Interview über Interviews mit: Mrs. Pepstein

>>Mrs. Pepstein<<

„Interviews, die Ihr nur macht, um ein Interview zu machen, könnt Ihr Euch sparen.“

 

Mrs Pepstein

Mrs. Pepstein ist eine Macht an den Reglern und am Mikro. Sie ist Radiomoderatorin, DJane, Interviewerin oder auch einfach: Gastgeberin für Künstlerinnen und Bands. Ihr zweiter Name ist nicht etwa Katja Röckel – den hat sie sich nur für den Personalausweis zugelegt – sondern Netzwerk. Durch ihre journalistische Arbeit hat sie Kontakte zu Bands und Künstlerinnen geknüpft. Neben der Tatsache, dass sie diese Künstlerinnen schätzt, ist eine gemeisname Liebe zum Feminismus dafür eine gute Basis. In Leipzig lädt sie regelmäßig zur Interviewsendung Mrs. Pepsteins Welt auf Radio Blau ein. Lesetipp dazu: Hot Topic, ein Band über neue Ansätze des Feminismus im Pop.

Wir treffen uns im November 2015 bei Mrs. Pepstein in der Küche. Der Geburtstag ist so kurz her, dass wir noch mit Sekt anstoßen können.
Wie sieht denn das Feedback auf Deine Sendung aus?

Oh. Das ist sehr davon abhängig, welche Künstlerin ich interviewt habe und wie die wahrgenommen werden. Ich finde es aber auch wichtig, die Sendung auch auf mixcloud.com und freie-radios.net zu stellen. Da siehst Du, wenn andere die Sendung nachhören, empfehlen oder teilen. Das beeinflusst natürlich auch, wieviel Feedback Du bekommst. Ich bin aber noch nicht dahinter gekommen, warum manche Sendungen besonders viel gehört werden und andere nicht, obwohl ich denke, dass das auch coole Sendungen waren.

Es war aber immer klar, dass Du Dich in der Sendung auf Interviews konzentrieren willst? Warum gerade Interviews?

Es war klar, dass ich Radio machen will. Das fand ich immer toll und das ist eben ein Gesprächsmedium. Mich hat es fasziniert, den Leuten zuzuhören. Ein zündender Auslöser war dann aber auch Charlotte Roche. Ihre Art, Interviews zu führen, fand ich einfach grandios. Ich würde nicht sagen, dass ich mir das abgeschaut habe, aber es war auch meine Idee davon, wie eine Sendung sein soll. (Katja überlegt)
Ich glaube, wir haben sogar ungefähr zeitgleich angefangen mit moderieren.
Außerdem fand ich es spannend, die Bands kennen zu lernen und fragen zu können, was man wirklich wissen will.

“I” wie Interesse am Interviewgast

Kennenlernen ist natürlich immer so ein hehres Ziel. Wie sehr kann man denn Bands in so einer Interviewsituation wirklich kennen lernen?

Es gibt schon einige Bands, die man immer wieder trifft und da haben sich mittlerweile  schon Freundschaften und Bekanntschaften entwickelt, mit denen man mal einen Kaffee trinken geht.
In jeden Fall bekommst Du im direkten Gespräch einen anderen Eindruck von der Person. Sie ist anders als sie vielleicht von außen verkauft wird. Deswegen möchte ich auch nicht diese Null-Acht-Fünfzehn Fragen stellen. Nur dann bekommst Du nämlich ein anderes Bild von den Bands.

Da gab es ja gerade erst einen Shitstorm gegen Bibi, diese Youtuberin. Sie hat genau solche Null-Acht-Fünfzehn Fragen gestellt. Es war als Interview beschrieben. Aber würdest Du es noch als Interview bezeichnen?

Naja, es wird als solches verkauft und landläufig als Interview bezeichnet, weil eine Person Fragen stellt und die andere antwortet. Tatsächlich ist es aber natürlich nicht mehr als ein Abfragen.
Wahrscheinlich muss man noch unterscheiden zu Interviews, die für kommerzielle Sender gemacht werden und bei denen nur einige O-Töne gesendet werden. Ich kürze zwar auch ein wenig, aber bei mir soll der Gesprächscharakter erhalten bleiben. Ich sende nicht nur einzelne Sätze.

Du bringst Dich in Deinen Interviews stark selbst mit ein, mit Deinen Erfahrungen, Interpretationen.

Ja… (überlegt) Ja, das ist mir auch wichtig, meine Sicht auf die Musik mit einzubringen. Ich würde auch sagen, dass ich vor einem Interview wenig um den Künstler drum herum lese, sondern eher das Album höre. Vielleicht sagen dann die Künstler, dass es so gar nicht gemeint war, aber das ist dann auch ok.
Umgekehrt kann es ihnen vielleicht aber auch den Eindruck vermitteln, dass sie verstanden werden. In jedem Fall gibt es ihnen aber ein Feedback

Das wollen die Bands aber auch. Die wollen Dir nicht ihr Werk erklären, sondern hören, was Du denkst. Und mit dem Ansatz hat Charlotte Roche sich eine Menge bei Dir abgeschaut.

(lacht) Ja, genau. Ich habe sie ja auch getroffen und das war tatsächlich sehr cool. Ich finde sie immer noch großartig, auch wenn sie oft genug Kritik bekommen hat. Aber bei Interviews hat sie immer eine Art gehabt, wie die beste Freundin. Die Gäste haben ihr alles erzählt. Mit Robbie Williams hat sie ja richtig geflirtet. Das musst Du im Interview erst einmal bringen. Bei Roche und Böhmermann ist ihr diese natürliche Art wahrscheinlich etwas auf die Füße gefallen.

mrs pepsteins welt

 

Die Art kam aber auch daher, dass sie sich intensiv mit den Bands auseinandergesetzt hat und dann ihre Gedanken zu der Platte in das Interview einbringen konnte.

Auf jeden Fall. Wahrscheinlich hätte sie auch keine Band interviewt, mit der sie gar nichts anfangen kann. Und das ist bei mir genauso. Ich suche mir die Bands, die ich interviewe, selbst aus. Dafür komme ich vielleicht nicht an die ganz großen Megastars heran und diese Mechanismen von kommerziellen Medien funktionieren in meiner Sendung auch nicht: Du interviewst die Band, die genug Anzeigen bei uns schaltet und deswegen auch auf dem Cover gefeaturet wird.

Und was interessiert Dich im Gegensatz dazu an einer Band?

Ich lege ja generell den Fokus auf Female Artists. Aber auch da muss mir die Musik gefallen. Ich würde Bands nicht unbedingt interviewen, wenn ich mit der Musik nichts anfangen kann.  Einmal habe ich eine Band interviewt, weil sie überall Gesprächsthema waren. Für mich war aber die Musik nichts und das Interview ist entsprechend komplett nach hinten losgegangen. Die Band war gelangweilt und ich war frustriert.

Vielleicht wäre es Dir in dem Fall leichter gefallen, eine kritische Rezension zu schreiben und Dich da mit der Band auseinanderzusetzen als das direkt mit denen zu diskutieren.

Vielleicht. Auf jeden Fall habe ich dazu auch zu viel Respekt. Ich respektiere ja die Arbeit, die sie in das Album gesteckt haben. Gerade bei neueren Bands. Wenn mich da die Musik nicht erreicht, dann lasse ich es lieber.
Bei Bands, die mich schon sehr lange begleiten, bin ich mitunter kritischer, wenn ich das neue Album nicht so gut finde. Das liegt dann aber auch daran, dass ich enttäuscht bin.

Man muss sich überlegen, wen man in welchem Kontext verreißt, oder?

Absolut. Das überlege ich mir auf jeden Fall und grundsätzlich habe ich im Interview mehr Lust mit Bands zu reden, von denen ich wirklich etwas erfahren will. Das ist natürlich auch sehr subjektiv und geschmäcklerisch.

Ist Musik und Musikjournalismus zum Glück ja immer…

Natürlich. Ich kann mir ja aber zum Glück Zeit lassen zum Entdecken und Gut-Finden von Alben. Für Lana Del Rey habe ich die auch gebraucht zum Beispiel. Mittlerweile finde ich die großartig.

Du findest also erst die Band gut und gehst dann ins Interview? Oder geht das auch andersrum?

Naja, zuerst macht meistens die Musik etwas mit mir. Jenny Wilson ist so ein Beispiel. Zweimal habe ich sie ja schon getroffen und das waren ganz tolle Begegnungen. Sie hatte so sehr schwer Krebs und Du hörst der Musik an, was sie durchgemacht hat. Aber im Interview beschreibt sie dann noch, wie sie von der Chemo direkt ins Studio gegangen ist, obwohl es ihr total schlecht ging. Das fand ich wahnsinnig beeindruckend. Da geht man aus dem Interview raus und denkt: Das hat jetzt Dein Leben verändert. Obwohl das natürlich Quatsch ist. Wirklich verändern tut es nichts, aber es ist bewegend.
Christiane Rösinger ist auch jemand, die so viel in Interviews gesagt hat. Wir haben zu Britta-Zeiten ein Interview gemacht, da hat Britta Neander noch gelebt und danach meinte Christiane, sie würde nie wieder ein Interview mit mir vor einem Konzert machen, weil sie so aufgewühlt war. So etwas ist wirklich bewegend. Natürlich passiert auch ganz viel, wenn das Mikro nicht an ist und das erzählt man dann auch nicht, aber das ist ganz wichtig.

Interviewthemen – je nach Gast

Das setzt aber auch voraus, dass Du Zeit hast. Zeit, um vor und nach dem Interview noch zu reden und eine Beziehung aufzubauen und Zeit, um während des Interviews ein Gespräch zu entwickeln.

Ja, unbedingt. Aber leider hat man die Zeit viel zu selten. Gerade das Zusammensitzen vor und nach dem Interview passiert viel zu wenig. Meistens sind die Interviews eben doch im Zusammenhang mit Konzerten, wenn die Künstlerinnen in der Stadt sind. Wenn es zeitlich passt, fahre ich natürlich gerne irgendwo hin, aber das geht nicht immer.

Ich habe das Gefühl, es gibt genau zwei Arten von Künstlerinnen: die einen, mit denen man über die Musik, das neue Album etc. spricht und dann die anderen, die über die Musik hinaus so engagiert sind, dass man mit ihnen nicht über die Musik, sondern eben diese anderen Projekte spricht.

Ja. Bernadette Hengst ist natürlich so eine. Sie hat sich beim letzten Treffen auch wieder beschwert, dass wir wieder nicht über die Geigen gesprochen haben. Aber sie macht auch einfach so viel und die Alben passen immer gerade so zu meinem eigenen Leben, dass ich mit ihr immer eher über den Inhalt rede. Diese Zweiteilung in Inhalt und Musik gibt es also tatsächlich.

Und was ist wichtiger: die Musik oder das Drumherum?

Hmm. Die Person würde ich sagen. Sicher ist der Aufhänger oft das neue Album, darüber wollen die ja auch reden. Aber es ist eben nicht unbedingt erforderlich. Das zeigst Du ja gerade mit Deiner Interviewserie. Tocotronic würde ich zum Beispiel auch gerne interviewen, aber auch nicht zu einem aktuellen Album.

Zu was denn dann?

Zu etwas, das unabhängig vom Album ist auf jeden Fall. Vielleicht darüber, wie die Leute mit der Band umgehen. Die Band ist ja so ein Phänomen, so eine besondere Band, zu der es ganz viele Geschichten gibt. Ich habe zum Beispiel mal ein Konzert von Britta mitorganisiert und da war dann plötzlich Dirk Roadie. Sicher auch, weil Babsie Wagner Tourmanagerin von Tocotronic ist. Das zeigt ja auch, welche Verbindungen es zwischen den Bands gibt. Solche Geschichten sind für ein Interview natürlich spannend.

Es gibt tatsächlich Bands, mit denen kann man über alles reden. Das sind aber auch die schwierigsten Interviews, oder?

Da musst Du Dich fokussieren. Vor allem, weil oft die Zeit vorgegeben ist. Ich schaue dann, was ist schon gefragt und besonders breitgetreten worden, um diese Fragen dann zu vermeiden. Ich hinterfrage das höchstens und spreche darüber, wie die Band zum Beispiel mit einem bestimmten Image oder Hype umgeht. Dann muss man auf jeden Fall nicht die Frage stellen, die schon tausend Mal gestellt wurde.

Und dann sieht man sich dem Vorwurf gegenüber, dass man es nicht gewusst hätte.

Das ist natürlich übel. Aber da habe ich das Glück, dass ich mit einer Interviewsendung im Radio einen Sonderstatus genieße. Erstens gibt es da nicht so viele und zweitens macht sich für eine Radiosendung wahrscheinlich nicht jeder immer die Mühe, Feedback zu geben.
Es stimmt aber, Du musst entscheiden und abwägen, ob Du etwas zum x-ten Mal thematisieren willst. Ein Beispiel ist das Thema Feminismus im Pop. Da gibt es Künstlerinnen wie Peaches oder Planningtorock, die das explizit thematisieren mit denen Du darüber sprechen kannst. Dann gibt es aber auch Bands, für die das keine Rolle spielt und die einfach zufällig Frauen sind. Die willst Du nicht fragen, wie es für sie ist, als Frau auf der Bühne zu stehen.

Manchmal muss es eben Feminismus sein

Nein, so natürlich nicht. Wobei ich es schon manchmal interessant finde, genau solche Künstlerinnen zu fragen und herauszufinden, warum der Feminismus für sie keine Rolle spielt.

Ja. Vielleicht kommen sie erst später dazu. Oder sie wollen eben zuerst über die Musik sprechen. Ich hatte aber auch schon Interviews, nach denen ich dann gehört habe: Ja Du hast ja eigentlich recht.
Prinzipiell frage ich aber auch gerne Männer nach solchen feministischen Aspekten. Hans Nieswandt habe ich zum Beispiel gefragt, wo seine Kinder sind, wenn er abends im Club ist.

Und?

Er hat ganz cool reagiert und gesagt, dass er eine Frau hat, die das managt und dass er da sehr dankbar dafür ist.

Du kannst aber auch nur so fragen, weil Du gewissermaßen Expertin für Feminismus bist, also Dich intensiv damit auseinandergesetzt hast.

Du kannst vor allem weitergehende Fragen stellen. Beim Thema Feminismus ist es dann eben eher die Frage, was macht es mit den Kindern, wenn ich sie in das Musikerinnenleben integriere. Wenn man sich mit einem Thema so intensiv beschäftigt, bekommt man dann natürlich auch mehr Einblick. Bei Bernadette La Hengst weiß ich eben, dass ihre Tochter mit dem Job ganz selbstverständlich umgeht.

Du hast Dir ja nicht umsonst Feminismus als Dein übergeordnetes Thema gewählt, gewissermaßen als Aushängeschild. Ist da das Interview eine besondere Form für Dich? Mit der Du auch besonders etwas bewegen kannst?

Eigentlich sehe ich das Thema Feminismus gar nicht so als Aushängeschild, obwohl ich natürlich klar eine Feministin bin. In meiner Sendung geht es eher um die Person und um die Gespräche. Mir geht es eher darum, Künstlerinnen eine Plattform zu geben und sie auch Sachen zu fragen, die sonst niemand in der Form fragt. Ich finde es wichtig, Frauen unabhängig von den Gender-Themen zu zeigen. Da muss Feminismus eben nicht immer im Mittelpunkt stehen, aber er schwingt immer mit. Damit kann man auch schwer aufhören, wenn man sich einmal damit beschäftigt hat. Auf jeden Fall würde ich mit Männern eher direkt über Feminismus sprechen während ich mit Frauen auch über andere Dinge spreche und es trotzdem feministisch ist.

Das Besondere am Interview – das besondere Interview

Dieses „Zeigen“ der Person kannst Du mit dem Interview ja auch besonders gut machen. Sicher, Du kannst in allem, was Du schreibst, den Fokus auf die Person legen…

… aber beim Interview weiß Du nie, was Dich erwartet und das liebe ich am Interview: Es ist eine Wundertüte. Du bist so abhängig von der Laune und Verfassung des Gegenübers und da können so viele kleine Sachen ausschlaggebend sein: Hunger, müde, Pipi…

Aber dann ist es die Aufgabe der Interviewerin, den Gast in eine Situation zu bringen, in der er gerne redet. Deswegen finde ich es schwierig, vor Konzerten Interviews zu machen. Da muss dann genügend Zeit sein.

Es ist eben schade, wenn es dann aufgrund solcher Umstände nicht klappt. Wenn ich zum Beispiel einen Babysitter für die Zeit des Interviews brauche, dann muss ich der Band sagen, dass ich ungefähr wissen muss, wann sie hat Zeit haben. Und trotzdem… wenn die Situation vor Ort an dem Tag doch anders ist, dann scheißt jeder auf Deinen Babysitter. Das ist leider so.
Das Interview mit Austra war da eine tolle Ausnahme: Das ist ja eigentlich auch so eine Band, mit der alle ein Interview machen wollen und entsprechend sitzt und wartest Du da eben erst einmal. Aber dann hat sich vor allem die Drummerin, Maya [Postepski], so gerne und auch lange mit mir unterhalten… Obwohl die vorher schon drei Interviews gegeben haben.

Das liegt aber auch an Deinen Fragen und der Vorbereitung…

Das ist eben eine selbsterfüllende Prophezeiung. Die Bands kommen ins Interview und denken: Ach das sind ohnehin nur wieder dieselben Fragen wie immer…

…und BÄHM – dann kommst Du mit Deinem Interview. Die intensive Vorbereitung und das Nachdenken über die Fragen scheinen sich ja auszuzahlen, wie man bei Austra gesehen hat. Wie bereitest Du denn so ein Interview vor?

(überlegt) Hm, also eigentlich habe immer ausformulierte Fragen – auch bei deutschen Interviews. Und vor allem, wenn ich mit Songzitaten arbeite, schreibe ich die auf. Bei Interviews auf Englisch bereite ich die Sprache noch ein bisschen akribischer vor. Manchmal lasse ich noch jemanden über die Fragen drüber schauen, damit das grammatikalisch gut ist.
In jedem Fall höre ich aber vorher ganz viel die Musik, ich lebe vorher mit der Musik. Oder lese Sachen über die Person. Dabei mache ich mir dann Notizen für die Fragen und bringe das noch in die richtige Reihenfolge.
Die Interviewgäste begleiten mich also eine ganze Weile. Wenn das mal wirklich nicht der Fall ist und ich nur ein Lied vom Album kenne, dann mache ich das in der Sendung transparent.
Es kann ja auch vorkommen, dass ich mich noch einmal mit einem Album befasse, obwohl es schon ein Jahr alt ist. Wenn ich das zu der Zeit so gut und wichtig finde, mache ich dann immer noch ein Interview dazu. Es eben ein Herzensding. Das will ich richtig machen.

Dadurch lernst Du die Bands auch tatsächlich kennen, oder?

Es entwickeln sich schon Bekanntschaften und auch Freundschaften. Das stimmt schon und das ist auch sehr schön. Bei Knarf Rellöm hat das sogar funktioniert, obwohl ich beim Interview eine komische Bemerkung über seine Mütze gemacht habe.

Was denn für eine Bemerkung?

Das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht mehr. Aber er hat es sich gemerkt und das war beim nächsten Treffen lustig. So etwas ist einfach ein schöner Anknüpfungspunkt.

Und er hat sich an das Interview erinnert, was ja ein tolles Kompliment ist. Außerdem baust Du Dir durch die Interviews ein Netzwerk auf. Wie wichtig ist das denn?

Enorm wichtig. Mein zweiter Name ist ja Netzwerk. Ich kenne zwar durch die Interviews viele Bands, das Netzwerk habe ich trotzdem eher im Radiokontext. Und da ist es extrem wichtig, weil es einfach nicht so viele Radiomacherinnen gibt.
Als ich angefangen habe, habe ich über die Arbeit Tine Plesch kennen gelernt und mich sofort mit ihr ausgetauscht. Sie hatte auch einen Brotjob, weil sie im Radio ihre Sachen unabhängig machen wollte. Junge Radiomacherinnen kennen sie ja leider gar nicht mehr. Aber Tine war eine großartige Netzwerkerin.
Heute laufen ja viele Verbindungen über soziale Netzwerke. Letztendlich sind aber auch das Empfehlungen. Ein Vorteil ist allerdings, dass Du ein Feedback bekommst über die Likes und Kommentare…

… was sonst beim Radio eher nicht der Fall ist …

… genau. Da hat Linus Volkmann auch mal gesagt, dass er bewundert, dass ich so viel arbeite und gar nicht weiß, wie viele Leute überhaupt zuhören. Ich könnte die Interviews ja auch abtippen und in einem Magazin veröffentlichen. Da hätte man dann eine Auflage und ein fertiges, gedrucktes Produkt.

Warum machst Du das nicht?

Weil mir die Zeit fehlt. Das Transkribieren dauert so lange. Außerdem interessiert mich das gar nicht so. Ich finde das Reden interessanter.

Das Argument mit der Zeit kann ich auf jeden Fall nachvollziehen. Aber das Aufarbeiten des Interviews während des Transkribierens finde ich auch immer dankbar.

Natürlich. Das Interview ist ja ein Austausch…

… den wir auch haben könnten, wenn wir einfach etwas trinken gehen. Aber dann wäre das Gespräch verloren.

Und beim Interview bist Du konzentrierter. Das schätze ich auch am Interview: Es ist eine Quality-Time, in der sich der Gast mit Deinen Fragen beschäftigt.

Das Interview im Fernsehen – über TV Personalities

… wofür in Fernseh-Talkshows ja fast nie genug Zeit ist.

Das stimmt. Da gibt es kaum wirklich gute Formate. Meistens fehlt auch der Mut, einfach mal nur eine Stunde zu reden. Ich schau mir das ja manchmal aus beruflichem Interesse an. Häufig läuft das so nach einem vorgegeben Plan, dass alle Gäste eine bestimmte Redezeit bekommen müssen. Das ist dann langweilig. Aber Bettina Böttinger mag ich ganz gerne. Die kann auch mal kritisch nachfragen, ohne dass es respektlos wirkt. Vor kurzem habe ich eine Folge von B. trifft gesehen, da waren Marianne und Michael da. Irgendwie bin ich da hängen geblieben. Bettina Böttinger hat dann eine Frage dazu gestellt, warum die als Volksmusik-Promipaar nun nach Jahren kirchlich heiraten und was sie von der katholischen Kirche halten. Da ist vor allem er so ins Schwimmen geraten und hat Chauvi-Sätze gesagt… das hat so tief blicken lassen. Und Bettina Böttinger hat das mit einer Frage geschafft.
Anke Engelke ist auch gut…

Bei Anke hat Zeit war mal Cosima von Bonin. Das war toll, denn obwohl sie in den Ausstellungen mit ihren Werken so als Überkünstlerin und extrovertiert rüberkommt, wirkte sie bei Anke Engelke eher zurückhaltend und …naja… menschlich. Dass Anke Engelke in der Stunde doch einiges aus den Gästen herausbekommt, liegt aber auch daran, dass sie Interesse an ihnen hat. Das bestätigt auch Deinen Grundsatz, Gäste zu interviewen, mit denen Du ach etwas anfangen kannst. Ich hoffe, es hat Dir Spaß gemacht, mal auf der anderen Seite des Mikros zu sitzen. Ich danke Dir, dass  Du Dir die Zeit genommen hast. Und der Sekt ist immerhin fast alle.


Mrs. Pepstein online:

Die Bands und Künstlerinnen im Interview

 

 

 

Zeitzeugen-Gespräche

4 Schwestern

Es sind die einzelnen, akzentfreien deutschen Wörter, die Ruth Elias zwischen ihr akzentgefärbtes Englisch schiebt: Selbsterhaltung, Leichenhalle, fröhlich…

Sie lassen einen beim Zuhören zusammenzucken. Denn sie offenbaren mindestens genauso viel wie die Erzählung selbst.

Die Erzählung von nackten Füßen bei Minusgraden. Vom heißen Wasser, das mit dem Euphenismus Suppe bedacht wurde. Das Baby, die Spritze… Ruth Elias ist eine der vier Holocaust-Überlebenden, die Claude Lanzmann zusammen mit Emil Weiss für seine Dokumentationen interviewt hat. Interviewt? Naja, denen er zugehört hat. Denn das trifft es eher. Er fragt kaum. Spricht kaum. Lässt sprechen. Und das ist das einzig Richtige. 

Natürlich ist es leicht, bei einem Thema wie dem Holocaust zu berühren, aber so unangreiflich wie in der Gesprächsreihe “4 Schwestern” lässt sich darüber nicht in der dritten Person berichten, nur in der ersten. Bei Claude Lanzmann sind die Tränen, die in den Augen blitzen und das Zittern der Lippen indirekt, bei Ruth Elias ist es unmittelbar. 

So ist hier nicht die Frage, ob das ein Interview ist oder nicht. “4 Schwestern” zeigt die größte Stärke des Interviews: die Kraft des direkten Gesprächs. Und in diesem Fall ist es das wohl stärkste Argument gegen Unwörter wie Schuld-Kult.

Die Gespräche wurden im Rahmen des Drehs für Claude Lanzmanns Dokumentation “Shoah” geführt und sind jetzt, anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocausts auf Arte.tv zu sehen.


 

 

 

Interview über Interviews mit: Tim Neuhaus

>Tim Neuhaus<

„Es ist bestimmt für den Leser schön zu sehen, dass der Fragesteller sich mit der Band beschäftigt hat.“

Tim Neuhaus ist Schlagzeuger. Über manche Projekte – Clueso –  redet er mit Respekt, über andere – die Blue Man Group – gar nicht mehr gerne und über eines – seine Band The Cabinet –besonders leidenschaftlich. Die ersten beiden Projekte musste er aber erst durchziehen, bevor er das dritte als Herzenssache umsetzte. Er hat dafür sogar die Drumsticks an Florian Holoubek abgegeben und spielt bei Tim Neuhaus and the Cabinet Gitarre.
Schlagzeuger bleibt er als Tourmusiker für verschiedene Bands wie eben Clueso, Marcus Wiebusch oder The Hundreds.


 

Interview am 14.04.2014, Leipzig Täubchenthal

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Bauchgefühl ist definitiv entscheidend

Dingoes Ate My Baby

Dingoes Ate My Baby sind eine Band, die mehr macht als Musik. Sie sind so etwas wie ein Gesamtkunstwerk – voller popkultureller Referenzen, allen voran natürlich „Buffy – im Bann der Dämonen“, für die Live-Shows komponiert das Leipziger Quartett auch Lichtshow und -installationen. Diesen Freitag, am 5. Januar, zeigen sie das im Horns Erben. Das möchte ich zum Anlass nehmen, um Euch die Band im Interview vorzustellen:
Was ist Euch lieber als Referenz: Der Bandname stammt aus „A Cry In The Dark“ oder aus der Seinfeld-Folge „The Stranded“? Wer passt besser zu Euch Meryl Streep oder Elaine Benes, und warum?

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Interview über Interviews mit: Jens Friebe

>Jens Friebe<

Jens Friebe ist Musikjournalist, Texter und Musiker. Spätestens seit 2004 und seinem Debüt Vorher Nachher Bilder taucht er immer wieder in verschiedenen Pop-Türchen auf. Er freundet sich mit Alfred Hilsberg an, schreibt für die intro und die Spex. Er landet letztendlich in Berlin und bei Staatsakt. 
Über diesen Weg sammelt er weitere Freundschaften mit Christiane Rösinger, Kerstin und Sandra Grether, Linus Volkmann. Aus denen ergeben sich verschiedene Projekte und Kollaborationen. Unter anderem als Keyboarder bei Maximilian Hecker oder eine Tour für das Goetheinstitut.

Interview am 25.11.2014, Berlin Südblock

Zeichnung Jens Friebe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist ja ein Interview über Interviews. Und Du führst ja auch öfters Interviews. Auf welcher Seite des Mikros gefällt es Dir denn besser – auf der jetzt oder auf der des Interviewers?

Ich habe eigentlich beides immer relativ ungern gemacht, und bin auch allgemein nie ein großer Fan von Interviews gewesen. Vor Allem, da es fast unmöglich ist, so etwas wie eine natürliche Gesprächssituation herzustellen, da immer ein hierarchisches Gefälle besteht: es geht nur um einen der beiden Gesprächspartner. Der eine ist also interessant und der andere nicht.
Gleichzeitig hat der Interviewer eine Machtposition, weil er relativ anonym bleibt und entscheidet, welche Fragen er stellt.  Als Interviewter sitzt man zwar irgendwie am längeren Hebel, da man ja nicht jede blöde Frage beantworten muss, trotzdem sind die Reaktionsmöglichkeiten begrenzt: entweder man wirkt unfreundlich, wenn man bestimme Antworten verweigert, oder man gibt eine blöde Antwort.

Ich glaube aber schon, dass Du es als Interviewter in der Hand hast, das Thema mit zu bestimmen. Gerade bei sehr oberflächlich gestellten Fragen…

Es gibt natürlich ganz professionelle Strategien, wie etwa die von Blixa Bargeld, der mal sagte, er schert sich in Interviews gar nicht um die Fragen, sondern hat immer seine 10 feststehenden Antworten. Das fände ich aber dann auch wieder schade. Dazu habe ich doch ein zu idealistisches Bild von einem guten Interview. Ich will mich ja trotz allem offen halten für Sachen, über die ich vorher noch nicht unbedingt nachgedacht habe. Was ich allerdings gar nicht kann, sind so Fantasy-Schlagfertigkeitsfragen wie: „Was sind so drei Dinge, die Du auf eine einsame Insel mitnehmen würdest?“, „Wen würdest Du gerne mal kennen lernen?“, „Was ist das Peinlichste, was dir je passiert ist?“

Das sind ja eher Fragenkataloge.

Genau. Und das ist bei mir wirklich eine spezielle Unverträglichkeit. Es ist nicht nur, dass ich keine Lust habe, darauf zu antworten. Es ist eher wie ein physisches Symptom, eine Gehirnlähmung. Ich kann dann einfach beim besten willen nichts sagen.

Was würde das denn aber auch über Dich sagen, wenn Du antworten würdest: Queen Victoria oder so?

Ich weiß nicht. Aber ich will nicht ausschließen, dass es interviewtalentierte Künstler gibt, die bei solchen Fragen zu Höchstformen auflaufen und total originelle Sachen sagen. Ich gehör nur leider nicht dazu.

Und was hältst du von Moritz von Uslars Fragenkatalogen? Seine „100 Fragen“?

Naja, dessen Fragen waren ja immerhin auf de jeweiligen Befragten abgestimmt, nicht standardisiert. Allerdings immer mit dem Willen, zu provozieren und das Gegenüber aus der Fassung zu bringen. Das hat mir nur Spaß gemacht zu lesen bei arroganten Stars oder Politprofis. Bei Leuten, die ich mochte und von denen ich wirklich was wissen wollte, war mir das immer zu grob.
Für mich ist das Ideal eher jemand wie Alexander Kluge. Dem wird ja oft vorgeworfen, dass er zu viel über sich erzählt. Aber von mir kriegt man am meisten heraus, wenn man auch etwas über sich preis gibt. Wenn man sich Gedanken gemacht hat und keine konstruierten Fragen stellt. Mitunter haben die Interviewer so eine Haltung: Es geht ja jetzt nicht um mich sondern um den Interviewpartner. Das ist eine Bescheidenheit, die mich eher verunsichert.
Da ich selber Journalist bin, kommt natürlich auch oft die Frage: „Was würdest Du Dich denn fragen?“ Das ist aber eine Selbstanwendung, die natürlich auch nicht funktioniert.

Das wirkt, als hätte sich der Journalist nicht vorbereitet und das ist ja auch respektlos.

Ja.

Fandest Du es gut, wie Charlotte Roche das gemacht hat? Die hatte glaube ich immer so einen Ansatz…

Ja. Ich fand Charlotte Roche immer ganz gut. Da gibt es einige gute Interviews. Ich bin aber nie von ihr interviewt worden. Ich fand immer, dass sie wirklich sehr gut  war mit Superstars. Da hatte sie so eine Frechheit, die aber auch nicht so bohrend war, eine gute Art von Respektlosigkeit. Nicht Arschkriecher-freundlich, sondern freundlich.
Bei deutschen Acts wie z.B. der Hamburger Schule fand ich eher, dass es nicht so funktioniert hat. Vielleicht hatte sie vor denen paradoxerweise mehr Ehrfurcht. Oder sie war umgekehrt zu nah dran.

Kennst du das Problem auch, wenn du deutsche Musiker interviewst, dass es da eine Befangenheit gibt?

Nein, eher im Gegenteil, für mich ist es ganz angenehm, wenn die Sprachbarriere wegfällt. .  Zwei der entspanntesten Interviews, die ich je geführt habe, waren mit Andreas Dorau und Sven Regener. Das sind Leute, die reden einfach drauf los und erklären ihre Sachen, mit so einer demystifizierenden Punkhaltung. Das ist wirklich sehr erfrischend und ungewöhnlich.  Es ist wirklich erstaunlich, mit wie wenigen Bands man zum Beispiel über ihre Texte sprechen kann. Meist heißt es : „Da soll sich jeder selbst was bei denken, wir wollen da gar nicht zu viel vorgeben“, oder sogar: „Wir wissen selbst nicht, was die Lieder bedeuten“. Ich dagegen rede gerne über den Sinn meiner Lieder, werde aber selten danach gefragt.

Einen allgemeingültigen Rat kannst Du aber auch nicht geben, ob man die Bands nach ihren Liedern fragen sollte oder eben nicht?

Nee.

Dann musst Du das richtige Gespür mitbringen, ob sie das jetzt wollen oder nicht. Immerhin wollen sie ja ein Interview geben.

Ja. Das stimmt. Ich habe aber immer das Problem, dass ich nicht weiß, worüber ich mit den Bands reden soll, wenn sie eben nicht über ihre Songs reden wollen. Das ist fair enough , aber mich interessieren meistens diese Geschichten nicht, warum man mit welchem Produzenten aufgenommen hat. Und ich habe auch keine Lust, so Privatfragen zu stellen: Wie seid Ihr denn so drauf?

Es ist halt keine private Situation.

Das stimmt, aber es gibt ja durchaus Journalisten, die eher an einer Art „Homestory“ interessiert sind, über die Lebensumstände und Freizeitgestaltung. Mein Interesse bei einem Interwiew mit einer Band ist aber eben gemeinsam über ihre Musik zu sprechen.
Da fehlt mir dann vielleicht  die richtige Technik, wenn sie nicht darüber sprechen wollen.

Glaube ich nicht. Ich glaube, es ist schon auch eine Frage der Band, worüber man sprechen kann. Es gibt ja einige, die sich explizit zu musikfremden, zu politischen Themen äußern – Churches, Morrissey….

Aber Morrissey ist für mich wiklich das Paradebeispiel für einen unerträglichen Inteviewpartner. Ich habe ein interview von Russel Brand mit ihm gesehen. Russel Brand war wirklich süß und sehr bemüht. Aber er konnte es Morrissey einfach nicht recht machen. Als Brand in einer Frage sagte „you are a vegetarian“, sagte er: „I am not a vegetarian. I just don’t eat meat“. Und als eine Frage losging mit: „When you perform live“, kam gleich: „I don’t perform.“ – „So, what do you do?“ – „I appear life“.

Aber ehrlich. Ist so etwas gerechtfertigt? Ist das sinnvoll?

Also ich finde solche Allüren schrecklich. Als Journalist, weiß ich, wie nervig es ist, wenn alle Zuschreibungen abgewiesen werden: Das will man nicht gewesen sein, und das auch nicht – Am besten schreibst Du gar nichts!

Dann sollten sie vielleicht kein Interview geben?

Das finde ich auch.

Ich frage mich bei Morrissey dann immer, ob das eine Kunstfigur ist. Bei Kinski ja definitiv…

Bei Kinski war das keine Kunstfigur. Das war schon authentisch, glaube ich. Daran, dass er im echten Leben ein wahnsinniger Choleriker war, besteht kein Zweifel. In Interviews kam vielleicht hinzu, dass ihm nicht richtig was so Schlaues eingefallen ist, wie er es gern gehabt hätte, und das hat er dann über Aggressionen gelöst. Das war aber schon ziemlich glaubwürdig sein Wesen. Der stand unter Strom. Das war auch die Hauptattraktion an ihm.

Wenn Du das aber als Kunstfigur durchziehst, wäre das schon ok. Es wäre sicher eine Sonderform des Interviews, aber interessant.

Ja aber zu welchem Zweck konstruiert man eine Kunstfigur? Wenn man so etwas macht, kreiert man sich doch etwas, das man hinterher gerne sieht und mag, oder?
Ich glaube, die Leute haben einfach schon so viel Mist über sich gelesen, das ich diesen Verweigerungsimpuls irgendwie auch verstehen kann. Jede Fremdbeschreibung, die man zulässt, birgt ja die Gefahr, dass das als Attribut an dir hängenbleibt.
Bei mir ist es der “Pop-Dandy“. Neulich wollte ich mal Zitate raussuchen für meine neue Promo und ich habe fast nichts gefunden ohne „Pop-Dandy“. Das wollte ich denen dann natürlich nicht wieder zu fressen geben.

Pressetexte sind ohnehin noch eine ganz eigene Sache…
Da hast Du ja die Chance, selbst zu bestimmen, worüber geschrieben wird, weil Du zu 99 Prozent sagen kannst, dass da Sachen übernommen werden.

Das ist aber auch ein Problem, dass das dann alle abschreiben. Denn auch wenn du bestimmen kannst, was überall steht: Alles nervt, wenn es überall steht. Ich nehme noch mal das Beispiel mit dem Popdandy. Wenn das ein mal in einem Text steht, finde ich das ja gar nicht schlimm. Aber wenn es dann zu so einem festen Beinamen wird, nervt es. Und wenn man im Interview dann gefragt wird: „Bist du wirklich der Pop-Dandy?“ Was soll man dazu sagen.

Und genau da würde ich mir wünschen, dass Du aufstehst und sagst: Ich habe darauf keinen Bock. Ich geh. Bist du – und viele andere Bands auch – zu geduldig, aus Angst, als arrogant dargestellt zu werden?

Ja, vielleicht gibt es diese Angst. Vielleicht verstehe ich aber auch die andere Seite zu gut. Es gibt halt einen ewigen Interessenkonflikt. Die Journalisten wollen die Künstler auf eine griffige Formel festnageln, die Künstler wollen sich nicht festnageln lassen. Bei manchen Musikern hat mich das auch schon genervt, diese Art sich jeder konkreten Aussage zu entziehen, vor allem dann, wenn sie in Texten mit politischen Statements kokettieren, und, danach befragt, es dann aber nicht gewesen sein wollen. Nach dem Motto, alles nicht so ernst gemeint, soll sich jeder selbst was dazu denken. Die Relevanz hat man sich aber vorher trotzdem übers Politische abgeholt.
Ein anderer Grund nicht bei jeder blöden Frage abzuhauen, ist aber auch, dass man von der Gesprächssituation im Interview nicht darauf schließen kann, wie das verwertet wird. Ich habe schon Gespräche gehabt, wo ich dachte: Oh Mann, der Typ will mich fertig machen, und dann war der Text erstaunlich ok. Und ich hatte hervorragende Gespräche, die sich dann nachher verschriftlicht ganz grauenvoll lasen.

Aber dann kannst Du ja autorisieren.

Das mache ich dann auch manchmal. Aber es ist auch wahnsinnig viel Arbeit, alles umzuschreiben, und es wird nicht immer akzeptiert.

Nun ist die Autorisierung gerade ein aktuelles Thema und die Frage, wer die Rechte an den Aufnahmen hat, wird mit Helmut Kohl verhandelt. Hattest Du selbst schon mal Probleme?

Nein. Nicht mit O-Tönen. Eher mit der Gesamtdarstellung im Interview. Bei der ersten Platte gab es eine Homestory und dem Interviewer sind einfach keine Fragen eingefallen. Er wusste einfach nicht, was er mich fragen sollte. Ich habe noch versucht, ihm zu helfen. Er war untröstlich und hat sich für das schlechte Interview entschuldigt. Der Text würde dann aber auf jeden Fall gut werden, meinte er noch. In seinem Text beschrieb er dann auf einmal mich als einen so normalen, durchschnittlichen Typen mit dem eben kein Gespräch zustande gekommen sei, weil ich eben so langweilig wäre.

Ich finde es sowieso komisch „sich Fragen einfallen zu lassen”. Man geht doch zu einem Interview, weil man Fragen hat.

Ja. Das gab es einmal in Würzburg. Da kam der Interviewer zu mir und sagte: „Komm, erzähl mal“. Aber so funktioniert das nicht. Man muss mich schon etwas fragen.

Das war aber nicht Radio, oder? Da hat man ja meistens nur ein paar Sekunden Zeit und es ist klar, dass Du ein bestimmtes Statement abgeben…

Nein, das war nicht Radio. Und der Typ hat gesagt: „Ja aber Roman Fischer hat das gemacht und einfach etwas erzählt“. Und ich: „Ja, aber Roman Fischer ist auch noch jung und denkt, er müsste jeden Scheiß mitmachen und wird dann berühmt“. Ich weiß, dass man nicht berühmt wird, nur weil man jeden Scheiß mitmacht.
Aber ja: Radio ist noch einmal etwas Anderes. Und Fernsehen ist noch die Verschärfung davon. Da wird das Interview geführt, aber die Fragen sind nicht zu hören sondern nur die Antworten. So aus dem Zusammenhang gerissen wissen die Zuschauenden dann eben nicht, dass Du unter Umständen auf eine doofe Frage geantwortet hast.

Es geht auch weg von dem Gesprächscharakter, den ein Interview haben soll. So hast Du Frage hier, Antwort dort, Frage… wie bei einem Ping-Pong-Spiel. Bei einem normalen Gespräch ist das ja nie so. Es gab aber mal das Interviewkonzept “Vorsicht Ü-Wagen”. Da sind die Interviewer hingegangen und haben sich bewusst nicht vorbereitet, um die Zuschauer genau da abzuholen.

Naja, Das ist dann halt wie wenn man jemanden trifft, den man gar nicht kennt. Für ein Publikum, das einen gar nicht kennt. Halt für Einsteiger.

Da erschöpft sich aber bestimmt der Gesprächsstoff ziemlich schnell.

Tja, das geht bestimmt am besten, wenn man gerade seine erste Platte herausgebracht hat. Das ist dann ein wenig wie beim Familientreffen, wenn Du erzählen musst, was Du machst.

Für so Konzept kann man das natürlich machen, um den Künstler vorzustellen. Genauso könnte man das aber in einen Info-Text packen. Sinnvoller ist es sicher, ein Thema zu haben, bei dem man noch mehr erfährt. Aber da frage ich mich, was ein Interview leisten kann. Soll es eine Person portraitieren? Soll es die Position einer Person darstellen? Soll es das Werk einer Person darstellen?

Meiner Meinung nach sind Interviews nur dann wirklich interessant wenn Künstler neu sind,  oder wenn sie extrem agitatorisch sind und ein klares Thematisches Anliegen haben oder eine wilde Geschichte. Das alles sind keine Grundvoraussetzungen für einen guten Künstler. Nur wenn eine gute Band zum Beispiel ihr fünftes Album machen und ich dann wieder diese Interviews lese mit Fragen wie „Was habt ihr dieses mal anders gemacht?“, dann denke ich mir, das ist doch eigentlich nur Faulheit, dass in Interviewform zu machen. Ist ja auch wahnsinnig bequem. Ich habe Fragen und Antworten, und die schreibe ich dann auf bis das Blatt voll ist. Man brauch sich nicht um die Struktur zu kümmern und man muss sich überhaupt keine eigenen Gedanken machen zur Musik. Grade das wäre aber eventuell das Interessante. Die Leute weinen ja immer der guten alten Zeit des Qualitätsmusikjournalismus hinterher, sprich: Spex, Diederichsen. Aber Diedrich Diederichsen hat nie Interviews gemacht.

Ist jetzt aber auch nicht der typische Musikjournalist, jedenfalls heute. Da ist er eher Forscher.

Ja, aber früher eben schon. Und die besten Texte in der Spex waren eben meiner Meinung nach eben keine Interviews.

Aber das meinte ich auch mit der Frage, ob es sich Bands leisten können, im Interview angefressen zu sein oder ob sie das Interview geben, obwohl sie keine Lust haben, weil es eben Promo ist.

Die Verschärfung der Krise in der Musikindustrie hat schon zu einer größeren Unterwerfungsbereitschaft geführt. Und es ist der ganze Achtziger-Jahre-Verve der Unverschämtheit und Anti-Haltung vollständig in HipHop aufgegangen und überall anders verschwunden.
Das sieht man daran, dass selbst ich als schwieriger Interviewpartner gelte.

Vielleicht, weil Du die Fragen ernst nimmst und das Ping-Pong-Spiel nicht mitmachen würdest. Es ist ja auch Quatsch zu sagen: Du bist ein schwieriger Interviewpartner. Es ist doch verdammt noch mal die Aufgabe des Interviewers, gute Fragen zu stellen.

Naja, es gibt schon wirklich schwierige Interviewpartner, wo man dann wirklich nichts machen kann.  Wir hatten ja schon Kinski und Morrissey, John Cale ist ja auch berühmt dafür. Aber es ist sicher auch immer eine Frage der Tagesform. Man gibt Interviews ja meistens schon nicht zu den Tageszeiten, zu denen man sonst mit Leuten spricht.  Man redet ja meistens eher abends besoffen offenherzig mit Fremden, und nicht mittags.

Aber das kann man ja planen.

Ja. man könnte natürlich sagen: Ich treffe mich ausschließlich abends…
Was aber, von praktischen Problemen mal abgesehen, widerum dagegen spricht : Wenn das Gespräch so eine ganz große Lockerheit erreicht , hat man am Ende zwar vielleicht ein super Gespräch geführt, aber wahnsinnig wenige zitierfähige Sätze. Es geht dann womöglich ganz von der Person weg auf entlegene Themen, die dann total kleinteilig besprochen werden. Vielleicht also doch nicht die Kneipe.  Ich würde aber trotzdem als Interviewer immer versuchen, eine natürliche Gesprächssituation herzustellen, bei der man vergisst, dass man ein Interview führt.

Und dann kommt es auch darauf an, was man erreichen will. Für eine Interviewserie oder einen ganzen Interviewband kann das ja ok sein. Es gibt ja auch einige Serien mit Politikern….

Interviews mit Politikern sind noch einmal eine ganz andere Sache.

Ach, das ist interessant. Wieso?

Naja. Weil Politiker im Auftrag des Volkes Entscheidungen treffen. Weil jedes Interview Teil davon ist, sich seine Legitimation als Volksvertreter zu holen. Deswegen sind unangenehme, kritische Fragen bei Politikern durchaus berechtigt, weil mit ihrem Beruf einher geht, sich pausenlos vor der Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen. Das Volk hat sozusagen das Recht, Rapport zu fordern. Und bei Musikern ist das anders. Jemand, der sich nicht für mich interessieren will, der muss sich nicht für mich interessieren. Ich muss es nicht jedem recht machen. Ein Politiker ja tendenziell schon. Es gibt also  keinen Grund, mir bohrende Fragen zu stellen.

Ich scheue mich aber davor zu sagen, dass man von Musikern keine Rechenschaft einfordern kann, ihnen keine kritischen Fragen stellen sollte. Bei bestimmten Themen ist das doch sicher möglich. Bei der Frage, ob sie ein Vorbild sind zum Beispiel… Ob sie sich an irgendeiner Stelle verkaufen. Oder ob sie zu einem Thema eine bestimmte Haltung haben.

Ja, schon. Ich weiß, was Du meinst. Und wenn einen wirklich etwas stört an irgendwelchen speziellen Aussagen oder einer Ästhetik, kann man auch kritische Fragen stellen. Aber es gibt Interviewer, die Künstler grundsätzlich so interviewen wie Politiker, mit dieser latent aggressiven schnippischen Grundhaltung, um einen aus der Reserve zu locken. Das finde ich falsch.
Künstlerische Entscheidungen sind einfach auch ein viel abstrakterer und feinerer Stoff, als politische Entscheidungen. Es ist überhaupt schwer darüber zu sprechen. Kunst ist eben eine eigene Sprache, und nicht alles ist übersetzbar.

Aber ist es nicht dennoch möglich, Fragen zu stellen? Was ist das für ein Werk? Wie setzt es sich zusammen? Und warum? Bezieht es sich auf andere Werke?…

Solche ästhetischen Fragen bleiben aber meistens stehen bei: „Wie schreibst Du überhaupt Songs“, „Was fällt Dir als erstes ein, der Text oder die Melodie“? Das ist natürlich die allergröbste Oberfläche des Prozesses. Interviews über Einzelheiten künstlerischer Entscheidungen in einzelnen Songs fände ich natürlich interessant. Aber erstens ist das natürlich nerdig und zweitens können viele Interviewer das gar nicht leisten.

Weil sie keine Musiker sind?

Ja, Wahrscheinlich. Vielleicht könnten auch  sich reindenken, aber auf dem Niveau habe ich das selten erlebt, dass Leute versucht haben, mit mir zu sprechen. Und wenn sie’s gemacht haben, ist es meist nicht im Interview gelandet. Vielleicht glauben sie, es wird dann zu speziell. Und sie haben vermutlich Recht. Ich habe mal für die Intro eine Kolumne geschrieben, in der ich Songs so hermeneutisch analysiert habe, auch die Harmonien und so weiter. Da bin ich aber schnell wieder von abgerückt, weil ich gesehen habe, dass das einfach nicht mehr allgemein verständlich ist.

Das geht ja schon fast in so eine Haltung: Es gibt die BILD, weil das das ist, was die Leute lesen wollen.

Naja, nicht so ganz. Man kann auch von einem Leser, der kein denkfauler Depp ist, nicht verlangen, das er irgendwas damit anfangen kann, wenn ich schreibe: E moduliert von D zu D Moll. Das müsste dann idealerweise gleichzeitig vorgeführt bzw. vorgespielt werden.

Hast Du denn einen Vorteil als Musikjournalist dadurch, dass Du Musiker bist?

Naja, nur solange ich den Anspruch habe, es als solcher zu schreiben, was dann aber eben leicht unlesbar wird. Für das, was Leute normalerweise an Musikjournalismus lesen wollen, ist es also kein besonderer Vorteil.

Du kannst es aber eher durchschauen und das ist ja auch wichtig für Journalismus… Hast Du eigentlich auch Musikjournalismus studiert? An einer Stelle habe ich das mal gelesen.

Nein, Musikwissenschaft. Gibt’s Musikjournalismus überhaupt als Studienfach? Ich bin aber auch generell dagegen, Journalismus zu studieren.

Also in Paderborn gibt’s Musikjournalismus. Wieso bist Du denn dagegen?

Ich glaube, die Leute sollten das studieren, was sie thematisch interessiert. Darüber schreibt man dann auch gut. Und ich finde nichts erfrischender als einen guten Text in einer Zeitung, der eben nicht den typischen Journalisten-Stil hat. Jemanden beizubringen so zu schreiben, wie es sich z.B. in der Zeit anhören muss, finde ich unsinnig.

Nachdenken kann man einem halt nicht beibringen.
Was mir immer wieder auffällt ist, dass sich bestimmte Antworten verselbstständigen, wenn Du sie mehrmals gibst. Hast Du auch das Gefühl, dass sie dann sozusagen wahr werden und Deine eigene Wahrnehmung beeinflussen.

Naja, das ist eine gewisse Bequemlichkeit. Wenn man zweimal etwas geantwortet hat und man war damit so zufrieden, gibt einem das eine Sicherheit. Beim ersten Interview ist man erst einmal etwas aufgeregt: Was für Fragen kommen wohl? Fällt mir dazu etwas ein? Es gibt Fragen wie: „Was hast Du Dir bei dem Cover gedacht“? Da denkt man beim ersten Mal drüber nach und vielleicht beim zweiten Mal wieder. Aber irgendwann hast Du dann Deine Antwort. Die ist bewährt und dann musst Du Dich nicht mehr anstrengen.
Es gibt aber natürlich noch eine andere Art der Verselbstständigung, die sehr tückisch ist… Bei Karl Lagerfeld zum Beispiel, dem werden oft Fragen gestellt, die auf Antworten basieren, die er schon einmal gegeben hat und er antwortet dann noch einmal dasselbe, was aber ohnehin schon in der Frage gesagt wurde…

Also zum Beispiel: „Stimmt es, dass Du das und das magst“?

Ja genau. Da bleibt dann so ein ganz kleiner Pool an Fragen, die ihm gestellt werden.

Dabei hat er selbst gute Interviews geführt.

Echt, wo denn?

Zum Beispiel für Andy Warhol’s Interview. Da hat er mit ein paar Models gesprochen…
Aber was mir bei Dir immer wieder aufgefallen ist: da kam oft die Frage, welche Bands Dich beeinflusst haben und die Antwort war immer Die Goldenen Zitronen, Die Ärzte und Foyer des Arts. Ich könnte mir vorstellen, dass sich das ein wenig verselbstständigt hat.

Ja, das ist ein typisches Beispiel. Da wurde ich irgendwann mal explizit nach deutschen Bands gefragt, die mich beeinflusst haben, als ich angefangen habe, Songs zu schreiben. Als ich angefangen habe Songs zu schreiben, da war ich übrigens vierzehn. Und die Antwort auf diese sehr spezielle Frage stand dann auf Wikipedia, und jetzt steht eben für alle Zeiten fest, dass mein größter Einfluss die Ärzte sind.

Hast Du als Künstler eigentlich eine besondere Empathie oder Beobachtungsgabe, die Dir beim Interviewen hilft. Du hast in einem Interview mal eine schöne Geschichte erzählt, bei der ich das gedacht habe: Du hast Waltz With Bashir im Kino gesehen und Plätze für Freunde frei gehalten, die aber nicht gekommen sind. Hinterher hat Dich deshalb dann eine Frau angeraunzt. Du hast erzählt, dass Dein Gedanke dabei war, wie diese Frau den ganzen Film darüber nachgedacht hat, was sie Dir sagt. Und das bei einem Film wie Waltz With Bashir.
Das fand ich eine schöne Beobachtung, die ich auch nicht jedem zutrauen würde.

Ich glaube, Einfühlungsvermögen ist keinesfalls ein Privileg von Künstlern. Es gibt sogar die Gefahrbei Künstlern, dass sie ihre ganze Empathie in ihrer Kunst abreagieren, und im Alltag gefühlskalte Arschlöcher sind.

Aber für ein Interview ist es doch auch wichtig, sich in die Gesprächspartner hineinversetzen zu können und vielleicht auch zu antizipieren, was die als nächstes sagen werden….

In der Hinsicht war ich wahrscheinlich nie der beste Interviewer. Manchmal war ich regelrecht erstaunt, wie wenig exklusiv das war, was ich rausbekam. Bei Rufus Wainwright zum Beispiel. Da dachte ich, dass ich durch meine große Bewunderung für ihn auch einen speziellen Draht habe. Letztendlich stand in meinem Interview dann aber doch das Gleiche wie überall. Fandom führt nicht unbedingt dazu, dass man andere Fragen oder den besseren Zugriff hat. Ein Gegenbeispiel war ein Interview mit dem Cake-Sänger John McCrea. Mit ihm hatte ich ein sehr intimes und tiefschürfendes Interview, obwohl ich mich vorher gar nicht so irrsinnig für ihn interessiert hatte.

Ist halt auch die Frage, was ein Interview leisten kann. Es bleibt erst mal ein Interview und eine sterile Interviewsituation. Da sprichst Du anders als mit Freunden abends in der Kneipe.

Ja, deswegen liegt es mir als Interviewter mehr, wenn ich Publikum habe… wenn man zum Beispiel auf einem Podium sitzt. Das ist schon wieder eine gewisse Show und da kann ich dann spielerisch mit umgehen.  Oder eben völlig steril und kontrolliert, ein Online-Interview, wo ich alles so schreiben kann, wie ich will. Alles dazwischen ist schwierig.

Und was ist mit Telefoninterviews?

Hm… Das macht für mich keinen Unterschied. Ich habe nichts gegen Telefoninterviews, viele Leute hassen das ja. Der Hauptunterschied ist für mich der zwischen geschnitten und live. Bei live kann man sich leichter um Kopf und Kragen reden, im Schnitt können die Aussagen entstellt und aus dem Zusammenhang gerissen werden, und man steht erst recht blöd da. Beim Print gibt’s ja dann noch das Problem der Verschriftlichung, und die Frage, ob da sehr stark eingegriffen wird oder alles mehr oder weniger eins zu eins transkribiert.

Wie gehst Du denn da ran?

Ich verschriftliche sehr hart. Spätestens seit meinem Sven Regener Interview bei dem mein Aufnahmegerät nicht funktioniert hat. Dadurch musste ich aus dem Gedächtnis schreiben und Sven Regener musste es auch noch autorisieren. Er hat aber nur eine Sache geändert. Das ging so schnell und gut, dass ich seitdem die Aufnahme nur noch nutze , um überprüfen zu können, dass ich nicht etwas ganz Wichtiges vergessen habe. Aber das Gedächtnis ist ein sehr guter Lektor.
Für mich ist eigentlich am wichtigsten, dass ein unterhaltsamer und gut geschriebener Text dabei herauskommt. Wenn die Künstler nicht gut formulieren, muss ich es halt für sie machen.

Tja, Unterhaltung ist ja auch eine Funktion, die ein Interview erfüllen kann.

Das ist halt eine Gratwanderung. Entweder man lässt jedes Äh drin und jeden unlogischen Sprung oder man macht einen richtig guten Text.

Am Nachbartisch wartet schon der nächste Gesprächspartner auf Jens Friebe.
(Jens spricht kurz mit ihm und holt sich noch einen Tee.)

Ich habe mir gerade überlegt, wie ich dieses Interview verschriftliche. Es wird wohl ein Zwischending werden. Ich versuche, möglichst wörtlich zu verschriftlichen, aber die Ähs und Schachtelsätze zu glätten. Du bekommst es aber ja auch zur Autorisierung.

Ah, sehr gut. Dann schickst Du es mir.

Mache ich. Hab vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast und viel Spaß jetzt noch.


Links:

Bands, in denen Jens Friebe spielt oder spielte:

  • Parka: Indierockband, mit der er in Köln seine ersten Auftritte hatte.
  • Bum Khun Cha Youth: Uli Nachtigall, Linus Volkmann und Jens Friebe benennen sich nach dem südkoreanischen Fußballer Cha Bum-kun und gründen ihre Band zunächst nur für einen Auftritt. Sie spielen am diametral entgegen gesetzten Ende vom Kölner Karneval. Cha Bum-kun ist der erste koreanische Fußballer in der Bundesliga. Er spielte bei Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen. Zu Beginn ist auch Felix Scharlau mit in der Band, heute ist er als Autor und Redakteur des kaput-Magazins eher solo unterwegs.
  • Britta: Die Post-Lassie-Singers-Band um Christiane Rösinger, Britta Neander, Flittchen Records und das Fischbüro, eine Kneipe mit regelmäßiger Showeinlage.
  • Doctorella: Die Electro-Chanson-Band um die Pop-Zwillinge Kerstin und Sandra Grether. In der aktuellen Bestezung sind noch die beiden Zwillinge Fabrizio und Flavio Steinbach sowie Sascha Rohrberg dabei.

Discographie:
2004 Vorher Nachher Bilder

Cover Vorher-Nachher-Bilder

 

 

 
2005 Vorher Nachher Bilder Rmx

Cover Remix

 

 

 

 

2005 IN HYPNOSE

Cover Hypnose

 

 

 

 

2007 DAS MIT DEM AUTO IST EGAL, HAUPTSACHE DIR IST NICHTS PASSIERT

Cover Das ist mit dem AUto ist egal

 

 

 

 

2010 ABÄNDERN

cover abändern

 

 

 

 

2014 NACKTE ANGST, ZIEH DICH AN, WIR GEHEN AUS

Cover nackte Angst

 

 

 

 

Dazu kommen

Cliquenedition #2
Von eben dem diametral entgegen gesetztem Ende des Karnevals aus veröffentlicht Jens Friebe auf Nummer 2 der Cliquenedition – auf der einen Seite mit der Bum Khun Cha Youth, auf der anderen Seite „(I’m not born for) plot driven porn vom Album „Nackte Angst“

52 Wochenenden
Geschichten vom und übers Durchmachen Das Buch ist aus einer Kolumne in der TAZ entstanden.

Cover 52 Wochenenden

 

 

 

 

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