Vortrag zu Interviews über Interviews

Vortrag auf der 24. Jahrestagung des Arbeitskreises Studium populärer Musik

Vom 22. – 24.11. diskutieren wir in Gießen über das “typisch Deutsche” der Popmusik, ob es das überhaupt gibt und wenn, wie es aussieht.
Ich darf auf der Jahrestagung mein Projekt Interviews über Interviews vorstellen, in denen ich mit Bands über Interviews im Musikjournalismus spreche.

Ich packe schon mal die Interviews mit  Klee, Dirk von Lowtzwow, Frank Spilker, Locas in Love, 1000 Robota, Herrenmagazin ein und schmeiße die interessantesten Ergebnisse in eine Powerpoint.

Das Programm sagt folgendes: aspm.ni.lo-net2.de

Empfehlung: Tocotronic-Interview auf laut.de

Tocotronic Interview auf laut.de

Dirk von Lowtzow auf der Bühne

„Wörter sind nur Wörter und trotzdem nicht zu verachten“ – So wie sie hier zusammentreffen bereiten sie jedoch Vergnügen und stiften Sinn. Ohne ins übermäßige Interpretieren zu verfallen, möchte ich doch noch auf das Interview mit Tocotronic auf laut.de hinweisen.

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„Interviews zu geben ist ein Teil des Jobs.“

Dirk von Lowtzow ist dDirk von Lowtzow auf der Bühneer Sänger von Tocotronic. Die Band hat schon etliche Jahre Interviewerfahrung. Der Rolling Stone titelte im Januar 2010: „Deutschlands beste Band wird volljährig“. Trotzdem wird die Band noch nach den Trainingsjacken gefragt, die sie in ihrer Pubertät anhatte. Und nach der Bedeutung ihrer Liedtexte. Trotzdem hat Dirk von Lowtzow einen plausiblen Grund, Interviews wie dieses hier zu geben.

Es soll ja in dem Interview um Eure Erfahrungen mit Interviews gehen. Ihr habt das bestimmt gerade mit Schall und Wahn ein bisschen hinter Euch, diese Interviewflut, die Ihr bewältigen müsst.

Eigentlich Ja.

Eigentlich Ja. Und kannst Du da mein Gefühl bestätigen, dass sich Fragen auch immer wieder wiederholen, so über die Jahre hinweg?

Ja. Das lässt sich, glaube ich, auch gar nicht vermeiden, dass sich das wiederholt. Das ist ganz bestimmt ein strukturelles Problem. Also, es ist, glaube ich, sehr, sehr schwierig, sich als Journalist oder Journalistin immer wieder neue Fragen auszudenken. Also, wäre ich in der Situation, ich würde wahrscheinlich auch dasselbe fragen, was alle schon gefragt haben.
Es ist nicht nur sehr, sehr schwierig, auf Fragen zu antworten, sondern es ist es auch schwierig, Fragen zu stellen. Das erfordert ein riesen Talent.
Also, diese Wiederholungen gibt es bestimmt.

Denkst Du da an bestimmte Fragen?

Hmmm… Also, mir fällt da keine ein. Klar, so Begrifflichkeiten wie Hamburger Schule, da kann man die Uhr danach stellen- Das kommt dann immer. Hmmm… Also ich vergesse das dann glücklicherweise alles wieder…

Ja, aber genau in die Richtung geht das natürlich. Also zum Beispiel, auch jetzt noch, nachdem das nun schon 15 Jahre her ist, wurdet Ihr kürzlich im ndr-Kulturjournal immer noch nach den Trainingsjacken gefragt…

Achso, genau ja. Ja, das ist natürlich komisch, weil— Naja, was soll man dazu sagen. Uns selber war das nie bewusst, dass das so ein Thema ist für die Leute und offensichtlich auch nach 15 Jahren immer noch so ein Thema ist. Das waren eben Klamotten, die wir angezogen haben. Wir fanden das cool. Und wenn ich Bilder von damals sehe, finde ich das auch heute noch cool.

Aber nervt es Euch nicht, wenn Ihr da immer noch danach gefragt werdet, weil es ja auch mit der Musik eigentlich nichts zu tun hat?

Ja, das wollte ich grade sagen: Für einen selber ist es dann eben doch schon 15 Jahre her und man denkt so: Naja, sooo wichtig war es jetzt auch nicht. (Dirk lacht dabei)
Aber es scheint … — also versteh mich jetzt nicht falsch. Ich will uns da nicht so überschätzen — Aber das scheint irgendwie so eine Bedeutung zu haben ähnlich dem Pilzkopf bei den Beatles oder so. Irgendwie scheint es die Leute waaahnsinnig zu interessieren.
Insofern— ja es ist ok, aber es ist jetzt nicht so das Lieblingsthema, über das man spricht, weil es einfach auch ein bisschen langweilig ist und auch ein bisschen abgehakt.

Welche Frage würdet Ihr denn gerne mal beantworten oder zu welchem Thema würdet Ihr gerne mal ein Interview machen?

Puhhh (Dirkt überlegt.) Ich weiß nicht. Da fällt mir jetzt ehrlich gesagt nichts ein. Ich erinnere mich, dass ich ein Interview gemacht habe — das war ziemlich kurios — das war ein Interview mit einem Fashion Blog.
Das fand ich eigentlich ganz witzig, weil es da mal um etwas ganz Anderes ging, nämlich um Klamotten und nicht um das Album. (Dirk lacht)

Oder das Interview mit dem Lustigen Taschenbuch letztens…

Genau, so was wie das Lustige Taschenbuch — Das war natürlich auch wahnsinnig witzig.

Aber Ihr bleibt auch bei solchen Fragen nach Trainingsjacken höflich?

(Dirk antwortet lang gezogen) Jaaa- Also in den meisten Fällen bleiben wir höflich. Also ich weiß nicht… Ich finde das Klischee vom — in Anführungsstrichen — „schwierigen“ Künstler, der ganz schwer zu interviewen ist und dann zu Wutausbrüchen neigt… Das find ich irgendwie kitschig. Ich kann das nicht ab. Warum soll man Journalisten oder Journalistinnen da mit seinen Allüren quälen. Die können ja auch nichts dafür, die machen ja auch nur ihren Job.
Ich glaube, dass liegt ja in der Struktur der Sache selbst: Dass immer, wenn es um Pop-Musik geht, das Interview die adäquate Form zu sein scheint, um einen Artikel zu schreiben. Und das würde ich eben infrage stellen.
Man erfährt durch Interviews oft weniger, als wenn der oder diejenige, die den Artikel schreibt, etwas über das Album schreiben würde, ohne vorher mit der Band gesprochen zu haben.
Da wird immer vorausgesetzt, dass so ein Gespräch irgendwie gewinnbringend ist, aber vielleicht ist das gar nicht so gewinnbringend. Vielleicht ist es ja besser, einfach mal die Schnauze zu halten.

Haha. Ihr werdet dann ja auch häufig damit konfrontiert, Eure Musik oder auch speziell die Texte zu interpretieren und zu deuten.

Ja.

Ich glaube, dass fällt Euch auch manchmal etwas schwer, oder?

Du, das ist so: Kein Mensch kann das. Ich sage Dir das und da kannst Du jeden Musiker, Künstler, Schriftsteller oder was weiß ich fragen. Kein Mensch kann das. Weil es ist nicht der gottverdammte Job eines Künstlers oder einer Künstlerin, sein eigenes Werk zu interpretieren.
Das ist so. Und wenn die das machen, das kannst Du Dir schwarz auf weiß ausrechnen, dann kommt da nur Mist dabei heraus. Es ist der Job des Rezensenten oder der Rezensentin, das zu tun, und nicht der Job der Künstler selbst. Man kann nicht seine eigenen Sachen interpretieren.

Ihr habt es oft genug gesagt…

Haha. Ja, weil es absoluter Quatsch ist. Das funktioniert nicht. Aber die Leute wollen es nicht verstehen…

Richtig. Und wie aus Boshaftigkeit werdet Ihr immer wieder danach gefragt…

Haha. Ja, das stimmt. Und ich kann das auch nachvollziehen. Weil als Journalist oder Journalistin ist man immer auf der Suche nach irgendeiner Bedeutung. Aber wenn es nun mal keine Bedeutung gibt und wenn es kein Dahinter gibt und wenn es einfach wunderschön ist, so wie es ist, dann ist das eben so. (lacht dabei) Und dann können wir das den Leuten auch nicht irgendwie begreiflich machen. Die Frage nach der Bedeutung sind eigentlich auch die schlimmsten.
Und man versucht ja auch, die Sachen so zu machen, dass die irgendwie klar sind und die Leute das verstehen. Man hat dann auch immer so das Gefühl, wenn man das dann immer erst noch erklären muss, dann kann das ja so toll nicht sein. Also, das ist auch schon frustrierend.

Wie ernst könnt Ihr denn dann solche Fragen noch nehmen? Oder anders gefragt: Spielt Ihr manchmal auch mit den Interviewern?

Puhhh (Dirk überlegt.) Ganz selten. Wir versuchen schon, die Leute ernst zu nehmen. Weil ich finde es blöd, wenn man die so auflaufen lässt und denen jetzt nur Quatsch erzählt. Ich will die auch nicht so behumpsen. Die machen eben ihren Job und das ist schon schwer genug. Ich habe selber schon Interviews geführt und ich weiß, wie schwierig das ist. Das ist wahnsinnig schwierig und da ist auch sehr viel Zufall im Spiel, wie bei jeder Begegnung. Da ist auch eine gewisse Chemie. Manchmal stimmt es eben und manchmal ist man mit Leuten konfrontiert, wo du denkst: Dem oder der möchtest du jetzt eigentlich nicht so gerne begegnen.

Und da spielt Ihr dann doch immer mit?

Ja. Wir versuchen schon immer als Band, die Journalisten und Journalistinnen ernst zu nehmen. Aber es kommt schon vor, dass man dann anfängt, nur noch rumzualbern. (Dirk lacht) Wenn man am Tag schon zwölf Interviews gemacht hat oder bestimmte Sachen irgendwie so aus dem Ruder laufen und man so kurz vorm Nervenzusammenbruch ist.

Was kann denn der Interviewer oder die Interviewerin machen, damit Ihr Euch wohlfühlt?

[…]

Das Interview kann bis auf Weiteres nur als Auszug zur Verfügung gestellt werden.

Das Interview wurde zuerst bei Justmag.net veröffentlicht.