Laurie Penny in Leipzig

Bühne mit Sessel und TischAm Montag hat Laurie Penny im UT Connewitz aus ihrem aktuellen Buch „The Bitch Doctrine“ gelesen. Neue Erkenntnisse hat die anschließende Diskussion nicht gebracht. Und nein – das ist gar nicht negativ gemeint. Es ist eigentlich sogar gut.
So bestätigt sie die gar nicht so radikale und absolute Ansicht, mit der ich mich selbst auch ganz wohl fühle. Die Position von Laurie Penny, die in der Diskussion deutlich wird, lässt sich auf zwei Punkte herunterbrechen:

  1. Es ist besser, ein T-Shirt mit Feminist-Aufdruck zu tragen, als den Begriff gar nicht in die Gesellschaft zu tragen. Das verträgt sich auch damit, dass Laurie Penny gleich im Anschluss – deutlich theoretischer – die antifeministischen Strukturen im Kapitalismus erörtert und darlegt.
  2. Normativität mit attitude. Eine Zuschauerin erzählt von ihrer Schwester, deren Kindern und dem Ehemann und stellt die Frage, wie es denn Laurie Penny mit dem normativen Lebensmodell hält. Da sieht die sich einen Lebensentwurf verteidigen, der eigentlich nicht der ihre ist und außerdem wohl am allerwenigsten eine Verteidigerin braucht. Weil er die Norm ist und deshalb akkzeptiert ist wie nur was. Oder vielleicht gerade deshalb nicht? In einem Umfeld, das sich für die Sichtbarkeit und Akkzeptanz von Minderheiten einsetzt, ist ja die Norm die gefühlte Minderheit (aka. Mainstream der Minderheit).

So hat das ABER in den Argumentationen Recht. Natürlich reicht es nicht, nur T-Shirts mit Feminist-Aufdruck zu tragen, schon gar nicht, wenn sie in Sweatshops in Bangladesh hergestellt wurden. ABER manche Leute treffen bei H&M oder Zarah eben das erste Mal überhaupt auf den Begriff. Wichtig ist dann, dass es eben nicht nur bei dem Aufdruck bleibt, sondern, dass es Angebote gibt, ihn zu diskutieren und zu leben.
Natürlich sind Frauen nicht alleine für die Versorgung der Kinder und den Haushalt zuständig. ABER wer diese Rolle gerne übernimmt und ausfüllt, gehört dafür nicht verhöhnt, sondern genauso respektiert wie jemand, der anderswo Verantwortung übernimmt. Das tut mitunter weh. Es bedeutet, Kompromisse einzugehen und die bittere Erkenntniss, dass so viele Menschen nicht die gleiche Vorstellung von Gleichberechtigung und Nicht-Diskrimminierung haben. Sie wird man nicht mit der vollen Dröhnung feministischer Theorien überzeugen, sondern einschüchtern oder gar abstoßen. Das ist der seit einigen Jahren schon zu beklagende Backlash.
So direkt sie auch im Buch und ihren Artikeln argumentiert und eine Meinung vertritt, so sehr setzt Laurie Penny in der Diskussion ihre Meinung und die links-feministischen Ansichten in einen entsprechenden, relativierenden Kontext. Das ist eine gute Basis, um möglichst viele Leute ins Boot zu holen.


The Bitch Doctrine – Laurie Penny im UT Connewitz Leipzig

The Bitch Doctrine – Laurie Penny im UT Connewitz Leipzig

Laurie Penny liest morgen, am 18.9. im UT Connewitz. Das wird keine Wohlfühl-Veranstaltung. Sie liest aus ihrem gerade erst in Deutschland veröffentlichten Essay-Band “The Bitch Doctrine”. Dabei geht es nicht nur um bitches und girl riots. Die Essays sind ein links-queerer Rundumschlag und behandeln – laut Verlagsangaben -  neben klar feministischen Themen auch Überlegungen zu Genderidendität, US-amerikanischer Einwanderungspolitik und zur Neuen Rechten. Zur Einstimmung und Vorbereitung auf die Diskussion, der im Anschluss natürlich Raum geboten wird, hier noch einmal Mrs. Pepsteins Sendung zu der letzten Lesung von Laurie Penny.

Wo: UT Connewitz
Wann: 20.00
Wieviel: 6.- + Gebühr


 

Verloren im Rock. 

Papir – V

Cover Papir V rot blau grünes MusterManche mögen von Musik als Mittel der Kommunikation schwadronieren. Bei Papir könnte tatsächlich etwas dran sein. Papir sind ein Trio aus Kopenhagen. Sie brauchen keine Worte in ihrer Musik, aber dafür Raum und Zeit. In zweimal drei Liedern füllen sie ein ganzes Album – ihr Debüt-Album. V heißt es. V wie der Buchstabe oder V wie die römische 5? Entscheiden Sie selbst. Und die Ambivalenz ist sicher gewollt. Die Musik jedenfalls entzieht sich gekonnt allen Interpretationen. Weder klassischer Postrock, noch von Ambient beeinflusster Psych-Pop ist sie. Für das eine ist sie zu fließend und entspannt, für das andere zu gitarrenlastig und Riff-basiert. Diese Uneindeutigkeit macht das Album so spannend. Die Konzentration auf die Musik und der Verzicht auf den Gesang ermöglichen es, die verschiedenen Genre, die Papir tangieren, zu ergründen. Das zumindest gilt für die HörerInnen. Für die Musiker gilt eher: komplettes Verlieren in das Spiel, Versinken in Riffs und Soli. V ist somit ein durchaus introvertiertes Album, aber auch eines der Interessantes neuen Signings von Stickman Records. Das Label empfiehlt sich wieder einmal als Kenner für zwar nicht eingängige, aber experimentierfreudige und technisch ausgefeilte (instrumentale) Musik.
Die Veröffentlichung war am 18. August 2017.


Robots do cry

Almost Charlie – A different kind of here

„Robot“ funktioniert auf viele Weisen. Es ist die erste Videoveröffentlichung zum aktuellen Album von Almost Charlie „A different kind of here“. „Robot“ funktioniert, weil Almost Charlie ein ungewöhnliches Gespann sind. Der Berliner Singer/Songwriter Dirk Homuth meldet sich 2003 auf eine Anzeige des US-amerikanischen Lyriker Charlie Mason. Seitdem arbeiten sie als Almost Charlie zusammen, ohne sich je getroffen zu haben, und „A different kind of here” ist ihr viertes Album.

(c) Markus Altmann
(C) Markus Altmann
(C) Jasmin Baumann
(C) Jasmin Baumann

 

 

 

 

 

 

 

„Robot“ funktioniert, weil es die Lyrik, das Erzählen von Geschichten und den zurückgenommenen Folkpop der Bandmitglieder verbindet. Der gleichbleibend melancholische Gesang erzählt vom mechanischen Herzschlag unserer technischen Helfer. Durch deren Kreisläufe fließt Strom wie bei uns das Blut. In ihrer Kunststoffhülle lässt sich ein Gesicht erkennen. Und „and robot’s all we are“… ist dann als Technik-kritisch oder-verliebt zu lesen?
Weder noch. Denn hier kommt eine weitere Weise dazu, auf die „Robot“ funktioniert: das Video. Es macht das Lied zu einer Geschichte, die jeden ans menschliche oder mechanische Herz zu legen ist.

Video gezeichnetes HochzeitspaarIn hinreißenden Zeichnungen blättert das Video durch das Fotoalbum eines gemischten Paares: Humanoid und Roboter. Hochzeit, Urlaube, Strand, Liebe. Und immer wieder die resignierte Feststellung „and robot’s all you are“ und doch geht es mit der Liebe. Erst einmal. Für eine Weile…
Dieses bezaubernde filmisch-musikalische Stück ist das Herzstück von „A different kind of here“ und ein Wegweiser zu den restlichen 11 Liedern, die ebenso liebevoll erzählte Fragmente des Lebens enthalten. Das Album ist am 17.6.2017 via Words on music erschienen.


 

Soybomb – Plastic Festival

Soybomb

Cover Soybomb Hund im HinterhofWer hats erfunden? Die Schweizer… Na gut, das wäre dann vielleicht ein wenig viel der Ehre. Das Gitarrenpop-Genre haben die drei Zürcher Soybomb nicht (neu) erfunden. Auch nicht den Postrock, den Garage-Rock oder den Synthpop nicht. Aber auf ihrer Debüt-EP Plastic Festival fügen sie alle zu einem sehr spannenden Mix zusammen. Wo “Part of me is you” noch ein wenig zu sehr nach jungenhaft-kitschigen Liebeslied klingt, schreit “Plastic Festival”: “Hier nimm mich als Sommer-Festival-Hit für die Dancefloor-Kids”. Der Song hat einem Refrain, für den Mando Diao oder The Kills killen würden: Garagen-Rock-Riffs zum Claim eines jeden Sommers -


“These are the most valuable days of our lives”. 
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