“Zarah – Wilde Jahre” imhttp://peterfrau.de/ zdf

Zarah – die Lara Croft des Feminismus

Titel Zarah Sechs Folgen waren jetzt schon zu sehen. Und es wird nicht besser. Im Gegenteil: Das etwas unangenehme Gefühl im Bauch hat sich verfestigt. Das Gefühl, dass ich lieber eine zweite Staffel The Good Girls Revolt gesehen hätte als einen scheinbaren Aufguss davon als zdf-Eigenproduktion. Die Parallelen zwischen dem Amazon-Original The Good Girls’ Revolt und dem ZDF-Klon Zarah – Wilde Jahre sind offensichtlich: Hier die Redaktion einer US-Wochenzeitschrift in den 1960ern, da die Redaktion eines deutschen Lifestyle-Magazins in den 1970ern. Hier ist es Patti Robinson, die sich als eigenständige Journalistin gegen die Männer in der Redaktion durchsetzen will. Da ist es Zarah Wolf, die den Feminismus in die Redaktion bringt.

titel Good Girls RevoltUnd trotzdem sind die Serien unterschiedlich. Weil es auch die Umsetzung der Hauptcharaktere ist.
Für Zarah Wolf hat das ZDF ein Setting in den 1970ern entworfen. Allein, es hat die Figur nicht mitgenommen. Sie verkörpert einen Feminismus, der eher 2017 als 1970 ist. Allzu plakativ stellt er Zarah Wolf als kompromisslose Alleinkämpferin dar. Nichts gegen kompromisslose, starke Heldinnen.  Aber die authentischeren, nachhaltigeren Heldinnen sind doch häufig die leisen, subtilen. Die, die auch mal in Zwickmühlen feststecken und die nicht gerade durch marschieren zum Happy End. Das sind die Frauen um Patti Robinson in The Good Girls Revolt. Sie sind nicht per se eine Clique. Im Gegenteil, sie müssen sich erst zusammen finden und werden vom Schicksal und ihrer misslichen Lage zusammengebracht. Eigentlich sind sie sehr verschieden und entsprechend kämpfen sie nicht nur gegen die männliche Redaktion, sondern auch gegen sich selbst und ihre Unsicherheit. Das sorgt für die spannenden Grautöne im schwarz-weißen Kampf Sexismus gegen Feminismus. Genau diese Grautöne fehlen Zarah Wolf. Sie ist die (überzeichnete) Lara Croft des Feminismus, während Patti Robinson die (realistischere) Betty Friedan ist.
Deswegen bleibt Zarah Wolf in der After-Work-Kneipe oft allein zurück. Wenn sie sich zur Redaktionsrunde gesellen will, kommt sie da ein wenig hinein wie der Fuchs in den Hühnerstall.
Patti hingegen ist eher der Hirtenhund, der seine Schäfchen zusammentreibt und sie vereint. Sie verbindet die Frauen im Kampf gegen den Sexismus. Zarah Wolf spaltet.
Und genau aus diesem Realismus mit seinen Grautönen zieht Patti Robinson ihre Kraft – daraus, dass sie genau so gekämpft und gewonnen haben könnte.


Bender + Schillinger – “Dear Balance
”

Bender + Schillinger – “Dear Balance
”

Albumcover

 

 

 

 

 

 

Ein beschwingtes Lied, das Dir im Halse stecken bleibt? Ein Anfang voller Energie und Hoffnung und doch tonnenschwer? Melancholie und Aufbruchsstimmung passen nicht zusammen? Bender und Schillinger belehren uns mit Textzeilen wie diesen eines Besseren:

“If you don’t start then you’ll never arrive,
If you don’t say a word, you won’t tell a lie,
If nothing’s wrong, maybe nothing’s alright,
If nothing goes deep, it’s not worth the fight.”

Das Mainzer Duo kombiniert sie auf ihrem dritten Album Dear Balance mit warmen Instrumenten, Holz-Percussion, Glocken, aber auch klassisch mit Gitarre und Schlagzeug. Sowohl Linda Benders als auch Chris Schillingers Gesang dazu ist mal kräftig-dynamisch, mal sanft in dunkle Tiefen abtauchend. Immer aber ist er klar und vordergründig. Das macht die Aufnahmen sehr intim. Soll es wohl auch. Die Zuhörerinnen sollen sich angesprochen fühlen und am besten mit im Studio sitzen. So ähnlich beschreiben Bender und Schillinger ihre Band für das Crowdfunding der Platte: Ihr seid die Zielgruppe. Und das Ziel ist es, die Musik nach draußen zu bringen, raus aus dem Proberaum.
Mit Dear Balance ist ihnen die Ansprache gelungen.

still aus dem video

 

 

 

 

Am 6. Oktober ist das Album veröffentlicht worden.
Das zu Beginn zitierte “Transition” geht übrigens so weiter:

“Close my eyes and I’ll never open them again.”

Es bleibt de Zuhörerinnen überlassen, ob aus Resignation oder aus verträumter Verzückung.


Laurie Penny in Leipzig

Bühne mit Sessel und TischAm Montag hat Laurie Penny im UT Connewitz aus ihrem aktuellen Buch „The Bitch Doctrine“ gelesen. Neue Erkenntnisse hat die anschließende Diskussion nicht gebracht. Und nein – das ist gar nicht negativ gemeint. Es ist eigentlich sogar gut.
So bestätigt sie die gar nicht so radikale und absolute Ansicht, mit der ich mich selbst auch ganz wohl fühle. Die Position von Laurie Penny, die in der Diskussion deutlich wird, lässt sich auf zwei Punkte herunterbrechen:

  1. Es ist besser, ein T-Shirt mit Feminist-Aufdruck zu tragen, als den Begriff gar nicht in die Gesellschaft zu tragen. Das verträgt sich auch damit, dass Laurie Penny gleich im Anschluss – deutlich theoretischer – die antifeministischen Strukturen im Kapitalismus erörtert und darlegt.
  2. Normativität mit attitude. Eine Zuschauerin erzählt von ihrer Schwester, deren Kindern und dem Ehemann und stellt die Frage, wie es denn Laurie Penny mit dem normativen Lebensmodell hält. Da sieht die sich einen Lebensentwurf verteidigen, der eigentlich nicht der ihre ist und außerdem wohl am allerwenigsten eine Verteidigerin braucht. Weil er die Norm ist und deshalb akkzeptiert ist wie nur was. Oder vielleicht gerade deshalb nicht? In einem Umfeld, das sich für die Sichtbarkeit und Akkzeptanz von Minderheiten einsetzt, ist ja die Norm die gefühlte Minderheit (aka. Mainstream der Minderheit).

So hat das ABER in den Argumentationen Recht. Natürlich reicht es nicht, nur T-Shirts mit Feminist-Aufdruck zu tragen, schon gar nicht, wenn sie in Sweatshops in Bangladesh hergestellt wurden. ABER manche Leute treffen bei H&M oder Zarah eben das erste Mal überhaupt auf den Begriff. Wichtig ist dann, dass es eben nicht nur bei dem Aufdruck bleibt, sondern, dass es Angebote gibt, ihn zu diskutieren und zu leben.
Natürlich sind Frauen nicht alleine für die Versorgung der Kinder und den Haushalt zuständig. ABER wer diese Rolle gerne übernimmt und ausfüllt, gehört dafür nicht verhöhnt, sondern genauso respektiert wie jemand, der anderswo Verantwortung übernimmt. Das tut mitunter weh. Es bedeutet, Kompromisse einzugehen und die bittere Erkenntniss, dass so viele Menschen nicht die gleiche Vorstellung von Gleichberechtigung und Nicht-Diskrimminierung haben. Sie wird man nicht mit der vollen Dröhnung feministischer Theorien überzeugen, sondern einschüchtern oder gar abstoßen. Das ist der seit einigen Jahren schon zu beklagende Backlash.
So direkt sie auch im Buch und ihren Artikeln argumentiert und eine Meinung vertritt, so sehr setzt Laurie Penny in der Diskussion ihre Meinung und die links-feministischen Ansichten in einen entsprechenden, relativierenden Kontext. Das ist eine gute Basis, um möglichst viele Leute ins Boot zu holen.


The Bitch Doctrine – Laurie Penny im UT Connewitz Leipzig

The Bitch Doctrine – Laurie Penny im UT Connewitz Leipzig

Laurie Penny liest morgen, am 18.9. im UT Connewitz. Das wird keine Wohlfühl-Veranstaltung. Sie liest aus ihrem gerade erst in Deutschland veröffentlichten Essay-Band “The Bitch Doctrine”. Dabei geht es nicht nur um bitches und girl riots. Die Essays sind ein links-queerer Rundumschlag und behandeln – laut Verlagsangaben -  neben klar feministischen Themen auch Überlegungen zu Genderidendität, US-amerikanischer Einwanderungspolitik und zur Neuen Rechten. Zur Einstimmung und Vorbereitung auf die Diskussion, der im Anschluss natürlich Raum geboten wird, hier noch einmal Mrs. Pepsteins Sendung zu der letzten Lesung von Laurie Penny.

Wo: UT Connewitz
Wann: 20.00
Wieviel: 6.- + Gebühr


 

Marta Collica – Inverno

Marta Collica – Inverno


Cover Inverno Portrait Marta Collica
Es gehört immer ein wenig Mut dazu, allzu offensiv vom Wetter und der Witterung zu sprechen oder singen. Es könnte belanglos werden. Die italienische Sängerin Marta Collica hat nun ein neues Solo-Album veröffentlicht. Es heißt ‘Inverno’, Winter.
Mit belanglos hat das aber nichts zu tun, sondern eher mit dem Alltäglichen, dem, was unausweichlich und immer zum Leben gehört. Denn die Sängerin erzählt in wunderbar, warmen Popsongs auf Englisch und Italienisch von den Erlebnissen und Erfahrungen, die sie in den vergangenen Jahren gemacht hat. Aber auch von Sorgen und Unsicherheit, die sie umtreibt. Sie persönlich. Und damit tritt sie einen Schritt zurück näher an sich heran. Zurück von der John Parish Band und den gemeinsamen Projekten, die sie mit dem australischen Musiker Hugo Race bestritten hat: Sepiatone und True Spirit. In denen ist Marta Collica als Mitglied natürlich ein Teil des Ganzen. In ‘Inverno’ steht sie nun wieder selbst im Mittelpunkt. Zum dritten Mal nach der Veröffentlichungen ‘Pretty and unsafe’ ‘und ‘About anything’.
Wenn der Winter so schön wird, wie das Album, dann blicke ich optimistisch auf das Ende des Sommers.

Das Album wird am 1. September 2017 veröffentlicht.