Zur Autorisierung eines Interviews mit Martin Walser

Im Zweifel für den Interviewgast

Zur Autorisierung des Walser-Interviews in der Basler Zeitung.

Ein Freund schickte mir diese Woche diesen Link zu einem Text über ein Interview mit Martin Walser. Nicht zum Interview selbst. Denn das ist nicht erschienen. Durfte nicht erscheinen, weil der Schriftsteller zu Auschwitz gefragt wurde, weil er sich zu Haider geäußert hatte oder weil seine Brauen zu buschig sind. Vielleicht war der Grund auch ein ganz anderer. Ich weiß es nicht und dem Text nach zu schließen, die beiden Interviewer ebenso wenig. Wenn man ihnen aber glauben darf, haben sie sich bemüht, die Veröffentlichung nicht scheitern zu lassen. Eine Autorisierung des Interviews haben sie nicht erreicht.

stempel: freigegeben
oder doch “Classified”?
Solche Fälle gibt es immer wieder – auch wenn der Interviewgast noch so sehr betont, beim Autorisieren so unkompliziert zu sein, kann es sein, dass die Interviewerin nach der Autorisierung ein gänzlich neues Transkript zurück bekommt, als sie zuvor geschickt hatte.
Und dann steht sie vor der Entscheidung, ob das Interview so überhaupt noch veröffentlicht werden kann, oder nur die Fragen, vielleicht auch nur eine leere Seite, alternativ auch ein Text über das Gespräch ohne das Gespräch selbst abzudrucken. Im besten Fall lässt sich noch ein Kompromiss mit Freigabe erreichen…
Es gibt viele Möglichkeiten, mit Problemen bei der Autorisierung umzugehen. Klar, es gibt ja auch viele unterschiedliche Problemfälle. Eines aber aber haben sie gemeinsam: sie sind Einzelfälle. Deswegen wird sich nicht allgemeingültig festlegen lassen, wieviel ein Interviewgast bei der Autorisierung ändern darf.
Die Schweizer Journalisten, die Martin Walser interviewt haben, schreiben:
Wir hingegen sind der Meinung, dass der Interviewte mit dem Recht zu ­autorisieren kleinere Veränderungen, sprachliche Präzisierungen und dergleichen anbringen kann – dass aber der Grundsatz gilt: Gesagt ist gesagt. Auf diesen Standpunkt stellt sich auch der Schweizer Presserat.
Eine solche “Regelung” ist doch im Ernstfall zum Scheitern verurteilt. Allein schon die so vagen Formulierungen wie “kleinere Veränderungen” und “dergleichen” machen doch deutlich, dass sich Grenzen des Erlaubten nicht ziehen lassen. Und auch nicht ziehen lassen sollen. Immerhin ist ein Interview ja kein rechtlicher Vertrag, sondern eine Partnerschaft. Das Beharren auf festgeschriebene Klauseln, Gesetze oder Paragrafen hat einer Partnerschaft noch nie gut getan. Ein Kompromiss muss deshalb immer die erste Wahl sein, wenn es Unstimmigkeiten über das Transkript gibt.
Es geht beim Interview ja auch immer um die Darstellung des Gastes. Ich war immer deshalb bisher immer der Meinung, dass dem Gast die Revision dieser Darstellung seiner Person unbedingt zustünde. Dass sie nahezu ein Gebot der Fairness sei. Im Zweifel für den Interviewgast.
Im Falle von Martin Walser frage ich mich aber: Was reitet diesen medienerfahrenen Mann, der schon hunderte von Interviews gegeben hat und selbst Reporter war, sich hier so unkooperativ zu zeigen? Muss ein Mann wie Martin Walser nicht wissen, worauf er sich einlässt? Hat er nicht sogar die Pflicht, sich auf das, was er gesagt hat, festlegen zu lassen? Immerhin steht er permanent in der Öffentlichkeit und profitiert im nicht unerheblichen Maße davon. In Einzelfällen einen Rückzieher zu machen und die Freigabe zu verweigern, hieße da, sich die Rosinen der Öffentlichkeit rauszupicken.
Ja, so sieht es aus. Es wirkt kleinkariert, eitel, vielleicht auch anmaßend, dass Walser (oder auch nur der Rowohlt-Verlag) die Freigabe verweigert.
Vielleicht haben die beiden Journalisten aber auch recht mit ihrer Vermutung:
War es eher ein Fall von zeitversetzter Verstimmung, wo einer, Walser, erst die empörende Zumutung gewärtigte, die ihm widerfahren zu sein schien, als er abends im Bett lag, oder tags darauf, als er das Gespräch schwarz auf weiss lesen musste? Wie ihn zwei junge Journalisten fragten, ob ihn Auschwitz plage am Lebensende?
So verständlich so eine Regung auch wäre, immerhin kann auch einer medienerfahrenen Person der Öffentlichkeit eine Äußerung leidtun, so wenig ändert sie etwas am Eindruck, dass es keinen nachvollziehbaren Grund für die verweigerte Autorisierung gibt.
Das Problem dabei ist: Walser braucht keinen Grund. Er hat einfach das Recht, die Veröffentlichung zu verweigern. Er muss das Recht haben. Aus zwei Gründen:
  1. Es geht um seine Person. Und er muss die Hoheit darüber haben, welche Äußerungen als Zitat in die Öffentlichkeit gelangen. Im Zweifelsfall haben Journalistinnen ja jederzeit die Möglichkeit, anderweitig über Begegnungen mit der Person zu berichten, wenn sie das für unabdinglich halten. Im Fall von Walser erfahren wir ja so auch ohne das Wortlaut-Interview, dass er Haider in Tracht “schön” fand. 
  2. Wenn wir Personen, die so sehr in der Öffentlichkeit stehen wie Walser, abverlangen, zu jedem geäußerten Wort uneingeschränkt zu stehen und nicht zugestehen, Veröffentlichungen von Interviews zu verweigern, wo ziehen wir da die Grenze? Wie prominent muss ein Interviewgast sein, damit er die Veröffentlichung nicht verweigern darf? Oder umgekehrt: Wie unbekannt muss er sein, damit er es darf?
Im Zweifelsfall hieße es nämlich, dass wir jeden Interviewgast auf die Veröffentlichung festnageln, auch unerfahrene, die erst ihren Platz in den Medien finden wollen. Hier Druck aufzubauen, würde eher zu einem Vertrauensverlust führen und für eine eher unentspannte Gesprächssituation sorgen.
Also, dass Walser hier so unentspannt war, ist ärgerlich, aber letztendlich nicht tragisch. Vielleicht schadet es ihm mehr als es das veröffentlichte Interview getan hätte.
Im Zweifelsfall ist es eher ein Kollateralschaden im Bemühen um gute Partnerschaft zwischen Medien und Interviewten als eine Bedrohung der Pressefreiheit.
In jedem Fall geht ein herzlicher Dank an Andreas für den Link.

Texte auf peterfrau.de

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