Interviewvorstellung #19: Sandra und Kerstin Grether bei Hinterdenbruesten.de

Verschwesterung im Pop

Heute möchte ich einmal gelebte Inhalte vorstellen, die als Interview daher kommen.

Frauen Riot Grrrls
Vier Frauen und ihre Energie

Im Gespräch zwischen Debbie, Theresa (hinterdenbruesten.de), Kerstin und Sandra Grether (Pop-Allrounderinnen) geht es um Riot Grrrrl. Das ist ja schon erst einmal ein Super-Thema für ein Interview.

Man könnte darüber diskutieren, inwieweit sich neuere Riot Grrrl Bands wie Tikkle Me oder Schnipo Schranke von Bands wie Bikini Kill etc. unterscheiden und unterscheiden müssen. Oder darüber, ob sie überhaupt Riot Grrrl sind. Ob Bands wie Boy Riot Grrrl sind, “nur” weil sie Frauen sind. Man könnte auch den politischen und musikalischen Werdegang von Kathleen Hannah analysieren und die Auswirkung auf die Popkultur.

Das passiert hier alles nicht. Stattdessen nehmen Debbie und Theresa ein Konzert von Julie Ruin zum Anlass, sich mit Sandra und Kerstin Grether zum Gespräch zu treffen, um sich von den First-Generation Riot Grrrls erzählen zu lassen, wie das war.

Das Interview will also vor allem Eines: Dokumentieren und Festhalten, um es weiterzugeben.

Frei von jeder akademischen Analyse zeigen die vier Frauen während sie erzählen ganz toll, worum es bei Riot Grrrl geht und demonstrieren damit das Thema des Interviews. Es geht um Netzwerke, gegenseitige Unterstützung und immer wieder um das Aufmerksam-Machen. Aufmerksam machen darauf wie wichtig es ist, Frauen an die Instrumente zu holen, wo sich Sexismus im Alltag zeigt und wo er sich im Popkontext auch immer noch zeigt. Immer wieder und an allen Stellen darauf aufmerksam zu machen, ist so wichtig, um das Thema Feminismus aus seiner Nische zu holen und zum Konsens zu machen.

Deshalb ist das Interview kein Promo-Interview oder gar Pflichttermin. Es geht Sandra und Kerstin Grether nicht darum, als Künstlerinnen eine besonders Image-trächtige und coole Medienpersona darzustellen. Wenn man sieht wie engagiert sie von den ersten Artikeln über Riot Grrrls in den 1990ern im NME erzählen, von Everett Trues Artikeln und dem Auftritt mit Le Tigre, dann hat ihr Verhalten nichts Kontrolliertes oder Beherrschtes, wie es oft in Interviews zu sehen ist, wenn die Kamera oder das Tonband läuft. Hier schmälert es die Natürlichkeit der Gesprächspartnerinnen gar nicht, dass das Gespräch öffentlich ist. Das Tolle dabei ist, dass Debbie und Theresa ganz genauso begeistert sind. Sie sind begeistert von Julie Ruin, Kathleen Hannah und der Bewegung der Riot Grrrls. Und sie wissen, dass sie mit Sandra und Kerstin Grether hervorragende Gesprächspartnerinnen zum Thema haben. Deswegen fragen sie einfach erst einmal unverkrampft wie das denn so war und lassen die Zwillinge über weite Strecken einfach reden.

Das macht auch den Reiz des Interviews aus: die Atmosphäre als würde die große mit der kleinen Schwester etwas teilen. Zum einen, weil das natürlich für eine ungemein freundliche Interviewstimmung sorgt. Zum anderen, weil es den Geist der Riot Grrrls, um den es im Interview geht, so schön verdeutlicht: dass Frauen zusammenarbeiten und zusammenhalten. Die Verschwesterung im Pop. Das wird umso deutlicher, wenn man weiß, dass Debbie und Theresa die Protagonistinnen im Video zu Testosteron sind, der Single zum kommenden Album von Sandra und Kerstins Band Doctorella. Dass sie nur einige Wochen nach Erscheinen des Videos in dem Interview wieder zusammenfinden, zeigt, dass die Netzwerke funktionieren.

Und wem das zu unkritisch und zu viel Geklüngel ist, dem sei gesagt, dass Jan Jakel im Rolling Stone Tame Impala zweimal nacheinander als Genie bezeichnet, seine Virtuosität und das Beherrschen von allen Instrumenten betont. Oder Robert Rotifer im Fragebogenformat Q&A Paul Weller bestätigt, “zweifellos einer der erfolgreichsten britischen Pop-Songschreiber” zu sein.


Die Hompage von Doctorella: doctorella.de

Die Homepage von Debbie und Theresa: hinterdenbruesten.de

Das Interview auf youtube

Pop 2014 – Vergessene Perlen

Pop 2014 - Vergessene Perlen

Oh Mann, gestern erst war doch der 1. Januar 2014. 365 Tage später spule ich zurück und stelle fest, welche tollen musikalischen Perlen an mir vorbei gerauscht sind.

Ja, ich versöhne mich jedes Jahr ein bisschen mehr mit den End-Jahreslisten. Wenn mich heute jemand nach den zehn Alben des Jahres fragt, kriegt der zwar immer noch erst einmal meine verächtliche Augenbraue hochgezogen, denn es ist schon klar: Die Liste ist eine Bestandsaufnahme und allenfalls auf die ersten drei Nominierungen würde ich etwas geben. Und selbst da bin ich mir nicht immer sicher. Diese Listen, dieses Auswählen und das Festlegen setzen mich unter Druck. Nur eines kann ich ganz sicher sagen: Ja, diese Alben haben mich in diesem Jahr berührt, begleitet, mir gute Laune gemacht und in den Hintern getreten. Ich weiß auch, sie werden in den nächsten Jahren bleiben.

I Heart Sharks haben mir gezeigt, dass sie den Elektro-Clash-Pop noch weiter nach vorne treiben können als auf dem ersten Album. Und es macht mich glücklich, wenn eine Band so nachlegt, nachdem ich schon das erste Album toll fand.

Entsprechend zwiespältig lassen mich Alt-J zurück. Deren erstes Album habe ich mir eingerahmt und über den Plattenschrank gehängt. Es war Platz 12 meiner Jahrescharts 2012. Und jetzt liefern sie ein Album, das besser ist als viele anderen, aber mich bei weitem nicht so umhaut wie das erste. Brauchte es den Sturm um This is all Yours, damit auch das Debüt wieder herausgekramt wird? Vielleicht.

Umgehauen hat mich aber Marcus Wiebusch. Ich möchte keine dummen Kommentare über ach so straighte und einfache Aussagen im Pop hören und keine Diskussionen über Massenkompatibilität mehr führen. Ich möchte Marcus Wiebusch einfach auf die Schulter klopfen und mich freuen, dass Kunst so klar Haltung beziehen kann, so viele Leute mobilisieren kann und mit einem Lied, das 5 Minuten geht, mehr Leute erreicht und mehr Meinung provoziert als 90 Minuten Günther Jauch, als 7 Seiten Titelthema im Spiegel.
Das sind die ersten Eindrücke von 2014, wenn mich jemand nach der Top Ten fragt. Aber dann spule ich zurück, weil es die Frage so verlangt. Und hier versöhne ich mich mit der Frage. Denn sie gibt mir die Gelegenheit, noch einmal in die Vergangenheit der letzten 12 Monate zu skippen. Ich grabe dann diese kleinen, strahlenden Perlen aus, die irgendwo zwischen Rezension, Konzerten, Arbeiten und Alltag verschütt gegangen sind.
Und 2014 hatte etliche dieser Perlen:
Schnipo Schranke, die mit dem bis ins letzte konsequentem Video, bei dem nicht nur angedeutet sondern draufgehalten wird.
Niels Frevert, dieser große und viel zu selbstverständlich hingenommene Sänger.
Planningtorock, diese Künstlerin, die leider immer zu sehr auf ihren Feminismus reduziert wird, aber das Beste draus macht.
Desiree Klaeukens, diese Künstlerin, die wesentlich mehr ist als die Vorband von Die Höchste Eisenbahn.
Alte Sau, Jens Rachut ist das und er macht, was er am besten kann: Punk.
Mutter, Max Müller ist das Paradebeispiel für “Ich mach einfach. Is mir doch egal, was Ihr denkt”.
A Forest, bringen eine sehr persönliche Note in den Konsum: wenn Ihr ein Poster kauft, die Musik erwerbt oder auch verbreitet, seid Ihr schon Teil eines kleinen Ökosystems namens A Forest. Auf der Homepage seht Ihr dann, welchen Einfluss Euer Konsum auf die Band hat.
All diese Bands lasse ich noch mal an mir vorbei ziehen. Vielleicht hätte ich das ohne die Frage nach den Top Ten nicht gemacht, oder einmal weniger gemacht. So tue ich es aber und freue mich, dass sie vielleicht die entscheidenden zwei oder drei Plätze gutmachen, wenn mich das nächste Mal jemand fragt.

Interviewvorstellung: Trümmer

Gute Themen – böse Themen

testspiel.de
Testspiel.de

Die Band Trümmer hat sich ihr Standard-Thema für Interviews praktischerweise gleich selbst gebastelt. Nicht der Bandname, nicht der Albumtitel (was auch bei der Namensgleichheit blöd wäre). Nein es ist die Gentrifizierung. Zynikerinnen könnten meinen, dass dem Sänger Paul Pötsch passend zur Albumveröffentlichung der Rauswurf aus seiner Wohnung auf Sankt Pauli droht. Ist natürlich kein selbstzerstörerisches Marketingding, aber ein todsicheres Thema für den Einstieg in ein Interview.

Im Interview auf Testspiel.de funktioniert es jedenfalls als beeindruckender Selbstläufer. Paul erzählt sofort und die nächste Frage befeuert den Redestrom noch mehr:

“Was kann und sollte man denn eurer Meinung nach gegen die Gentrifizierung zum Beispiel hier im Stadtteil St. Pauli machen?”

Die Antworten kommen schnell, konkret und souverän. Sie zeigen, dass die Band sich (notgedrungen) mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt hat.
Wenn man als Interviewerin weiß, dass einer Band ein Thema besonders am Herzen liegt (das im besten Fall auch noch nicht so ausgelutscht ist), dann ist das ein dankbares Thema.
Es hat sogar das Potential, ein ganzes Interview zu füllen und neue Einblicke zu geben. Dann nämlich, wenn man nachfragt, wie die Künstler zusammen gearbeitet haben, um ihren Kreativraum zu schützen. Genug Aktionen zum Erhalt der Esso-Häuser und des Molotow gab es ja. Interessant wäre sicher gewesen, wie die KünstlerInnen sich hier ausgetauscht haben, was diskutiert wurde…

Der Interviewer Marc Ehrich verfolgt aber eine etwas andere Fragestrategie: Er lässt die Band ihre Ansichten darlegen und fragt sie nach ihrer Meinung, d.h. er überlässt der Band die Auseinandersetzung mit und die Deutung des Themas. Seine Erfahrungen, Gedanken und Anschauung spielen da keine große Rolle. Das ist übrigens eine Herangehensweise, die häufig in Interviews zu finden ist.

Die wird auch beim nächsten Themengebiet deutlich: dem aktuellen Album und der Frage

“Was bedeutet das Ai Weiwei Zitat „If you want to fight the system you have to fight yourself“ in “1000. Kippe” für euch? Ist das auch so ein bisschen das Motto des Albums?”

Da wird ja ganz direkt nach der Deutung gefragt. Es ist immer schön, wenn Interviewer sich da selbst schon Gedanken gemacht haben, was mit der nachgeschobenem Frage zum Motto des Albums versucht wird.

Das Thema Gentrifizierung am Anfang war ganz hervorragend gewählt. Was aber passiert, wenn die Themenwahl nicht ganz so glückt, zeigt die Frage nach der Hamburger Schule und die ablehnenden Reaktionen. Was aber auch nicht überraschend ist, da eigentlich alle Bands eher allergisch auf dieses Etikett reagieren. Fragen zur Hamburger Schule stellt man am besten, ohne die Hamburger Schule zu erwähnen. Einen interessanteren Dreh bekommt das Thema aber mit dem Bezug auf den Testspiel.de Artikel und die Einschätzung, dass Trümmer eine Lücke in der Hamburger Schule füllen. Da kann die Band über ihre Position in der deutschsprachigen Musiklandschaft nachdenken. Auch hier wäre sicher noch Raum für Diskussionen gewesen, z.B. nämlich, wie sehr sich Erfolg am Reißbrett vorzeichnen lässt, wenn es doch angeblich so einen Hype um deutschsprachige Rockmusik a la Nerven, Schnipo Schranke oder Messer gibt.

Nun, auf jeden Fall ist Marc Ehrich ein schönes und interessantes Interview gelungen. Interessant auch, weil er viele Themen elegant untergebracht und verbunden hat. Gerade deshalb möchte ich am Schluss die Zwischenüberschriften hervorheben, die das ganze optisch gut strukturieren – die werden erstaunlich selten eingesetzt und sind dabei doch so sinnvoll.


 

Das Interview zum Nachlesen auf Testspiel.de

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