Interviewvorstellung #2: Spiegel-Gespräch über Raabs Plauderkampf

Selbstdarsteller vs. Advocatus Diaboli

Allerdings gibt schon die erste Frage die Richtung des Gesprächs mit diesem Ton vor:

„Herr Raab, ist das ganze Leben ein einziger Kampf?“

Zudem ist die Frage ziemlich gewagt, weil sie erst mal keinen Bezug zu Stefan Raab oder Talkshows erkennen lässt und dadurch ein wenig unvermutet kommt. Dieser Überraschungseffekt ist natürlich bei einer Einstiegsfrage erwünscht und Thomas Tuma löst ihn durch die anschließende Erklärung

„In Ihren Shows geht es überwiegend ums Kämpfen und Gewinnen.“

auf unterhaltsame-provozierende Art wieder auf. Allerdings würde ich diese Frage nicht zum Einstieg in ein Gespräch mit ungeübteren Interviewpartnerinnen empfehlen. Die könnten sich unter Umständen überrumpelt fühlen. Stefan Raab als medienerfahrener Interviewpartner lässt sich davon natürlich nicht stören und antwortet souverän

„Nein, wie kommen Sie denn darauf?“.

Die Medienerfahrenheit ist aber auch das Problem: Stefan Raab verbringt das zweite Drittel des Interviews damit, die (provozierenden) Hiebe von Thomas Tuma gegen die geplante Talkshow auszuhebeln. Er lässt sich nicht vom provozierenden Ton irritieren, sondern kontert souverän mit vorbereiteten Werbestatements wie:

„Was mich in meiner ganzen Karriere stets angestachelt hat, war der Satz: ‚Nee, lass mal, der Markt ist zu‘.“

oder

„Was ich ab 11. November machen will, verdient nicht nur das Etikett ‚Talk‘, sondern auch ‚Show‘.“

Über 7 Fragen und Antworten erstreckt sich das Wechselspiel, dass Thomas Tuma eine kritische bis bissige Äußerung macht und Stefan Raab darauf souverän kontert. Als Bumerang erweist sich für Tuma dabei die sehr offene Frageweise in Form von Feststellungen (im Gegensatz zum Fragesatz). Sie sind zudem sehr kurz und dienen Stefan Raab eher als Stichworte für seine Selbstpräsentation.

Es ist spannend zu verfolgen, wie routiniert Stefan Raab auf die durchaus guten Einwände von Thomas Tuma reagiert und sich nicht aus dem Konzept bringen lässt – zum Leidwesen des Interviewers.

1:1 im Plauderkampf

Trotzdem schafft es Thomas Tuma immer wieder, Stefan Raabs Denkweise aufzuzeigen, dass Entertainment und Show ein wesentlicher Bestandteil von Politik – und eigentlich allen anderem auch – ist.

Das gelingt ihm vor allem bei den Fragen, die tatsächlich auch eine Frageform haben. Sie umreißen klar, welche Information gefragt wird und geben Stefan Raab weniger Gelegenheit, das Thema zu seinen Gunsten festzulegen und zu deuten. Zu sehen ist das bei der einfachen Nachfrage „Wie genau?“, die Stefan Raab dazu zwingt, recht bildhaft zu beschreiben, wie die geplante Talkshow aussehen soll. Zu sehen ist das auch bei dem Einwand

„Und wenn einer der Gäste sich schon am Anfang bei den Zuschauern damit einschleimt, dass er sagt, welcher karitativen Einrichtung er das viele Geld im Fall des Sieges spendet?“

 

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