Naive Fragen – eine Frage der Naivität

Naive Fragen – eine Frage der Naivität

Eine Frage lief mir in den vergangenen Wochen und Monaten immer mal wieder über den Weg: Die Frage der naiven Frage. Also das Fragen basierend auf möglichst wenig Vorkenntnissen der Interviewten.

Erst am Wochenende sprach ich mit einem Bekannten abends bei Bier und Brause darüber, wie tiefgehend oder oberflächlich Fragen sein müssen oder dürfen. Er ist Kameramann und erzählt von einigen Doku-Formaten, bei denen das naive Fragen Konzept zu sein schien. Im (Schank)Raum standen mehrere Fragen:

  • Darf man eine Band wie Tocotronic bitten, für das Publikum zu erklären, was sie machen?
  • Was aber, wenn man das Wissen beim Publikum gar nicht voraussetzen kann?
  • Kann nicht auch in der Eigeneinschätzung einer Künstlerin eine neue und interessante Information stecken?

Ich musste an das Interview über Interviews denken, das ich mit Jens Friebe geführt habe: Wir haben darüber gesprochen, wie solche Fragen im Interview als Vorstellung einer Band funktionieren kann.

Eine Weile später fand ich ein entsprechendes Interview auf Noisey.com.

Findus sagten dagegen, dass man solche Fragen als Band zwar durchaus beantworten kann, Journalistinnen dann aber keine wirklich neuen Erkenntnisse erwarten dürften.

Ich versuchte also, mit diesen Erfahrungen, die Fragen nach Tocotronic und das Vorwissen des Publikums zu beantworten.

Bei Tocotronic wird das Konzept Hallo Ü-Wagen nicht funktionieren, möglichst unvorbereitet mit Expertinnen und Passanten zu diskutieren. Es wäre Verschwendung des Gesprächsformats, das das Interview nun einmal ist. Bei Interviews zur Vorstellung von Bands stehen Fakten im Vordergrund: Jahr der Gründung, Anzahl der Veröffentlichungen, Ort und Umstand der Bandgründung. Das sind Fakten aus dem Lexikon. Sie können in den Medien auch stichpunktartig einem Interview als Ergänzung beigestellt werden. Für das Interview bliebe dann mehr Raum für tiefergehende Fragen. Das Interview zur Vorstellung ist rückwärtsgerichtet. Es rollt das Bisherige auf – das allerdings nicht zwingend einordnend. Mit Tocotronic wäre zum Beispiel ein solches einordnendes Gespräch denkbar, zum Beispiel über ihre Bedeutung für die deutsche Musikszene. Wer eine Bandgeschichte im Interview so einordnen und analysieren will, bewegt sich aber weg vom Abfragen von Fakten, von naiven Fragen und damit weg von der reinen Bandvorstellung.

Sicher gibt es Menschen, die Tocotronic nicht kennen. Auch sie lesen sicher Magazine oder Zeitungen und könnten auf ein Interview mit der Band stoßen, z.B. in einem Magazin, das ein gänzlich Tocotronic-fremdes Thema behandelt, Hundehaltung, Gartenarbeit oder ähnliches. In einem solchen Fall kann man ein Vorwissen zur Band sicher nicht voraussetzen. Dann stellt sich aber sofort die Frage, aus welchem Grund ein solches Magazin ein Interview mit der Band machen sollte. Selbst wenn Jan Müller als Hundehalter oder Arne Zank als Gartenfreund bekannt wären, wäre dies für das Publikum der Magazine wohl relativ uninteressant. Selbst ein Expertengespräch würde kaum Fragen zur Band rechtfertigen – weil es eben nicht um die Band ginge. Auch hier würde ein Info-Kasten mit den Fakten vollkommen reichen.

Meinetwegen kann man eine Frage zur Bandgründung, zum Namen oder anderen Fakten stellen, die man bei bekannten Bands an jeder anderen Stelle findet, und hoffen, dass die Band sich plötzlich selbst ganz anders sieht, als sie bisher dargestellt wurde. Allerdings sollte man bei dieser Hoffnung nicht vergessen, dass die Band diese Fragen auch schon unendlich oft beantwortet hat. Die Wahrscheinlichkeit ist entsprechend hoch, dass sie auf Autopilot stellt und die gleichen Antworten gibt wie in den unzähligen Interviews zuvor.

Wenn ich mir das also so überlege, ist das naive Fragen nur da vertretbar, wo die abgefragten Fakten nicht anderweitig schon zuhauf verfügbar sind. Und das ist lediglich dann der Fall, wenn etwas oder jemand vorgestellt werden soll. Was bedeutet das aber nun für die Doku-Formate? Es gibt einige Sendungen, die einen Blick hinter die Kulissen werfen sollen. 7 Tage im ndr ist so eine. Eines gilt aber auch hier: Die Antwort wird nur so ergiebig wie die Frage es vorgibt. Das heißt: Interviewte erspüren, wie viel Vorwissen bei der Interviewerin und beim Publikum vorhanden ist. Daran orientieren sie sich und packen nur so viel Wissen in die Antwort, wie sie ihnen bei dem Vorwissen zumuten können.


Auf peterfrau,de:
Interviews über Interview
Interviewvorstellung Silvana Imam
Findus ohne Hunger

Außerhalb:
Hallo Ü-Wagen auf Wikipedia.de
7 Tage im ndr

 

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