Sunshine Reverberation

Sunshine Reverberation / s/t

Forside Sunshine LP GUL

Sunshine Reverberation sind ein Quartett aus Tromso, im nördlichsten Norden Norwegens. Mit kühler, distanzierter Musik a la Legends, Radio Dep hat das aktuelle, selbstbetitelte Album aber gar nichts zu tun. Im Gegenteil, die Blues infizierten Riffs erinnern eher an heiße Nächte in Bluesrock-Bars in den 1960ern. Der Sound ist ebenso dicht und klingt nach Schweiß, der von der Decke tropft. Lediglich der Gesang ist lässig und zurückgelehnt. Diese Mischung macht das Album zu einem sehr spannenden Debütalbum. Diese Woche, am 21.4.2017 ist es erschienen.


Interviewempfehlungen

Spreeblick auf die Gesellschaft

Ein ganz wunderbarer Zufall: Die letzten beiden Interviewvorstellungen waren zu Interviews mit Antilopen Gang und Sookee. Und als ich vergangene Woche bei Fluxfm/Spreeblick die letzten Sendungen durchhöre, hatte Johnny Haeussler genau diese beiden zu Gast.
Ich will Euch deshalb diese Gespräche ans Herz legen.

Interview mit Antilopen Gang auf Fluxfm/Spreeblick
Interview mit Sookee auf Fluxfm/Spreeblick

Und es gibt noch mehr Sookee: Auf rap.de gibt es ein Interview, das ganz hervorragend zeigt, wie konzeptionell und bewusst der künstlerische Blick von Sookee ist. Es geht in 99% des Gesprächs um gesellschaftliche Zusammenhänge und Entwicklungen. Es ist toll, wenn in einem Interview die Kunst des Gastes so zum gesellschaftlichen Thema wird. Einige RezensentInnen mögen das als zu verkopft kritisiert haben, aber bei Sookee wird das Label Soziologievorlesung wieder positiv besetzt. Ich freue mich darauf, für die neue Ausgabe des Kreuzer Leipzig mit ihr zu sprechen und diese Themen weiterführen zu können.

Interviewvorstellung #36: Sookee bei Freitag.de

Bitte erklären Sie.

freitag logo

Aus gegebenem Anlass will ich heute ein Interview mit Sookee vorstellen. Die Berliner Rapperin hat gerade ein neues Album veröffentlicht und die Gelegenheit habe ich genutzt, um mich einmal durch die verfügbaren Artikel und Interviews zu wühlen. Eines davon hat Jan Rebuschat vor einigen Jahren für den Freitag geführt. Seine Ansprechhaltung steht exemplarisch für viele Interviews und lässt sich überschreiben mit: „Lieber Gast, erkläre mir bitte einmal…“.
Was bedeutet das? Der Interviewer formuliert tatsächlich fast ausschließlich Fragen (anstelle von Aussagesätzen oder Kommentaren), gerne auch W-Fragen. Zum Beispiel:

„Welche aktuellen Rapper finden Sie diesbezüglich besonders problematisch?“
„Weshalb haben kontroverse Rapper (wie z. B. Bushido und Haftbefehl) solchen Mainstream-Erfolg?“

An diesen Beispielen wird deutlich, welche Wirkung die Fragen haben. Sie fragen gezielt nach der Meinung und den Ansichten des Gastes. Sie lassen den Gast erklären und blenden dabei die Ansichten des Interviewers aus. Selbst in den Fällen, in denen Jan Rebuschat seine recherchierten Informationen oder weiterführende Gedanken in die Frage einbaut, steht am Ende eine Frage an die Rapperin, d. h. sie kommen vor allem in Form von Plattformfragen (M. Haller) vor und werden der Frage vorangestellt. Zum Beispiel:

„Zwar hat Rap schon seit Jahren den Mainstream erobert, doch in den Medien wird meist über die negativen Aspekte berichtet. Stichworte: Gewalt, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus. Welche sind Ihrer Meinung nach die größten Probleme des aktuellen deutschen Rap?“

“Marcus Staiger kritisierte kürzlich, dass er auf einer Zeckenrapgala war und dort ca. 99 % Deutsche und nur ca. 1 % Menschen mit Migrationshintergrund gewesen seien. Er führte dies auf einen gewissen Snobismus der deutschen Linken gegenüber der Arbeiterklasse zurück. Was sagen Sie dazu?”

Damit bleibt der Austausch recht einseitig. Das Interview ist dann keine Diskussion auf gleicher Augenhöhe, sondern eher eine Art Expertinnengespräch, bei dem die Rollen ungleich verteilt sind. Es zwingt den Gast dazu, sich auf Meinungen und Einschätzungen festzulegen, an denen er sich eventuell messen lassen muss. Unter Umständen kann das Druck aufbauen, wenn der Eindruck entsteht, der Gast würde „ausgequetscht“.
Das passiert hier bei Sookee allerdings nicht. Im Gegenteil, die Rapperin ist ja sehr meinungsstark und freut sich über die Gelegenheit, sich äußern zu dürfen. Dabei spricht Jan Rebuschat durchaus interessante Argumente und Aspekte an, z. B. die Kritik von Marcus Steiger an der Kultur der Rap-Szene. Wenn der Interviewer diese Bemerkungen in eigene Erfahrungen und Interpretation eingebaut hätte, hätte sich sicher eine sehr interessante Diskussion von zwei KennerInnen der Szene ergeben. So aber gibt er die Zitate mit der Bitte um einen Kommentar an Sookee zurück und vergibt sich die Chance für die Diskussion ein wenig.
Bei einem so wortstarken Gast wie Sookee entsteht aber auch so ein sehr interessantes und informatives Gespräch.


Interviewtipp: Sookee bei Corso im Deutschlandfunk

Vor einigen Tagen, am 17.3., ist das aktuelle Album von Sookee erschienen: „Mortem & Makeup“. Sookee gibt in den Liedern Begriffen wie „Schrank“ und „Hüpfburg“ eine politische Bedeutung. Ich finde hervorragend, mit welcher geradlinigen Haltung und Selbstverständlichkeit sie so politische Musik macht.
Es scheint fast ein Frevel, mit ihr nicht über die Texte und ihre Aussagen zu sprechen. Ein sehr gutes Gespräch ist das Interview bei Corso im Deutschlandfunk. Christoph Reimann fragt und sagt nicht einfach nur: „Was bedeutet das…“ und „Wollen Sie damit sagen, dass….“. Er findet weitergehende Fragen zur Position der Rapperin, wie zum Beispiel, dass sie eventuell bei ausgesprochen links-queeren Veranstaltungen eher „preaching to the converted“ betreiben könnte, als wirklich diskutieren. Das gibt Sookee die Gelegenheit, sehr elegant den Deutschlandfunk, bei dem sie eben spricht, als bestes Gegenbeispiel zu nennen.
Spannend ist das Gespräch über die Texte aber auch, weil hinter ihnen Theorien und Konzepte stehen, die Sookee inspiriert haben, und so macht das Interview auch deutlich, wie bewusst sie als Künstlerin ist.


Interviewvorstellung #35: Antilopen Gang bei DRadio Wissen

Lass den Gast ma’ machen

 

Logo DRadio Wissen

Los geht es mit einem etwas mulmigen Gefühl. Der Interviewer Sebastian Sonntag thematisiert die eigene Unsicherheit, die er vor dem Gespräch mit der Antilopen Gang für DRadio Wissen hat. Er erklärt den drei Punk-Rappern, was er sich thematisch für das Interview vorgenommen hatte, um es dann im Laufe der Vorbereitung doch wieder zu verwerfen. Sebastian Sonntag erklärt auch, dass es eventuell gar nicht so einfach sei, ihre Haltung zu politischer Kunst einzuordnen. Ist das so?

Los geht es mit einem etwas mulmigen Gefühl. Der Interviewer Sebastian Sonntag thematisiert die eigene Unsicherheit, die er vor dem Gespräch mit der Antilopen Gang für DRadio Wissen hat. Er erklärt den drei Punk-Rappern, was er sich thematisch für das Interview vorgenommen hatte, um es dann im Laufe der Vorbereitung doch wieder zu verwerfen. Sebastian Sonntag erklärt auch, dass es eventuell gar nicht so einfach sei, ihre Haltung zu politischer Kunst einzuordnen. Ist das so?

Die Gesprächsebene, die der Interviewer damit aufbaut, ist eine sehr vertrauliche, die von der klaren Rollenverteilung – Interviewer fragt und Gast antwortet – abweicht. Dazu passt natürlich das „Du“ genauso wie die lockere Ansprechhaltung. Und das geht auch klar. Denn das holt die Gäste aus dem strengen Interviewkontext heraus und lässt sie relativ frei mit dem Interviewer reden. Entsprechend offen sind die Fragen, die bei Weitem nicht immer Fragen sind, zunächst auch:

„Ihr habt ja aber auch schon politische Texte.“

„Abgesehen von den politischen Texten: Ihr seid aber schon auch sehr unterschiedlich.“

Oh Mann, klingt das erst einmal banal. Aber keine Sorge: Es entwickelt sich tatsächlich ein Gespräch. Es geht auf eine Metaebene, auf der sich die Band selbst und ihre Rezeption in den Medien reflektieren soll. Mag sein, dass die Frage nicht die aller-originellste ist, inwieweit man sich als Band mit politischen Texten beschweren darf, wenn man als politische Band wahrgenommen wird. Aber die Aussagen sind klar und geben einen Einblick in die Rollen der Bandmitglieder. Denen ist die Ambivalenz des Themas natürlich bewusst: Es ist klar, dass sie als politisch gesehen werden müssen, aber sie wollen natürlich auch nicht darauf reduziert werden. Wie immer bei einem Thema, bei dem die Gäste in so eine Zwickmühle kommen, besteht die Gefahr, dass sie ins Schwatzen kommen oder ausweichen. Dem beugt Sebastian Sonntag vor, indem er eine Frage zu einem anderen Thema einschiebt:

„Wie sieht dann das Zusammenarbeiten zwischen Euch aus? Diskutiert Ihr viel… über die Texte oder auch über profane, organisatorische Sachen?“

Auch hier bleibt das Interview also auf der Metaebene. Es geht um die Organisation innerhalb der Band, um Selbstreflektion. Es bleibt auch dabei, dass die Formulierung eher locker ist. Sie ist sogar recht unfokussiert. Sie besteht aus mehreren Fragen anstatt nur einer gezielt gesetzten. Außerdem sind die zentralen Begriffe wie „Zusammenarbeit“ und „organisatorischen Sachen“ eher abstrakt. Hinzu kommt, dass ich in der Transkription der Frage einige Umformulierungen weggelassen habe. Diese vagen Frageformulierungen sind eher ein Zeichen von freier Rede als von konzentriert und gezielt geführten Gesprächen.

Ziemlich schnell wird aber deutlich, was den Reiz dieses Gesprächs ausmacht: Panik Panzer und Danger Dan kabbeln sich darüber, ob innerhalb der Band Entscheidungen zu sehr ausdiskutiert werden. Sie werfen sich dabei Bälle zu und bestreiten das Gespräch quasi ohne den Interviewer.

Das gibt den besten Einblick in die Band. Natürlich ist es nicht unbedingt ein Erkenntnisgewinn, dass der Kompromiss zwischen Nudeln und Döner letztendlich Mexikanisch war. Aber die Diskussion darüber, wie innerhalb der Band Entscheidungen getroffen werden, ist interessant und fast dokumentarisch.

Bei der Frage nach der Bandgeschichte stellt sich allerdings… die Frage, ob die unbedingt noch einmal notwendig ist. Wenn es sich, wie bei der Antilopen Gang, um eine so groß gewordene Band handelt, hat man doch immer das Gefühl, die Geschichte drei-, viermal zu oft gehört zu haben. Und trotzdem schaffen es die Drei, sie sehr frisch rüberzubringen. Dass sie sich wieder die Bälle zuspielen und nicht alleine dasitzen, hilft ungemein.

Der Teil des Interviews ist aber in jedem Fall symptomatisch, da er das Publikum, also das von DRadio Wissen, im Hinterkopf hat. In der Spex oder bei Arte Tracks müsste man die Band wohl nicht mehr so einordnen. Genau da liegt aber auch die Gefahr. Der Interviewer Sebastian Sonntag begnügt sich damit, sich bereits bekannte Informationen und Geschichten bestätigen zu lassen. Wo die Drei herkommen und wohnen, zum Beispiel. Oder wie die Antilope in den Bandnamen kam. In der Antwort kommen Sätze vor wie die Folgenden:

„Man kennt es ja, dass man sich an Dinge aus der Kindheit erinnert. Man denkt aber auch nur, dass man sich daran erinnert, weil man es immer erzählt bekommen hat. So ähnlich ist das mit den Antilopen und wie wir auf den Namen gekommen sind.“

„Ich halt es mittlerweile für bare Münze, was da an Geschichten im Umlauf ist. Ich weiß es aber tatsächlich nicht mehr.“

Es ist klar, eine verbindliche Antwort wird der Interviewer nicht bekommen und das ist die Gefahr beim Abfragen bekannter Informationen: Die Kontrolle über das Gespräch bekommt so der Gast, denn er weiß genau, welche Antworten erwartet werden und wenn er es nicht anders möchte, muss er sie nur abspulen.

Für die Zuhörer von DRadio Wissen ist es aber natürlich ein sehr unterhaltsames Gespräch, das die Band denjenigen, die sie nicht kennen, auch näher bringt. Dabei hilft, dass das Gespräch aufgrund des lockeren Tons auch im Radio sehr gut zu verfolgen ist. Es hilft auch, dass es mit 45 Minuten recht lang ist und somit viel Raum für Geplänkel zwischen den Bandmitgliedern lässt.

Für die, denen die Antilopen Gang nicht von Grund auf vorgestellt werden muss, wäre es aber bestimmt auch spannend zu diskutieren, ob sich mit Musik im Speziellen und Kunst im Allgemeinen nicht unter Umständen mehr erreichen ließe als mit Politik. Oder wie Kunst sein muss um die bessere Politik sein zu können.