Was ein Interview doch alles so kann

Interview mit Dominic Musa Schmitz über Salafismus

Wenn ich bei einem Interview schlucken muss, werte ich das im Zweifelsfall erst einmal als gutes Zeichen. Und beim Interview von Oliver Uschmann und Sylvia Witt mit Dominic Musa Schmitz in der Galore habe ich im besten Sinne geschluckt.
Schmitz hat über seine Erfahrungen als ehemaliger Salafist und seinen Ausstieg aus der Szene gesprochen.
Nach den Anschlägen in Brüssel ist das Gespräch beklemmend und doch verständnisfördernd. Ich habe es in einer Stimmung gelesen, in der die Städtenamen nicht mehr für kulturelle Wahrzeichen stehen. Nicht mehr Atomium, Dom oder Eifelturm, sondern Brüssel im März 2016, Köln Silvester 2015 oder Paris November 2015.
In dieser Stimmung stellen Uschmann und Witt Fragen, die so viele andere Menschen auch umtreiben, die den Ereignissen und Berichten verständnis- und hilflos gegenüberstehen:
Waren für Salafisten die Anschläge in Paris legitim?
Findet sich im Islam irgendeine Rechtfertigung, im Umkehrschluss „ungläubige“ Frauen wie Dreck zu behandeln? Allein die Begierde muss doch schon Sünde sein.
Womit wäre der Salafismus denn im Christentum vergleichbar?
Was waren entscheidende Momente, in denen Sie alles hinterfragten?
Diese Fragen sagen: Ich will das verstehen, nachvollziehen können. Erkläre es mir. Hier ist der Gast tatsächlich Experte und gibt Einblicke. Die InterviewerInnen sitzen aber nicht naiv staunend davor und nehmen das Gesagte unhinterfragt auf. Oliver Uschmann und Sylvia Witt haben sich ihre eigenen Gedanken zu den Ereignissen gemacht und sind auf der Suche nach Antworten, auch für sich selbst. Sie haben sich mit dem Islam beschäftigt, Analogien gezogen und sind neugierig, was ein Insider ihnen noch dazu sagen kann.
Das zeigt sich in den „banalen“ Fragen, ob ein Salafist, denn eigentlich Auto fahren darf, warum er sich die Hosen in die die Socken stopfen muss und warum er trotzdem Videospiele spielen darf.
So kleinteilig fragt jemand mit Interesse und Neugierde. Und genau die ermöglichen es Oliver Uschmann und Sylvia Witt so ein Interview zu führen, das der Verständnislosigkeit angesichts der Attentate einige wenige konkrete Einblicke gegenüberstellen kann. Es bewahrt sie aber auch davor, sich lediglich von den Antworten berieseln zu lassen, sondern weiterzufragen. Wenn man dann am Ende das Gefühl hat, ein paar mehr Antworten zu haben, wo vorher keine waren, dann darf auch schlucken und von einem guten Interview sprechen.

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