir und sagte: „Komm, erzähl mal“. Aber so funktioniert das nicht. Man muss mich schon etwas fragen.

Das war aber nicht Radio, oder? Da hat man ja meistens nur ein paar Sekunden Zeit und es ist klar, dass Du ein bestimmtes Statement abgeben…

Nein, das war nicht Radio. Und der Typ hat gesagt: „Ja aber Roman Fischer hat das gemacht und einfach etwas erzählt“. Und ich: „Ja, aber Roman Fischer ist auch noch jung und denkt, er müsste jeden Scheiß mitmachen und wird dann berühmt“. Ich weiß, dass man nicht berühmt wird, nur weil man jeden Scheiß mitmacht.
Aber ja: Radio ist noch einmal etwas Anderes. Und Fernsehen ist noch die Verschärfung davon. Da wird das Interview geführt, aber die Fragen sind nicht zu hören sondern nur die Antworten. So aus dem Zusammenhang gerissen wissen die Zuschauenden dann eben nicht, dass Du unter Umständen auf eine doofe Frage geantwortet hast.

Es geht auch weg von dem Gesprächscharakter, den ein Interview haben soll. So hast Du Frage hier, Antwort dort, Frage… wie bei einem Ping-Pong-Spiel. Bei einem normalen Gespräch ist das ja nie so. Es gab aber mal das Interviewkonzept “Vorsicht Ü-Wagen”. Da sind die Interviewer hingegangen und haben sich bewusst nicht vorbereitet, um die Zuschauer genau da abzuholen.

Naja, Das ist dann halt wie wenn man jemanden trifft, den man gar nicht kennt. Für ein Publikum, das einen gar nicht kennt. Halt für Einsteiger.

Da erschöpft sich aber bestimmt der Gesprächsstoff ziemlich schnell.

Tja, das geht bestimmt am besten, wenn man gerade seine erste Platte herausgebracht hat. Das ist dann ein wenig wie beim Familientreffen, wenn Du erzählen musst, was Du machst.

Für so Konzept kann man das natürlich machen, um den Künstler vorzustellen. Genauso könnte man das aber in einen Info-Text packen. Sinnvoller ist es sicher, ein Thema zu haben, bei dem man noch mehr erfährt. Aber da frage ich mich, was ein Interview leisten kann. Soll es eine Person portraitieren? Soll es die Position einer Person darstellen? Soll es das Werk einer Person darstellen?

Meiner Meinung nach sind Interviews nur dann wirklich interessant wenn Künstler neu sind,  oder wenn sie extrem agitatorisch sind und ein klares Thematisches Anliegen haben oder eine wilde Geschichte. Das alles sind keine Grundvoraussetzungen für einen guten Künstler. Nur wenn eine gute Band zum Beispiel ihr fünftes Album machen und ich dann wieder diese Interviews lese mit Fragen wie „Was habt ihr dieses mal anders gemacht?“, dann denke ich mir, das ist doch eigentlich nur Faulheit, dass in Interviewform zu machen. Ist ja auch wahnsinnig bequem. Ich habe Fragen und Antworten, und die schreibe ich dann auf bis das Blatt voll ist. Man brauch sich nicht um die Struktur zu kümmern und man muss sich überhaupt keine eigenen Gedanken machen zur Musik. Grade das wäre aber eventuell das Interessante. Die Leute weinen ja immer der guten alten Zeit des Qualitätsmusikjournalismus hinterher, sprich: Spex, Diederichsen. Aber Diedrich Diederichsen hat nie Interviews gemacht.

Ist jetzt aber auch nicht der typische Musikjournalist, jedenfalls heute. Da ist er eher Forscher.

Ja, aber früher eben schon. Und die besten Texte in der Spex waren eben meiner Meinung nach eben keine Interviews.

Aber das meinte ich auch mit der Frage, ob es sich Bands leisten können, im Interview angefressen zu sein oder ob sie das Interview geben, obwohl sie keine Lust haben, weil es eben Promo ist.

Die Verschärfung der Krise in der Musikindustrie hat schon zu einer größeren Unterwerfungsbereitschaft geführt. Und es ist der ganze Achtziger-Jahre-Verve der Unverschämtheit und Anti-Haltung vollständig in HipHop aufgegangen und überall anders verschwunden.
Das sieht man daran, dass selbst ich als schwieriger Interviewpartner gelte.

Vielleicht, weil Du die Fragen ernst nimmst und das Ping-Pong-Spiel nicht mitmachen würdest. Es ist ja auch Quatsch zu sagen: Du bist ein schwieriger Interviewpartner. Es ist doch verdammt noch mal die Aufgabe des Interviewers, gute Fragen zu stellen.

Naja, es gibt schon wirklich schwierige Interviewpartner, wo man dann wirklich nichts machen kann.  Wir hatten ja schon Kinski und Morrissey, John Cale ist ja auch berühmt dafür. Aber es ist sicher auch immer eine Frage der Tagesform. Man gibt Interviews ja meistens schon nicht zu den Tageszeiten, zu denen man sonst mit Leuten spricht.  Man redet ja meistens eher abends besoffen offenherzig mit Fremden, und nicht mittags.

Aber das kann man ja planen.

Ja. man könnte natürlich sagen: Ich treffe mich ausschließlich abends…
Was aber, von praktischen Problemen mal abgesehen, widerum dagegen spricht : Wenn das Gespräch so eine ganz große Lockerheit erreicht , hat man am Ende zwar vielleicht ein super Gespräch geführt, aber wahnsinnig wenige zitierfähige Sätze. Es geht dann womöglich ganz von der Person weg auf entlegene Themen, die dann total kleinteilig besprochen werden. Vielleicht also doch nicht die Kneipe.  Ich würde aber trotzdem als Interviewer immer versuchen, eine natürliche Gesprächssituation herzustellen, bei der man vergisst, dass man ein Interview führt.

Und dann kommt es auch darauf an, was man erreichen will. Für eine Interviewserie oder einen ganzen Interviewband kann das ja ok sein. Es gibt ja auch einige Serien mit Politikern….

Interviews mit Politikern sind noch einmal eine ganz andere Sache.

Ach, das ist interessant. Wieso?

Naja. Weil Politiker im Auftrag des Volkes Entscheidungen treffen. Weil jedes Interview Teil davon ist, sich seine Legitimation als Volksvertreter zu holen. Deswegen sind unangenehme, kritische Fragen bei Politikern durchaus berechtigt, weil mit ihrem Beruf einher geht, sich pausenlos vor der Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen. Das Volk hat sozusagen das Recht, Rapport zu fordern. Und bei Musikern ist das anders. Jemand, der sich nicht für mich interessieren will, der muss sich nicht für mich interessieren. Ich muss es nicht jedem recht machen. Ein Politiker ja tendenziell schon. Es gibt also  keinen Grund, mir bohrende Fragen zu stellen.

Ich scheue mich aber davor zu sagen, dass man von Musikern keine Rechenschaft einfordern kann, ihnen keine kritischen Fragen stellen sollte. Bei bestimmten Themen ist das doch sicher möglich. Bei der Frage, ob sie ein Vorbild sind zum Beispiel… Ob sie sich an irgendeiner Stelle verkaufen. Oder ob sie zu einem Thema eine bestimmte Haltung haben.

Ja, schon. Ich weiß, was Du meinst. Und wenn einen wirklich etwas stört an irgendwelchen speziellen Aussagen oder einer Ästhetik, kann man auch kritische Fragen stellen. Aber es gibt Interviewer, die Künstler grundsätzlich so interviewen wie Politiker, mit dieser latent aggressiven schnippischen Grundhaltung, um einen aus der Reserve zu locken. Das finde ich falsch.
Künstlerische Entscheidungen sind einfach auch ein viel abstrakterer und feinerer Stoff, als politische Entscheidungen. Es ist überhaupt schwer darüber zu sprechen. Kunst ist eben eine eigene Sprache, und nicht alles ist übersetzbar.

Aber ist es nicht dennoch möglich, Fragen zu stellen? Was ist das für ein Werk? Wie setzt es sich zusammen? Und warum? Bezieht es sich auf andere Werke?…

Solche ästhetischen Fragen bleiben aber meistens stehen bei: „Wie schreibst Du überhaupt Songs“, „Was fällt Dir als erstes ein, der Text oder die Melodie“? Das ist natürlich die allergröbste Oberfläche des Prozesses. Interviews über Einzelheiten künstlerischer Entscheidungen in einzelnen Songs fände ich natürlich interessant. Aber erstens ist das natürlich nerdig und zweitens können viele Interviewer das gar nicht leisten.

Weil sie keine Musiker sind?

Ja, Wahrscheinlich. Vielleicht könnten auch  sich reindenken, aber auf dem Niveau habe ich das selten erlebt, dass Leute versucht haben, mit mir zu sprechen. Und wenn sie’s gemacht haben, ist es meist nicht im Interview gelandet. Vielleicht glauben sie, es wird dann zu speziell. Und sie haben vermutlich Recht. Ich habe mal für die Intro eine Kolumne geschrieben, in der ich Songs so hermeneutisch analysiert habe, auch die Harmonien und so weiter. Da bin ich aber schnell wieder von abgerückt, weil ich gesehen habe, dass das einfach nicht mehr allgemein verständlich ist.

Das geht ja schon fast in so eine Haltung: Es gibt die BILD, weil das das ist, was die Leute lesen wollen.

Naja, nicht so ganz. Man kann auch von einem Leser, der kein denkfauler Depp ist, nicht verlangen, das er irgendwas damit anfangen kann, wenn ich schreibe: E moduliert von D zu D Moll. Das müsste dann idealerweise gleichzeitig vorgeführt bzw. vorgespielt werden.

Hast Du denn einen Vorteil als Musikjournalist dadurch, dass Du Musiker bist?

Naja, nur solange ich den Anspruch habe, es als solcher zu schreiben, was dann aber eben leicht unlesbar wird. Für das, was Leute normalerweise an Musikjournalismus lesen wollen, ist es also kein besonderer Vorteil.

Du kannst es aber eher durchschauen und das ist ja auch wichtig für Journalismus… Hast Du eigentlich auch Musikjournalismus studiert? An einer Stelle habe ich das mal gelesen.

Nein, Musikwissenschaft. Gibt’s Musikjournalismus überhaupt als Studienfach? Ich bin aber auch generell dagegen, Journalismus zu studieren.

Also in Paderborn gibt’s Musikjournalismus. Wieso bist Du denn dagegen?

Ich glaube, die Leute sollten das studieren, was sie thematisch interessiert. Darüber schreibt man dann auch gut. Und ich finde nichts erfrischender als einen guten Text in einer Zeitung, der eben nicht den typischen Journalisten-Stil hat. Jemanden beizubringen so zu schreiben, wie es sich z.B. in der Zeit anhören muss, finde ich unsinnig.

Nachdenken kann man einem halt nicht beibringen.
Was mir immer wieder auffällt ist, dass sich bestimmte Antworten verselbstständigen, wenn Du sie mehrmals gibst. Hast Du auch das Gefühl, dass sie dann sozusagen wahr werden und Deine eigene Wahrnehmung beeinflussen.

Naja, das ist eine gewisse Bequemlichkeit. Wenn man zweimal etwas geantwortet hat und man war damit so zufrieden, gibt einem das eine Sicherheit. Beim ersten Interview ist man erst einmal etwas aufgeregt: Was für Fragen kommen wohl? Fällt mir dazu etwas ein? Es gibt Fragen wie: „Was hast Du Dir bei dem Cover gedacht“? Da denkt man beim ersten Mal drüber nach und vielleicht beim zweiten Mal wieder. Aber irgendwann hast Du dann Deine Antwort. Die ist bewährt und dann musst Du Dich nicht mehr anstrengen.
Es gibt aber natürlich noch eine andere Art der Verselbstständigung, die sehr tückisch ist… Bei Karl Lagerfeld zum Beispiel, dem werden oft Fragen gestellt, die auf Antworten basieren, die er schon einmal gegeben hat und er antwortet dann noch einmal dasselbe, was aber ohnehin schon in der Frage gesagt wurde…

Also zum Beispiel: „Stimmt es, dass Du das und das magst“?

Ja genau. Da bleibt dann so ein ganz kleiner Pool an Fragen, die ihm gestellt werden.

Dabei hat er selbst gute Interviews geführt.

Echt, wo denn?

Zum Beispiel für Andy Warhol’s Interview. Da hat er mit ein paar Models gesprochen…
Aber was mir bei Dir immer wieder aufgefallen ist: da kam oft die Frage, welche Bands Dich beeinflusst haben und die Antwort war immer Die Goldenen Zitronen, Die Ärzte und Foyer des Arts. Ich könnte mir vorstellen, dass sich das ein wenig verselbstständigt hat.

Ja, das ist ein typisches Beispiel. Da wurde ich irgendwann mal explizit nach deutschen Bands gefragt, die mich beeinflusst haben, als ich angefangen habe, Songs zu schreiben. Als ich angefangen habe Songs zu schreiben, da war ich übrigens vierzehn. Und die Antwort auf diese sehr spezielle Frage stand dann auf Wikipedia, und jetzt steht eben für alle Zeiten fest, dass mein größter Einfluss die Ärzte sind.

Hast Du als Künstler eigentlich eine besondere Empathie oder Beobachtungsgabe, die Dir beim Interviewen hilft. Du hast in einem Interview mal eine schöne Geschichte erzählt, bei der ich das gedacht habe: Du hast Waltz With Bashir im Kino gesehen und Plätze für Freunde frei gehalten, die aber nicht gekommen sind. Hinterher hat Dich deshalb dann eine Frau angeraunzt. Du hast erzählt, dass Dein Gedanke dabei war, wie diese Frau den ganzen Film darüber nachgedacht hat, was sie Dir sagt. Und das bei einem Film wie Waltz With Bashir.
Das fand ich eine schöne Beobachtung, die ich auch nicht jedem zutrauen würde.

Ich glaube, Einfühlungsvermögen ist keinesfalls ein Privileg von Künstlern. Es gibt sogar die Gefahrbei Künstlern, dass sie ihre ganze Empathie in ihrer Kunst abreagieren, und im Alltag gefühlskalte Arschlöcher sind.

Aber für ein Interview ist es doch auch wichtig, sich in die Gesprächspartner hineinversetzen zu können und vielleicht auch zu antizipieren, was die als nächstes sagen werden….

In der Hinsicht war ich wahrscheinlich nie der beste Interviewer. Manchmal war ich regelrecht erstaunt, wie wenig exklusiv das war, was ich rausbekam. Bei Rufus Wainwright zum Beispiel. Da dachte ich, dass ich durch meine große Bewunderung für ihn auch einen speziellen Draht habe. Letztendlich stand in meinem Interview dann aber doch das Gleiche wie überall. Fandom führt nicht unbedingt dazu, dass man andere Fragen oder den besseren Zugriff hat. Ein Gegenbeispiel war ein Interview mit dem Cake-Sänger John McCrea. Mit ihm hatte ich ein sehr intimes und tiefschürfendes Interview, obwohl ich mich vorher gar nicht so irrsinnig für ihn interessiert hatte.

Ist halt auch die Frage, was ein Interview leisten kann. Es bleibt erst mal ein Interview und eine sterile Interviewsituation. Da sprichst Du anders als mit Freunden abends in der Kneipe.

Ja, deswegen liegt es mir als Interviewter mehr, wenn ich Publikum habe… wenn man zum Beispiel auf einem Podium sitzt. Das ist schon wieder eine gewisse Show und da kann ich dann spielerisch mit umgehen.  Oder eben völlig steril und kontrolliert, ein Online-Interview, wo ich alles so schreiben kann, wie ich will. Alles dazwischen ist schwierig.

Und was ist mit Telefoninterviews?

Hm… Das macht für mich keinen Unterschied. Ich habe nichts gegen Telefoninterviews, viele Leute hassen das ja. Der Hauptunterschied ist für mich der zwischen geschnitten und live. Bei live kann man sich leichter um Kopf und Kragen reden, im Schnitt können die Aussagen entstellt und aus dem Zusammenhang gerissen werden, und man steht erst recht blöd da. Beim Print gibt’s ja dann noch das Problem der Verschriftlichung, und die Frage, ob da sehr stark eingegriffen wird oder alles mehr oder weniger eins zu eins transkribiert.

Wie gehst Du denn da ran?

Ich verschriftliche sehr hart. Spätestens seit meinem Sven Regener Interview bei dem mein Aufnahmegerät nicht funktioniert hat. Dadurch musste ich aus dem Gedächtnis schreiben und Sven Regener musste es auch noch autorisieren. Er hat aber nur eine Sache geändert. Das ging so schnell und gut, dass ich seitdem die Aufnahme nur noch nutze , um überprüfen zu können, dass ich nicht etwas ganz Wichtiges vergessen habe. Aber das Gedächtnis ist ein sehr guter Lektor.
Für mich ist eigentlich am wichtigsten, dass ein unterhaltsamer und gut geschriebener Text dabei herauskommt. Wenn die Künstler nicht gut formulieren, muss ich es halt für sie machen.

Tja, Unterhaltung ist ja auch eine Funktion, die ein Interview erfüllen kann.

Das ist halt eine Gratwanderung. Entweder man lässt jedes Äh drin und jeden unlogischen Sprung oder man macht einen richtig guten Text.

Am Nachbartisch wartet schon der nächste Gesprächspartner auf Jens Friebe.
(Jens spricht kurz mit ihm und holt sich noch einen Tee.)

Ich habe mir gerade überlegt, wie ich dieses Interview verschriftliche. Es wird wohl ein Zwischending werden. Ich versuche, möglichst wörtlich zu verschriftlichen, aber die Ähs und Schachtelsätze zu glätten. Du bekommst es aber ja auch zur Autorisierung.

Ah, sehr gut. Dann schickst Du es mir.

Mache ich. Hab vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast und viel Spaß jetzt noch.


Links:

Bands, in denen Jens Friebe spielt oder spielte:

  • Parka: Indierockband, mit der er in Köln seine ersten Auftritte hatte.
  • Bum Khun Cha Youth: Uli Nachtigall, Linus Volkmann und Jens Friebe benennen sich nach dem südkoreanischen Fußballer Cha Bum-kun und gründen ihre Band zunächst nur für einen Auftritt. Sie spielen am diametral entgegen gesetzten Ende vom Kölner Karneval. Cha Bum-kun ist der erste koreanische Fußballer in der Bundesliga. Er spielte bei Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen. Zu Beginn ist auch Felix Scharlau mit in der Band, heute ist er als Autor und Redakteur des kaput-Magazins eher solo unterwegs.
  • Britta: Die Post-Lassie-Singers-Band um Christiane Rösinger, Britta Neander, Flittchen Records und das Fischbüro, eine Kneipe mit regelmäßiger Showeinlage.
  • Doctorella: Die Electro-Chanson-Band um die Pop-Zwillinge Kerstin und Sandra Grether. In der aktuellen Bestezung sind noch die beiden Zwillinge Fabrizio und Flavio Steinbach sowie Sascha Rohrberg dabei.

Discographie:
2004 Vorher Nachher Bilder

Cover Vorher-Nachher-Bilder

 

 

 

 
2005 Vorher Nachher Bilder Rmx

Cover Remix

 

 

 

 

2005 IN HYPNOSE

Cover Hypnose

 

 

 

 

2007 DAS MIT DEM AUTO IST EGAL, HAUPTSACHE DIR IST NICHTS PASSIERT

Cover Das ist mit dem AUto ist egal

 

 

 

 

2010 ABÄNDERN

cover abändern

 

 

 

 

2014 NACKTE ANGST, ZIEH DICH AN, WIR GEHEN AUS

Cover nackte Angst

 

 

 

 

Dazu kommen

Cliquenedition #2
Von eben dem diametral entgegen gesetztem Ende des Karnevals aus veröffentlicht Jens Friebe auf Nummer 2 der Cliquenedition – auf der einen Seite mit der Bum Khun Cha Youth, auf der anderen Seite „(I’m not born for) plot driven porn vom Album „Nackte Angst“

52 Wochenenden
Geschichten vom und übers Durchmachen Das Buch ist aus einer Kolumne in der TAZ entstanden.

Cover 52 Wochenenden

 

 

 

 

Empfehlungen:

Interview über Interviews mit: Christopher Lesko

>CHRISTOPHER LESKO<

‘Innere Bereitschaft zur Begegnung’

Der Journalist ist eigentlich keiner, denn obwohl er regelmäßig in Medien veröffentlicht, sieht er sich lieber als Kommunikationsexperte. Er führt selbst regelmäßig Interviews, gerne mit Leuten, die man aus dem Fernsehen kennt.
Er ist aber auch Teil der Leadership Academy, die Kommunikationstrainings für Unternehmen anbietet.
Einem breiteren Publikum ist er 2015 durch die ZDF-Reality-Dokuserie “Plötzlich Krieg” bekannt geworden.

Links:

  • Profil von Christopher Lesko: www.lesko.ch
  • Meedia.de: das Medienmagazin kommentiert aktuelle Beiträge in Zeitungen und  Fernsehen
  • Leadership Academy Berlin: die Beraterfirma bietet “Executive Leadership Trainings an und begleitet Change-Prozesse”.
  • Plötzlich Krieg: Im Interview mit meedia.de erklärt Christopher Lesko das TV-Experiment, bei dem die TeilnehmerInnen in zwei Gruppen aufgeteilt und in eine handfeste Auseinandersetzung gesteuert werden.

 

Christopher Lesko

 

 

 

 

 

 

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The Turnaround

The Turnaround with Jesse Thorn

Jesse Thorn ist Radiomoderator und hat die Podcastproduktionsfirma Maximum Fun gegründet. Sie ist bekannt für Diskussionsrunden wie Dave Hill’s Podcast Incident oder Baby Geniuses. Am anderen Ende des Programmes stehen Jackass-Formate und Blödel-Sendungen wie Can I Pet Your Dog oder The Imposters – ein wenig wie Circus Halligalli zum Hören. Jesse Thorn ist aber ein durchaus seriöser Medienjournalist und seine erste Sendung auf Maximum Fun, The Sound Of Young America, lag irgendwo zwischen diesen Programm-Extremen: ein Talkformat mit Sketch- und Comedyeinlagen. Mittlerweile heißt die Sendung The Bull’s Eye und konzentriert sich auf den Talk-Teil, also Interviews. Allein die Gäste sind und bleiben komisch und kommen aus dem Comedy-Bereich.

Logo The Turnaround roter PfeilEine etwas anderes Konzept hat Jesse Thorn mit seiner neuesten Podcast-Sendung entwickelt. Sie heißt zwar The Turnaround, könnte aber auch überschrieben werden mit Interviews über Interviews. Jesse Thorn lädt sich Interviewerinnen zum Gespräch ein und spricht mit ihnen über ihre Arbeit. Im Gegensatz zu den Interviews, die ich über Interviews führe, steht bei The Turnaround das Erzählen im Vordergrund. Es geht weniger um technische, manchmal auch trockene Details wie Fragetechniken oder Analyse des Interviews. Stattdessen erzählt er und lässt erzählen. Die Interviews sind eher offene Gespräche. Vorgegeben sind sie thematisch vor allem durch den Gast. Er ist eingeladen, weil er beruflich mit Talk, Gesprächen oder Interviews zu tun hat. In diese Rolle begibt sich der Gast in das Gespräch mit Jesse Thorn und  erzählt. Es gibt kein Interviewziel, das zum Beispiel vorgibt: Am Ende sollen wir erfahren, wie wir den Gast zum Reden bringen oder wie wir uns auf ein Gespräch vorbereiten. Es geht nicht darum, vom Gast zum Beispiel zu erfragen, wie wir mit extremen Interviewsituationen umgehen sollten. Es geht eher darum zu erfahren, wie der Gast damit umgegangen ist. Wertungsfrei, vielleicht nicht immer einwandfrei aber auf jeden Fall erhellend und nie belehrend.
Zweimal pro Woche gibt es eine neue Folge, jede eine Stunde oder länger. Die Show gibt es seit Juni 2017.


Interviewvorstellung #37: Käptn Peng bei Deutschlandradio Corso

Hat sie das noch nie jemand gefragt?

Na das fängt ja gut an. Anja Buchmann wandelt auf recht dünnem Eis, aber das sehr souverän und gekonnt. Dünn ist das Eis deshalb, weil sie Robert Gwisdek aka Käptn Peng im Interview bei Corso nach der Bedeutung seiner Texte fragt. Und es gehört schon ein wenig Mut oder guter Glauben dazu, danach zu fragen, wer oder was das Peng ist.

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Sandra Hüller: Kiez-Interview

Kiez-Interview

Ich habe angefangen, dieses Interview zu lesen, wegen des Leipzig-Bezugs. Und ich bin dabei geblieben wegen des …. Leipzig-Bezugs. In dem Interview wird ein eigentlich simples Thema möglichst anschaulich für Nicht-Betroffene erklärt: in diesem Fall Leipzig und die Wendezeit. Die Schauspielerin Sandra Hüller erzählt, warum sie wieder in Leipzig lebt und wie sie die Stadt erlebt.
Und so habe ich einmal die Gelegenheit zu erfahren, wie es wirkt, wenn man auf der Seite der Betroffenen des Interviewthemas steht: Es ist erst einmal merkwürdig. Sandra Hüller scheint es ähnlich zu gehen, sie geht nämlich auf Distanz und sagt:

Ich habe Angst, dass wir uns in das Thema verbeißen

oder

Ich finde es ja interessant, dass wir immer noch über die DDR reden müssen.

Aber man beginnt auch zu verstehen, dass es Leute gibt, denen man die Sicht der Betroffenen so direkt vermitteln muss. als eine Art vVerständigung zwischen A und B.
Und spätestens ab da macht das Interview so wunderbar Sinn. Am Anfang erschließt sich das Ziel des Interviews nicht so wirklich. Oder warum muss ich mit einer Schauspielerin über 25 Jahre nach dem Mauerfall noch über die Wende reden? Am Ende ist es aber ein sehr schönes Interview über Leipzig und die Vergangenheit, das ich mit meinen eigenen Erfahrungen und Eindrücken abgleichen kann. Ich fühle mich bei meiner eigenen Rückschau ertappt.