Interview über Interviews mit: Honig

Interviews müssen nicht übel sein, sie können auch Spaß machen. Es ist aber definitiv kein Hobby von mir.

Wer sich gleich in die Nesseln setzen will, kann beim Interview mit Stefan Honig ja mal nach Biene Maja fragen. Unlustig. Spannender ist da, dass sich der Düsseldorfer in den vergangenen acht Jahren sehr kontinuierlich einen Platz im Indie-Pop erarbeitet hat. Vier Alben hat der Liedermacher zunächst solo und mittlerweile als Band veröffentlicht. Am Namen Honig hat sich dabei nichts geändert. Den Erfolg angestoßen hat sicher der Auftritt beim Haldern Openair 2012 zum zweiten Album „Empty Orchestra“. Damit hat er den einen Teil des Indie-Publikums in der Tasche. Den anderen Teil kriegt er mit dem dritten Album „It’s not a humming bird, it’s your father’s ghost“ und durch die Touren mit anderen Singer-Songwritern aka Tour of Tours.

2018 nun spielen Honig an einem wunderschönen September-Abend in Leipzig anlässlich der Veröffentlichung des vierten Albums „The last thing the world needs“. Zum Glück gibt es im Venue, dem Werk 2, einen Biergarten. Wir setzen uns also für das Interview raus. Stephan Honig hat mit seinem entzündeten Hals zu kämpfen, was für ein Gespräch nicht förderlich ist, aber er hält durch und spricht sogar ausführlich.

Interview am 18.09.2018, Leipzig Werk Zwei

Das Interview habe ich über Deine Promo-Agentur ausgemacht. Hast Du jetzt gewusst, was Dich erwartet?

Nicht speziell. Es wurde an mich rangetragen. Wenn wir auf Tour sind, gibt es immer einen Plan, wann Interviews sind und dann mache ich die.

Hinterfragst Du das auch manchmal? Möchtest Du vorher wissen, was oder wer da kommt?

Nee. Meistens sind die Interviews ja gleich. Es ist selten, dass das aus der Rolle fällt mit einem ganz anderen Konzept wie bei Dir jetzt. Ich weiß schon meistens, was da passiert und welche Fragen da kommen. 


Oha, Enthusiasmus klingt anders…

Ach, das hat damit nichts zu tun. Aber ich muss mich nicht auf die Interviews vorbereiten oder einstellen. Es kann durchaus mal enthusiastisch sein, wenn die Leute nett sind und sich ein gutes Gespräch entwickelt. Es kann aber auch ermüdend sein. Dann nämlich, wenn nichts passiert und nur Ja-Nein-Fragen abgearbeitet werden. 

Die Sinnfrage im Interview 1

Natürlich habe ich Interesse, aber die Fragen gehen ja über mich… Ich kenne die Antworten und wüsste nicht, wo da mein Interesse noch sein sollte.


Was ist dann ein Grund für Dich, Interviews zu geben?

Naja, wir sind ja auf Tour und wollen ein Album promoten. Das ist der Sinn.

Also tatsächlich erst einmal Werbung

Fällt Dir etwas ein, was noch ein Grund sein könnte?

Hmm… Interesse?

Also, natürlich habe ich Interesse, aber die Fragen gehen ja über mich… Ich kenne die Antworten und wüsste nicht, wo da mein Interesse noch sein sollte.

Manchmal sind die Reaktionen aber auch, dass Bands sich freuen und feststellen, dass sie sich erst während des Interviews über etwas Bestimmtes Gedanken gemacht haben und entsprechend etwas mitnehmen.

Ja na klar. Das meinte ich auch mit „dass sich ein Gespräch gut entwickelt“. Das passiert aber viel zu selten und ist eher eine positive Überraschung. Ich habe auch kein großes Bedürfnis zur Selbstdarstellung oder rede besonders gerne über uns. Wenn natürlich jemand nett über uns berichten möchte, habe ich selbstverständlich ein Interesse daran, dass das an die Öffentlichkeit oder das Publikum oder die Kundschaft kommt. Es ist aber zu oft dasselbe, als dass ich mit allzu großen Erwartungen an ein Interview herangehe. Und dann kommt dazu, dass man häufig hinterher das Interview liest und nicht das Gefühl hat, richtig verstanden worden zu sein. Da werden Sätze nur halb zitiert und man denkt sich: „Na, so war das jetzt aber nicht gemeint“.

Zitate in Interviews

Live-Interviews mag ich gerne. Gerade heraus quatschen. Da fühle ich mich am wohlsten.

Merkst Du das schon während des Interviews, dass es sich nicht gut anfühlt, oder erst bei der Veröffentlichung? 

Nee, bei der Veröffentlichung. Meistens sind das Interviews, bei denen nicht aufgenommen wird, sondern sich die Leute Notizen machen. Dann werden Sachen vielleicht nicht komplett inhaltlich verfälscht, aber mir als wörtliche Rede in den Mund gelegt, wie ich sie nie sagen würde. 

Wie stehst Du dann zur Autorisierung? 

Ob ich das dann freigebe? Naja, wenn es nicht so wild ist, mache ich da keinen Aufstand. Aber wenn ich mich total misrepräsentiert fühle, sage ich schon etwas. Wenn ich denn die Gelegenheit habe. 

Und die hast Du nicht immer?

Hin und wieder schon, aber es ist nicht die Regel, dass ich die Interviews noch einmal vorher lese.

Würdest Du Dir das wünschen? 

Also… (Überlegt) Wenn jemand beim Gespräch nur Notizen macht und daraus das Interview schreibt, würde ich das schon gerne vorher noch einmal lesen. 
Meistens ist dafür aber auch gar nicht die Zeit. Gerade auf Touren passiert das zwischen Tür und Angel und dann ist man schon wieder in der nächsten Stadt. Da vergisst man das.  

Das klingt, als wären Interviews eher so ein notwendiges Übel, das man halt nebenbei mit macht. 

Es muss nicht übel sein, es kann auch Spaß machen. Es ist aber definitiv kein Hobby von mir.

Wenn es um das falsch zitieren geht, betrifft das ja in erster Linie verschriftlichte Interviews. Wie empfindest Du denn live gesendete Interviews?

Oh, die mag ich gerne. Gerade heraus quatschen. Da fühle ich mich am wohlsten. Da kann ich mich so präsentieren, wie ich präsentiert werden möchte. 

Hast Du da schon mal bereut, etwas gesagt zu haben?

Nö. Und wenn ich wirklich mal irgendwelchen Quatsch erzähle, kann ich das ja direkt wieder korrigieren.

Merkst Du das denn direkt in der Situation oder erst, wenn es zu spät ist, und das Mikro aus?

Also, das kommt ja generell gar nicht so oft vor und wenn, dann sag ich das direkt in der Situation. Ich schaue oder höre mir die Interviews ja hinterher auch gar nicht an. Da würde es mir also sowieso nicht auffallen. 

Wenn Du schon so schön festgestellt hast, dass die Interviews häufig gleich ablaufen, wie würdest Du denn den Ablauf beschreiben?

Was heißt Ablauf. Es sind eben häufig die gleichen Fragen. Das Thema ist halt nicht so breit. Es geht es um Albumtitel, Cover und dann kommen meist die Punkte, die in den ersten Presseinfos standen: dass ich Kindergärtner war, dass ich für die Musik den Job geschmissen habe und dass ich früher Heavy Metal gemacht habe. 
Das sind eben die langweiligen Interviews, bei denen immer das gleiche kommt. Spannend wird es, wenn jemand nicht dauernd auf den Zettel schaut und man ein bisschen ins Reden kommt.

Wie würdest Du das denn machen, wenn Du selbst ein Interview mit einer Band führen würdest?

Schon genau so: Ich würde keine Fragen stellen, die nur an der Oberfläche kratzen, keine Fragen, die sich einfach mit Ja oder Nein beantworten lassen und dann fertig sein. 
Aber ich habe auch noch nie eine Band interviewt.

Die Sinnfrage im Interview 2

Die Hintergründe machen manchmal auch die Musik kaputt, finde ich. Es ist auf jeden Fall kein Bonus-Wissen. Wenn mich Musik richtig berührt, mag ich es viel mehr , wenn sie einfach für sich steht und nicht mit Gesichtern und Geschichten gefüllt wird.

Würdest Du es gerne machen?

(lacht) Da sehe ich mich nicht. Ich interessiere mich für Musik, aber ich muss nicht unbedingt wissen, was die Bands darüber hinaus denken. Die Musik reicht mir völlig aus. Ich lese auch nie Interviews von Bands, die ich gerne mag. Das hat mich nie so interessiert.

Auch nicht, als es die Informationen zu den Bands noch nicht so verfügbar im Internet gab und man für bestimmte Hintergründe auf die Interviews angewiesen war?

Naja, ich hatte schon Musikzeitschriften abonniert. Da ging es mir aber eben eher um Neuigkeiten: Wer bringt wann ein neues Album raus oder wer geht wann auf Tour. Seit man diese Informationen ganz leicht übers Internet bekommt, kaufe ich mir kaum noch Zeitschriften.
Die Hintergründe machen manchmal auch die Musik kaputt, finde ich. Es ist auf jeden Fall kein Bonus-Wissen. Wenn mich Musik richtig berührt, mag ich es viel mehr , wenn sie einfach für sich steht und nicht mit Gesichtern und Geschichten gefüllt wird. 

Es gibt ja nicht nur Interviews, die sich mit Bandmitgliedern als Personen befassen. Findest Du es legitim oder eine Verantwortung von Kunstschaffenden, sich auch zu anderen Themen als ihrer Kunst zu äußern? 

Ich will ihnen nicht die Legitimität absprechen. Gar nicht. Aber ich denke, dass sie das nicht unbedingt machen müssen, vor allem, wenn sie nicht voll durchinformiert sind. Dann ist es weise, das auf der Bühne eher neutraler zu gestalten als Halbwahrheiten zu verbreiten. 
Das merke ich auch bei mir: Ich fühle mich nicht dazu berufen, von der Bühne aus den politischen Aufklärer zu geben. Es ist sicher auch fraglich, wie sinnvoll das wäre: Man kann ja in der Regel nur Zwei-Satz-Statements abgeben und das wird dem, was man sagen will, nie gerecht. Außerdem kommen die Leute, die uns hören und die das erreicht, doch aus einer ähnlichen Blase wie wir und wissen das ohnehin.

Dann halten wir also fest, dass Dir Interviews inhaltlich in der Regel nicht so viel geben. Oder nur in Ausnahmefällen, was dann aber auch am Interviewer liegt. Da gibt es ja ganz unterschiedliche Typen: einmal so kumpelhafte Typen, dann eher professionell-distanzierte Interviewer aber auch Interviewer, die Freunde der Band sind und für ein Magazin arbeiten, für das sie dann ein Interview machen. 

Ja, es gibt natürlich schon verschiedene Typen von Interviews: Ganz schlimm finde ich die Interviews, bei denen sich der Interviewer nicht vorbereitet hat und nicht weiß, worüber er sprechen soll. Bei denen entsteht dann kein interessanter Gesprächsfluss, und der Interviewer spult seine Fragen einfach ab, am besten solche wie „Warum singst Du auf Englisch?“. So eine Frage führt ja nie irgendwo hin. Dann gibt es noch die Interviews, die zwar sehr professionell und seriös sind, aber unterkühlt bleiben. Da wird gesiezt, die Fragen sind gut, aber das ist auch nichts, wo ich sage: „Wow, cool. Das war super“.Und dann gibt es die Interviews, bei denen einem jemand entspannt gegenüber sitzt und man auf gleicher Augenhöhe miteinander spricht. Wenn sich da aus einer Frage ein ganzes Gespräch entwickelt, ist das toll. 

Auf das Mediun kommt es an

Wobei ich schon auch die Frage nach dem Albumtitel verstehe. Den stellt man in den Raum und dann ist das eben eine legitime Frage. Wenn es aber viel tiefer geht, ist es vielleicht auch nicht nötig, das zu erklären.

Setzt das voraus, dass die Interviewer Fans sind? 

Gar nicht. Die können sich auch kritisch mit der Musik auseinandersetzen. Wenn das respektvoll passiert, habe ich da gar nichts dagegen. Das sind dann häufig sogar die interessanteren Fragen. 

Sind Dir noch Interviews in Erinnerung, bei denen das so geklappt hat?

Ach klar. Das passiert schon immer wieder. Bei Fritz FM war ich schon ein paar Mal und jetzt für die Tour auch. Das war wieder sehr gut. Auch die Geschichte bei Radio Eins. Oder heute bei Detektor FM. Da merkt man, dass die das mit einer Leidenschaft machen. 

Da kommen dann auch nicht so Fragen danach, warum Du auf Englisch singst. Aber kommt das häufiger vor, dass Du Deine eigene Kunst selbst erklären musst? Ist das ein gängiger Ansatz?

(Lang gedehnt) Jaaa. Das kommt schon vor und das sind auch die Fragen, die ich nicht so gerne mag. Wobei ich schon auch die Frage nach dem Albumtitel verstehe. Den stellt man in den Raum und dann ist das eben eine legitime Frage. Wenn es aber viel tiefer geht, ist es vielleicht auch nicht nötig, das zu erklären. Wir machen eben die Musik, die wir machen.

Hast Du schon mal Interviews abgelehnt oder was müsste passieren, damit Du ablehnst?

(Ohne nachzudenken) Na wenn mich ein Nazi-Magazin interviewen will, würde ich ablehnen. … Oder die Bild-Zeitung. 

Warum die?

Weil das für mich ganz schrecklicher Journalismus ist und ich in dieser Zeitung nicht erwähnt werden möchte. Ich will da einfach nicht stattfinden. In meiner Welt existiert die gar nicht, weil ich diesen ganzen Boulevard und das Dramatisieren überhaupt nicht mag. Ich würde auch nie zu irgendwelchen RTL-Sendungen gehen.
(Lacht) Aber die fragen mich ja auch nicht. Deswegen ist alles gut.

Und für so etwas wie das Deutsche-Bahn-Magazin… könntest Du Dir das vorstellen? 

Naja, das ist schon auch ein schlimmes Blatt. Aber wenn man da zum Beispiel eine Werbegeschichte hat, könnte mich die Promoagentur vielleicht dazu überreden, weil es ja recht harmlos ist. Meine Promoagentur hatte wohl sogar gefragt, ob wir etwas mit dem Kölner Express machen sollen. Das habe ich aber gleich abgelehnt und gesagt, dass sie die gar nicht fragen müssen. 

Den Express kennt man ja noch und kann ihn meiden. Aber bei anderen Anfragen, muss man vielleicht erst einmal schauen, was das für ein Medium ist.

Das ist eigentlich recht überschaubar. Bei so einer Tour steuern wir ja auch Medien an, bei denen wir schon öfters waren. Da gibt es eher weniger Überraschungen. 

Wieviele Interviews gibst Du denn auf so einer Tour?

Naja, wenn die Tour so zwei oder drei Wochen dauert, ist das vielleicht jeden zweiten Tag ein Interview. Mal sind es drei an einem Tag, dann mal wieder keines und so verteilt sich das gut. 

Und nach Detektor FM war das hier heute wohl das zweite. Ich danke Dir, dass Du das trotz Deiner geschundenen Stimme gemacht hast. Ich hoffe, Du kannst sie vor dem Konzert noch ein wenig pflegen. Gute Besserung.

Honig im Netz

Radiosender

Discographie

Treehouse (2007)

Empty Ochestra (2012)

It’s not a hummingbird, it’s your father’s ghost (2014)

The last thing the world needs (2018)