Oh Kapitänin, meine Kapitänin

Oh Kapitänin, meine Kapitänin

Ein Diskussionsabend über Booking und Frauen – eine Frage des Standpunktes.

Kaum ein Mann wird sich heute in linken Indie-Zusammenhängen entblößen und Frauen ein Recht auf Gleichberechtigung absprechen. Reflexartig wird er beteuern, dass Frauen in der Musik unbedingt zu fördern sind. Den Reflex hat vorgestern Kerstin Grether zu spüren bekommen, als sie im Leipziger Conne Island auf dem Podium saß. Sie ist Musikjournalistin und moderierte eine Diskussion zum Thema Politik der Clubs beim Bandbooking. Es waren vier Booker geladen. Entsprechend war die Reaktion auf die Frage, warum Ihr Katalog nur 23% Frauen enthält. Klar, dass sie sich nicht vorwerfen lassen, Frauen nicht (ausreichend) zu fördern:

„Also, wenn ich Musik mache, spielt das gar keine Rolle, wer die macht. Da geht’s mir drum, ob mir die gefällt.”

Was sollen sie auch Anderes sagen?

Vielleicht „Ja, wir wissen, dass da noch mehr möglich wäre”? Das wäre mal eine innovative und realistische Antwort, aber eben nicht unbedingt zu erwarten. So weisen sie natürlich eher auf die Frauenbands hin, die sie im Katalog haben.

War die Frage nach der Frauenquote im Bookingkatalog unklug, weil vorhersehbar, weil provozierend?

Nein, sie ist eher Teil einer Diskussionsstrategie.

Kerstin Grether ist eine leidenschaftliche Diskutantin. Sie argumentiert also nicht nüchtern, sachlich und überlegt. Sie ist stattdessen emotional. Und ja, so eine emotionale Herangehensweise ist nicht immer diplomatisch (will sie auch gar nicht sein), denn sie ist konfrontativ, stößt mitunter vor den Kopf oder ist persönlich. Damit machst Du Dich angreifbar. Das musst Du als Diskutantin auch erst einmal aushalten. Es gibt einige Punkte, die gegen die emotionale Argumentation sprechen:

-       Eine Moderatorin muss neutral sein.

-       Sie muss eher durch die Fakten und eine logische Argumentation überzeugen.

-       Sie provoziert natürlich Gegenrede und Aggression beim Gesprächspartner, wenn sie ihn direkt angreift.

Dennoch hat Kerstin Grether etwas geschafft, was nur ungleich mühsamer mit ruhiger, sachlicher Argumentation möglich gewesen wäre: Sie hat gezeigt, wie sehr selbst diese aufgeklärten und um Gleichberechtigung bemühten Männer in ihrem Weltbild verhaftet sind.

Die Diskussion, die bis dahin ganz sachlich war, wurde urplötzlich höchst emotional, als sich auch nur der Anschein eines Vorwurfs andeutete, sie könnten dem Ideal der Gleichberechtigung nicht gerecht werden. Mit der direkten und emotionalen Art hat Kerstin Grether da ganz offensichtlich den Finger in die Wunde gelegt.

Danke dafür.

Mein Lieblingsbeitrag kam übrigens aus dem Publikum: der HipHop-Fan sagte, es gäbe nun mal deutlich mehr Künstler als Künstlerinnen. Da wäre es nur natürlich, dass sie sichtbarer wären. Wenn es nicht so traurig wahr wäre, müsste ich grinsen. denn das Argument zeigt allzu deutlich gerade das, wogegen er anargumentiert: Männer sind im Musikgeschäft viel öffentlicher als Frauen. So viel öffentlicher, dass sie als große Mehrheit wahrgenommen werden. Mit dem Trugschluss, dass der Großteil der Frauen eben keine Musik macht. Die Person, die das nachgezählt hat, möchte ich sehen. Und selbst wenn ihm die Zahlen recht geben sollten, erklärt es noch nicht, was der Grund dafür ist. Vermutlich das gleiche, was auch dafür sorgt, dass Männer (angeblich) weniger stricken als Frauen.


Homepage von Doctorella, der Band von Kerstin Grether: doctorella.de

Blog von Kerstin und Sandra Grether: Freundinnen der Nacht

Homepage des Conne Island: conne-island.de

 

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