Interviewvorstellung #35: Antilopen Gang bei DRadio Wissen

Lass den Gast ma’ machen

 

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Los geht es mit einem etwas mulmigen Gefühl. Der Interviewer Sebastian Sonntag thematisiert die eigene Unsicherheit, die er vor dem Gespräch mit der Antilopen Gang für DRadio Wissen hat. Er erklärt den drei Punk-Rappern, was er sich thematisch für das Interview vorgenommen hatte, um es dann im Laufe der Vorbereitung doch wieder zu verwerfen. Sebastian Sonntag erklärt auch, dass es eventuell gar nicht so einfach sei, ihre Haltung zu politischer Kunst einzuordnen. Ist das so?

Los geht es mit einem etwas mulmigen Gefühl. Der Interviewer Sebastian Sonntag thematisiert die eigene Unsicherheit, die er vor dem Gespräch mit der Antilopen Gang für DRadio Wissen hat. Er erklärt den drei Punk-Rappern, was er sich thematisch für das Interview vorgenommen hatte, um es dann im Laufe der Vorbereitung doch wieder zu verwerfen. Sebastian Sonntag erklärt auch, dass es eventuell gar nicht so einfach sei, ihre Haltung zu politischer Kunst einzuordnen. Ist das so?

Die Gesprächsebene, die der Interviewer damit aufbaut, ist eine sehr vertrauliche, die von der klaren Rollenverteilung – Interviewer fragt und Gast antwortet – abweicht. Dazu passt natürlich das „Du“ genauso wie die lockere Ansprechhaltung. Und das geht auch klar. Denn das holt die Gäste aus dem strengen Interviewkontext heraus und lässt sie relativ frei mit dem Interviewer reden. Entsprechend offen sind die Fragen, die bei Weitem nicht immer Fragen sind, zunächst auch:

„Ihr habt ja aber auch schon politische Texte.“

„Abgesehen von den politischen Texten: Ihr seid aber schon auch sehr unterschiedlich.“

Oh Mann, klingt das erst einmal banal. Aber keine Sorge: Es entwickelt sich tatsächlich ein Gespräch. Es geht auf eine Metaebene, auf der sich die Band selbst und ihre Rezeption in den Medien reflektieren soll. Mag sein, dass die Frage nicht die aller-originellste ist, inwieweit man sich als Band mit politischen Texten beschweren darf, wenn man als politische Band wahrgenommen wird. Aber die Aussagen sind klar und geben einen Einblick in die Rollen der Bandmitglieder. Denen ist die Ambivalenz des Themas natürlich bewusst: Es ist klar, dass sie als politisch gesehen werden müssen, aber sie wollen natürlich auch nicht darauf reduziert werden. Wie immer bei einem Thema, bei dem die Gäste in so eine Zwickmühle kommen, besteht die Gefahr, dass sie ins Schwatzen kommen oder ausweichen. Dem beugt Sebastian Sonntag vor, indem er eine Frage zu einem anderen Thema einschiebt:

„Wie sieht dann das Zusammenarbeiten zwischen Euch aus? Diskutiert Ihr viel… über die Texte oder auch über profane, organisatorische Sachen?“

Auch hier bleibt das Interview also auf der Metaebene. Es geht um die Organisation innerhalb der Band, um Selbstreflektion. Es bleibt auch dabei, dass die Formulierung eher locker ist. Sie ist sogar recht unfokussiert. Sie besteht aus mehreren Fragen anstatt nur einer gezielt gesetzten. Außerdem sind die zentralen Begriffe wie „Zusammenarbeit“ und „organisatorischen Sachen“ eher abstrakt. Hinzu kommt, dass ich in der Transkription der Frage einige Umformulierungen weggelassen habe. Diese vagen Frageformulierungen sind eher ein Zeichen von freier Rede als von konzentriert und gezielt geführten Gesprächen.

Ziemlich schnell wird aber deutlich, was den Reiz dieses Gesprächs ausmacht: Panik Panzer und Danger Dan kabbeln sich darüber, ob innerhalb der Band Entscheidungen zu sehr ausdiskutiert werden. Sie werfen sich dabei Bälle zu und bestreiten das Gespräch quasi ohne den Interviewer.

Das gibt den besten Einblick in die Band. Natürlich ist es nicht unbedingt ein Erkenntnisgewinn, dass der Kompromiss zwischen Nudeln und Döner letztendlich Mexikanisch war. Aber die Diskussion darüber, wie innerhalb der Band Entscheidungen getroffen werden, ist interessant und fast dokumentarisch.

Bei der Frage nach der Bandgeschichte stellt sich allerdings… die Frage, ob die unbedingt noch einmal notwendig ist. Wenn es sich, wie bei der Antilopen Gang, um eine so groß gewordene Band handelt, hat man doch immer das Gefühl, die Geschichte drei-, viermal zu oft gehört zu haben. Und trotzdem schaffen es die Drei, sie sehr frisch rüberzubringen. Dass sie sich wieder die Bälle zuspielen und nicht alleine dasitzen, hilft ungemein.

Der Teil des Interviews ist aber in jedem Fall symptomatisch, da er das Publikum, also das von DRadio Wissen, im Hinterkopf hat. In der Spex oder bei Arte Tracks müsste man die Band wohl nicht mehr so einordnen. Genau da liegt aber auch die Gefahr. Der Interviewer Sebastian Sonntag begnügt sich damit, sich bereits bekannte Informationen und Geschichten bestätigen zu lassen. Wo die Drei herkommen und wohnen, zum Beispiel. Oder wie die Antilope in den Bandnamen kam. In der Antwort kommen Sätze vor wie die Folgenden:

„Man kennt es ja, dass man sich an Dinge aus der Kindheit erinnert. Man denkt aber auch nur, dass man sich daran erinnert, weil man es immer erzählt bekommen hat. So ähnlich ist das mit den Antilopen und wie wir auf den Namen gekommen sind.“

„Ich halt es mittlerweile für bare Münze, was da an Geschichten im Umlauf ist. Ich weiß es aber tatsächlich nicht mehr.“

Es ist klar, eine verbindliche Antwort wird der Interviewer nicht bekommen und das ist die Gefahr beim Abfragen bekannter Informationen: Die Kontrolle über das Gespräch bekommt so der Gast, denn er weiß genau, welche Antworten erwartet werden und wenn er es nicht anders möchte, muss er sie nur abspulen.

Für die Zuhörer von DRadio Wissen ist es aber natürlich ein sehr unterhaltsames Gespräch, das die Band denjenigen, die sie nicht kennen, auch näher bringt. Dabei hilft, dass das Gespräch aufgrund des lockeren Tons auch im Radio sehr gut zu verfolgen ist. Es hilft auch, dass es mit 45 Minuten recht lang ist und somit viel Raum für Geplänkel zwischen den Bandmitgliedern lässt.

Für die, denen die Antilopen Gang nicht von Grund auf vorgestellt werden muss, wäre es aber bestimmt auch spannend zu diskutieren, ob sich mit Musik im Speziellen und Kunst im Allgemeinen nicht unter Umständen mehr erreichen ließe als mit Politik. Oder wie Kunst sein muss um die bessere Politik sein zu können.


Interviewvorstellung #32: Strand Child in der Solaris Empire Lounge

Guten Tag, wer sind Sie denn?

Solaris EMpire Lounge Logo

Wann ist die Interviewerin eine Interviewerin? die Jobbeschreibung sieht vor, dass eine Interviewerin das Gespräch zu leiten hat, es in eine Richtung lenken soll und entsprechend wissen muss, was sie erfahren will. Was aber passiert, wenn sie diesen Plan nicht hat und ziemlich frei in das Gespräch geht? Das zeigt Kitty Solaris auf Kirkuss Radio.

Sie trifft dort zusammen mit Susann Kirkuss regelmäßig Gäste zum Gespräch für die Sendung Solaris Empire Lounge. Ob sie sie die Gäste aber auch interviewt, möchte ich am Beispiel der Sendung mit Strand Child überlegen.

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Annuluk – Leipziger Allerlei mit Percussion und Pop

Made in Leipzig – trotzdem.

Annuluk Covder BAMAnnuluk ist ein Trio (Sängerin Michaela Holubova, Roberto Fratta und Alessandro Cerbucci) mit Wurzeln und Wohnungen in Leipzig… aber auch in Jena, Berlin, Prag und Italien. Pretty international. So klingt auch die Musik: eine Mischung aus Percussion, mantra-artigem Gesang und Pop. Am 24.6. ist das dritte Album B*A*M Beautiful And Massive erschienen. Ich habe den Dreien ein paar Fragen gestellt.

 

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Kavka und Haeussler bei Flux.fm/Spreeblick

Wenn Interviewer übers Interviewen reden…

Dann kann es auch mal gefühlig werden. Im Gespräch mit Johnny Haeussler auf Flux.fm/Spreeblick erzählt Markus Kavka von der Angst… nein… von dem Respekt, den er vor seinem Interview mit Depeche Mode hatte.

Ab Minute 28:00 geht es los. Ich bin diese Woche mal wieder über die Sendung gestolpert und wollte Euch diesen wunderbaren Einblick ins Innere eines Interviewers nicht vorenthalten.

Interviewvorstellung #30: About my shelf

About my shelf

Coverbild Buch

Dieses Mal gibt es die Vorstellung eines Nicht-Interviews. Denn ehrlich: ein Gespräch oder Interview ist keiner der Texte, die in About my shelf die Bücher- und Plattentregale verschiedener Künstlerinnen vorstellen. Auch wenn sie im Titel als Interviews abgekündigt werden. Dafür fehlt aber jeglicher Bezug auf vorangegangene Fragen.

90% der Fragen sind nicht speziell auf den Gast gerichtet und könnten so auch fast jedem anderen Künstler im Buch gestellt werden.
Ein nachgerade plattes Beispiel ist eine Frage aus dem Text zu Frank Spilker von den Sternen:

Drei Bücher für die einsame Insel

Andere Beispiele sind die Fragen nach dem ersten selbstgekauften Album oder mit wem man mal gerne einen trinken gehen würde.
Es fehlt jegliche weiterführende eigene Interpretation der Antworten durch die Interviewerin.

Bevor jetzt aber jemand denkt, das wäre schlecht und der Text ein Verriss: nein und nein, ist er nicht.
Es ist ein Vergnügen, auf den Fotos die Buch- und Plattencover zu lesen bzw. zu versuchen, sie zu erkennen. Ein Hoch auf den Voyeurismus. Oder hättet Ihr gedacht, dass Cheryl Macneil von Dear Reader “Hoffnung wagen” von Barack Obama im Regal stehen hat. Und Linus Volkmann eine Platte von den Boxhamsters? Na gut, da sind die Duden auf seinem Ikea-Regal überraschender. Und Benedict Wells ist mir noch sympathischer, nachdem ich die kompletten Seinfeld-Staffeln in seinem Regal gesehen habe.
Die Texte selbst sind als Fragebogen konzipiert und bieten also einen nicht nur unterhaltsamen, sondern auch neuen Blick auf die Gäste. Das liegt sicher auch daran, dass sich die Fragen eng gesteckt um das Thema Bücher bzw. Platten(regal) drehen und damit eben diesen Lebensbereich des Gastes beleuchten.
About my shelf bestätigt mich also mal wieder in meiner Begeisterung für Interviews, die ein klar abgestecktes und etwas außergewöhnliches Thema haben.
Da das Buch ja eine Sammlung von Fragebögen ist, die verschiedene Künstlerinnen und Künstler gegenüberstellt, kommt es mitunter zu ganz wunderbaren Momenten. Frank Spilker auf die Frage, welche Romanfigur er gerne mal wäre:

Wer will denn schon der Protagonist aus dem neuen Houellebeqc sein?

Hendrik Otremba von der Band Messer auf die gleiche Frage, zwei Texte weiter:

Am liebsten Jed aus Karte und Gebiet von Houellebeqc

Tja, dabei sind doch beide von Musik und Einstellung eigentlich gar nicht soooo weit voneinander entfernt.
Dafür haben Frank Spilker und Valeska Steiner von der Band Boy beide Learning to love you more von Harrell Fletcher und Miranda July im Regal. Bei Valeska Steiner steht es neben Benedict Wells’ “Becks letzter Sommer”. Es werden nicht die einzigen Kreise sein, die sich da schließen.
Falls Ihr wissen wollt, welches Frank Spilkers Bücher für die einsame Insel sind? Hier die Antwort:

Die längsten und schwierigsten natürlich, in denen sich die Sprache am meisten verdichtet. Dantes Inferno wäre ein Kandidat. Das Kapital von Marx und Nietzsche vielleicht. Für Erbauungsliteratur wäre dann kein Platz mehr.

Und an dieser Stelle ist die Frage gar nicht mehr so trivial. Ich hätte so eine Lust, nachzufragen und mich mit Frank Spilker über die Bücher, Einsamkeit und das eigene Nachdenken zu unterhalten.
Das leistet About my shelf nicht. Aber es öffnet ein wenig die Tür zum Inneren der Künstler und Künstlerinnen. Und darüber hinaus bricht es eine Lanze für Fragebogenfragen. Wenn die Interviewerin offen für ein spontanes Thema ist, kann sie die Antwort für Nachfragen und ein philosophisches Gespräch nutzen, das die Tür in die Gedankenwelt des Gastes erstaunlich weit öffnet. Wenn sie das ganze Interview so offen und spontan gestaltet, ist das aber nicht nur sehr mutig, sondern auch wieder kein Interview. Denn dazu gehört ein Konzept, ein Thema, ein Plan, an dem sich die Interviewerin orientiert. Wenn sie aber ein Teil des Interviews auf einer so weitergeführten Fragebogenfrage aufbaut, ist das sehr reizvoll.


Gäste und Namedropping