Lanz vs Gottschalk: Dauerwerbesendung

Weil eine Talkshow eine Unterhaltung beider Gesprächspartner auf gleicher Augenhöhe voraussetzt. Selbst dann, wenn es sich nicht um die landläufig bekannte Politik-Talkshow handelt, sondern um die nicht ganz so prototypische personenzentrierte Talkshow.

Die personenzentrierte Talkshow ist eine eher alte Definition der Talkshow (siehe Barloewen/Brandenberg 1975), die aber wie jede journalistische Darstellungsform den JournalistInnen eine leitende Rolle in der Gestaltung zugesteht. Das heißt, die JournalistInnen geben die Themen des Gesprächs vor und bestimmen den Verlauf.

Was wir bei Markus Lanz vs Thomas Gottschalk sehen ist eher eine Talkshow nach Definition von Tenscher/ Schicha (2002)

Talkshow am besten zu definieren als eine Gesprächssendung, in der einer oder mehrere Moderatoren sich mit einem oder mehreren Gästen mit oder ohne Studiopublikum über ein beliebiges Thema unterhalten.“

Etwas populistisch zusammengefasst spielt es demnach keine Rolle, mit wem oder worüber in einer Talkshow gesprochen wird, damit es eine Talkshow ist – und daran hält sich Markus Lanz auch ganz gut. Die Definition ist natürlich nicht ganz so absolut, denn auch die Definition impliziert, dass ein Thema und ein Mindestmaß an Konzept für das Gespräch vorgegeben ist. Und genau das unterscheidet jede Talkshow – und jede andere Medienform – vom Alltagsgespräch.

Besonders schön zu sehen an Lanz vs Gottschalk ist ein weiteres Unterscheidungsmerkmal: Das Sich-Inszenieren fürs Publikum. Ob Ecker (1977) das als Sekundärsituation bezeichnet – also die Rezeption des Gesprächs durch ein Publikum – oder ob Holly (1986) auf die inszenierte Rollenverteilung in Politiktalkshows hinweist: Es bleibt dabei, dass die TeilnehmerInnen solcher Medienveranstaltungen wissen, dass es nicht um Inhalte geht, sondern um Selbstdarstellung. Und das sollte auch die InterviewerInnen wissen.

Hier kommen wir auch zum Interview zur Person (nach Haller 20013). So sehr dabei auch die Person der Interviewten im Vordergrund steht, so vielschichtig soll sie auch dargestellt werden. Was aber lernen wir bei Markus Lanz über Thomas Gottschalk? – Die mediengerechte Maske bleibt auf. Thomas Gottschalk liebt es, frech und respektlos zu sein – vor allem dann, wenn er weiß, dass er nichts zu befürchten hat.

Die wenigen harmlos-kritischen Fragen wischt er mit einem selbstironischen Witz weg wie eine Locke aus dem Gesicht und lächelt, dass die weißen Zähne nur so blitzen und der Schwiegermama das Herze schmilzt. Und das alles wie durch 40-jährge Medienerfahrung einstudiert. Die reine Fassade einer Medienperson zu zeigen, ist aber eben genau nicht zentraler Punkt eines Interviews zur Person.

Wenn sich Markus Lanz privat die aufgehübschten Geschichten von Thomas Gottschalk anhören will, dann kann er das natürlich gerne tun. Im Fernsehen und als journalistische Darstellungsform hat so eine Veranstaltung nichts zu suchen, es sein denn, es steht Dauerwerbesendung drüber.

PS: Ich wollte wirklich nicht auch noch Markus Lanz kritisieren (das ist wie McDonalds McDoof nennen). Aber Thomas Gottschalk hat mich angefleht, das hier zu schreiben.

Literatur:

  • Barloewen, Constantin von/Brandenberg, Hans (Hg.): Talk Show. Unterhaltung im Fernsehen = Fernsehunterhaltung? München/Wien 1975.
  • Ecker, Hans-Peter et al. (1977): Textform Interview. Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwann
  • Haller, Michael (2001³): Das Interview – Ein Handbuch für Journalisten. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft
  • Holly, Werner et al. (1986): Politische Fernsehdiskussionen – zur medienspezifischen Inszenierung von Propaganda als Diskussion. Tübingen: Max Niemeyer Verlag
  • Tenscher, Jens/Schicha, Christian (Hg.): Talk auf allen Kanälen. Akteure, Angebote und Nutzer von Fernsehgesprächssendungen. Wiesbaden 2002.
1Das sagen übrigens auch alle von mir befragten Interviewten (vorgestellt in der Reihe Interviews über Interviews). Das tödlichste für ein Interview sind Fragen, deren Antworten sich auch schon vorher hätten recherchieren lassen. Prinzipiell sind Interviews willkommen und interessant – wenn sie sich als spannendes Gespräch entwickeln mit (überraschenden) Aspekten, über die die Interviewten auch nach dem Interview noch nachdenken können.

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