Interviewvorstellung #36: Sookee bei Freitag.de

Bitte erklären Sie.

freitag logo

Aus gegebenem Anlass will ich heute ein Interview mit Sookee vorstellen. Die Berliner Rapperin hat gerade ein neues Album veröffentlicht und die Gelegenheit habe ich genutzt, um mich einmal durch die verfügbaren Artikel und Interviews zu wühlen. Eines davon hat Jan Rebuschat vor einigen Jahren für den Freitag geführt. Seine Ansprechhaltung steht exemplarisch für viele Interviews und lässt sich überschreiben mit: „Lieber Gast, erkläre mir bitte einmal…“.
Was bedeutet das? Der Interviewer formuliert tatsächlich fast ausschließlich Fragen (anstelle von Aussagesätzen oder Kommentaren), gerne auch W-Fragen. Zum Beispiel:

„Welche aktuellen Rapper finden Sie diesbezüglich besonders problematisch?“
„Weshalb haben kontroverse Rapper (wie z. B. Bushido und Haftbefehl) solchen Mainstream-Erfolg?“

An diesen Beispielen wird deutlich, welche Wirkung die Fragen haben. Sie fragen gezielt nach der Meinung und den Ansichten des Gastes. Sie lassen den Gast erklären und blenden dabei die Ansichten des Interviewers aus. Selbst in den Fällen, in denen Jan Rebuschat seine recherchierten Informationen oder weiterführende Gedanken in die Frage einbaut, steht am Ende eine Frage an die Rapperin, d. h. sie kommen vor allem in Form von Plattformfragen (M. Haller) vor und werden der Frage vorangestellt. Zum Beispiel:

„Zwar hat Rap schon seit Jahren den Mainstream erobert, doch in den Medien wird meist über die negativen Aspekte berichtet. Stichworte: Gewalt, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus. Welche sind Ihrer Meinung nach die größten Probleme des aktuellen deutschen Rap?“

“Marcus Staiger kritisierte kürzlich, dass er auf einer Zeckenrapgala war und dort ca. 99 % Deutsche und nur ca. 1 % Menschen mit Migrationshintergrund gewesen seien. Er führte dies auf einen gewissen Snobismus der deutschen Linken gegenüber der Arbeiterklasse zurück. Was sagen Sie dazu?”

Damit bleibt der Austausch recht einseitig. Das Interview ist dann keine Diskussion auf gleicher Augenhöhe, sondern eher eine Art Expertinnengespräch, bei dem die Rollen ungleich verteilt sind. Es zwingt den Gast dazu, sich auf Meinungen und Einschätzungen festzulegen, an denen er sich eventuell messen lassen muss. Unter Umständen kann das Druck aufbauen, wenn der Eindruck entsteht, der Gast würde „ausgequetscht“.
Das passiert hier bei Sookee allerdings nicht. Im Gegenteil, die Rapperin ist ja sehr meinungsstark und freut sich über die Gelegenheit, sich äußern zu dürfen. Dabei spricht Jan Rebuschat durchaus interessante Argumente und Aspekte an, z. B. die Kritik von Marcus Steiger an der Kultur der Rap-Szene. Wenn der Interviewer diese Bemerkungen in eigene Erfahrungen und Interpretation eingebaut hätte, hätte sich sicher eine sehr interessante Diskussion von zwei KennerInnen der Szene ergeben. So aber gibt er die Zitate mit der Bitte um einen Kommentar an Sookee zurück und vergibt sich die Chance für die Diskussion ein wenig.
Bei einem so wortstarken Gast wie Sookee entsteht aber auch so ein sehr interessantes und informatives Gespräch.


Interviewtipp: Sookee bei Corso im Deutschlandfunk

Vor einigen Tagen, am 17.3., ist das aktuelle Album von Sookee erschienen: „Mortem & Makeup“. Sookee gibt in den Liedern Begriffen wie „Schrank“ und „Hüpfburg“ eine politische Bedeutung. Ich finde hervorragend, mit welcher geradlinigen Haltung und Selbstverständlichkeit sie so politische Musik macht.
Es scheint fast ein Frevel, mit ihr nicht über die Texte und ihre Aussagen zu sprechen. Ein sehr gutes Gespräch ist das Interview bei Corso im Deutschlandfunk. Christoph Reimann fragt und sagt nicht einfach nur: „Was bedeutet das…“ und „Wollen Sie damit sagen, dass….“. Er findet weitergehende Fragen zur Position der Rapperin, wie zum Beispiel, dass sie eventuell bei ausgesprochen links-queeren Veranstaltungen eher „preaching to the converted“ betreiben könnte, als wirklich diskutieren. Das gibt Sookee die Gelegenheit, sehr elegant den Deutschlandfunk, bei dem sie eben spricht, als bestes Gegenbeispiel zu nennen.
Spannend ist das Gespräch über die Texte aber auch, weil hinter ihnen Theorien und Konzepte stehen, die Sookee inspiriert haben, und so macht das Interview auch deutlich, wie bewusst sie als Künstlerin ist.


Interviewvorstellung #34: Gero von Boehm bei DAS

DAS sind Stichpunkte

DAS

Also eigentlich würde ich DAS, die Talk-Sendung im Vorabend des ndr nicht als klassisches Interview bezeichnen. Es sind Gespräche. Maximal sind die 30 Minuten Plauderei Beispiele für portraitierende Interviews zur Person: Einspieler und Spielchen schaffen eine entspannte Atmosphäre und das Ziel ist, den Gast vorzustellen und möglichst nahe zu zeigen. Das ist eine eher unterhaltsame Spielart des Interviews, deren Mehrwert stark davon abhängt, wie sehr man sich für den Gast interessant. Damit ist es das Gegenteil eines rein sachbezogenen Interviews, bei dem Fachleute zu einem Sachthema gefragt werden.

Continue reading “Interviewvorstellung #34: Gero von Boehm bei DAS”

Interviewvorstellung #33: Laurie Penny im Neon Magazin

No means No – Gegenargumente galore

Lasst uns heute mal PR im Interview machen. Im Neon-Magazin gab es ein Interview mit Laurie Penny. Die Autorin ist ja eine hervorragende und sehr engagierte Rednerin mit sehr klaren und starken Aussagen. Was ließe sich also besser nutzen als ein Interview, um ihr die Gelegenheit zu geben, diese Aussagen an das Publikum zu bringen. 

Das ist überhaupt nicht ketzerisch gemeint, sondern freut mich im Falle von Laurie Penny einfach. Im Übrigen ist das Interview, das Meredith Haaf für Neon 8/2015 geführt hat, ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich Gast und Interviewerin in Good-Cop-Bad-Cop-Manier die Bälle zuspielen. 

Continue reading “Interviewvorstellung #33: Laurie Penny im Neon Magazin”

Interviewvorstellung #32: Strand Child in der Solaris Empire Lounge

Guten Tag, wer sind Sie denn?

Solaris EMpire Lounge Logo

Wann ist die Interviewerin eine Interviewerin? die Jobbeschreibung sieht vor, dass eine Interviewerin das Gespräch zu leiten hat, es in eine Richtung lenken soll und entsprechend wissen muss, was sie erfahren will. Was aber passiert, wenn sie diesen Plan nicht hat und ziemlich frei in das Gespräch geht? Das zeigt Kitty Solaris auf Kirkuss Radio.

Sie trifft dort zusammen mit Susann Kirkuss regelmäßig Gäste zum Gespräch für die Sendung Solaris Empire Lounge. Ob sie sie die Gäste aber auch interviewt, möchte ich am Beispiel der Sendung mit Strand Child überlegen.

Continue reading “Interviewvorstellung #32: Strand Child in der Solaris Empire Lounge”