Interviewvorstellung #28: Serdar Somuncu bei Katrin Bauerfeind assistiert

Herausgefordert!

Ein klassisches Interviewformat ist Bauerfeind assistiert… mit Sicherheit nicht. Dass Katrin Bauerfeind zwischen Kaffee holen und Besorgungen machen immer noch Zeit für interessante Gespräche findet, reicht als Grund wohl nicht aus, hier eine Folge vorzustellen. In der Folge mit Serdar Somuncu wird das Gespräch aber einem konventionellen Interview gegenüber gestellt. Und das ist dann sehr wohl ein guter Grund für die Vorstellung und die Überlegungen zur Rollenverteilung im Interview.

Die arme Interviewerin in der Folge bekommt den Serdar Somuncu zu spüren, von dem Katrin Bauerfeind sagt, dass sie vor ihm Angst hat. Er lässt die Moderatorin für sich die Antworten geben, was aber auch schon fast nichts mehr macht, weil die Interviewerin über mehr als zwei Fragen ohnehin nicht hinauskommt. Da hat Serdar nämlich schon komplett abgeschaltet und sich mit Katrin Bauerfeind zum tuscheligen Zwiegespräch zurückgezogen.
Die Interviewerin versucht trotzdem weiterhin tapfer, ihren Plan durchzuziehen und ein Interview mit der traditionellen Rollenverteilung zu führen. Im direkten Vergleich mit der deutlich interessanteren Rolle, die Katrin Bauerfeind als Assistentin einnimmt, muss sie damit aber leider scheitern. Die Rollenverteilung zwischen Interviewerin und Gast spielt hier eine so große Rolle, weil sie die Erwartungen bestimmt, mit denen Serdar Somuncu an das Gespräch herangeht. Von der konventionellen Interviewerin hat er nicht viel zu erwarten. Schon tausend Mal hat er seine Kunst erklärt und über seine Programme gesprochen. Auch das Setting verspricht keine Überraschung oder gar Dynamik: das obligatorische Aufnahmegerät liegt auf dem Tisch. Vermutlich war der Zeitrahmen mit ca. 30 Minuten und das Thema mit dem aktuellen Buch festgelegt.
Deutlich mehr Spaß verspricht da das Konzept von Katrin Bauerfeind: nicht nur, dass sie ihn begleitet und deutlich mehr Zeit ihm verbringt. Sie taucht auch nicht explizit als Interviewerin auf, sondern als Assistentin. Natürlich ist klar, dass der Tag dokumentiert und Raum für interviewähnliche Gespräche lassen soll, die Assistentinnenrolle also ein Fake ist. Trotzdem macht so ein Rollenspiel das Gespräch erst einmal interessanter und den Gast offener. Es signalisiert ihm: Wir machen mal etwas Neues und nicht Schema F.

Im Interview ist normalerweise klar, was vom Gast erwartet wird: Er muss Fragen beantworten, sich und evtl. seine Institution repräsentieren. Das bietet Raum für Standardformulierungen und ein vorgefertigtes Image, weil der Gast sich vorher überlegen kann, welche Themen und Äußerungen er unterbringen möchte.
Vor allem ein Gast wie Serdar Somuncu, der gerne den kompromisslosen Provokateur gibt, muss durch Überraschungen herausgefordert werden. Wenn er mit Standardsituationen konfrontiert wird, kann er die Erwartungen, die an ihn gestellt werden natürlich leicht bewusst missachten. Entsprechend ist die wunderbarste Szene der Folge, die, in der Katrin Bauerfeind in Serdar Somuncus Namen an den Gästelisterschnorrer textet: “Ja Du Spacken, natürlich ist die Frage unverschämt”. Da scheint Serdar tatsächlich zu schlucken und Katrin Bauerfeind hat einfach mal zurückgeschossen. Damit ist sie interessanterweise aus ihrer Rolle der Assistentin ausgebrochen. Damit hat sie den Überraschungseffekt, der die Gäste auf positive Weise herausfordert.
Es lohnt sich also, einmal bewusst einen andere Rolle im Interview einzunehmen, als die der konventionellen Interviewerin. Noch mehr lohnt es sich aber, den Rollenerwartungen auch einmal zu widersprechen.


 

  • Die Folge Bauerfeind assistiert… Serda Somuncu auf zdf,de
  • Die Homepage von Katrin Bauerfeind
  • Die Homepage von Serdar Somuncu

Kessler ist.. und alternative Interviewformate

kessler ist
Kessler ist…

Das ist ein Interview und man merkt es gar nicht. Mittlerweile gibt es fast mehr Promi-Doku-Shows als Promis. Das inzwischen wieder eingestampfte Kuttner plus Zwei, Bauerfeind assistiert, Anke hat Zeit… Und jetzt Kessler ist…, ein neues Format auf ZDF Neo. Das heißt, so neu eben nicht, denn wie bei den anderen drei geht es darum, die wahre Persönlichkeit des Promi-Gastes freizulegen, den Promi als Person greifbar zu machen. Als Mittel dient das einfühlsame oder originelle oder auch herausfordernde Gespräch. Immer angereichert mit fernsehtauglichen Elementen wie kochen, Show-Acts oder Kostümierung (wie jetzt bei Kessler ist…).
Ich finde das super. Ich habe nichts dagegen, nach verborgenen Facetten von Menschen zu graben. Ich habe auch nichts dagegen, mich auf Menschen im Gespräch einzulassen.
Solche Formate – auch mit Show, Spiel und Spaß – gibt es schon lange und sehr lange mit: Zimmer frei, Inas Nacht, TV Noir.
Sie sind erstens eine Gratwanderung (wer Eierlaufen macht, kann sich nicht gleichzeitig substanziell unterhalten). Und zweitens zwingen sie uns, den Begriff des Interviews zu hinterfragen. Ist das noch Interview oder Kindergeburtstag oder Therapeutengespräch?

Das Interview ist meiner Meinung nach nur das reine Gespräch. Alle Show drumherum bildet nur die mehr oder weniger guten Voraussetzungen.
Deswegen wird auch nach wie vor das beste Sendungskonzept und die beste Promi-Eisbrecher-Strategie nichts nutzen, wenn die Interviewerin nicht funktioniert.

Kessler ist… läuft heute Abend in der ersten Sendung auf ZDF Neo. Auf dradio Corso hat er ein wenig über das Fragenstellen sinniert:

Hier der Link


 

Michael Kesslers offizielle Homepage

TV Noir offizielle Homepage
Bauerfeind assistiert bei 3Sat
Kuttner plus Zwei beim  ZDF
Anke hat Zeit bei 3Sat
Zimmer frei beim WDR
Inas Nacht beim NDR

Interviewvorstellung #9: Katrin Bauerfeind bei planetinterview.de

Auf einer ICE-Fahrt habe ich in den Archiven des Internets gestöbert und hatte zum Glück auch die Zeit, mal wieder etwas zu tun, was ich schon viel zu lange nicht mehr getan habe: Eine Interviewanalyse schreiben. Auf Planetinterview.de gab es ein schönes Gespräch mit Katrin Bauerfeind. Da sie diese Woche Geburtstag hatte, ein besonders schöner Anlass für eine Analyse. Bitteschön und herzlichen Glückwunsch.

Planet Interview
Planet Interview

Das Interview, das ich vorstellen möchte, steht leider auf dem falschen Blog. Es ist ein Interview mit Katrin Bauerfeind veröffentlicht auf Planetinterview.de. Zumindest in Teilen könnte und müsste es aber hier bei Interview über Interviews stehen. Schon die dritte Frage geht so:

„Was darf man nicht fragen?”.

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Interviews im Pop #2: Bauerfeind

Bauerfeind

Moderatorin: Katrin  Bauerfeind

Bekannt wurde sie mit der naiv anmutenden, aber sicher ehrlich gemeinten Frage, wie man in den Keller von Horst Seehofer kommt. Denn sie sorgte dafür, dass René Pfister der Henri-Nannen-Preis aberkannt wurde.

Nach diesem Coup, Texterin für Harald Schmidt und Moderation der Bambi-Verleihung präsentiert sich Katrin Bauerfeind als eigene Marke in ihrer eigenen Sendung.

Konzept/ Kulisse: freundlich aber investigativ präsentiert Katrin Bauerfeind jeweils 28:30 Minuten ihre Gäste möglichst menschelnd. Dabei perfektioniert sie die vStrategie der naiv anmutenden, aber sicher ehrlich gemeinten Frage und füllt damit die Lücke, die Charlotte Roche als Interviewerin hinterlassen hat und die Sarah Kuttner nicht füllen konnte: Fragen, die sich die Moderatorin bei der Auseinandersetzung mit dem Gast selbst stellt, an den Gast weitergeben. Mitunter vergisst sie aber doch ihre Rolle als Gesprächsführerin und die Funktion einer Interviewstruktur.

Die Gäste:  kommen aus allen Bereichen, die nach Pop und Unterhaltung riechen: Comedy, Musik und RTL. Dank des charmant-lockeren Gesprächstons lernt man so omnipräsente Personen wie Michael Mittelmeier oder Peter Klöppel mal etwas anders kennen, aber vor allem lernt man auch Katrin Bauerfeind kennen.

Sonst so: Katrin Bauerfeind hat wohl keinen Vertrag mit der Obstfirma, misst die 28:30 Minuten aber mit iPhone.

Kurz + Knapp: 28:30 Minuten, alle zwei Wochen auf ZDF.kultur

zdf.de

Olli Schulz bei Katrin Bauerfeind

Olli Schulz bei Katrin Bauerfeind

Ich hab’s schon wieder getan!

Ich habe noch eine Folge Katrin Bauerfeind geschaut. Zu meiner Verteidigung: Erstens, sie war sehr lustig. Und sie war zweitens mit Olli Schulz (deswegen Erstens).

Sie hat ja eine sehr nette Art, Fragen zu stellen, die erst ein wenig unbeholfen wirken, am Ende aber die InterviewpartnerInnen zum Reden bringt. Ganz einfach, weil sie sie direkt nach Selbsteinschätzungen fragt.

Bei Olli Schulz geht das so:

Olli S.: „Es ist ja eigentlich ein arroganter Spruch, wenn man sagt, die Dummen sind glücklicher als die Intelligenten. Es gibt ja auch hochintelligente Menschen, die immer glücklich sind.“

Katrin B.: „Bist Du ein glücklicher Mensch?“

Olli S.: „Nein!“

Ganz hervorragend ist aber auch das entlarvende Ende: Olli Schulz zeigt nach einem entspannten Gespräch über widerliche und nette Menschen, dass er nicht weiß, in welche Sendung sein Manager ihn da geschickt hat. Katrin Bauerfeind bringt ihre kurz vorm Entgleisen stehenden Gesichtszüge wieder auf Kurs und kontert mit „Bist Du unzufrieden?“ Super.

Hier das ganze Interview:

zdf.de

Und morgen, am 8.8.2013 auf zdfKultur