Drunk at your wedding – I have to go home

25.06.2021 Bohemian Strawberry/ Broken Silence

Nina Töllner aka Drunk at your wedding (c) Bohemian Strawberry

„Good Morning , midnight / I am coming home“.

A capella und klar wir ein eiskalter Wintermorgen kommt diese Zeile daher. Aber dabei warm und beruhigend wie die Tasse heißer Tee, um die man die Finger legt.
So empfängt einen „I have to go home“, das zweite Album von Nina Töllner aka Drunk at your wedding. Es ist ein Gedicht von Emily Dickinson und es macht die Klammer auf für ein Album, das einen roten Faden braucht. Denn Nina Töllner lässt ihren Eindrücken, Gedanken, Gefühlen freien Lauf. Sie ist dabei nicht unstrukturiert oder gar chaotisch. Gar nicht. Es ist eher eine Rastlosigkeit, die das Album prägt. Wie sie jede kennt, die schon einmal versucht hat, Antworten zu finden und Erlebnissen einen Sinn zu geben: Warum kann ich mich nicht einfach trauen, wenn ich doch genau weiß, wie weich ich falle? Warum muss ich überhaupt Angst haben in meinem bequemen Leben, wenn anderswo Soldaten und Soldatinnen aus Kriegen heimkommen. Wie können Menschen am selben Strand Urlaub machen, an den gerade eben noch Leichen von Geflüchteten angeschwemmt wurden? Die Antworten sind so unendlich viel schwerer als die Fragen.

Daher rührt die Rastlosigkeit. Und die mal sanften, mal energischen Melodien. Die mal minimalistische Flöte und die mal wütend-verzweifelte Gitarre. Sie machen „I have to go home“ zu einem Folk-Album, das genauso Rock und Pop ist.
Der rote Faden ist die Liebe und der unbedingte Wunsch, diese Fragen eines Tages nicht mehr stellen zu müssen. Weil Leute nicht mehr aus Kriegen, sondern nur aus Urlauben heimkommen. Weil an Stränden nur gebadet wird und im Meer nur Wasserbälle treiben.
Und deshalb steht am Ende so selbstverständlich „Goodnight, Day“ als Outro. Es macht wie das Intro mit a capella Gesang den versöhnlichen Weg frei zu den ganz eigenen Gedanken. Vielleicht auch zu einem erholsamen, versöhnlichen Traum.
Die Wahl-Berlinerin Nina Töllner aka Drunk at your wedding hat mit ihrem zweiten Album ein so berührendes, pralles und gleichzeitig so rundes Album veröffentlich, dass es fast schon wieder beruhigend ist, zwischen den Geschichten und Bildern die vielen popkulturellen Referenzen zu entdecken: Angefangen vom Namen des Projekts, das an diverse Sitcoms mit entsprechenden Szenen aber eben auch an den Smog Song „Your Wedding“ denken lässt.
Es ist schön zu sehen, dass Nina Töllner mit dem zweiten Album eine Heimat im Hause Bohemian Strawberry gefunden hat.