Interviewvorstellung #30: About my shelf

About my shelf

Coverbild Buch

Dieses Mal gibt es die Vorstellung eines Nicht-Interviews. Denn ehrlich: ein Gespräch oder Interview ist keiner der Texte, die in About my shelf die Bücher- und Plattentregale verschiedener Künstlerinnen vorstellen. Auch wenn sie im Titel als Interviews abgekündigt werden. Dafür fehlt aber jeglicher Bezug auf vorangegangene Fragen.

90% der Fragen sind nicht speziell auf den Gast gerichtet und könnten so auch fast jedem anderen Künstler im Buch gestellt werden.
Ein nachgerade plattes Beispiel ist eine Frage aus dem Text zu Frank Spilker von den Sternen:

Drei Bücher für die einsame Insel

Andere Beispiele sind die Fragen nach dem ersten selbstgekauften Album oder mit wem man mal gerne einen trinken gehen würde.
Es fehlt jegliche weiterführende eigene Interpretation der Antworten durch die Interviewerin.

Bevor jetzt aber jemand denkt, das wäre schlecht und der Text ein Verriss: nein und nein, ist er nicht.
Es ist ein Vergnügen, auf den Fotos die Buch- und Plattencover zu lesen bzw. zu versuchen, sie zu erkennen. Ein Hoch auf den Voyeurismus. Oder hättet Ihr gedacht, dass Cheryl Macneil von Dear Reader “Hoffnung wagen” von Barack Obama im Regal stehen hat. Und Linus Volkmann eine Platte von den Boxhamsters? Na gut, da sind die Duden auf seinem Ikea-Regal überraschender. Und Benedict Wells ist mir noch sympathischer, nachdem ich die kompletten Seinfeld-Staffeln in seinem Regal gesehen habe.
Die Texte selbst sind als Fragebogen konzipiert und bieten also einen nicht nur unterhaltsamen, sondern auch neuen Blick auf die Gäste. Das liegt sicher auch daran, dass sich die Fragen eng gesteckt um das Thema Bücher bzw. Platten(regal) drehen und damit eben diesen Lebensbereich des Gastes beleuchten.
About my shelf bestätigt mich also mal wieder in meiner Begeisterung für Interviews, die ein klar abgestecktes und etwas außergewöhnliches Thema haben.
Da das Buch ja eine Sammlung von Fragebögen ist, die verschiedene Künstlerinnen und Künstler gegenüberstellt, kommt es mitunter zu ganz wunderbaren Momenten. Frank Spilker auf die Frage, welche Romanfigur er gerne mal wäre:

Wer will denn schon der Protagonist aus dem neuen Houellebeqc sein?

Hendrik Otremba von der Band Messer auf die gleiche Frage, zwei Texte weiter:

Am liebsten Jed aus Karte und Gebiet von Houellebeqc

Tja, dabei sind doch beide von Musik und Einstellung eigentlich gar nicht soooo weit voneinander entfernt.
Dafür haben Frank Spilker und Valeska Steiner von der Band Boy beide Learning to love you more von Harrell Fletcher und Miranda July im Regal. Bei Valeska Steiner steht es neben Benedict Wells’ “Becks letzter Sommer”. Es werden nicht die einzigen Kreise sein, die sich da schließen.
Falls Ihr wissen wollt, welches Frank Spilkers Bücher für die einsame Insel sind? Hier die Antwort:

Die längsten und schwierigsten natürlich, in denen sich die Sprache am meisten verdichtet. Dantes Inferno wäre ein Kandidat. Das Kapital von Marx und Nietzsche vielleicht. Für Erbauungsliteratur wäre dann kein Platz mehr.

Und an dieser Stelle ist die Frage gar nicht mehr so trivial. Ich hätte so eine Lust, nachzufragen und mich mit Frank Spilker über die Bücher, Einsamkeit und das eigene Nachdenken zu unterhalten.
Das leistet About my shelf nicht. Aber es öffnet ein wenig die Tür zum Inneren der Künstler und Künstlerinnen. Und darüber hinaus bricht es eine Lanze für Fragebogenfragen. Wenn die Interviewerin offen für ein spontanes Thema ist, kann sie die Antwort für Nachfragen und ein philosophisches Gespräch nutzen, das die Tür in die Gedankenwelt des Gastes erstaunlich weit öffnet. Wenn sie das ganze Interview so offen und spontan gestaltet, ist das aber nicht nur sehr mutig, sondern auch wieder kein Interview. Denn dazu gehört ein Konzept, ein Thema, ein Plan, an dem sich die Interviewerin orientiert. Wenn sie aber ein Teil des Interviews auf einer so weitergeführten Fragebogenfrage aufbaut, ist das sehr reizvoll.


Gäste und Namedropping

 

Soul Kitchen im ndr

Kochen und Klönen mit Frank Spilker, Dolly Buster und anderen

Das im Fernsehen mittlerweile viel gekocht und geklönt wird, ist ja nichts Neues mehr – dazu habe ich schon einmal was geschrieben: HIER

Dieses Mal sei Euch eine Sendung im NDR ans Herz gelegt: Soul Kitchen. Gäste wie Dolly Buster oder Laura Karasek sind bei so einer Show ja nicht ganz so die Überraschung. Und die Ansage, dass hier eine ganz wilde Konstellation von Personen aufeinander trifft, auch nicht. Eine Fernsehaufzeichnung mit Kameras, Regieassistentinnen u.a. ist ansich schon Ausnahmesituation genug für ein Gespräch. Da müssen in der Regel nicht noch mehr Extreme provoziert werden.
Unterhaltsam ist Soul Kitchen aber doch, weil die Gäste weitgehend alleine und sich selbst überlassen werden.
Da gibt es reizende Momente, wenn zum Beispiel Dolly Buster ganz alleine in der Ecke steht, was so gar nicht zu ihr passt. Oder wenn Frank Spilker zur Gitarre greift, um ihr das neue Sterne-Album näher zu bringen und sie zu unterhalten. Sweet. Denn wer Frank Spilker mal getroffen hat, kann sich vorstellen, dass er wirklich wissen will, was sie dazu sagt.


Soul Kitchen im nor
Artikel zu Interviewformaten im Fernsehen auf peterfrau.de
Die Sterne

“Es gibt eigentlich keine dummen Fragen.”

Frank Spilkerr sitzt im SesselDie Sterne über Interviews

Nach bald 20 Jahren Bandgeschichte werfen die Die Sterne mit ihrer Musik ganz sicher mehr Fragen auf, als die nach der Bedeutung ihres Namens. Zum Beispiel die Frage nach der Hamburger Schule: Warum sie doch irgendwie dazu gehören und warum das aber eigentlich total langweilig ist.
Lohnt es sich da, für solche Fragen vor dem Konzert das Essen ausfallen zu lassen? Frank Spilker erzählt über seine Interviewerfahrungen im dritten Teil der Interviews über Interviews, das selbstverständlich auch zwischen Soundcheck und Essen stattfindet.

Ihr werdet sicher häufiger mit Interviewsituationen wie dieser konfrontiert: Das Interview findet vor dem Konzert statt und Ihr quetscht es zwischen Soundcheck und Essen. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie eng da der Zeitplan ist, beschreib doch bitte mal, wie so ein Tag aussieht.

Meistens reisen wir zusammen an. Der Stress entsteht dann oft dadurch, dass man große Zeitunterschiede hat zwischen den Konzerten. Das heißt, dass Konzerte oder Soundchecks mal sehr früh sind und andere wieder sehr spät. Wenn dann auf ein spätes Konzert ein sehr frühes folgt, hat man natürlich Probleme.
Und der andere große Faktor ist die Entfernung, die zurückzulegen ist. Wenn man bei 500 oder 600 Kilometern Strecke 7 Stunden auf der Autobahn verbringt, hat man natürlich viel weniger Tag. Das sind so die Faktoren.
Heute war es so, dass wir alle pünktlich da waren; rechtzeitig 16:00, obwohl wir erst 00:30 auf der Bühne stehen. Ich sag mal, da ist so ein Interview zwischendurch kein Problem. Das einzige, was ich immer ein bisschen schwierig finde, ist einen genauen Termin auszumachen. Wir haben zwar in unserem Plan stehen: 17:00-18:00 Uhr Soundcheck. Aber der dauert dann meistens noch eine halbe oder ganze Stunde länger. Und dann ja noch essen gehen…

Also ist es doch recht anstrengend?

Naja, es ist vor allem dann anstrengend, wenn sich alles verschiebt. Bei Festivals ist das gerne so, weil alle Journalisten gehen auf die Festivals. Das ist sehr effizient, weil da sind viele Bands und da muss man nicht jede einzeln aufsuchen. Das heißt, man kann dann 10 Interviews machen statt einem. Dementsprechend geht es den Bands dann auch so, dass man auf Festivals ganz viele Termine hat. Und wenn dann irgendetwas durcheinander kommt, dann gibt es Stress.

Aber zum Essen kommt Ihr schon noch?

(Frank Spilker antwortet mit einem ergebenen Lachen) Manchmal nicht. Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann.

Aber ist das nicht eine Situation, in der Ihr sagen könntet: ‘Auf das Interview verzichten wir jetzt, das wird zu stressig’?

Meistens ist es so, dass man eher sagt: Das Essen macht man nicht. Wir haben dann so das Gefühl, wenn man es vorher ausgemacht hat, ist es nicht fair, das dann abzusagen. Aber was dann gar nicht geht, ist, wenn dann noch jemand ankommt und spontan ein Interview machen möchte. (lachend) Der kriegt das dann ab.

Die Interviewanfragen laufen über Eure Promotionagentur. Ist das so ein Stück Arbeit, das Ihr abgegeben habt?

Man will sich auch nicht selbst promoten. Ich finde, man kann sehr viel in einem Geschäft selber machen, aber man kann sich nicht selber nach außen vertreten. Das ist sehr schwierig. Das widerspricht auch dem, was man als Künstler macht.

Aber Ihr entscheidet selbst, wie viele und welche Interviews Ihr macht?

Entscheiden? Klar. Es kann einen keiner zwingen. Wir haben ja sowieso die volle Kontrolle, weil wir ja auch die Leute bezahlen, die da für uns arbeiten und Interviews akquirieren. Und wenn wir sagen ‘Wir wollen das nicht’ dann gibt es niemanden, der sagt: ‘Ihr müsst’. Aber selbst wenn da eine große Plattenfirma ist und die hat viel Geld ausgegeben, kann sie letztendlich nichts machen, wenn da ein Journalist von der Tagesschau kommt, ein Interview machen möchte und der Künstler sagt nein. Obwohl jedem Künstler einleuchten sollte, dass ein Feature in der Tagesschau ganz gut wäre.

Hat sich Eure Sicht auf Interviews geändert, dadurch dass Ihr Euch selber vertreibt?

Nein. Überhaupt nicht. Unsere Sicht auf Interviews hat sich durch Erfahrung geändert. Letztendlich mit der ernüchternden Erfahrung, man kann nicht von einer Organisation… oder vom Image einer Organisation oder Zeitung ableiten, wie ein Interview wird. Das ist völlig von der Person abhängig, mit der man spricht. Du kriegst vorher keinen Hinweis, wenn Du sie nicht kennst.

Was sind denn dann Gründe für Euch, Interviews zu geben?

[…]

Das Interview kann bis auf Weiteres nur als Auszug zur Verfügung gestellt werden.

Das Interview wurde zuerst auf Justmag.net veröffentlicht.