Reportage statt Interview

Das Interview, das eine Reportage werden wollte

Das Interview gilt ja als authentischste Darstellungsform im Journalismus. am authentischsten ist es aber immer noch, wenn es schiefgeht. Richtig schiefgegangen ist es zwar nicht – das Interview mit zwei JournalistInnen der Zeit und zwei Mitgliedern der Pressegruppe der Roten Flora in Hamburg. Als Teil der linken Bewegung sollten sie Einblick gewähren in die Szene, die vielen LeserInnen der Zeit ferner ist, ist als sie sich fühlen wollen. Das Treffen findet statt. Es muss wohl auch ganz gut gewesen sein. Aber ein Interview gibt es nicht – dafür viele, viele gestrichene und redigierte Antworten, die die Redaktion nicht mehr alle drucken mag.

Zeitungsausschnitt
Was vom Interview noch übrig blieb.

Einer der wunderbaren, zentralen Sätze ist:

„Vermutlich erzählt die Geschichte eines zurückgezogenen Gesprächs mehr. Zum Beispiel, wie unmündig man in jener Szene werden kann, die Bevormundung so verachtet“.

Großartig ist der Satz, weil er zeigt, wie die beiden Links-Autonomen um verbindliche Aussagen ringen. Das möchte die letztendlich veröffentlichte  Reportage. Darüber hinaus zeigt er aber auch das Ringen der JournalistInnen darum, die Kluft zwischen sich und dem „Berichtsgegenstand“ zu überbrücken. Er zeigt (neben anderen Sätzen), das Ringen darum, etwas zu verstehen, um es anderen verständlich zu machen. Und so können sich die JournalistInnen sich nicht hinter einem Text, einem Bericht verstecken, sondern beweisen: Das Interview zeigt nicht nur immer die Interviewten, sondern immer auch die Interviewenden. Im Fall der Zeit-RedakteurInnen heißt das: maximale Distanz zu den Interviewten.